07.05.2009

Günter Hermann über Werder-Wunder

»Wir waren versauter«

Ob gegen Neapel, den BFC Dynamo oder Spartak Moskau – Günter Hermann war bei den großen Europacup-Spielen von Werder in den 80ern dabei. Wir sprachen mit ihm über Psychotricks und darüber, wie er Maradona bearbeitete.

Interview: Alex Raack Bild: imago

Günter Hermann, in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE erklären Sie uns die erfolgreichen Psychotricks im Europapokal-Rückspiel gegen den BFC Dynamo Berlin. Das passierte doch nicht selten, oder?

Natürlich nicht, die Psychospielchen, die Sprüche waren keine Ausnahme. Das man damals öfter versucht. Ein Uli Borowka, zum Beispiel, hat vor jedem Spiel versucht, seinen Gegenspieler fertig zu machen. Also hat er ihm entweder mal kräftig auf den Fuß getreten, oder ein paar nicht jugendfreie Takte ins Ohr geflüstert.

Früher war die Bundesliga härter?

Was heißt härter? Die Spieler waren – wenn man das  in den Mund nehmen darf – versauter. Es gab ja nicht nur Uli Borowka, sondern auch einen Jürgen Kohler, den Bochumer Michael Lameck und wie die alle hießen. Das waren ähnliche Typen mit einer ganz anderen Körpersprache, als die meisten aktuellen Fußballprofis. Heute ist es wichtig, dass man gut aussieht, schön spielt und alles andere wird so ein bisschen vernachlässigt.

Da lässt sich eine leichte Gegenwarts-Kritik heraushören…

Durch die Professionalisierung hat sich vieles geändert, die Spieler werden in Watte gelegt. Das geht doch schon im Jugendinternat los: Die Jungs müssen ihre Sache nicht mehr selber waschen, zum Training kommen die nur mit einer Flasche Shampoo und dem Kulturbeutel dem Arm. Das fängt ganz unten an, die Spieler müssen sich vieles gar nicht mehr selber erarbeiten. Ich merke das heute auch in meiner Tätigkeit als Oberliga-Trainer (Herrmann hat die VSK Osterholz-Scharmbeck von der Bezirksliga in die Oberliga geführt, Anm. d. A.), wie lange es zum Beispiel dauert, bis die jungen Spieler ein Tor zur Seite tragen. Da muss ich schon mal auf den Tisch hauen. Ein mannschaftlich geschlossenes Gefüge stellt sich auch dadurch dar, dass mal einer die Tore schleppt oder kommentarlos Hütchen aufbaut.

Wie war das zu Ihrer aktiven Zeit?

Ganz anders. Wenn da ein erfahrener Mitspieler nur mit den Augen gezwinkert hat, bist du los gesprintet und hast die Pfosten geschultert. Wenn du das als junger Spieler nicht begriffen hast, gab es verbal einen vor den Latz oder im Training wäre die Grätsche ausgefahren worden. Aber das war eine andere Zeit und ist Schnee von gestern. Heute sehe ich junge Spieler vor dem Anpfiff noch schnell in die Kabine rennen, um sich die Haare glänzend zu machen. Hauptsache, ich sehe gut aus! Die Hosen müssen sitzen, die Stutzen müssen sitzen.

Gab es denn früher keine Schönlinge für die es sich gelohnt hat mal die Stollen auszufahren?

Ne, eigentlich nicht. Natürlich gab es auch viele Spieler, die technisch sehr beschlagen waren, sehr gut Fußball spielen konnten. Ein Norbert Maier zum Beispiel. Das waren ja dann auch die »Stars«. Die anderen haben Fußball mehr geklotzt und gearbeitet. Heute meint fast jeder, er sei ein Star. Das sehe ich nicht so. Es gibt sehr viele durchschnittliche Kicker.

Sie wurden aufgrund Ihres konditionellen Kapitals häufig auf bestimmte Spieler angesetzt. Erinnern Sie noch an bestimmte Duelle?

Sicher, ich denke da vor allem an die Spiele gegen den SSC Neapel, mit Diego Maradona. Den haben wir abwechselnd bearbeitet, ob es Mirko Votava war oder meine Wenigkeit. Wir haben Maradona – ich will nicht sagen über den Platz gejagt – aber schon bei jeder Ballannahme sofort attackiert. Und das teilweise auch sehr hart. Das war vollkommen normal.

War das vorher so abgesprochen?


Ja, natürlich. Maradona war schließlich ein Weltklassespieler, für mich ist er der beste Fußballer aller Zeiten. Was der am Ball konnte… Der war ja nicht hundertprozentig auszuschalten, das ging nicht.

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