Günter Delzepich über Gewicht und Medizinbälle

»Ich war nur etwas kräftiger«

Wenn Aachens 100-Kilo-Mann Günter Delzepich zum Freißstoß antrat, stand der Mauer der Angstschweiß auf der Stirn. Wir sprachen mit dem freundlichen Riesen über Medizinball-Weitschuss, den Tivoli und seinen Spitznamen »Pressschlag«. Archiv

Herr Delzepich, Sie sind 1,91 Meter groß und wogen zu Ihrer aktiven Zeit über 100 Kilogramm. Gab es Spieler, die Angst davor hatten, gegen Sie zu anzutreten?

Nee, kann ich mir nicht vorstellen. Zumindest hat es mir keiner gesagt. Warum auch? Vielleicht war es mal unangenehm, in der Mauer zu stehen, aber Angst davor gegen mich zu spielen? Ne, das glaube ich nicht.

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Da gibt da diese Anekdote mit dem Medizinball, Herr Delzepich. Was geschah wirklich?


Wir haben Krafttraining mit Medizinbällen gemacht und aus irgendeinem Grund lag der Ball dann einmal am 16er. Dann habe ich gesagt: »Ich mach’ ihn rein.« Die anderen wetteten dagegen. Naja, ich habe ihn drüber geschossen. So ist das ganze entstanden. Das war einfach so ein Jux.

Und Sie haben es auch nie mehr probiert? Oder war es nicht mehr interessant, weil es ohnehin klar war, dass Sie es schaffen?


Ins Tor war sowieso kein Problem, drüber zu schießen hat mich selber etwas gewundert, so leicht ist ein Medizinball ja nicht. (lacht) Aber das geht schon.

Passierte es, dass Sie manchmal wegen ihrer körperlichen Vorteile jemanden umrannten obwohl Sie es gar nicht wollten?

Das passierte schon des Öfteren, ja.

Aber Sie blieben immer fair?


Ja, sogar zu fair. (lacht)

Wirklich?


Ja. (lacht wieder) Och, ich glaube, aus diesem Körper hätte man noch mehr machen können, aber das war nicht meine Mentalität, insofern bin ich an sich immer fair gewesen.

Welche Position haben Sie eigentlich genau gespielt?


Am Anfang war ich im Sturm, dann im Mittelfeld.

Wären Sie nicht geeigneter gewesen für das Tor oder als Verteidiger?


Nachher, gegen Ende, spielt man dann natürlich ein bisschen mehr hinten, als Libero zum Beispiel, den es damals ja noch gab. Aber an und für sich habe ich mich Mittelfeld ganz wohl gefühlt.

Wäre nicht Basketball eine gute Option neben dem Fußball gewesen?

Mit 191 cm ist man kein Großer. Die Breite war eher da, die Höhe nicht so (lacht).

Aber als Zehnkämpfer hätte man sich Sie auch vorstellen können.


Ja, das schon eher.

Sie waren in Deutschland immer nur bei Alemannia Aachen in der zweiten Liga. War es damals gemütlicher, weniger professionell?

Es war alles weniger öffentlich als heute. Es wurde nicht jedes Spiel übertragen, da war man froh, wenn ein kleiner Bericht in der Sportschau kam. Aber von Live-Übertragung aus der zweiten Liga, vor allem von der Alemannia, war da noch keine Rede.

Und die Stimmung auf den Rängen?


Die Zuschauer waren nicht so verwöhnt, wie sie es heute durch das Fernsehen sind. Dementsprechend war damals auch eine ganz andere Stimmung. Heute herrscht viel Zirkus, damals waren viele Fußballfans da. Deswegen war die Stimmung auch ganz gut.

War diese Stimmung geprägt durch den Aachener Kampffußball, der damals berühmt und berüchtigt war?

Ja. Zumindest zu Hause hatten wir schon diesen Spielstil „hauruck und drauf“. Das war nun mal Tivoli-Atmosphäre und wurde auch von den Zuschauern verlangt. Da wurde man dazu getrieben, ein bisschen mehr zu tun als normalerweise.

Und Sie waren einer der Publikumslieblinge?

Ich hoffe doch!

In der Saison 1986/87 wechselten Sie zu Sturm Graz. Ein kurzes Intermezzo im Ausland. Wie kam es dazu?

Ich hatte hier ein paar Probleme mit dem Trainer, dann kam ein Spielvermittler, der meinte in Graz suchen sie einen. Da habe ich dann ein Probetraining gemacht. Die machten zufällig Torschusstraining und dann hatte sich das ganze schon erledigt. War ein tolles Jahr.

Waren Sie in Österreich mit ihrer Größe, der Konstitution und dem harten Schuss eine Attraktion?


Das war kurzzeitig einmal, aber das hatte sich schnell gelegt.

Warum blieben Sie nur ein Jahr?


Ich wäre prinzipiell gerne länger unten geblieben, und die Möglichkeiten waren auch da: Der Verein wollte, ich wollte. Aber meine Frau hatte Heimweh, deswegen ging es leider nicht mehr.

In Deutschland hatte man sich wahrscheinlich schon auf ihren Spielstil eingestellt. Wie reagierte man in Österreich?

Die ersten Pressschläge wurden gleich abgepfiffen, aber auch die gewöhnten sich relativ schnell daran. Es war ja alles mit Ball, es war ja kein Foul. Mit mir war halt nur einer da, der ein bisschen kräftiger war als die anderen. Die Schiedsrichter in meiner Zeit bei Sturm Graz empfand ich dann sogar angenehmer als in Deutschland. Es war ohnehin ein robusteres und körperbetonteres Spiel in Österreich. Das kam mir sehr entgegen.

Wie kam es eigentlich zu Ihrem Spitznamen »Pressschlag«?


Naja, ich machte und mache es heute immer noch ganz gerne, dass ich mir den Ball mal absichtlich etwas weiter vorlege und dann warte bis der andere tritt. So dürfte das dann auch mit dem Spitznamen entstanden sein.

Im Internet kursiert noch ein anderer Spitzname: »Schnauzbartwuchtbrumme«. Schon mal gehört?


(lacht) Neee! Der Name ist mir selbst noch neu.

Sie haben 1991, mit 33 Jahren bei Alemannia Aachen ihre aktive Profi-Karriere beendet. Warum so früh, lag es am Abstieg?

Wir sind zwar abgestiegen ja, aber es hing mehr mit meinem Beruf (Beamter bei der Stadtverwaltung Aachen; Anm. d. Red.) zusammen. Ich war nur beurlaubt, und mein Studium konnte ich nur bis zum Alter von 35 Jahren fortsetzen. Tja, dann sind wir abgestiegen, und dann muss man sich entscheiden: Riskiert man es? Oder sagt man: Die berufliche Karriere geht vor? Und dann habe ich mich eben für den Beruf entschieden.

In einem Interview gaben Sie einmal an, Sie seien Fan von Bayern München.


Ja, in der Bundesliga ist Bayern München mein Verein. Außerdem war damals, zum Zeitpunkt des Interviews, an Bundesliga in Aachen noch gar nicht zu denken. Ich bin trotzdem richtiger Alemanne. Wenn Aachen auch Bundesliga spielt, stehen die stehen schon über den Bayern.

Sie hätten wahrscheinlich auch gerne mit der Alemannia Bundesliga gespielt.

Wenn man heute die Arenen und das Ganze sieht, dann denkt man sich schon: „Oh, das wär’ schon noch mal schön.“ Aber ich trauere der Zeit nicht nach. Ich habe genauso eine schöne Zeit erlebt. Die Kameradschaft und das Miteinander waren damals sicher noch besser. Der Neid und der Druck waren einfach noch nicht so groß wie heute.

Sie begannen nach Ihrer Zeit als Profi gleich bei der Traditionsmannschaft zu spielen. Sind Sie heut noch aktiv?


Ja, ich spiele heute noch in diesem Team, und das macht richtig Spaß, mit den Alten zusammenspielen. Wir machen fast 50 Spiele im Jahr.

Und ihr Kampfgewicht haben Sie gehalten?

Bis auf 15 Kilo so - eigentlich ja. (lacht) Ich war auch fast eineinhalb Jahre am Knie verletzt und kam eine Zeit lang nicht mehr so richtig auf die Beine. Da hat man ganz schnell ein paar Kilos zugenommen.

Gibt es heute noch Typen wie Sie?

(überlegt) Hm. Denke nicht.

Gibt es irgendwen, den Sie mit ihrem damaligen Spielstil vergleichen können?

Nicht mehr. Und ich weiß auch nicht, ob so was heute noch mal gefragt wäre. Vielleicht ist ein Carsten Jancker mir von der Figur her ähnlich, aber der ist halt Stürmer und hat es mehr in der Birne als im Fuß.


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