Gregor Weinreich im Interview

»Die Kurve ist der Motor«

Als Fan des FC Bayern hat man es nicht leicht. Ständig gibt es blöde Sprüche, sogar vom eigenen Verein. Wir sprachen mit Gregor Weinreich vom »Club Nr. 12« über die Stimmung in München, den neuen Fanrat und die Fähnchen der ARD. Gregor Weinreich im InterviewImago

Der Club Nr. 12 stellt keinen offiziellen Fanklub des FC Bayern dar, sondern ist eine übergreifende Dachorganisation von Bayern-Anhängern unterschiedlichster Couleur.  Schon seit  1997 setzt sich der C12 für die Belange der Fans ein und genießt, so dachte man zumindest, weithin großes  Ansehen.

Doch nach Uli Hoeneß’ inzwischen legendärem Wutausbruch auf der Jahreshauptversammlung 2007 bescheinigte Karl-Heinz Rummenigge der Fan-Vereinigung »eine ganz beschissene Rolle« zu spielen, offenbar beleidigt davon, dass die Fans seinen goldigen Vorschlag, eine Blaskapelle in der Südkurve zu installieren, dankend abgelehnt hatten.

Derzeit hat der Club Nr. 12 rund 1000 Mitglieder, darunter viele Vorsitzende der zahlreichen Fanklubs. Wir sprachen mit Gregor Weinreich, dem Vorsitzenden der Vereinigung.

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Hinter den Fans des FC Bayern liegt eine ereignisreiche Saison, nicht nur, was das Sportliche betrifft. Der negative Höhepunkt war Uli Hoeneß’ Wutrede auf der Jahreshauptversammlung, auf der er und Karl-Heinz Rummenigge die Fans, und insbesondere den Club Nr. 12, scharf angriffen. Wie haben Sie das erlebt?

Jetzt zu Beginn der neuen Saison kommt mir es vor, als wäre das vor zehn Jahren gewesen. Uns hat das alles sehr unvorbereitet getroffen, aber innerhalb von ein paar Wochen war das auch wieder ausgeräumt.

Wie konnte es denn soweit kommen? Schließlich existiert der C12 schon seit Jahren.

Überraschend war es vor allem deshalb, weil wir zwei Wochen vor der Jahreshauptversammlung noch ein sehr gutes Gespräch mit Uli Hoeneß hatten und es in der Zwischenzeit überhaupt keine Probleme gab. Offensichtlich hat er aber irgendwas in den falschen Hals bekommen, und man weiß ja, dass er dann sehr emotional reagiert.    

Trotzdem war es doch merkwürdig, dass ausgerechnet der C12 so kritisiert wurde. Bei der Ultra-Gruppe »Schickeria München« ist das einfacher zu erklären, die war bei den Verantwortlichen noch nie sonderlich beliebt und wird es wohl auch nicht mehr werden.


Den Club Nr. 12 hat ja Karl-Heinz  Rummenigge namentlich kritisiert. Wahrscheinlich deshalb, weil in einem Wortbeitrag zuvor vom C12 die Rede war, wenngleich auch nur in Bezug auf das geplante Fan-Museum. Ich würde das nicht überbewerten...

Eine Woche später in der Sendung »Blickpunkt Sport« des Bayrischen Rundfunks hat Hoeneß aber schon von zwei Gruppierungen gesprochen, um die es gehe. Dementiert hat er die Zuordnung der Moderatorin, dabei handele es sich um die Schickeria und den Club Nr. 12, nicht.

Stimmt. Diesen ganzen Auftritt, der ja nicht aus einer spontanen Emotion heraus  entstand, sondern Tage lang geplant war, verstehe ich bis heute nicht wirklich. Aber wir beschäftigen uns jetzt mit der neuen Saison, nicht der alten.

Sie erwähnen Karl-Heinz Rummenigge. Dieser hatte vorgeschlagen, eine Blaskapelle in der Kurve zu installieren und sich dann beschwert, als die undankbaren Fans das ablehnten. Kommt man sich da nicht verschaukelt vor?

Bei einem so großen Verein wie dem FC Bayern ist es wohl – leider – normal, dass der Vorstand der Aktiengesellschaft sich nicht immer in den einfachen Fan in der Kurve hinein versetzen kann. Umgekehrt wahrscheinlich auch nicht.

Von besonderer Kenntnis der Fanszene spricht das aber nicht gerade.

Sicher nicht, offensichtlich hatte er sich auch mit niemandem aus der Fanbetreuung abgesprochen, sonst hätte ihm klar sein müssen, dass der harte Kern der Fans solche Vorschläge ablehnt.

Der Fanbeauftragte und ehemalige Torwart Raimond Aumann steht ja auch nicht gerade im Ruf, ein Ultra oder Kuttenträger zu sein.

Das ist so ein Schubladendenken. Raimond Aumann immer als absolut ahnungslos hinzustellen ist in ganz Fan-Deutschland recht populär, aber deshalb trotzdem nicht richtig. Als er vor 10 Jahren angefangen hat, war es wahnsinnig schwer für ihn, aber seitdem hat er sich natürlich sehr mit der Thematik auseinander gesetzt und weiß viel besser Bescheid, als die meisten denken.

Wie steht es denn mittlerweile um das Verhältnis zwischen Fans bzw. dem C12 und Verein?

Das Tagesgeschäft läuft wieder sehr gut, aber im Hinterkopf wird wahrscheinlich immer ein bisschen was hängen bleiben.

Man hatte immer wieder den Eindruck, es mangele an Kommunikation. Ist das besser geworden?

Die Kommunikation ist inzwischen deutlich besser geworden, unter anderem weil der Verein inzwischen mit dem so genannten 30er-Rat ein weiteres Bindeglied zwischen Vereinsführung und Fans eingesetzt hat. In diesem Gremium sitzen 30 Fanklub-Vorsitzende, und von den Ultras über einen Senioren-Fanklub oder Allesfahrer ist alles abgedeckt. Dieses Gremium trifft sich alle zwei Monate, und regelmäßig ist auch die Vereinsführung dabei. Wenn das weiter so fortgeführt wird, können in Zukunft viele Probleme hoffentlich schon gelöst werden, bevor sie so groß werden, dass sie in die Medien getragen werden.

Hatte der C12 ein Mitspracherecht bei der Auswahl?

Nein. Das hat die Vereinsführung mit Beteiligung der Fanbetreuung gemacht. Aber die Befürchtungen, die es deswegen im Vorfeld gab, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Die Mischung ist sehr sehr bunt, aber das ist gut so.

Wie soll die Zusammenarbeit aussehen?

Wenn es in Zukunft negative Vorkommnisse gibt, soll ab sofort als erstes der 30er-Rat gehört werden, bevor es Reaktionen von der Vereinsführung gibt. Überhaupt sollen die Fans über dieses Gremium stärker miteinbezogen werden.

Wie steht es denn inzwischen um das neue Stadion? Hat es schon ein bisschen Patina bekommen? Am Anfang fühlten sich die Fans in der frisch gebauten Betonschüssel nicht so recht wohl.

Das ist eigentlich immer noch so. Zum einen, weil wir uns das Stadion immer noch teilen müssen (mit dem Lokalrivalen TSV 1860, die Red.), zum anderen, weil nach wie vor alles trostloses Grau in Grau ist. Aber mal sehen, wie es mit den Blauen weitergeht, vielleicht muss man bald auf niemanden mehr Rücksicht nehmen. Eine komplett rot-weiße Bestuhlung würde im Handumdrehen für eine ganz andere Atmosphäre sorgen. Aber auch über kleinere rote Farbtupfer würden sich die Fans schon sehr freuen. Jetzt haben wir ja auch noch Auswärtstrikots in der gleichen Farbe wie die Bandenwerbung in der Arena – ich glaube auf beides könnte der harte Kern der Fans gern verzichten. Dazu müsste man auch gar nicht viel Geld in die Hand nehmen oder große Planungen machen: ein paar Eimer rote und weiße Farbe, und los geht’s! So was kann innerhalb von Stunden organisiert werden, und es gäbe viele freiwillige Helfer.

Oft hört man den Wunsch nach einer einheitlichen Stehplatzkurve. Momentan sind die Stehplätze auf zwei Kurven verteilt, und innerhalb der Kurve noch mal in drei Sektoren. Gibt es diesbezüglich schon Fortschritte?

Es gibt erste kleinere Erfolge. Zum Beispiel wurde die Höhe der Trennzäune zwischen den einzelnen Stehplatzsektoren wieder auf die Ursprungshöhe halbiert, auf nun 1,10 Meter. Außerdem wurde nun wieder das deutlich bessere Tornetz – das schon während der WM 2006 eingesetzt wurde – installiert. Dadurch gibt es in den Kurven nun erheblich weniger Sichtbehinderung.

Wie sieht es bei den Genehmigungen für Fanutensilien wie z.B. Fahnen aus? München hat den Ruf, von allen Stadien die meisten Verbote zu haben?

Daran hat sich leider auch nichts geändert. Einen Lichtblick gab es allerdings am letzten Spieltag: Hier durften wir bei einer Aktion des C12 erstmals 1,50 Meter lange Fahnenstangen mit ins Stadion nehmen.

Was war das für eine Aktion?

Wir haben für dieses Spiel 2000 Fahnen an alle interessierten Fans in den Stehplatzbereichen verliehen. Was in fast keinem anderen Stadion in Deutschland ein Problem wäre, bei uns aber etwas ganz besonderes, war die Länge der Fahnenstangen von 1,50 m. (offiziell ist nur eine Stocklänge von 1 Meter erlaubt und der Toleranzbereich sehr klein, d. Red.) Die Polizei hat uns übrigens bestätigt, dass es zu keinerlei Problemen gekommen ist. Trotzdem warten wir im Moment noch auf eine dauerhafte Genehmigung.

Wie ist denn allgemein das Verhältnis zur Polizei?

Da sind wir gerade etwas ratlos. Ich dachte, wir wären auf einem guten Weg. Letztes Jahr wurde eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sich die Fans – wie schon in den Jahren zuvor – u.a. von Gewalt und gefährlicher Pyrotechnik distanzieren. Im Gegenzug wollte die Polizei Lösungen suchen, um den Fans mehr Freiheiten zu gewähren. Ich denke, die Fanseite hat ihren Part zu 100% erfüllt, aber auf der Gegenseite sehe ich kaum Erfolge.

Und wie sieht das die Polizei?

Das hätten wir sie gerne mal gefragt. Aber zum diesjährigen Gespräch zwischen Fan- und Polizeivertretern vor zwei Wochen wurden Vertreter kritischer Fangruppen – wie der C12 – einfach nicht eingeladen. Das ist schon ein recht seltsames Verständnis von Dialog. Ich sehe langfristig die ganz gefährliche Tendenz, dass gerade die ganz jungen, engagierten Fans aufgrund des oft nicht nachvollziehbaren Verhaltens der Polizei einen – man kann schon fast sagen tiefen – Hass auf die Polizei aufbauen, der langfristig Folgen hat, die weit über irgendwelche kleineren Probleme rund um Fußballspiele hinausgehen können. Wir haben in den vergangenen Tagen eine große Umfrage zu diesem Thema durchgeführt und sind jetzt gerade bei der Auswertung.

Kurz vor Weihnachten letzten Jahres gab es ja ein Experiment, als beim Uefa-Cup-Spiel gegen Saloniki zwei Stimmungsblöcke in den Oberrang des Stadions verlegt wurden. Wie ist das verlaufen?

Auf jeden Fall gab es danach ein paar neue Erkenntnisse, vor allem was die Akustik betrifft. Es waren ungefähr 300 Leute im Oberrang, die Stimmung gemacht haben und die kamen sich unglaublich laut vor. Im Unterrang kam davon aber sehr wenig an. Jetzt wissen wir, warum die Gästefans, die ja ebenfalls im Oberrang untergebracht sind, meist das Gefühl haben, uns in Grund und Boden zu singen. Die gefühlte Akustik ist dort oben sehr gut, aber durch die große Entfernung kommt doch nur wenig im Rest des Stadions an. Enttäuschend war allerdings, dass wir es nicht geschafft haben, die Leute in den Nebenblöcken mitzureißen. Die saßen da wie immer – obwohl das Spiel sogar 6:0 gewonnen wurde! Das Projekt wurde jetzt erst einmal auf Eis gelegt. Langfristig muss es aber gelingen, die Sitzplätze irgendwie einzubinden.

Wie könnte das gehen? Das Münchner Publikum gilt nicht als besonders begeisterungsfähig.

Das ist wohl wahr, und deshalb wird so etwas sicher nicht in einem Jahr funktionieren, sondern ist ein langer Weg. Unsere Priorität liegt jetzt aber erst einmal bei der Südkurve. Sie ist der Motor für die Stimmung im Stadion, und der muss stark genug sein, um die angrenzenden Blöcke mitzureißen, die dann wieder das ganze Stadion mitziehen.

In der »Süd« gab es noch vor kurzem ständig Streitereien, insbesondere zwischen den Ultras der »Schickeria München« und älteren Schlachtenbummlern, in der Fanszene meist als »Obensteher« bezeichnet. Wie sieht es denn mittlerweile aus?

Das hat sich in der letzten Rückrunde ganz entscheidend gebessert und ist der Grund, warum es mit der Stimmung wieder aufwärts geht. Beide Seiten haben inzwischen eingesehen, dass es nur zusammen geht und beide Gruppen auch jeweils nur einen Teil der Kurve darstellen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass keine Seite eine Vormachtstellung für sich beanspruchen kann. Keine Gruppe würde es alleine schaffen, die Kurve mitzureißen. Nur gemeinsam geht es vorwärts.

Woran fehlt es denn in München noch zu einer wirklich guten Stimmung?

Wenn es so weitergeht wie zum Ende der letzten Saison, dann sehe ich der näheren Zukunft ganz gelassen entgegen. Mittelfristig wird aber sicherlich die Überalterung der Kurve das Hauptproblem werden, weil keine neuen, jungen Fans mehr in die Kurve hineinkommen.

Woran scheitert das denn?


Es ist ein Luxusproblem: Es gibt einfach fast niemanden, der seine Jahreskarte in der Südkurve aufgeben möchte. Der Preis ist so günstig und der Standort – was z.B. die Sicht aufs Spielfeld angeht – so gut, dass keiner seine JK kündigt. Nicht einmal dann, wenn er nur noch eine Handvoll Spiele im Jahr besucht, denn den Rest der Spiele kann man problemlos über Viagogo verkaufen. Die Zusammenarbeit mit dieser Ticketagentur ist ohnehin eine Sache, die dem Verein aus meiner Sicht mehr schadet als nützt.

Weshalb das?


Grundsätzlich ist es natürlich sinnvoll, wenn nicht genutzte Jahreskartenplätze wieder verfügbar werden. Aber wenn das dann dazu führt, dass manche Jahreskartenbesitzer nur noch zu drei oder vier Knallerspielen kommen, und die Tickets für alle anderen Spiele ohne finanziellen Verlust verkaufen können, stellt es die eigentliche Idee der Jahreskarte - nämlich den treuen Fans, die immer kommen, einen finanziellen Vorteil zu gewähren - auf den Kopf. Ich frage mich außerdem, warum man so ein Reselling-System nicht unter dem Dach des FCB umsetzen kann? So macht der FCB ganz offiziell Werbung für eine Ticketagentur, die eine Preisgestaltung wie ein x-beliebiger Schwarzhändler aufweist. Denn wenn ich über die offizielle Homepage des FCB auf viagogo.de gehe, sind es gerade mal ein paar Mausklicks und ich kann dort Stehplatzkarten für die Auswärtsspiele des FCB zum fünffachen Originalpreis kaufen. Einerseits kämpft der FCB gegen Schwarzmarkt bei ebay oder Kartenagenturen, und auf der anderen Seite kooperiert man mit solchen Anbietern wie Viagogo. Das erhöht nicht wirklich die Glaubwürdigkeit.

Nochmal zum Thema fehlende Jahreskarten für junge Fans. Wie könnte man das in Griff bekommen?

Das ist wirklich sehr sehr schwierig, eine einfache Patentlösung gibt es hier wohl nicht. Früher gab es eine gewisse Selbstregulierung: es ging in der Kurve deutlich wilder zu, und irgendwann nach 10 oder 15 Jahren war man dann doch mal zu alt, um sich nach jedem Tor über die blauen Flecken zu freuen. Dann ist man irgendwo auf einen Sitzplatz neben der Kurve gewechselt, und die nächste Generation kam nach. Heute beschweren sich die Leute beim Ordnungsdienst, wenn jemand beim Torjubel ein Bier verschüttet. Wenn eine Fankurve ein emotionaler Motor im Stadion sein soll, muss man auch zulassen, dass diese Emotionen ausgelebt werden. So würde auf die ältere Generation in der Kurve, zu der ich mich jetzt mit 31 auch schon langsam zähle, ein bisschen Druck ausgeübt, mal darüber nachzudenken, ob man seinen Platz nicht einem jüngeren mit mehr Energie überlässt.

Ist es wirklich so einfach?


Leider nicht, denn da haben wir das nächste Problem: Ältere SKler, die im Olympiastadion längst in einen angrenzenden Sitzplatzblock gewechselt wären, bleiben auch deshalb weiter auf den Stehplätzen, weil es keinen anderen Bereich im Stadion gibt, wo die mittlere Generation mit leicht gezogener Handbremse gemeinsam Stimmung machen könnte. Es gibt nur den Stehplatzbereich und als einzige weitere günstige Plätze die Blöcke unterm Dach, in denen man sehr weit vom Geschehen weg und es so tot ist wie auf einem Friedhof. Man müsste einen Bereich im Stadion schaffen, wo die mittlere Fangeneration gemeinsam Spaß haben kann. Aber: Es ist ja schon alles mit Jahreskarten belegt.

Wie ließe sich das lösen?

Man muss über mehrere Jahre versuchen, durch Verschiebungen bei den Jahreskarten einen Block frei zu bekommen. Das wird eine Sisyphusarbeit, da möchte ich nicht in der Haut der Kartenlogistik stecken. Aber ich sehe sonst keine andere Lösung. Je schneller wir das angehen, desto früher werden wie Erfolge erzielen. Zur neuen Saison wurden im Mittelbereich der Südkurve wieder mal keine zehn Jahreskartenplätze frei. Jeder muss erkennen, dass das nicht lange gut geht.

Ist es nicht auch so, dass die Anhängerschaft des FC Bayern heterogener ist als woanders? Aus ganz Deutschland kommen kleine Gruppen von Fans zu jedem Spiel, größere Gruppierungen aus München oder Bayern gibt es außer den genannten nur wenige.

Das war aber in den 80er Jahren auch schon so, und damals war die Stimmung trotzdem gut. Außerdem wird der Anteil von Fans aus München und Bayern unterschätzt. So viele Jahreskartenbesitzer, die von außerhalb Bayerns kommen, gibt es gar nicht. Das ist aber auch alles nicht entscheidend. 

Sollen eigentlich weiterhin auch die recht günstigen Tageskarten für die Südkurve angeboten werden, was zur Folge hat, dass sich dort alle möglichen Anhänger einfinden und nicht nur der harte Kern?

Auch da hat sich schon etwas getan. In Zukunft wird der 30er-Rat über die Vergabe eines Teils der Tageskarten in der Südkurve entscheiden können.

Das ist erstaunlich. Genau das wollte Uli Hoeneß doch eigentlich nicht, weil er gleich »italienische Verhältnisse« befürchtete.

Es geht nur um ein Teilkontingent, und außerdem gibt es ja die Selbstkontrolle durch den 30er-Rat. Die Tickets, die dem C12 nun zur Verfügung stehen, bieten wir übrigens allen engagierten jungen Bayernfans an, eine Mitgliedschaft im Club Nr.12 ist keine Voraussetzung. Aber auch die Vergabe der restlichen Tageskarten muss besser geregelt werden. Deswegen gab es schon ein sehr gutes Schreiben der Vereinsführung an alle Fanklubs mit dem Hinweis, dass die Stehplatzbereiche denjenigen vorbehalten sein sollen, die auch Stimmung machen. Mitunter hatte man ja den Eindruck, manche nicht so aktiven Fanklubs würden einmal im Jahr alle Rentner im Dorf einsammeln, um einen Fußballausflug mitten in die Südkurve zu machen.

Erst wollten alle das neue Stadion sehen, dann die Superstars Ribéry, Toni und Co. und jetzt vermutlich Jürgen Klinsmann. Ist dieser Stadiontourismus nicht generell ein Problem für die Hardcore-Fans in München?

Das hängt davon ab, wie man damit umgeht. Es ist gleichzeitig Problem und Chance. Als Fanszene müssen wir versuchen, diese Fans davon zu überzeugen, dass Fan sein nicht bedeutet, sich das neueste Trikot zu kaufen, sich zurück zu lehnen und zu pfeifen wenn es zur Halbzeit nicht 3:0 steht. Wenn wir das nicht in ausreichendem Maß schaffen, dann wird es ein Problem.
 
Apropos Klinsmann. Mit ihm steht ein ganz anderer Typ an der Linie als der Mathematiker Hitzfeld. Könnte ein Motivator wie er unter Umständen auch die Zuschauer mehr mitreißen?

Dazu müsste man dann vielleicht mal die Kabinenansprache ins Stadion übertragen... Im Ernst: Es gibt Spieler wie Scholl oder jetzt Ribéry, die es  mit überraschenden Aktionen auf dem Platz schaffen, das Publikum aufzuwecken. Bei einem Trainer an der Seitenauslinie ist der direkte Einfluss doch recht begrenzt.

Der Club Nr.12 war ja auch mit ein paar Vertretern beim europäischen Fankongress in London zu Gast. Was habt Ihr dort an Erkenntnissen mitgenommen?

Sehr viel, das würde hier den Rahmen sprengen. Aber ein Punkt ist uns recht deutlich geworden: Die Engländer haben mit der FSF (Football Supporters' Federation, d. Red.) eine unglaublich starke Organisation als Vertreter der Fans aufgebaut. Was haben wir in Deutschland? BAFF, PRO FANS und »Unsere Kurve«. Alle drei verfolgen zu 99,9% die gleichen Ziele und würden sich perfekt ergänzen. Aber überall regieren die Eitelkeiten, und die Zusammenarbeit lässt zu wünschen übrig. Der C12 ist ja seit Jahren bei PRO FANS aktiv. Um nun selber mal einen Schritt zur Überwindung dieser Berührungsängste zwischen den Organisationen zu machen, haben wir uns nach dem Fankongress in London entschlossen, auch bei »Unsere Kurve« beizutreten, da es für beide Seiten von Vorteil wäre, wenn die zahlenmäßig ja nicht so geringe Anhängerschaft des FC Bayern in einer solchen Organisation vertreten wäre. »Unsere Kurve« hat uns jedoch mitgeteilt, dass es für sie quasi eine Beitrittsvoraussetzung darstellt, dass wir unser Engagement bei PRO FANS beenden. Eine Doppelmitgliedschaft ist aus der Sicht von »Unsere Kurve« nicht möglich. Somit ist für uns das Thema »Unsere Kurve« erstmal wieder abgehakt, was ich sehr schade finde. Ich denke nicht, dass uns so eine Einstellung langfristig weiterbringt. Wenn wir fanpolitisch in Deutschland etwas bewegen wollen, müssen wir alle an einem Strang ziehen. Die Engländer machen es uns vor!

Sind für den Saisonstart irgendwelche großen Aktionen vom Club Nr.12  geplant?

Wir wollten ursprünglich mit einer großen Choreografie zum 850. Geburtstag der Stadt München in die Saison starten. Vor einem Monat haben wir dann aber davon erfahren, dass die ARD bereits wieder Fähnchen für das ganze Stadion bestellt hat. Da beides gleichzeitig nicht funktioniert und die ARD erfahrungsgemäß am längeren Hebel sitzt als der C12, mussten wir unsere Pläne wieder verwerfen.

Womit man erneut fragen könnte, ob man sich als Fan da nicht verschaukelt vorkommt.

Mit etwas Abstand betrachtet ist das natürlich schon eine perverse Situation: Auf der einen Seite würden Fans gerne eine kreative, eigenständig finanzierte Aktion durchführen. Das geht aber nicht, weil auf der anderen Seite die ARD auf Kosten des Gebührenzahlers für einen ordentlichen fünfstelligen Betrag einfallslose Fähnchen verteilt, damit der Fernsehzuschauer den Eindruck bekommt, es wäre eine bessere Stimmung im Stadion.

Zuletzt eine sportliche Frage: In den vergangenen Wochen wurde viel über mögliche Neuverpflichtungen des FC Bayern spekuliert, jetzt kommt wohl doch keiner mehr. Wen würden Sie denn noch verpflichten, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Jürgen Klinsmann redet ja immer davon, jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser machen zu wollen. Ich würde versuchen, die Voraussetzungen für den 12. Mann in der Kurve zu verbessern. Der kostet keine Ablöse, verletzt sich nicht am Kreuzband und ist top motiviert. Hier wäre noch viel Potential, das es zu aktivieren gilt.

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