15.10.2013

Gonzalo Castro über fehlende Lobby und den U21-EM-Titel

Der beste Castro aller Zeiten

So viele Bundesliga-Spiele wie Gonzalo Castro von Bayer Leverkusen mit 26 Jahren bestritten hat, schaffte noch keiner vor ihm. Doch genauso wie Stefan Kießling bleibt ihm der Zutritt zur Nationalmannschaft verwehrt – ohne öffentliche Diskussion. Warum das so ist, verriet uns der Mittelfeldspieler in 11FREUNDE-Ausgabe #143.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Theo Barth
Sie haben, als Sohn spanischer Eltern, vor Jahren auch mal einen U17-Lehrgang für den spanischen Verband absolviert. Wie kam es dazu?
Als ich gerade meine erste halbe Saison bei den Profis spielte, hatte ich noch meinen spanischen Pass. Darauf wurde ich zu einem dreitägigen Lehrgang in Las Rozas bei Madrid eingeladen. Mit dabei waren Spieler wie Jurado, der später für Schalke spielte, Nacho Monreal, Raul Garcia – und Cesc Fabregas. Zwei Jahre später habe ich mich für Deutschland entschieden.

Warum?
Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin. Ich bereue die Entscheidung nicht. In der spanischen Nationalmannschaft wäre es außerdem, ehrlich gesagt, sicher noch schwieriger geworden.

Mit 17 in der Bundesliga, mit knapp 20 Nationalspieler, mit 24 fast 200 Bundesligaspiele, aber keine Länderspiele mehr. Was war eigentlich Ihre beste Zeit?
Die vergangenen zwei Jahre waren meine besten. Nicht nur deshalb, weil ich zuletzt auch immer mehr Tore und Assists beigesteuert habe. Ich bin insgesamt konstanter geworden. Früher wurden mir manchmal schwankende Leistungen vorgeworfen.

Wann haben Sie damit aufgehört, bei den Nominierungen den Kader im Videotext aufzurufen?
Das ist schon ein paar Jahre her. Ich habe mir irgendwann einfach gesagt: Es reicht bei dir offenbar nicht für die Nationalmannschaft. Ich glaube, dass es zu viele Kopfschmerzen kostet, wenn man jedes Mal darüber nachdenken muss: Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?

Was glauben Sie denn, warum spielen Sie nicht mehr im A-Team?
Der Fußball hat sich gewandelt. Wenn man heute mal ein, zwei Spieltage keine Leistung bringt, wird man sofort heruntergestuft. Schießt man dann aber zwei Wochen hintereinander ein Tor, geht´s direkt wieder vier Stufen rauf. In diesem extremen Tagesgeschäft ist es immer schwieriger, gerecht bewertet zu werden.

Sie haben Ihre Nichtnominierung zuletzt auch mit einem Standortnachteil erklärt. Das hört man häufiger aus Leverkusen. Worin besteht der eigentlich? Erklären Sie mal.
Wir spielen seit ein paar Jahren wirklich gut und stehen, soviel ich weiß, in der Gesamtbilanz der vergangen zehn Jahre direkt hinter Bayern München und Borussia Dortmund. Zudem haben wir eine Mannschaft, in der sehr viele deutsche Spieler zum Einsatz kommen. Wir werden aber einfach nicht eingeladen. Und damit meine ich nicht nur Kies und mich. Es gibt ja auch noch andere Kandidaten wie Bernd Leno oder Stefan Reinartz.

Woran liegt es, dass der Bundestrainer Spieler aus Leverkusen verschmäht?
Der Grund ist noch nicht gefunden. Natürlich findet es aber in der Öffentlichkeit ein gewaltiges Echo, wenn Uli Hoeneß jemanden vorschlägt. Ich finde insgesamt, dass es mehr nach Leistung gehen sollte, weniger über die mediale Positionierung.

Sie müssten also einfach nur fortgehen aus Leverkusen?
Nein, ich wechsele doch nicht den Verein, nur um in der Nationalmannschaft spielen zu können. So einen Schritt macht man nur, um woanders Titel zu gewinnen oder wegen einer neuen Herausforderung, einer neuen Kultur oder Sprache.

Sie haben seit der Saison 2004/05 schon überall gespielt, außer Torwart und Innenverteidiger. Warum?
Wenn man jung ist, ist man froh, wenn man jedes Spiel macht, egal auf welcher Position, auch wenn man das nicht gelernt hat in der Jugend. Ich habe mich seitdem aber weiterentwickelt und will bewusst mehr Verantwortung übernehmen. Es steht für mich außer Frage, dass ich der Mannschaft als Mittelfeldspieler am besten helfen kann.

Liegt es mit der Nationalmannschaft vielleicht auch einfach daran, dass Sie zu polyvalent sind und deshalb zu selten auf Ihrer Lieblingsposition zum Einsatz kamen?
Die Kollegen von der Sport-Bild haben letztens ausgerechnet, dass ich 146-mal die falsche Position gespielt habe. Wir haben aber vor dieser Saison zum Glück kräftig eingekauft, damit hat sich das Thema »hinten spielen« ein für allemal erledigt. Es gibt für mich keinen Weg mehr zurück. Es wäre ein sportlicher Rückschritt, wenn ich jetzt wieder verteidigen würde.

Stefan Kießling hat in der vergangenen Saison ein Kochbuch veröffentlicht. Worüber könnten Sie schreiben?
Über meine zehn Jahre im Profifußball. Dass ich mir meinen Traum bereits mit 17 Jahren erfüllt habe. Oder natürlich über die EM mit der U21-Nationalmannschaft. Hinter mir lag damals gerade das schwierige Jahr mit Bruno Labbadia. Ich kam direkt vom verlorenen Pokalfinale aus Berlin. Und dann gewannen wir in Schweden den Titel.

Warum war das so überraschend?
Sebastian Boenisch und Mesut Özil hatten sogar zwei Finals gespielt mit Werder Bremen, im UEFA-Cup und DFB-Pokal. Es war zu befürchten, dass einige die Zügel schleifen lassen. Wir haben es in den drei Wochen aber sehr gut hinbekommen, uns auf das Finale zu fokussieren.

Sie haben im Endspiel gegen England das 1:0 erzielt, waren Stammspieler. Was war Ihr genauer Platz im Mannschaftsgefüge?
Ich war für das Turnier von der A-Nationalmannschaft ausgeliehen, kam sozusagen »von oben«. Mesut und Sami waren kurz davor, Nationalspieler zu werden.

Wäre die EM das längste Kapitel in Ihrem Buch?
Sehr wahrscheinlich, vor allem wegen der besonderen Mannschaft. Es trafen vollkommen unterschiedliche Charaktere aufeinander, die schwierig zu behandeln waren. Horst Hrubesch hat das aber sehr gut hinbekommen. Er besitzt das richtige Fingerspitzengefühl für junge Leute.

Wann war der Moment, als die Mannschaft zusammenwuchs?
Das war das erste Spiel gegen Spanien. Wir wussten nicht, wo wir stehen, weil so viele neu dazu gekommen waren. Wir hatten dann aber sogar riesige Chancen zu gewinnen. Die Partie ging am Ende zwar 0:0 aus, aber wir hatten das Gefühl, dass mehr drin ist, als nur die Gruppenphase zu überstehen. Und dann haben wir gemeinsam Geschichte geschrieben. Es war der erste EM-Titel einer deutschen U21-Mannschaft.
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden