15.10.2013

Gonzalo Castro über fehlende Lobby und den U21-EM-Titel

Der beste Castro aller Zeiten

So viele Bundesliga-Spiele wie Gonzalo Castro von Bayer Leverkusen mit 26 Jahren bestritten hat, schaffte noch keiner vor ihm. Doch genauso wie Stefan Kießling bleibt ihm der Zutritt zur Nationalmannschaft verwehrt – ohne öffentliche Diskussion. Warum das so ist, verriet uns der Mittelfeldspieler in 11FREUNDE-Ausgabe #143.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Theo Barth

Herr Castro, interessiert Sie die Nationalmannschaft auch »einen feuchten Käse«, wie das Stefan Kießling kürzlich formulierte?
Nein, jeder muss selbst wissen, wie er mit der Frage umgeht. Es war aber sein gutes Recht, das Thema deutlich zur Seite zu schieben. Sonst geht das Theater immer wieder von vorne los, wenn er mal zwei Tore schießt.

Sie selbst würden also schon mitkommen nach Brasilien?
Die WM ist nach wie vor mein großes Ziel, darauf arbeite ich diese Saison hin. Dass es schwierig wird, noch auf den Zug aufzuspringen, weiß ich. Ich bin kein Träumer. Erstmal geht es in den nächsten Monaten aber sowieso um den Klub. Sollte es am Ende noch klappen mit dem Nationalteam, wäre das die Krönung meiner Karriere.

Kein Spieler hat vor Ihnen bis zu seinem 26. Geburtstag so viele Bundesliga-Spiele absolviert. 234-mal kamen Sie in der Liga zum Einsatz, häufiger als Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm im gleichen Alter. Fühlen Sie sich hinreichend gewürdigt?
Ich bin vor allem froh, dass ich mich nie ernsthaft verletzt habe, ansonsten halte ich nicht so viel von Statistik.

Trotzdem haben Sie diese Zahlen vor Saisonstart selbst auf Ihre Facebook-Fanseite gestellt. Haben Sie sich im Sommer überlegt, mal etwas forscher aufzutreten?
Es vergessen einfach viele, dass ich erst 26 bin und noch keine 29 oder 30. Und ich bin meinem Klub immer treu geblieben, was im heutigen Fußball auch nicht mehr so oft vorkommt. Das war aber mehr ein Statement für die Boulevardpresse, das richtete sich nicht an die Fans.

Obwohl Sie eine der tragenden Säulen von Bayers Erfolgself sind, wurden Sie seit 2007 nicht mehr eingeladen. Über Stefan Kießling wird immerhin diskutiert, aber bei Ihnen: Schweigen im Walde.
Wissen Sie was? Mir ist das eigentlich sogar ganz recht so. Dann brauche ich nach dem Spiel nicht so viele Fragen beantworten. Ich finde das schon ganz gut, wenn der »Kies« für das Thema Nationalmannschaft zuständig ist und die Journalisten mich in dem Zusammenhang in Frieden lassen. Trotzdem bleibt die WM mein großes Ziel.

Sie gehörten zu der legendären U21-Europameister-Mannschaft von 2009, in der Manuel Neuer, Mats Hummels, Mesut Özil oder Sami Khedira standen. Was fehlt Ihnen zu jemandem wie Khedira?
Sami hat 2010 großes Glück gehabt, dass sich Michael Ballack vor der WM verletzt hat. Sonst wäre er vielleicht nur als Zuschauer nach Südafrika gefahren. Im Fußball kann sich in einem Moment alles schlagartig ändern. Es ist aber auch klar: Wer sich einen Stammplatz bei Real Madrid erkämpft hat, muss eine gewisse Qualität haben. Es ist also vollkommen gerecht, dass er in der Nationalmannschaft spielt.

Sie galten schon in Ihrer Jugend immer als künftiger Nationalspieler.
Wir sind halt zwei verschiedene Wege gegangen, und bei ihm ist die Prognose eingetroffen.

Es entscheidet also nicht alleine die Qualität darüber, wie eine Fußballerkarriere verläuft?
Es gehört tatsächlich auch etwas Glück dazu. Wenn ich irgendwann zu einem anderen Klub gewechselt wäre, würde ich heute vielleicht auch in der Nationalmannschaft spielen. Es stand für mich aber nie zur Debatte, meinen Verein zu verlassen. Ich habe meine Verträge immer vorzeitig verlängert, so dass Nachfragen anderer Klubs abgeblockt wurden, und jetzt bin ich schon seit zehn Jahren Bayer-Profi.

Warum genau sind Sie denn immer noch in Leverkusen? Sie wohnen ja sogar in einem Bungalow direkt an der BayArena.
Ich fühle mich hier – genauso wie Stefan Kießling – einfach sehr wohl. Es fehlt jetzt eigentlich nur noch, dass wir in den nächsten Jahren auch einmal um die große Schale mitspielen.

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