Gonzalo Castro über fehlende Lobby und den U21-EM-Titel

Der beste Castro aller Zeiten

So viele Bundesliga-Spiele wie Gonzalo Castro von Bayer Leverkusen mit 26 Jahren bestritten hat, schaffte noch keiner vor ihm. Doch genauso wie Stefan Kießling bleibt ihm der Zutritt zur Nationalmannschaft verwehrt – ohne öffentliche Diskussion. Warum das so ist, verriet uns der Mittelfeldspieler in 11FREUNDE-Ausgabe #143.

Theo Barth
Heft: #
143

Herr Castro, interessiert Sie die Nationalmannschaft auch »einen feuchten Käse«, wie das Stefan Kießling kürzlich formulierte?
Nein, jeder muss selbst wissen, wie er mit der Frage umgeht. Es war aber sein gutes Recht, das Thema deutlich zur Seite zu schieben. Sonst geht das Theater immer wieder von vorne los, wenn er mal zwei Tore schießt.

Sie selbst würden also schon mitkommen nach Brasilien?
Die WM ist nach wie vor mein großes Ziel, darauf arbeite ich diese Saison hin. Dass es schwierig wird, noch auf den Zug aufzuspringen, weiß ich. Ich bin kein Träumer. Erstmal geht es in den nächsten Monaten aber sowieso um den Klub. Sollte es am Ende noch klappen mit dem Nationalteam, wäre das die Krönung meiner Karriere.

Kein Spieler hat vor Ihnen bis zu seinem 26. Geburtstag so viele Bundesliga-Spiele absolviert. 234-mal kamen Sie in der Liga zum Einsatz, häufiger als Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm im gleichen Alter. Fühlen Sie sich hinreichend gewürdigt?
Ich bin vor allem froh, dass ich mich nie ernsthaft verletzt habe, ansonsten halte ich nicht so viel von Statistik.

Trotzdem haben Sie diese Zahlen vor Saisonstart selbst auf Ihre Facebook-Fanseite gestellt. Haben Sie sich im Sommer überlegt, mal etwas forscher aufzutreten?
Es vergessen einfach viele, dass ich erst 26 bin und noch keine 29 oder 30. Und ich bin meinem Klub immer treu geblieben, was im heutigen Fußball auch nicht mehr so oft vorkommt. Das war aber mehr ein Statement für die Boulevardpresse, das richtete sich nicht an die Fans.

Obwohl Sie eine der tragenden Säulen von Bayers Erfolgself sind, wurden Sie seit 2007 nicht mehr eingeladen. Über Stefan Kießling wird immerhin diskutiert, aber bei Ihnen: Schweigen im Walde.
Wissen Sie was? Mir ist das eigentlich sogar ganz recht so. Dann brauche ich nach dem Spiel nicht so viele Fragen beantworten. Ich finde das schon ganz gut, wenn der »Kies« für das Thema Nationalmannschaft zuständig ist und die Journalisten mich in dem Zusammenhang in Frieden lassen. Trotzdem bleibt die WM mein großes Ziel.

Sie gehörten zu der legendären U21-Europameister-Mannschaft von 2009, in der Manuel Neuer, Mats Hummels, Mesut Özil oder Sami Khedira standen. Was fehlt Ihnen zu jemandem wie Khedira?
Sami hat 2010 großes Glück gehabt, dass sich Michael Ballack vor der WM verletzt hat. Sonst wäre er vielleicht nur als Zuschauer nach Südafrika gefahren. Im Fußball kann sich in einem Moment alles schlagartig ändern. Es ist aber auch klar: Wer sich einen Stammplatz bei Real Madrid erkämpft hat, muss eine gewisse Qualität haben. Es ist also vollkommen gerecht, dass er in der Nationalmannschaft spielt.

Sie galten schon in Ihrer Jugend immer als künftiger Nationalspieler.
Wir sind halt zwei verschiedene Wege gegangen, und bei ihm ist die Prognose eingetroffen.

Es entscheidet also nicht alleine die Qualität darüber, wie eine Fußballerkarriere verläuft?
Es gehört tatsächlich auch etwas Glück dazu. Wenn ich irgendwann zu einem anderen Klub gewechselt wäre, würde ich heute vielleicht auch in der Nationalmannschaft spielen. Es stand für mich aber nie zur Debatte, meinen Verein zu verlassen. Ich habe meine Verträge immer vorzeitig verlängert, so dass Nachfragen anderer Klubs abgeblockt wurden, und jetzt bin ich schon seit zehn Jahren Bayer-Profi.

Warum genau sind Sie denn immer noch in Leverkusen? Sie wohnen ja sogar in einem Bungalow direkt an der BayArena.
Ich fühle mich hier – genauso wie Stefan Kießling – einfach sehr wohl. Es fehlt jetzt eigentlich nur noch, dass wir in den nächsten Jahren auch einmal um die große Schale mitspielen.
Sie haben, als Sohn spanischer Eltern, vor Jahren auch mal einen U17-Lehrgang für den spanischen Verband absolviert. Wie kam es dazu?
Als ich gerade meine erste halbe Saison bei den Profis spielte, hatte ich noch meinen spanischen Pass. Darauf wurde ich zu einem dreitägigen Lehrgang in Las Rozas bei Madrid eingeladen. Mit dabei waren Spieler wie Jurado, der später für Schalke spielte, Nacho Monreal, Raul Garcia – und Cesc Fabregas. Zwei Jahre später habe ich mich für Deutschland entschieden.

Warum?
Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin. Ich bereue die Entscheidung nicht. In der spanischen Nationalmannschaft wäre es außerdem, ehrlich gesagt, sicher noch schwieriger geworden.

Mit 17 in der Bundesliga, mit knapp 20 Nationalspieler, mit 24 fast 200 Bundesligaspiele, aber keine Länderspiele mehr. Was war eigentlich Ihre beste Zeit?
Die vergangenen zwei Jahre waren meine besten. Nicht nur deshalb, weil ich zuletzt auch immer mehr Tore und Assists beigesteuert habe. Ich bin insgesamt konstanter geworden. Früher wurden mir manchmal schwankende Leistungen vorgeworfen.

Wann haben Sie damit aufgehört, bei den Nominierungen den Kader im Videotext aufzurufen?
Das ist schon ein paar Jahre her. Ich habe mir irgendwann einfach gesagt: Es reicht bei dir offenbar nicht für die Nationalmannschaft. Ich glaube, dass es zu viele Kopfschmerzen kostet, wenn man jedes Mal darüber nachdenken muss: Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?

Was glauben Sie denn, warum spielen Sie nicht mehr im A-Team?
Der Fußball hat sich gewandelt. Wenn man heute mal ein, zwei Spieltage keine Leistung bringt, wird man sofort heruntergestuft. Schießt man dann aber zwei Wochen hintereinander ein Tor, geht´s direkt wieder vier Stufen rauf. In diesem extremen Tagesgeschäft ist es immer schwieriger, gerecht bewertet zu werden.

Sie haben Ihre Nichtnominierung zuletzt auch mit einem Standortnachteil erklärt. Das hört man häufiger aus Leverkusen. Worin besteht der eigentlich? Erklären Sie mal.
Wir spielen seit ein paar Jahren wirklich gut und stehen, soviel ich weiß, in der Gesamtbilanz der vergangen zehn Jahre direkt hinter Bayern München und Borussia Dortmund. Zudem haben wir eine Mannschaft, in der sehr viele deutsche Spieler zum Einsatz kommen. Wir werden aber einfach nicht eingeladen. Und damit meine ich nicht nur Kies und mich. Es gibt ja auch noch andere Kandidaten wie Bernd Leno oder Stefan Reinartz.

Woran liegt es, dass der Bundestrainer Spieler aus Leverkusen verschmäht?
Der Grund ist noch nicht gefunden. Natürlich findet es aber in der Öffentlichkeit ein gewaltiges Echo, wenn Uli Hoeneß jemanden vorschlägt. Ich finde insgesamt, dass es mehr nach Leistung gehen sollte, weniger über die mediale Positionierung.

Sie müssten also einfach nur fortgehen aus Leverkusen?
Nein, ich wechsele doch nicht den Verein, nur um in der Nationalmannschaft spielen zu können. So einen Schritt macht man nur, um woanders Titel zu gewinnen oder wegen einer neuen Herausforderung, einer neuen Kultur oder Sprache.

Sie haben seit der Saison 2004/05 schon überall gespielt, außer Torwart und Innenverteidiger. Warum?
Wenn man jung ist, ist man froh, wenn man jedes Spiel macht, egal auf welcher Position, auch wenn man das nicht gelernt hat in der Jugend. Ich habe mich seitdem aber weiterentwickelt und will bewusst mehr Verantwortung übernehmen. Es steht für mich außer Frage, dass ich der Mannschaft als Mittelfeldspieler am besten helfen kann.

Liegt es mit der Nationalmannschaft vielleicht auch einfach daran, dass Sie zu polyvalent sind und deshalb zu selten auf Ihrer Lieblingsposition zum Einsatz kamen?
Die Kollegen von der Sport-Bild haben letztens ausgerechnet, dass ich 146-mal die falsche Position gespielt habe. Wir haben aber vor dieser Saison zum Glück kräftig eingekauft, damit hat sich das Thema »hinten spielen« ein für allemal erledigt. Es gibt für mich keinen Weg mehr zurück. Es wäre ein sportlicher Rückschritt, wenn ich jetzt wieder verteidigen würde.

Stefan Kießling hat in der vergangenen Saison ein Kochbuch veröffentlicht. Worüber könnten Sie schreiben?
Über meine zehn Jahre im Profifußball. Dass ich mir meinen Traum bereits mit 17 Jahren erfüllt habe. Oder natürlich über die EM mit der U21-Nationalmannschaft. Hinter mir lag damals gerade das schwierige Jahr mit Bruno Labbadia. Ich kam direkt vom verlorenen Pokalfinale aus Berlin. Und dann gewannen wir in Schweden den Titel.

Warum war das so überraschend?
Sebastian Boenisch und Mesut Özil hatten sogar zwei Finals gespielt mit Werder Bremen, im UEFA-Cup und DFB-Pokal. Es war zu befürchten, dass einige die Zügel schleifen lassen. Wir haben es in den drei Wochen aber sehr gut hinbekommen, uns auf das Finale zu fokussieren.

Sie haben im Endspiel gegen England das 1:0 erzielt, waren Stammspieler. Was war Ihr genauer Platz im Mannschaftsgefüge?
Ich war für das Turnier von der A-Nationalmannschaft ausgeliehen, kam sozusagen »von oben«. Mesut und Sami waren kurz davor, Nationalspieler zu werden.

Wäre die EM das längste Kapitel in Ihrem Buch?
Sehr wahrscheinlich, vor allem wegen der besonderen Mannschaft. Es trafen vollkommen unterschiedliche Charaktere aufeinander, die schwierig zu behandeln waren. Horst Hrubesch hat das aber sehr gut hinbekommen. Er besitzt das richtige Fingerspitzengefühl für junge Leute.

Wann war der Moment, als die Mannschaft zusammenwuchs?
Das war das erste Spiel gegen Spanien. Wir wussten nicht, wo wir stehen, weil so viele neu dazu gekommen waren. Wir hatten dann aber sogar riesige Chancen zu gewinnen. Die Partie ging am Ende zwar 0:0 aus, aber wir hatten das Gefühl, dass mehr drin ist, als nur die Gruppenphase zu überstehen. Und dann haben wir gemeinsam Geschichte geschrieben. Es war der erste EM-Titel einer deutschen U21-Mannschaft.
Wäre Ihre Karriere anders verlaufen, wenn Sie gegenüber den Medien auftreten würden wie zum Beispiel Mats Hummels?
Das könnte sein. Mats spielt nicht nur gut Fußball, er geht auch sehr professionell mit den Medien um. Aber ich bin nicht unbedingt der Typ dafür. Ich halte mich lieber im Hintergrund. Ich möchte einfach Fußball spielen und nicht für irgendwelche Zeitungen interessant sein.

Sie sind seit zehn Jahren im Profizirkus. Was weiß noch niemand über Gonzalo Castro?
Über mein Privatleben weiß kaum jemand etwas. Für mich wäre es auch das Schlimmste, wenn meine Freundin plötzlich in der Zeitung auftauchen würde. Ich versuche, mich da klar abzugrenzen. Das würde ich übrigens auch als Nationalspieler so halten.

In einem Steckbrief wurden Sie mal nach dem »wichtigsten Deutschen« gefragt. Sie antworteten: Marcel Reich-Ranicki. Warum?
Es ist für mich legendär, dass er den Deutschen Fernsehpreis nicht angenommen hat. Er ist auf die Bühne gegangen, hat das Niveau der deutschen Fernsehlandschaft angeprangert und den Preis abgelehnt. Das war damals gerade passiert, deswegen habe ich seinen Namen genannt.

Javi Martinez hat neulich gesagt: »Ich bin der deutscheste Spanier«. Sind Sie der spanischste Deutsche?
Das kann man so sehen. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe aber nach wie vor sehr gute Beziehungen nach Spanien. Teile meiner Familie wohnen in Gerona und Malaga. Im Urlaub fahre ich fast immer dorthin, jedes Jahr mindestens zwei Wochen. 80 Prozent meiner Ferien habe ich in Spanien verbracht.

Wie gut kennen Sie sich in der spanischen Liga aus?
Sonntagabend habe ich noch Valencia gegen Barca geguckt, vorher um zwölf Uhr mittags Real Madrid gegen Bilbao. Ich gucke sehr, sehr viel spanischen Fußball. Zum Glück sind die Spiele in Spanien meistens etwas später als die in der Bundesliga.

Sie haben in der U21 auch mit Patrick Ebert zusammen gespielt. Wie aufmerksam haben Sie seinen Weg in Spanien verfolgt?
Ich habe viel über ihn in der Marca gelesen. Ich freue mich sehr, dass er bei Real Valladolid so gut eingeschlagen hat. Er hatte bei der Hertha mit seiner Verletzung einen schwierigen Start. Ich war zunächst überrascht, dass er nach Spanien gegangen ist, aber es war der richtige Weg für ihn.

Sie lesen also regelmäßig die Marca. Wie viel stimmt denn nun von dem, was die spanischen Kollegen so schreiben?
Ich würde sagen: circa die Hälfte. Immerhin, muss man sagen. In türkischen Fußballzeitungen, so hört man ja gelegentlich, könnten es noch ein paar Prozent weniger sein.

Wäre Spanien nicht auch noch etwas für Sie?
Das war früher ein Ziel von mir, aber durch die Finanzkrise ist es unrealistisch geworden. Leverkusens Stellenwert in der Bundesliga ist so hoch, dass ich auch erstmal einen hochrangigeren Verein finden müsste. Barca und Real brauchen mich aber gerade eher nicht.

Wird es für Sie am Ende deswegen »für immer Leverkusen« heißen, wie es bei Stefan Kießling absehbar ist?
Wenn mein neuer Vertrag ausläuft, bin ich 29 Jahre alt. Ich könnte mir schon vorstellen, nochmal eine neue Sprache zu lernen.

Spanien fällt weg. Bleibt England?
Ja, die Premier League würde mich interessieren. Bei Arsenal wäre ich dann zum Beispiel der vierte Deutsche, das wäre ja nicht so schlecht.

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