Gonzalo Castro über Bayer, Bayern und Jogi Löw

»Der DFB vernachlässigt Leverkusen«

Gonzalo Castro spielt die vielleicht beste Saison seiner Karriere. Doch es geht ihm wie Stefan Kießling: Joachim Löw ruft nicht an. Ein Gespräch über Ronaldinho, Rafael Nadal und einen möglichen Wechsel ins Ausland.

Gonzalo Castro, Sie haben mit Bayer Leverkusen das Hinspiel gegen den FC Bayern 2:1 gewonnen. Wussten Sie um die Bedeutung des Sieges?
Ich glaube, wir haben damals eine Serie gebrochen. (überlegt) Seit 20 Jahren hatte Bayer nicht mehr in München gewonnen?!
 
23 Jahre waren es. Am 21. Oktober 1989 gewann Bayer das letzte Mal in München. Das Siegtor machte Marek Lesniak.
Richtig. Der Hinrunden-Sieg hat sich jedenfalls großartig angefühlt, das Spiel war ja zugleich die einzige Niederlage für die Bayern. Trotzdem wird das Rückspiel anders. Die Bayern sind diese Saison eben wieder: die Bayern.
 
Bayer Leverkusen spielt auch eine gute Saison und steht momentan auf Platz 3. Sind Sie zufrieden?
Teilweise. Ich denke, die Rückrunde könnte besser laufen. Wir haben zu viele Auswärtsspiele verloren. Dabei spielen wir streckenweise immer noch gut, allein, die Ergebnisse stimmen nicht.
 
Sie haben in dieser Saison alle 25 Ligaspiele bestritten und sechs Tore erzielt. Was macht Sie diese Saison so stark?
Meine Position. Ich spiele nun häufig direkt hinter den Spitzen – eine Mischung aus einem »Achter« und »Zehner« – und kann mich dort besser entfalten als in der Defensive.
 
Früher haben Sie vornehmlich auf der rechten Außenbahn gespielt. Später auch mal auf der »Sechs«. Wie schwer ist es eigentlich für einen Spieler, sich ständig umzustellen?
Ich habe ja bereits unter Robin Dutt einige Spiele im zentralen Mittelfeld bestritten – und fand mich da eigentlich ganz gut. In der Vorbereitung zur aktuellen Saison habe ich fast ausschließlich offensiv trainiert.  Ich habe sofort gemerkt: Das liegt mir, das macht mir Spaß.
 
Noch vor einiger Zeit gab es regelmäßig Diskussionen um Führungsspieler im Fußball. Braucht eine Mannschaft so einen heute noch?
Ich denke schon.
 
Sind Sie einer?
Es gibt nicht nur einen in unserer Mannschaft. Auch Spieler wie Lars Bender oder Stefan Kießling gehören dazu. Weil ich schon seit 2004 in der Profimannschaft von Bayer spiele, bin ich über Jahre in diese Rolle hineingewachsen. Diese Saison wollte ich diesen Anspruch bestätigen, und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen.
 
Sie sind 25 Jahre alt und haben nie bei einem anderen Klub gespielt als Bayer Leverkusen. Unüblich in der heutigen Zeit. Was macht Bayer so besonders?
Ich bin in der Gegend aufgewachsen und spiele bereits seit meinem zwölften Lebensjahr bei Bayer. Daher kenne ich hier jedes Steinchen, jeden Mitarbeiter, alle Abläufe. Ich fühle mich sehr wohl. Das ist mir wichtig.
 
Sie haben sich sogar ein Haus direkt am Stadion gekauft. Blicken Sie jetzt täglich auf die BayArena?
Nein. Das wäre vielleicht ein bisschen viel. Aber wie gesagt: Der Verein liegt mir am Herzen, hier habe ich Fußballspielen gelernt, hier habe ich Freunde, hier habe ich meine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann gemacht.
 
Sie haben also vor, bei Bayer eines Tages Ihre Karriere zu beenden?
Das kann ich jetzt nicht sagen. Ich würde auch gerne mal ins Ausland wechseln. Wohin genau, kann ich Ihnen aber nicht sagen.
 
Für Sie als Deutsch-Spanier sollte doch die Primera Division ein Traum sein?
Wer weiß. Wobei die Liga auch nicht so reizvoll ist, wie man häufig sagt. Nach dem FC Barcelona und Real Madrid kommt da nicht mehr viel.
 
Schauen Sie denn regelmäßig die Spiele der Primera Division?
Klar, vor allem die großen Spiele zwischen FC Barcelona und Real Madrid.
 
Gute Erinnerungen haben Sie persönlich nicht an Barcelona.
Das Champions-League-Spiel im vergangenen Jahr haben wir 1:7 verloren. Messi hatte ein grandioses Spiel gemacht, fünf Buden. Blöd, dass wir der Gegner waren. Und besonders blöd, weil ich zuvor 40 oder 50 Tickets über den Verein gekauft hatte und die unter meinen spanischen Verwandten verteilt hatte.

 
2005 haben Sie sogar mal mit dem damaligen Barcelona-Superstar Ronaldinho zusammengespielt. Wie kam es eigentlich dazu?
Die Brasilianer waren 2005 zum Confed-Cup in Deutschland und wollten ein Trainingsspiel machen. Allerdings hatten sie ein paar Verletzte im Kader, also fragten sie, ob wir, die A-Jugendlichen von Bayer, mitkicken wollten. Wir haben natürlich zugesagt.
 
Und danach haben Sie fleißig Autogramme eingesammelt?
Nein. Heldenverehrung war nie so mein Ding. Ich habe ein Foto mit Ronaldinho gemacht, das war’s.
 
Haben Sie denn ein Vorbild?
Xavi, Andres Iniesta, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo – ich muss Ihnen nicht sagen, dass diese Spieler in den vergangenen Jahren Unglaubliches geleistet haben. Doch Vorbild? Mein Vorbild ist Rafael Nadal.
 
Was fasziniert Sie an Nadal?
Sein Wille. Der Mann kommt an nahezu jeden Ball. Jetzt hatte er längere Zeit eine Verletzung, kam aber sensationell mit einem Turniersieg zurück.
 
In Ihrer Jugend wurden Sie häufiger vom spanischen Fußballverband zu diversen Lehrgängen eingeladen. Hätten Sie gerne für Spanien gespielt?
Es wäre mindestens genauso hart gewesen, dort einen Stammplatz zu bekommen. Ich habe jedenfalls noch nie meine Entscheidung bereut, mich für den DFB entschieden zu haben.
 
Obwohl Joachim Löw Sie nicht mehr anruft?
Ich muss mir das zum Teil auch selbst ankreiden. Ich hatte früher keine Konstanz. Auf drei gute Spiele folgten drei schlechte. Ich habe mich nicht absetzen können, vielleicht auch, weil ich noch zu unerfahren war. Allerdings glaube ich, dass ich seit zwei Jahren in meinen Leistungen stabiler geworden bin.
 
Sie sind U21-Europameister geworden und haben 2007 fünf Länderspiele gemacht. Kürzlich haben Sie gesagt, dass Sie sich vom DFB vernachlässigt fühlen.
Ich habe damit nicht mich, sondern den Verein Bayer Leverkusen gemeint.
 
Stefan Kießling geht es ähnlich wie Ihnen. Fehlt den Leverkusener Spielern tatsächlich eine Lobby beim DFB?
Stefan spielt eine grandiose Saison, er trifft beinahe in jedem Spiel und bereit zudem etliche Tore vor. Der Bundestrainer wird seine Gründe haben, dass er ihn nicht einlädt. Doch was sollen wir machen? Wir haben nur eine Möglichkeit: Weiter Gas geben!

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