Gladbachs Tony Jantschke im Interview

»Keiner spielt mit mir Doppelkopf!«

Nach enttäuschenden Leistungen in der Europa-League und Bundesliga trifft Borussia Mönchengladbach heute Abend auf Olympique Marseille. Wir sprachen mit Gladbachs Rechtsverteidiger Tony Jantschke über die Fallhöhe nach dem Hype, Vereinstreue und Doppelkopf auf dem iPad.

Tony Jantschke, Sie kommen gerade vom Vormittagstraining. Worauf konzentriert sich die Mannschaft dort?
Wir müssen unbedingt die Defensivarbeit wieder verbessern. Neun Gegentore in den letzten beiden Auswärtsspielen gegen Dortmund und Bremen dürfen nicht sein, da haben wir richtig schlecht gespielt. Anders als in der Vorsaison stehen aktuell in der Defensive nicht so gut.

Als Defensivspieler sind auch gerade Sie auf den Plan gerufen, die Gegentore zu verhindern.
Die Verunsicherung in der Mannschaft merkt man vor allem bei jüngeren Spielern wie mir. Es war klar, dass so eine Phase mal eintreten wird – wichtig ist nur, dass wir sie kurz halten. Mit ein paar Punkten sind wir schnell wieder in der oberen Tabellenhälfte.

Wie kann es sein, dass nach dem Abgang von drei Spielern das Gesamtgerüst der Mannschaft derartig wackelt?
Über Personalverluste zu sprechen, hilft uns nicht weiter. Natürlich ist die Fallhöhe nach den guten Leistungen der Vorsaison extrem hoch, aber das war kein normales Jahr für unsere Verhältnisse.

Sie gelten als großes Versprechen im deutschen Fußball. Ist es schwierig, sich auf den Alltag in der Bundesliga zu konzentrieren, wenn einem ständig eine große Zukunft prognostiziert wird?
Bei abwechselnden Spielen in der Europa-League, U21-Nationalmannschaft und der Bundesliga ist es natürlich nicht leicht, immer voll konzentriert zu bleiben. Aber die Bundesliga hat für mich absolute Priorität, ich bin mir bewusst, dass sich gerade ein Hype um einen jungen Spieler schnell ins Gegenteil verkehren kann.

Letzte Saison haben Sie sich 34 Spieltage dafür abgerackert, international zu spielen und trotzdem ist oft von einer Doppelbelastung die Rede. Ist es nicht eher eine Belohnung, in der Europa-League spielen zu dürfen?
Natürlich ist es auf der einen Seite eine Belastung, aber auf der anderen Seite ist es auch ein riesiger Ansporn, sich international messen zu können. In zwei, drei Jahren können wir zurückblicken und sagen: »Hey, da habe ich dieses und jenes gelernt, das hat mich weiter gebracht!«

In der vergangenen Champions League-Saison hat Marseille-Stürmer André Ayew drei Tore gegen Dortmund erzielt. Wie wollen Sie den Mann in den Griff bekommen?
Ach, in der Bundesliga treffen wir doch auch regelmäßig auf Spieler wie Franck Ribery, Robert Lewandowski oder Marco Reus. Der einzige Unterschied ist, dass man einen Ayew nicht so gut kennt wie zum Beispiel Ribery, der schon einige Jahre in der Bundesliga zaubert.

Gladbach hat seit 16 Jahren nicht mehr international gespielt. Spüren Sie die Begeisterung der Fans?
Auf jeden Fall! Mein erstes europäisches Auswärtsspiel gegen Dynamo Kiew gewannen wir mit 2:1. Danach mit den Schlachtenbummlern feiern – das war atemberaubend, auch wenn wir uns letztlich nicht für die Champions League qualifiziert haben.

Wie ist es im Alltag in einer kleineren Stadt wie Mönchengladbach? Werden Sie oft von Fans angesprochen?
Ich werde schon erkannt, aber angesprochen werden meistens nur die Offensivspieler. Bei den Stürmern müssen sofort Fotos her. Letztes Jahr war das noch viel extremer. Immer, wenn ich mit Roman Neustädter und Marco Reus unterwegs war, wurde von allen Seiten gerufen: »Marco! Bitte ein Foto!« Und ich stand halt daneben.

Haben Sie immer noch Kontakt zu Reus und Neustädter?
Wir drei sind immer noch gut befreundet. Sich zu treffen ist zwar momentan aufgrund der vielen Spiele schwierig, aber während der Vorbereitung haben wir uns öfter gegenseitig besucht. Gladbach, Gelsenkirchen und Dortmund sind ja nicht allzu weit auseinander.

Als Sie mit 16 Jahren zu Borussia Mönchengladbach wechselten, spielte Gladbach noch in der zweiten Liga. Hingen damals Gladbach-Poster an ihrer Wand oder doch eher welche vom FC Barcelona? 
Mit 16 hing da wohl eher eine Frau. Aber in den Jahren davor, im Internat in Dresden, hatte ich die Bravo-Sport-Poster von Zidane und Ronaldo überm Bett.

Gegenwärtig soll der FC Sevilla Sie intensiv beobachten. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Dass hin und wieder Anfragen kommen, gehört zum Fußball dazu und ist normal. Gerade bei den Spielen der U21-Nationalmannschaft sitzen viele Scouts auf der Tribüne. Aber Gladbach ist meine zweite Heimat geworden und ich verschwende im Moment nicht einen Gedanken an einen anderen Klub.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihre gesamte Karriere für Borussia Mönchengladbach zu spielen?
Das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen! Allerdings gibt es für niemanden einen Freifahrtschein. Am Ende kommt es auf meine Leistung an.

Sie haben sich letzte Woche mit der U21-Nationalmannschaft im Playoff-Rückspiel gegen die Schweiz souverän durch ein 3:1 für die EM 2013 qualifiziert. Vielleicht können Sie für die Kollegen aus der A-Nationalmannschaft mal aus eigener Erfahrung berichten, wie man eine 3:0-Pausenführung über die Zeit bringt.
Die ganze Kritik an der Nationalelf halte ich für Quatsch. Bis zum ersten Gegentreffer haben sie super Spiel gemacht, aber wenn man erstmal in einer Kette von Zufällen aus drei Halbchancen drei Tore kassiert hat, ist im Fußball alles möglich, deswegen lieben wir ihn ja so. Dass nach 13 gewonnenen Qualifikationsspielen in Folge überhaupt irgendetwas in Frage gestellt wird, ist doch Wahnsinn.

Sie haben mal bemängelt, dass Sie in der U21-Nationalmannschaft für die langen Fahrten keinen Skat- oder Doppelkopfpartner hätten. Haben Sie inzwischen einen gefunden?
Nein, leider immer noch nicht. Das ist heutzutage wohl nicht mehr so gefragt.

Haben Sie eine Erklärung dafür?
Die Kollegen spielen lieber irgend etwas kurzweiliges auf dem iPad. Bevor ich denen das beigebracht habe, sind die Fahrten meistens vorbei.

Sie besitzen kein iPad?
Doch, aber auf dem spiele ich dann eben Online-Doppelkopf.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!