Gladbachs Sportdirektor Max Eberl über Borussias Rettung

»Jetzt ist eh alles egal«

Für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE begleiteten unsere Kollegen Karol Herrmann und Thorsten Schaar Borussia Mönchengladbach auf dem Weg zur Last-Minute-Rettung. Natürlich sprachen sie auch mit Sportdirektor Max Eberl.

Max Eberl, Sie wissen aus Ihrer aktiven Zeit, was Abstiegskampf bedeutet. Wie kann man den Druck, der in der Situation auf den Spielern lastet, beschreiben? 
Max Eberl: Selbst wenn man eigentlich topfit ist, bewirkt der permanente Druck schwere Beine. Die Psyche nimmt irgendwann Einfluss auf den Körper. Die Wahrnehmung ist eine andere, die Lockerheit geht verloren. Ganz praktisch ausgedrückt: Der Ball will einfach nicht mehr ins Tor. 

Nach der 0:1-Niederlage gegen Kaiserslautern am 27. Spieltag war Borussia Mönchengladbach in der Öffentlichkeit bereits abgestiegen. Wie haben Sie diese Phase erlebt? 
Max Eberl: Das war eine ganz bittere Niederlage gegen einen direkten Konkurrenten, zudem vor einer längeren Länderspielpause und dem Spiel bei Bayern München. Das Schlimmste war für mich: Wir hatten an diesem Freitagabend den wichtigen Schritt in Richtung Relegationsplatz verpasst. Diese Möglichkeit hatten wir uns in den Wochen zuvor hart erarbeitet. Ein Sieg wäre ein klares Signal an die Konkurrenz gewesen. Das Spiel war sicher die größte Enttäuschung der Saison.  

Wie haben Sie danachg reagiert? 
Max Eberl: Die Niederlage hatte für uns auch einen Vorteil. Die Mannschaft war nach dem Spiel von dem exorbitanten Druck befreit, weil uns ohnehin niemand mehr auf der Rechnung hatte. Wir haben das in der Länderspielpause auch bewusst an die Spieler kommuniziert: Jetzt ist eh alles egal. Lasst uns das Bestmögliche daraus machen. So konnte die Mannschaft anschließend befreiter aufspielen.  

Sie hatten mit dem FC Bayern, Borussia Dortmund, Hannover 96 und dem FSV Mainz 05 ein äußerst schwieriges Restprogramm. Haben Sie wirklich bis zuletzt an Ihre Chance geglaubt? 
Max Eberl: Die Bundesliga-Saison 2010/11 war so verrückt wie lange nicht mehr. Wir wussten: Jeder konnte gegen jeden gewinnen. In der Hinrunde hatten wir zum Beispiel sechs Tore in Leverkusen geschossen. Wir zogen daraus den Schluss, dass wir auch als Tabellenletzter gegen den Tabellenersten gewinnen können. Dieses Wissen hat mit dazu beigetragen, dass wir es uns zugetraut und schließlich auch geschafft haben. Und: Selbst wenn wir für die Medien abgestiegen waren, hat die Mannschaft immer an den Klassenerhalt geglaubt.   

Was waren die Gründe für die desolate Hinrunde? 
Max Eberl: Uns ist über mehrere Monate mit Dante und Roel Brouwers die komplette Innenverteidigung ausgefallen. Zu allem Übel haben sich auch die potenziellen Ersatzmänner Bamba Anderson und Bernhard Janeczek verletzt. Wenn wichtige Stützen wegfallen, gehen die Automatismen verloren.    

In der Winterpause hatte Gladbach gerade mal zehn Punkte angesammelt. Noch nie in der Bundesliga-Geschichte hat eine Mannschaft dann noch den Klassenerhalt geschafft. Warum haben Sie trotzdem zunächst an Michael Frontzeck festgehalten? 
Max Eberl: Auch wenn das Fußballgeschäft dafür nicht geeignet ist, wollten wir unbedingt Kontinuität auf der Trainerposition. Ich wollte auf keinen Fall einen Trainer aufgrund von Personalproblemen opfern.

Warum haben Sie ihn letztendlich doch entlassen? 
Max Eberl: Nach einem sehr guten Start in die Rückrunde, gab es eine Negativserie, die in den Niederlagen gegen Stuttgart und St. Pauli gipfelte. Wenn wir uns davon nicht wieder erholt hätten, wäre der Abstieg nicht mehr zu verhindern gewesen. Er war der letztmögliche Zeitpunkt, noch einmal etwas zu verändern.  

Wie kamen Sie auf Lucien Favre? 
Max Eberl: Ich kannte ihn schon aus meiner Zeit als Jugenddirektor in Gladbach. Damals habe ich mir sehr viele Jugendzentren angeschaut. Lucien Favre hat in der Schweiz beim FC Zürich viel mit jungen Talenten gearbeitet. Wir haben uns während seiner Zeit bei Hertha in Berlin getroffen, über Philosophien im Jugendfußball ausgetauscht und sind über die Jahre in Kontakt geblieben.  

Wie muss man sich so eine Verpflichtung vorstellen? Haben Sie sich an einer Autobahnraststätte getroffen? 
Max Eberl: Michael Frontzeck wurde samstags nach dem Spiel gegen St. Pauli beurlaubt. Dann musste alles sehr schnell gehen. Lucien Favre war gerade zufällig in Deutschland und hat sich ein Spiel der 2. Bundesliga in Bielefeld angeschaut. Auf dem Heimweg haben wir uns unterhalten und waren uns im Grunde am Sonntagabend einig. Wir haben uns übrigens nicht in einer Autobahnraststätte getroffen, sondern an einem geheimen Ort in Mönchengladbach.  

Was hat der neue Trainer in den nächsten Wochen im Training verändert? 
Max Eberl: Wir haben vor Lucien Favre viele kleine Fehler mit großen Auswirkungen gemacht. Es gab unnötige Platzverweise, falsches Verhalten bei Standardsituationen, Führungen wurden leichtfertig verspielt. Genau dort hat der neue Trainer angesetzt. Lucien Favre arbeitet sehr akribisch im taktischen Bereich, bereitet die Spieler intensiv mit Videoanalysen auf den nächsten Gegner vor. Er ist ein motivierender Fußballlehrer.   

Mitten im Abstiegskampf haben sich mehrere Alt-Borussen über die Medien zu Wort gemeldet. Hat das Ihre Arbeit erschwert? 
Max Eberl: Berti Vogts hatte sich schon vor Monaten sehr negativ über mich geäußert. Die Art und Weise fand ich schon merkwürdig. Er hätte mich einfach anrufen können; ich bin nicht beratungsresistent. Stefan Effenberg hat zunächst als »Sky«-Experte auf einen 3:0-Sieg der Dortmunder gegen uns getippt. Nachdem wir dann in der Halbzeit geführt haben, meinte er, Jürgen Klopp werde schon die richtigen Worte finden. Und nur wenige Tage später hat er sich dann auf einer Pressekonferenz als neuer Kopf der Opposition vorgestellt.  

Die »Initiative Borussia« präsentierte ein Schattenkabinett mit Ex-Trainer Horst Köppel. Stefan Effenberg wollte Ihre Position als Sportdirektor einnehmen. 
Max Eberl: Als Hauptargument hat er angeführt, man müsse mehr in die Jugend investieren. Wir hatten gegen Dortmund aber fünf Spieler unter 22 Jahren auf dem Platz. Wenn man den Verein wirklich so liebt, wie er behauptet hat, dann hätte man in der entscheidenden Phase keine Störfeuer entfacht. Lucien Favre und die Mannschaft haben sich damit aber überhaupt nicht beschäftigt. Die Unruhen sind nicht bis in die Kabine vorgedrungen.

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