16.04.2012

Gladbachs Roman Neustädter über Klopp, Schalke und Krisen

»Die Gegner sind ja nicht blind«

Roman Neustädter ist kein auffälliger Spieler, aber in Lucien Favres Mannschaft auf der Doppelsechs nicht wegzudenken. Wir sprachen mit ihm über seinen Wechsel nach Schalke, Jürgen Klopp und der EM in seinem Geburtsland.

Interview: Karol Herrmann Bild: Imago

Roman Neustädter, war Jürgen Klopp in Ihrer Kindheit öfter bei Ihnen zu Gast?
Roman Neustädter: Bei mir zu Hause nie, wie kommen Sie darauf?  

Er hat immerhin sieben Jahre lang zusammen mit Ihrem Vater Peter Neustädter bei Mainz 05 gespielt. 
Roman Neustädter: Das stimmt, ich kenne ihn seit ich sechs Jahre alt war. Mein Vater hat mich mit auf den Platz und in die Kabine genommen, wie das so üblich ist mit Kindern. Es ist aber nicht so, dass die beiden ständig um die Häuser gezogen wären. Klopp hat damals in Frankfurt gewohnt. Lustigerweise wurde er dann zunächst Trainer meines Vaters. Nur wenige Jahre später hat er mich schließlich von den Mainzer Amateuren zu den Profis geholt. Wenn wir uns treffen, fragt er immer, wie es bei mir läuft.  

Ihr Vater ist in den 90er-Jahren über 250 Mal für den Karlsruher SC und Mainz 05 aufgelaufen. Was haben Sie von ihm gelernt? 
Roman Neustädter: Bei den Mainzer Amateuren war er dann sogar mein Trainer. Ich lernte, mich auch abseits des Fußballs professionell zu verhalten. Er war aber nicht der Typ Vater, der seinen Sohn ständig unter Druck setzt. Sein wichtigster Ratschlag war: »Habe Spaß am Fußball, verkrampfe nicht und mache das Beste aus deinen Möglichkeiten.«   

Als Sie 2009 nach Gladbach wechselten, hat das anfangs nicht so gut funktioniert. Sie brauchten eine komplette Saison, um in der Bundesliga anzukommen. 
Roman Neustädter: Während Marco Reus, der zur gleichen Zeit nach Gladbach kam, relativ schnell einschlug, blieb mir nur die Reservistenrolle. Anfangs hatte ich Anpassungsschwierigkeiten, war zum ersten Mal weg von Eltern und Freunden. Ich habe schlecht trainiert und nicht gut gespielt. Wäre ich Michael Frontzeck gewesen, dann hätte ich mich selbst nicht aufgestellt.   

Unter Lucien Favre hatten Sie direkt einen Stammplatz. Innerhalb weniger Monate hat er aus dem sicheren Absteiger Mönchengladbach einen Anwärter auf die Champions-League-Plätze gemacht. Was ist passiert? 
Roman Neustädter: Lucien Favre legt sehr viel Wert darauf, dass wir ohne Ball gut verteidigen und im Spiel nach vorne, mit dem Ball, Lösungen finden. Wir sind inzwischen sehr gut eingespielt und haben uns Automatismen angeeignet. Jeder ist sich bewusst, was er auf seiner Position zu tun hat. Wer denBall bekommt, weiß sofort, wo der nächste freie Mitspieler steht. Das soll jetzt nicht die Arbeit von Michael Frontzeck abwerten, aber Favres Philosophie passt einfach besser zu unserer Mannschaft. Es sind auch Kleinigkeiten, die der Trainer aus uns herauskitzelt: Zum Beispiel, wie man sich bei der Annahme zum Ball stellen und in welche Richtung man sich drehen soll. So wird jeder Spieler von Tag zu Tag besser.

Wie wichtig waren die beiden Relegationsspiele gegen Bochum für das Mannschaftsgefüge? 
Roman Neustädter: Es war nicht nur die Relegation, sondern auch die Spiele davor, die uns zusammengeschweißt haben. Wir waren ja schon tot, also gab es jede Woche ein Endspiel. Vor einem Jahr hat uns diese Sichtweise sehr geholfen, also machen wir es jetzt wieder genauso. Daher kommt auch der Ausdruck »von Spiel zu Spiel denken«. 

Gladbach hat seit drei Spielen nicht mehr gewonnen. Warum konnte Ihre Mannschaft zuletzt nicht mehr so erfrischend aufspielen? 
Roman Neustädter: Wir haben keine Krise, aber die Gegner sind ja nicht blind. Mittlerweile haben sich gerade die Abstiegskandidaten auf uns eingestellt und agieren sehr defensiv. Für uns ist das ein weiterer Reifeprozess: Es gilt jetzt zu beweisen, dass wir auch gegen sehr tief stehende Gegner Lösungsmöglichkeiten finden – und genau daran arbeiten wir jeden Tag.   

Am Samstag treffen Sie im Duell um die Champions-League-Plätze auf Bayer Leverkusen, die vermutlich weitaus offensiver zu Werke gehen. Kommt Ihnen das entgegen? 
Roman Neustädter: Gerade gegen spielstarke Vereine, die weiter oben platziert sind, wie Bayern, Dortmund, Bremen oder Schalke haben wir in dieser Saison sehr gute Spiele gemacht. Aber auch die Leverkusener werden sich auf uns einstellen. Wir müssen vor allem auf ihre Offensivspieler aufpassen. In letzter Zeit haben sie wieder in die Spur gefunden und wollen zu uns aufschließen. Das gilt es am Samstag zu verhindern.     

Von den Rängen gab es gegen Freiburg schon Pfiffe zu hören. Können Sie das nachvollziehen? 
Roman Neustädter: Auf der einen Seite verstehe ich die Reaktionen der Fans. Aber wir müssen vorsichtig sein und dürfen dann in der 80. Minute auch nicht alles in die Waagschale werfen. Für uns war es eben wichtiger, dass hinten die Null steht. Letztes Jahr wären wir fast abgestiegen und jetzt sind wir Dritter. Normalerweise gibt es dann nichts zu pfeifen. Das passiert aus der Emotion heraus.   

Ist die Erwartungshaltung zu hoch geschraubt worden? 

Roman Neustädter: Wir haben die Messlatte mit den Spielen gegen Bayern und Bremen sehr hoch gelegt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Gladbach jemals so gut in der Tabelle stand. Dass die Erwartungen steigen, ist doch völlig normal. Aber man darf auch nicht vergessen, dass viele von uns gerade erst ihre erste richtige Saison spielen: Tony Jantschke, Harvard Nordtveit, Patrick Herrmann, Marc-André ter Stegen, nicht zuletzt ich selbst. Deswegen sollte man nicht zu früh anfangen zu träumen.  

Sie haben sich gegen eine Vertragsverlängerung in Gladbach entschieden und wechseln im Sommer zu Schalke 04. Warum sehen Sie dort bessere Perspektiven?

Roman Neustädter: Ich hätte damals auch in Mainz bleiben können, habe mich aber für Gladbach entschieden. Für mich persönlich geht es um eine neue Herausforderung. Ich bin mit meiner Entwicklung sehr zufrieden und möchte nun sehen, wie weit ich gehen kann.  

Mit Jermaine Jones, Lewis Holtby und Joel Matip ist die Konkurrenz auf Ihrer Position im defensiven Mittelfeld dort wesentlich größer. 
Roman Neustädter: Und genau dieser Konkurrenz möchte ich mich stellen. Schalke ist seit Jahren international vertreten, war letztes Jahr im Halbfinale der Champions League. Von daher ist es für mich etwas Besonderes, ab dem Sommer dort zu spielen.    

Marco Reus und Sie haben innerhalb weniger Tage verkündet, Gladbach im Sommer zu verlassen. Wie hat die Mannschaft darauf reagiert? 
Roman Neustädter: Spieler kommen und gehen, so läuft das Geschäft nun mal. Wir sind beide sehr froh, wie die Jungs reagiert haben. Keiner war sauer oder beleidigt. Marco und ich haben uns geschworen, dass wir bis zum Schluss alles für Gladbach geben werden.   

Marco Reus, ihr bester Kumpel im Team, hat sich für Dortmund entschieden. Nächstes Jahr begegnen Sie ihm im Schalke-Trikot. 
Roman Neustädter: Wir haben das noch gar nicht realisiert, aber die Freundschaft wird dann für 90 Minuten zur Seite gelegt.   

Sie sind in Dnipropetrowsk geboren und mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Es heißt, der ukrainische Verband habe um Sie gebuhlt, allerdings besitzen Sie nur einen deutschen Pass. Könnte die EM in Ihrem Geburtsland noch eine kurzfristige Option sein? 
Roman Neustädter: Im Moment bringt es nichts, mir darüber Gedanken zu machen, denn bis jetzt hat noch niemand Kontakt mit mir aufgenommen. Das Gerücht kam von der Presse. Wenn die Ukraine anfragen würde, müsste ich mir das mal durch den Kopf gehen lassen.

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