26.08.2011

Gladbachs Newcomer Tony Jantschke im Interview

»Es hat kein Hahn mehr nach mir gekräht«

Seit Tony Jantschke zum Stammspieler wurde, ging es steil bergauf mit Borussia Mönchengladbach. Wir sprachen mit dem U-21-Nationalspieler über seinen goldenen Jahrgang, Doppelkopf auf Busreisen und ein Trauma mit Mesut Özil.

Interview: Karol Herrmann Bild: Imago
Tony Jantschke, wie oft haben Sie sich in den vergangenen Tagen die Tabelle angesehen?

Tony Jantschke: Auch nicht öfter als sonst. Sind wir mal ehrlich: Ob wir erster oder vierter sind, ist nach drei Spieltagen doch egal. Wichtig ist nur, dass wir gut in die Saison gestartet sind und sieben Punkte geholt haben. Wir haben keine Lust mehr, wieder in den Abstiegsstrudel zu geraten und ständig unter diesem immensen Druck zu stehen. 



Die gleiche Mannschaft, die noch vor drei Monaten gegen den Abstieg gekämpft hat, grüßt jetzt von der Tabellenspitze. Wie kann das sein?

Tony Jantschke: Das war ein Prozess, der sich seit der Winterpause sukzessive entwickelt hat. Martin Stranzl, Mike Hanke und Harvard Nordtveit haben der Mannschaft Sicherheit gegeben. Jeder weiß jetzt, was er zu tun hat. Die Neuverpflichtungen der Sommerpause, wie Oscar Wendt, Lukas Rupp und Matthias Zimmermann stehen zwar momentan nicht in der Startelf, aber sie üben großen Druck auf die gesetzten Spieler aus.  

Gehen Sie jetzt anders in eine Partie, als noch vor wenigen Monaten, als es jede Woche ein Abstiegsendspiel gab?

Tony Jantschke: Als Spieler steht man bei jedem Spiel unter Druck, alleine schon, weil sich 50.000 Leute eine Karte gekauft haben. Der Unterschied ist aber, dass es jetzt nicht mehr um Existenzen und Millionenbeträge geht. Mit einem Punktepolster spielt es sich einfach befreiter auf. Das hat man vergangenes Jahr an Mainz gesehen. Nach einem furiosen Start hatten sie danach auch mal schwächere Phasen. Man kann sich dann den Blick auf die Tabelle sparen und muss nicht ständig damit konfrontiert werden, dass es um alles oder nichts geht. 

Warum lässt die einst so defensiv anfällige Mannschaft plötzlich kaum noch Tore zu?

Tony Jantschke: Wir arbeiten insgesamt viel besser zusammen. Jeder ist für den anderen da.  

Sie sind unter Lucien Favre zum Stammspieler auf der rechten Außenverteidiger-Position geworden. Seither ging es steil bergauf mit der Borussia. Haben Sie schon begriffen, was in den letzten Monaten passiert ist?

Tony Jantschke: Mit ist bewusst, wie das Geschäft läuft. So schnell wie man oben steht, kann es auch wieder nach unten gehen. Vor zwei Jahren hat mir Michael Frontzeck die Chance gegeben, ich habe meine Sache gut gemacht und fiel dann verletzt ein halbes Jahr aus. Danach hat kein Hahn mehr nach mir gekräht, keine Zeitung mehr über mich geschrieben. So ist der Fußball eben.  

Lucien Favre hat mal gesagt, Tony Jantschke ist ein Spieler, der sofort versteht, was man ihm vorgibt. Was genau hat er Ihnen aufgetragen?

Tony Jantschke: Zum Beispiel, dass ich weniger lange Bälle schlagen soll, sondern eher die kurzen, sicheren Pässe.  

Nach ihrem Mittelfußbruch im vergangenen Jahr haben sie gesagt: »Ich brauche keine Spielpraxis, ich bin sofort da, wenn ich gebraucht werde.« Woher nehmen Sie als 21-Jähriger dieses Selbstbewusstsein?

Tony Jantschke: Ich trainiere jeden Tag mit dem Hintergedanken, dass ich am Wochenende auch spiele. Deshalb habe ich noch nie festgestellt, dass ich erst zwei, drei Spiele brauche, um den nötigen Rhythmus zu finden.  

Sie haben 34 Jugendländerspiele für Deutschland gemacht, waren dort meist Kapitän. Haben Sie für Ihre Laufbahn feste Ziele definiert?

Tony Jantschke: Der Traum eines jeden Fußballers ist es, in der A-Nationalmannschaft zu spielen. Ich mache mir darüber aber keine Gedanken und nehme alles mit, was kommt. Wenn es am Ende hundert oder zweihundert Bundesligaspiele waren, ist das auch in Ordnung.  

Sie wurden 1990 geboren, wie Toni Kroos, André Schürrle, Ilkay Gündogan, Lewis Holtby oder Sebastian Rudy. Warum gibt es in diesem Jahrgang so viele hoch veranlagte Fußballer?

Tony Jantschke: Schwer zu sagen. Was diesen Jahrgang aber ausmacht, ist eine außerordentliche Kameradschaft. Wenn wir mit der Nationalmannschaft unterwegs waren, gab es immer einen unglaublichen Teamspirit. Ich erinnere mich an ein Spiel mit der U 19 gegen Spanien. Wir haben eine tolle Leistung gezeigt, uns in der Kabine gegenseitig heiß gemacht und angeschrien. Nur dieser Teufelskerl, David de Gea, wollte einfach kein Tor reinlassen. Somit waren wir nicht für die EM qualifiziert. Das hat uns aber noch enger zusammengeschweißt.  

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden