Gladbachs Jugenddirektor Roland Virkus im Interview

»Der Verlust von Holtby war mein Fehler«

Das Jugendinternat von Borussia Mönchengladbach wird regelmäßig mit der höchsten Bewertung ausgezeichnet. Wir sprachen mit Jugenddirektor Roland Virkus über den jungen Sebastian Deisler und Podolskis erstes Interview. Gladbachs Jugenddirektor Roland Virkus im InterviewImago

Roland Virkus, warum gibt es in Deutschland derzeit so viele hoch veranlagte Talente?

Roland Virkus: Der Schnittpunkt war die EM 2000. Nach dieser Katastrophe wurden die Leistungszentren auf breiter Basis installiert und jetzt fahren wir endlich die Ernte dieser Arbeit ein.  

Früher setzte man auf Erfahrung. Warum gehören heute junge Spieler wie Schürrle, Götze oder Müller zu den Leistungsträgern ihrer Mannschaft?

Roland Virkus: In der Jugend werden die Jungs sowohl sportlich als auch mental auf eine bevorstehende Karriere vorbereitet. Meine Meinung ist aber: Der Zyklus wird sich verändern. Die Leistungskurve dieser Generation steigt in jungen Jahren schnell nach oben, wird aber auch wieder früher nach unten gehen. Mit 26, 27 Jahren könnte das »beste Fußballalter« erreicht sein.

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Warum sind Sie so pessimistisch?

Roland Virkus: Wenn ich mir Mario Götze anschaue, wie der jetzt schon spielt, frage ich mich, was da noch kommen soll. Alleine die körperliche Belastung, die diese Spieler in jungen Jahren haben, ist enorm. Zudem wird es schwer, die Jungs auch mental über zehn, zwölf Jahre auf Spannung zu halten. Nicht falsch verstehen: Götze ist ein ganz feiner Kerl mit einer unglaublichen Sozialkompetenz. Er wird mit dem Hype um seine Person gut umgehen können. Großen Respekt an Dortmund, dass sie ihn so aufgebaut haben. Da sind wir auch nicht neidisch, sondern freuen uns einfach nur. 

Man hat das Gefühl, dass diese Generation viel professioneller auf den Einstieg ins Profileben vorbereitet ist als früher.

Roland Virkus: Sobald die Jungs in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, müssen sie im Umgang mit Medien geschult werden. Eine Marke »Podolski« darf nie wieder vorkommen. Wenn der vor seinem ersten Interview besser vorbereitet gewesen wäre, hätte er heute ein ganz anderes Image. Das tat mir für den Jungen leid. Ein Beispiel, wie es anders laufen kann, ist Olaf Thon. In jungen Jahren nicht gerade das, was man einen begnadeten Rhetoriker nennt. Heute heißt er »der Professor«.  

Wie läuft so eine Medienschulung ab?

Roland Virkus: In Verbindung mit einem Psychologen und der Presseabteilung gibt es etwa fünf Sitzungen pro Woche. Zuerst wird die Rolle der Presse erklärt, die Zusammenhänge der Branche müssen verstanden werden. Dann gibt es Rollenspiele. Ein Szenario könnte eine hohe Niederlage sein, dann kommt der Reporter und stellt eine unangenehme Frage. Die Antworten werden dann in der Gruppe reflektiert.   

Die Jugendakademien der Bundesligisten werden ständiger Kontrollen unterzogen (11FREUNDE berichtetet bereits in Ausgabe # 117). Sie haben zusammen mit drei anderen Vereinen in Deutschland drei Sterne, die höchste Bewertung, erhalten. Was bedeutet das für Sie?

Roland Virkus: Hier im Westen haben wir im Umkreis von 100 Kilometern sieben, acht Topvereine, die um die Talente buhlen. Mönchengladbach ist für die Jungs heute nicht mehr der attraktivste Verein. Ein 13-Jähriger hat die glorreichen Siebziger nicht mehr mitbekommen. Also musst du die Argumente auf deiner Seite haben. Von außen betrachtet hat man doch erstmal gar keinen anderen Anhaltspunkt, als dieses Bewertungssystem. Ich vergleiche das immer mit einer Schule: Wenn mein Kind die Qualität hat, würde ich es immer in der besten Schule unterbringen. Somit öffnet es uns Türen, wenn wir gut bewertet werden.  

Warum schneidet Mönchengladbach jedes Jahr so gut ab?

Roland Virkus: Es würde Stunden dauern, die ganzen Kategorien dieses Systems im Detail zu erklären. Grundsätzlich leben die Jugendlichen hier in einem sehr guten Umfeld, sie wohnen direkt im Stadion, haben kurze Wege. Eine Ersatzfamilie, die Lintjens, betreuen die Jungs und sorgen für den Wohlfühlfaktor im Internat. Die haben einen Touch natürliche Pädagogik. Das kann man nicht lernen.  



Warum gibt es nur zehn Plätze im Internat?

Roland Virkus: Wir möchten uns auf die Qualität beschränken und suchen uns die Spieler sukzessive, positionsspezifisch aus. Wir werden im Internat nie eine Position doppelt besetzt haben. Jetzt kann ich zum Beispiel keinen Torwart holen, weil wir mit Marc-André ter Stegen einen haben, der noch hoffentlich Jahre bei uns spielen wird. Einem jungen Torhüter kann ich jetzt  nicht erzählen, dass er unsere neue Nummer eins wird. Das wäre schlicht gelogen. Man muss den Jungs vermitteln, dass wir an sie glauben.

Welches Talent konnten Sie zuletzt überzeugen, nach Mönchengladbach zu kommen?

Roland Virkus: Letzte Saison haben wir Nico Brandenburger aus Berlin geholt. Eines der größten Talente in Deutschland auf der Sechser-Position. Obwohl Hertha BSC durchaus für eine gute Jugendarbeit bekannt ist, hat er sich bewusst für Mönchengladbach entschieden, um der Reizüberflutung der Großstadt zu entgehen. Hier kann er sich voll und ganz auf Fußball konzentrieren. Sein Vater ist sogar Scout von Bayern München, wo er auch ein Angebot hatte. Sie haben sich unseren Standort hier angesehen und waren sofort begeistert.  

Die Jugendlichen wohnen direkt im Stadion. War das auf dem Bökelberg auch schon so geregelt?

Roland Virkus: Wir hatten damals kein Internat, sondern mitten in der Stadt ein Haus angemietet. Die Betreuung ging schon um 19 Uhr nach Hause. Das war kontraproduktiv, weil die Jungs die Möglichkeit hatten, mal eben schnell auszugehen, wenn sie wollten. Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit, diesen unprofessionellen Strukturen, gelernt. Jetzt ist alles etwas abseits im Stadion, aber so können die Spieler den Fokus auf das Wesentliche richten.  

Erinnern Sie sich noch, als der junge Sebastian Deisler nach Gladbach kam?

Roland Virkus: Ich war damals noch nicht Jugenddirektor, erinnere mich aber gut, wie Norbert Meier, der Deisler damals holte, belächelt wurde. Der Junge war einfach zu klein und zu schmächtig. Als er dann einmal am Ball war, haben alle nur noch gestaunt. Das war ein begnadeter Fußballer und auch privat ein sehr sympathischer Mensch. Meiner Meinung nach kam der Wechsel nach Berlin viel zu früh.  

Wer hat es letztendlich aus dem Internat in den Profibereich geschafft?

Roland Virkus: Marko Marin, Tony Jantschke und Patrick Herrmann. Dazu kommt noch Yunus Malli, den wir leider gerade an Mainz verloren haben und Julian Korb, der in den Profikader aufgerückt und kurz vor seinem Debüt steht. In sechs Jahren Borussia-Park haben es also fünf geschafft.  Spieler wie Marcell Jansen oder Tobias Levels vom alten Internat natürlich nicht mitgezählt.  

Was ist mit Marc-André ter Stegen?

Roland Virkus: Der ist ja in Gladbach geboren und wohnt deshalb nicht im Internat. Wenn es machbar ist, ist es immer besser zu Hause zu wohnen. Aber ich habe ter Stegen vier Jahre lang in der Jugend  trainiert.  

Konnten Sie damals schon ahnen, dass er so einschlagen wird?

Roland Virkus: Es wäre eine Lüge, wenn ich das behaupten würde. Aber jeder, der ihn in der  C-Jugend gesehen hat, wusste, dass die Wahrscheinlichkeit Profi zu werden, bei ihm sehr hoch ist. Ich behaupte sogar: Er wird mal besser als Manuel Neuer. Neuer ist genial, keine Frage, aber ter Stegen ist ein noch besserer Fußballer, der sein Handwerk exzellent beherrscht.  

Um welche heutigen Stars haben Sie sich in der Vergangenheit vergeblich bemüht?

Roland Virkus: Dass Lewis Holtby heute nicht bei Gladbach spielt, ist gewissermaßen mein Fehler. Ich habe ihn als 14-Jährigen trainiert, konnte ihm aber keine volle Einsatzzeit bei uns garantieren. Er hat dann zu mir gesagt, dass er bei Alemannia Aachen einen Stammplatz bekäme und gerne wechseln würde. Also habe ich mich beim Trainer von Aachen rückversichern lassen und ihm die Freigabe erteilt. Aus heutiger Sicht ein Fehler. Es ist aber auch schwer zu sagen, ob er sich bei uns so hervorragend entwickelt hätte.

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Morgen um 8 Uhr auf www.11freunde.de: Eine ausführliche Reportage über das Gladbacher Jugendinternat!

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