31.08.2011

Gladbachs Jugenddirektor Roland Virkus im Interview

»Der Verlust von Holtby war mein Fehler«

Das Jugendinternat von Borussia Mönchengladbach wird regelmäßig mit der höchsten Bewertung ausgezeichnet. Wir sprachen mit Jugenddirektor Roland Virkus über den jungen Sebastian Deisler und Podolskis erstes Interview.

Interview: Karol Herrmann Bild: Imago
Roland Virkus, warum gibt es in Deutschland derzeit so viele hoch veranlagte Talente?

Roland Virkus: Der Schnittpunkt war die EM 2000. Nach dieser Katastrophe wurden die Leistungszentren auf breiter Basis installiert und jetzt fahren wir endlich die Ernte dieser Arbeit ein.  

Früher setzte man auf Erfahrung. Warum gehören heute junge Spieler wie Schürrle, Götze oder Müller zu den Leistungsträgern ihrer Mannschaft?

Roland Virkus: In der Jugend werden die Jungs sowohl sportlich als auch mental auf eine bevorstehende Karriere vorbereitet. Meine Meinung ist aber: Der Zyklus wird sich verändern. Die Leistungskurve dieser Generation steigt in jungen Jahren schnell nach oben, wird aber auch wieder früher nach unten gehen. Mit 26, 27 Jahren könnte das »beste Fußballalter« erreicht sein.

 

Warum sind Sie so pessimistisch?

Roland Virkus: Wenn ich mir Mario Götze anschaue, wie der jetzt schon spielt, frage ich mich, was da noch kommen soll. Alleine die körperliche Belastung, die diese Spieler in jungen Jahren haben, ist enorm. Zudem wird es schwer, die Jungs auch mental über zehn, zwölf Jahre auf Spannung zu halten. Nicht falsch verstehen: Götze ist ein ganz feiner Kerl mit einer unglaublichen Sozialkompetenz. Er wird mit dem Hype um seine Person gut umgehen können. Großen Respekt an Dortmund, dass sie ihn so aufgebaut haben. Da sind wir auch nicht neidisch, sondern freuen uns einfach nur. 

Man hat das Gefühl, dass diese Generation viel professioneller auf den Einstieg ins Profileben vorbereitet ist als früher.

Roland Virkus: Sobald die Jungs in den Fokus der Öffentlichkeit geraten, müssen sie im Umgang mit Medien geschult werden. Eine Marke »Podolski« darf nie wieder vorkommen. Wenn der vor seinem ersten Interview besser vorbereitet gewesen wäre, hätte er heute ein ganz anderes Image. Das tat mir für den Jungen leid. Ein Beispiel, wie es anders laufen kann, ist Olaf Thon. In jungen Jahren nicht gerade das, was man einen begnadeten Rhetoriker nennt. Heute heißt er »der Professor«.  

Wie läuft so eine Medienschulung ab?

Roland Virkus: In Verbindung mit einem Psychologen und der Presseabteilung gibt es etwa fünf Sitzungen pro Woche. Zuerst wird die Rolle der Presse erklärt, die Zusammenhänge der Branche müssen verstanden werden. Dann gibt es Rollenspiele. Ein Szenario könnte eine hohe Niederlage sein, dann kommt der Reporter und stellt eine unangenehme Frage. Die Antworten werden dann in der Gruppe reflektiert.   

Die Jugendakademien der Bundesligisten werden ständiger Kontrollen unterzogen (11FREUNDE berichtetet bereits in Ausgabe # 117). Sie haben zusammen mit drei anderen Vereinen in Deutschland drei Sterne, die höchste Bewertung, erhalten. Was bedeutet das für Sie?

Roland Virkus: Hier im Westen haben wir im Umkreis von 100 Kilometern sieben, acht Topvereine, die um die Talente buhlen. Mönchengladbach ist für die Jungs heute nicht mehr der attraktivste Verein. Ein 13-Jähriger hat die glorreichen Siebziger nicht mehr mitbekommen. Also musst du die Argumente auf deiner Seite haben. Von außen betrachtet hat man doch erstmal gar keinen anderen Anhaltspunkt, als dieses Bewertungssystem. Ich vergleiche das immer mit einer Schule: Wenn mein Kind die Qualität hat, würde ich es immer in der besten Schule unterbringen. Somit öffnet es uns Türen, wenn wir gut bewertet werden.  

Warum schneidet Mönchengladbach jedes Jahr so gut ab?

Roland Virkus: Es würde Stunden dauern, die ganzen Kategorien dieses Systems im Detail zu erklären. Grundsätzlich leben die Jugendlichen hier in einem sehr guten Umfeld, sie wohnen direkt im Stadion, haben kurze Wege. Eine Ersatzfamilie, die Lintjens, betreuen die Jungs und sorgen für den Wohlfühlfaktor im Internat. Die haben einen Touch natürliche Pädagogik. Das kann man nicht lernen.  

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