Gladbachs Geschäftsführer Stephan Schippers über das DFL-Konzept »Stadionerlebnis«

»Das Papier wird die Fankultur nicht zerstören«

Am Mittwoch wird in Frankfurt über das DFL-Konzept »Stadionerlebnis« entschieden. Borussia Mönchengladbach wird dafür stimmen. Geschäftsführer Stephan Schippers über Präventivarbeit mit Fußballfans, »Chaoten« in den Kurven und Vollkontrollen vor dem Stadion.

Stephan Schippers, am Mittwoch wird in Frankfurt über das DFL-Konzept »Stadionerlebnis« entschieden. Fan-Initiativen protestieren seit Wochen gegen eine Umsetzung. Nun mehren sich die kritischen Stimmen der Vereinsvertreter. Zuletzt hat der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl Jarchow gesagt, dass sein Klub das Papier ablehnen wird. Wie stehen Sie zu dem Konzept?
Wir hoffen, dass die Mitgliederversammlung des Ligaverbandes das Papier bestätigt und es verabschiedet wird. Wir werden dafür stimmen.
 
Die aktiven Fans glauben, dass dieses Konzept das Ende der Fankultur sein wird, wie wir sie heute kennen. Sie teilen diese Befürchtungen also nicht?
Wir glauben nicht, dass dieses Papier dazu geeignet ist, die Fankultur zu zerstören. Im Gegenteil: Wir werden es mit diesem Konzept schaffen, den friedlichen Stadiongängern – und das sind mehr als 99 Prozent – ein sicheres Fußballspiel weiterhin zu ermöglichen.
 
Die aktiven Fans monieren, dass sie nicht in die Erarbeitung der Thesen involviert waren. Wie sehen Sie die Genese des Papiers?
Es gibt sicherlich Kritikpunkte. Grundsätzlich denken  wir aber, dass die Erarbeitung richtig war. Wenn ich auf einem grünen Feld starte und dann sage: »Lasst uns mal alles sammeln, was euch einfällt«, komme ich nie zu einem Ergebnis. Wenn ich aber  einen Katalog mit Grundgedanken versende und die Vereine auffordere, diesen mit ihren Fans zu diskutieren und Meinungen oder Gedankengänge dazu zu äußern, bin ich zuerst einmal auf einem guten Weg. Zumal sich durch diese Dialoge ja de facto Änderungen ergeben haben.
 
Haben Sie mit den Fans von Borussia Mönchengladbach gesprochen?
Es hat einen regen Austausch mit dem Fanprojekt und den Fanbeauftragten  gegeben. Wir haben die verschiedenen  Fassungen des Konzepts ausgiebig diskutiert, einige Thesen wurden auch kritisiert. Noch immer gibt es Punkte, die man im Laufe des angestrebten Prozesses verfeinern kann.
 
Welche Punkte halten Sie weiterhin für diskussionswürdig?
Dem Konzept zufolge sollen die ersten Ergebnisse in drei Jahren evaluiert werden. Wir finden, dass man das schon sehr viel früher machen kann. Ansonsten  können wir mit den drei Kernaussagen sehr gut leben. Das Papier positioniert sich gegen Rassismus, gegen Gewalt und plädiert für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen. Darunter fällt auch das Verbot von Pyrotechnik. Darüber hinaus verbessert es insgesamt die Rahmenbedingungen, zum Beispiel durch regelmäßige Schulungen der Ordnungskräfte.  
 
Die Fans ziehen drei andere Kernaussagen aus dem Papier: Es geht zum Beispiel um eine Reduktion der Gästekarten, wenn ein Spiel als »Risikospiel« deklariert wird. Die Fans tragen Sorge, dass die Heimvereine so die Möglichkeit haben, willkürlich »Risikospiele« auszurufen, um mehr Tickets für Heimfans zur Verfügung zu haben. Wie stehen Sie zu der Aussage?
Zunächst einmal war diese Reduktion bislang auch ohne DFL-Papier möglich, denn in Paragraph 32 der Richtlinien zur Verbesserung bei Bundesligaspielen ist dieser Punkt bereits verankert. Im aktuellen Papier ist sie eher zugunsten der Fans verfeinert worden, denn Gegenstand dieses Punktes sind nicht mehr nur die Steh- sondern auch die Sitzplätze. So wie in der Vergangenheit auch werden aber Vereine und Verbände sehr behutsam mit der Möglichkeit der Reduktion umgehen, und diese nicht willkürlich einsetzen.
 
Weiterhin fehlt den Fans in dem Papier ein klares Bekenntnis zu den Stehplätzen.
Ligapräsident Reinhard Rauball hat mehrfach betont, dass die Stehplätze nicht zur Disposition stehen. Ist das etwa ein halbherziges Bekenntnis? Auch wir finden nicht, dass die Abschaffung ein probates Mittel ist, um die Stadien zu befrieden. Aber dies ist auch in keiner Weise Gegenstand des Antragspaketes. Im Gegenteil: Die Stehplätze gehören zur Fußballkultur!

Haben die Vereine und Verbände nicht die Macht, sich gegen die Politik zu stellen? Der DFB ist immerhin der größte Sportverband der Welt.
Hier geht es nicht um irgendeine Konfrontation, sondern einzig um die Weiterentwicklung und Sicherheit der Spiele. Wenn wir es als Vereine schaffen, dass wir gemeinsam die geforderten Mindeststandards verankern, dann ist die Abschaffung der Stehplätze kein Thema in der Politik. Denn auch die Politik hat kein Interesse, die Fußballkultur anzugreifen, nur weil einige wenige das friedliche Stadionerlebnis gefährden.
 
Fern vom ZIS-Statistiken und Medienhysterie: Ist ein Fußballstadion heute nicht viel sicherer als in den achtziger oder neunziger Jahren?
Ich bin auf der Bökelstraße groß geworden, und manchmal konnte ich da richtige Kloppereien beobachten. Die Stimmung im und um das Stadion ist heute eine ganz andere, sie ist friedlicher, da gebe ich Ihnen recht.
 
Muss es dann überhaupt ein Sicherheitskonzept geben?
Ja. Wir  glauben, dass es wichtig ist. Es kommen im Schnitt über 44.000 Zuschauer zu den Spielen der Ersten Liga. Die Fans haben ein Recht darauf, das Fußballerlebnis sicher zu genießen. Eine Lizensierung beispielsweise, wie sie bereits im Nachwuchsbereich durchgeführt wird, könnte auch hier eine probates Mittel sein, um die Qualität und Sicherheit in den Stadien zu erhöhen.
 
Aber eine hundertprozentige Befriedung eines Fußballspiels ist Utopie.
Das stimmt auch. Wir  kennen auch den Oktoberfest-Vergleich, und wenn die Zahlen nicht lügen, dann liegt die Verletztenquote dort weit über der einer gesamten Bundesligasaison. Massenveranstaltungen bergen Risiken. Ein Fußballspiel ist allerdings vergleichsweise ungefährlich. Doch sollen wir uns darauf ausruhen? Wir plädieren für präventive Arbeit und für einen Dialog mit Fans, so wie wir ihn seit Jahren in Gladbach mit dem »AK Fandialog « handhaben. Doch es gibt auch das Tagwerk – und da werfen immer noch Chaoten Bengalos aufs Spielfeld oder suchen Ausschreitungen. Deshalb ist neben der präventiven Arbeit auch die Überwachung und Aufklärung sehr hilfreich.
 
Ein weiterer Kritikpunkt der Fans sind die Vollkontrollen vor einem Stadionbesuch.
Aber doch nur im absoluten Extremfall als Ultima Ratio. Wir haben manchmal das Gefühl, dass dem einen oder anderen Vereins- oder Fanvertreter das bestehende Regelwerk und das überarbeitete Antragspaket gar nicht en detail bekannt sind.
 
Dennoch: Entsteht durch einen solchen Passus nicht eine Drohkulisse?
Die Möglichkeit der intensiven Personenkontrolle besteht doch heute schon, je nach Einschätzung der Polizei und der Vereine. Das Konzept sieht doch keine Verschärfung vor, sondern nur eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Die Entscheidung, wer dort kontrolliert wird, obliegt weiterhin den Heimvereinen und den Ordnungskräften vor Ort. Und die sind auch hier angewiesen, Fingerspitzengefühl zu beweisen. Niemandem ist an Vollkontrollen per se gelegen.

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