Gladbach-Fan Bernd Geschwind über Manolo, den Bökelberg und das Leben in Köln

»Noch einer mit Trommel?«

Er wurde von Manolo geohrfeigt, hat für Stefan Effenberg getrommelt und den ersten Gladbach-Fanclub auf Kölner Boden gegründet: Bernd Geschwind blickt auf eine bewegte Kurvenkarriere zurück. Im Interview spricht er über rheinische Fehden, Lederkutten und Bumm-Bumm.

Bernd Geschwind, wieviel Kraft hatte Manolo in den Armen?
Eine Menge. Kleiner Mann, große Wirkung. Die Backpfeife, die er mir damals gegeben hat, war nicht von schlechten Eltern. Danach musste ich mich erstmal orientieren.

Keine Chance, dem Schlag auszuweichen?
Nein, Manolo kam von hinten. Er stieg vom Zaun, ging in der Westkurve raus, kam zur Nordkurve wieder rein und dann bis Block 15, zu mir. Ich hatte nichts mitbekommen und spähte angestrengt zum Spielfeld. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter, ich drehte mich um und hatte eine sitzen. Keine Chance.

Geohrfeigt von Manolo, der Gladbacher Fanikone. Sie gaben kein Backenfutter retour?
Ich war völlig perplex und taumelte zurück. Manolo bellte wütend: »Hier nur ich trommeln!« Dann schoben uns beistehende Fans auseinander. Hätte ich zurückgewatscht, wäre es vermutlich sehr ungemütlich geworden. Hinter Manolo hatten sich ein paar kräftige Jungs aufgebaut.

Wir rollen die Geschichte von vorne auf: Sie waren damals 18 Jahre alt und hatten gerade erst angefangen, auch am Bökelberg zu trommeln. In Block 15, schräg hinter dem Zaunsitz von Manolo. Eigentlich ein Affront.
Anfangs drehten sich die Fans verwundert um. Wie jetzt, noch einer mit Trommel? Einige fanden das scheiße, immerhin gab es Manolo seit den Siebzigern. Aber die meisten Anhänger haben mich schnell aufgenommen. »Du kannst wenigstens trommeln«, haben sie mir gesagt. Und sie hatten Recht. Manolo – Gott habe ihn selig! – machte ja eher sein eigenes Ding. Bumm-Bumm, immer nur: Bumm-Bumm. Ich habe auf die Gesänge gewartet und bin dann in den Rhythmus eingestiegen. Das kam an.

Nur nicht bei Manolo.
Ich habe ihn doch bewundert! Er war der Grund, warum ich mir eine Trommel zugelegt habe. Manolo war einzigartig in der Bundesliga, ein Original! Ein Türke, den die Fans nach einem Spanier riefen! Aber damals war er plötzlich ein bisschen außen vor, oben auf seinem Zaun. Ich stand im Herzen der Chöre und durfte der Pulsschlag sein. Das hat ihn geärgert.

Nach der Backpfeife ging der Trommel-Streit sogar zum Fanprojekt.
Das Fanprojekt steckte noch in den Kinderschuhen. Der Fanbeauftragte Holger Spiecker musste zwischen mir und Manolo vermitteln. Der Kompromiss: Ich sollte vor allem auswärts trommeln und Manolo am Bökelberg. Man konnte und wollte Manolo, dieser Ikone, natürlich nicht einfach das Trommeln verbieten.

Waren Sie verfeindet?
Ach, nein. Irgendwann hat sich Manolo an meine Präsenz gewöhnt, erst auswärts, und dann hat er auch nichts mehr gesagt, als ich am Bökelberg mit Trommel auftauchte. Wir haben zwar nie Seite an Seite getrommelt, aber eines Tages mit einem kalten Bier angestoßen.

Sie sind seit Ihrer Kindheit glühender Borussia-Fan. Warum?
Das ging gar nicht anders. Mein älterer Bruder Friedhelm hat die glorreichen Siebziger miterlebt, die Fohlen-Elf von Hennes Weisweiler. Er gab diese Begeisterung an mich weiter. 1985 schenkte mir mein anderer Bruder, Christoph, zum 16. Geburtstag den ersten Stadionbesuch. Gegen Bayern München, fantastische Stimmung! Von da an pilgerte ich regelmäßig ins Stadion.

Welche Erinnerungen weckt der alte Bökelberg bei Ihnen?
Die steilen Ränge! Man fühlte sich dem Rasen ganz nahe. Noch näher kam man ihm nur, wenn ein Tor fiel. Da lag man plötzlich, eingewickelt in Lametta und Luftschlangen, vier Meter weiter unten. Der Bökelberg war ein Kessel, der durch und durch auf Fußball ausgerichtet war. Keine Distanz, keine Tartanbahn.

Sie wollten Teil der Stimmung werden – und kauften Ihre Trommel ausgerechnet in Köln.
Zuerst kam die Kutte. Ich schnitt von einer alten Motorradjacke die Ärmel ab und schmückte das Leder. Wann immer ich sechs Aufnäher beisammen hatte, lief ich zu unserem Dorfschuster in der Eifel und ließ die Sticker gegen kleines Geld auftragen. Als die Kutte nicht mehr reichte, habe ich in einem Musikladen am Kölner Barbarossaplatz die Trommel gekauft. Eine einfache Maschtrommel, von mir umgemodelt, neu gestrichen und mit anderem Fell bezogen, um die Lautstärke zu oben zu treiben. Ich kaufte auch zwei neue Stöcke und schlug fortan von beiden Seiten drauf.



In der Kurve kannte man Sie schnell als »Flower«...
Meine Eltern hatten in der Eifel ein Blumengeschäft. Der Name blieb haften. Seit den späten Neunzigern trommle ich allerdings nicht mehr. Ich bin Koch und fuhr viel zur See. Ich musste die Trommel damals berufsbedingt an den Nagel hängen.

Rückblickend: Das legendärste Spiel als Trommler?
Auswärts, München, 14. Oktober 1995. Das 2:1 war der erste Gladbacher Sieg bei den Bayern nach 30 Jahren. Nach dem Schlusspfiff leerte sich das weite Olympiastadion schnell, nur unser Block blieb noch lange stehen und forderte vehement die Mannschaft. Das Team trat in Unterhosen vor der Kurve an, Stefan Effenberg machte halbnackte Liegestütze zum Takt meiner Trommel.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Monolo starb?
Na klar. Ein Freund aus der Fanszene rief mich an und berichtete mir von Manolos Tod. Die Borussia-Homepage hatte eine Kondolenz eingerichtet. Ich war natürlich bestürzt. Manolo war noch nicht so alt, er starb viel zu früh. Am 30. April 2008 hat Borussia Mönchengladbach ohne Zweifel seinen größten Fan verloren.

Sie wurden bei den Fohlen nicht nur als jugendlicher Trommler, sondern auch anderweitig bekannt: Angeblich haben Sie den ersten Gladbach-Fanclub auf Kölner Boden gegründet.
Das geschah einerseits aus purer Pragmatik, andererseits aus Selbstschutz. Ich kannte Gladbacher in Köln, aber alle waren sie verstreut und unorganisiert. Außerdem war es damals so, dass man sich im Zweifelsfall deftige Sprüche gefallen lassen musste, wenn man im Borussia-Outfit durch Köln ging. Beides wollten wir ändern. Je größer unsere Gruppe, desto kleiner die Wahrscheinlichkeit, angegriffen zu werden, dachten wir. Und die Gemeinschaft sollte ein schöner Bonus sein.

Beschwipster Siegestaumel oder traurige Trotzreaktion nach einer bitteren Niederlage: Welche Situation war Mutter des Gedanken?
Die Idee reifte im Moment des Triumphs. Gladbach hatte 1995 in Berlin den DFB-Pokal gewonnen, ich war mit meinem Bruder in die Hauptstadt gefahren, natürlich samt Trommel, und während der Rückfahrt im Sonderzug beschlossen wir, sowie ein befreundeter Fan die historische Gründung. Feierlich begangen wurde sie wenig später mit fünf Leuten in einer Kölner Kneipe. Die »Kölner Borussen« wuchsen ziemlich schnell, insbesondere die Auswärtsfahrten brachten uns immer neue Mitglieder in den Fanclub. Zu besten Zeiten zählten wir 25 Leute.

Sie trafen sich in der Höhle des Löwen, wenn man so will. Musste alles top secret bleiben?
Nein, wir haben Flagge gezeigt. Pulli, Schal, Fahne. Damals war die Rivalität aber auch noch nicht so ins Dramatische übersteigert, wie das heute der Fall ist. Wie wurden zwar beizeiten angegriffen, waren aber nicht auf Randale aus. Heute trauen sich viele Gladbacher das offene Bekenntnis zu ihrem Verein nicht mehr zu, wenn sie durch Köln gehen. Ich kann das nachvollziehen. Die Stimmung hat sich gewandelt.

Wie lebt es sich denn 2012 als Gladbachfan in der Domstadt?
Ich weiß heute, an welchen Stellen ich aufpassen muss und welche Straßen schaltragend zu meiden sind. Wenn die Tram am Spieltag über den Hauptbahnhof fährt, steige ich lieber eine Station vorher aus und nehme für den Restweg bis zur City ein Taxi. Der Bahnhof ist und bleibt ein heißes Pflaster.

Trotzdem existieren mittlerweile mehrere Borussia-Fanclubs in Köln. Eine Entwicklung, die Sie in Gang gesetzt haben. Fühlen Sie Pioniersstolz?
Die Entwicklung ist klasse und freut mich sehr. Auch wenn es unseren Fanclub, die Kölner Borussen, längst nicht mehr gibt, ist die Signalwirkung, die von ihm ausging, nicht zu unterschätzen. Wir haben damals ein Zeichen gesetzt. Wenn unsere Gruppe am Bökelberg aufschlug, hieß es immer: Ah, da kommen unsere Kölner! Die Fangemeinschaft fand die Aktion ziemlich feist.

Bernd Geschwind, sind Sie verheiratet?
Oh ja (lacht). Meine Frau kommt aus Köln und ist FC-Fan.

...
Doch, wirklich. Wir haben uns aber nicht beim Spiel kennengelernt, sondern im Karneval. Weil Sie ein FC-Trikot trug, musste ich gleich gestehen, dass ich Borusse bin. Hat trotzdem funktioniert. Liebe ist stärker als Vereinsbande.

Sie streiten nie über Fußball?
Einmal – Köln empfing Gladbach, Derbyzeit – liefen wir Hand in Hand zum Stadion. Sie in ihrem FC-Trikot, ich in meinem Gladbach-Hemd. Natürlich war großes Polizeiaufgebot vor Ort, das die Fangruppen voneinander trennen sollte. Ein Polizist öffnete die Tür seines Einsatzwagens, starrte ungläubig zu uns und brüllte dann über zwanzig Meter: »Das darf ja wohl nicht wahr sein. Aber genau so muss es sein!«

Sie gehen nur noch selten ins Stadion, gucken die meisten Spiele daheim oder in einer Gladbach-Kneipe in Köln. Vermissen Sie manchmal die wilden, alten Zeiten in der Kurve, untermalt vom Sound der Trommel?
Die Jungs! Der Bökelberg! Die Trommelei! Natürlich blicke ich mit Wehmut auf diese Epoche zurück. Wenn ich heute zur Arena fahre, hat sich doch so manches entfremdet. Ich weiß: Ein neues, modernes Stadion ist wichtig, um wirtschaftlich konkurrieren zu können. Familiär wie einst auf dem Bökelberg wird es aber nie wieder sein.

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