08.08.2009

Gipfeltreffen der Revierhirsche

»Viel drauf haste aber nicht«

Matthias Herget, Michael »Ata« Lameck und Michael Zorc waren als Profis dem Ruhrgebiet treu. Vor dem Derby Bochum-Dortmund am Samstag fragten wir die drei Urgesteine über Leben und Malochen im Revier.

Interview: Tim Jürgens und Thorsten Schaar Bild: imago

Matthias Herget, Michael Lameck, Michael Zorc, herzlich willkommen zum Reviergipfel in 11FREUNDE SPEZIAL. Was vermissen Sie im heutigen Fußball am meisten, wenn Sie an die Achtziger zurück denken?

Lameck: Wir waren viel näher dran am Publikum. Wenn heute die Mannschaftsbusse in die Stadien fahren, kommen die Fans an die Spieler doch gar nicht mehr ran.

Herget: Aber Ata, heutzutage kommen 4000 Zuschauer zum Training auf Schalke. Da braucht man Regeln.

Zorc: So extrem ist das alles gar nicht. In Dortmund haben wir ein nicht öffentliches Training pro Woche. Eins! Und nach dem Training werden die Tore zum Platz aufgemacht, so dass die Spieler an den Zuschauern vorbei gehen und Autogramme geben können.

Herget: Und überhaupt, Ata, wann haben wir früher Autogramme geben müssen?

Zorc: Genau, es war doch gar keiner da! Als Fußballer haben wir in den Achtzigern auf einem anderen Stern gelebt. (lacht)

Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Zorc: Auf jeden Fall. Am BVB-Trainingsplatz standen vielleicht zehn Rentner, zwei Jungs und drei Journalisten – zwei von der Lokalzeitung und einer von der »Bild«.

Herget: In Uerdingen gab es nur fünf Rentner. Sonst machte sich doch keiner die Mühe, zu uns raus zu kommen!

Gab es über das Training hinaus Kontakt zu Fans?

Lameck: In unserer Vereinsgaststätte beim VfL traf man sich nett beim Bierchen. Das war wie eine große Familie. Da freute sich die Wirtin, wenn wir kamen und manchmal lud sie uns hinten am Tresen auf einen Kleinen ein.

Herget: In Uerdingen war das auch so. Was sich heute in VIP-Räumen abspielt, passierte früher eben in Kneipen.

Wie groß war die Rivalität zwischen Ihren Klubs damals?

Herget: Bei den Fans gravierender als unter uns Spielern.
Lameck: Einige sind ja auch zwischen den Vereinen gewechselt.

Zorc: Als ich nach Dortmund kam, spielten da etwa Rüdiger Abramczik, Uli Bittcher und Rolli Rüssmann, die auf Schalke groß geworden waren oder Jupp Tenhagen, der von Bochum zu uns kam. Die waren aufgrund ihrer Spielweise auch beim BVB voll anerkannt.

War der gewöhnliche Fußballfan aggressiver als ein heutiger Besucher in den Multifunktionsarenen?

Zorc: Schwer zu sagen. Sicher gab es deutlich mehr Ausschreitungen als heute. Aber Fanbetreuung zahlt sich eben aus.

Bekamen Sie als Spieler etwas von der Gewalt mit?

Lameck: Im Stadion nicht, aber wir haben die Schlägereien natürlich gesehen, wenn wir zum Bus gingen. Damals waren die Behörden noch nicht so clever, bei Derbys die Fangruppen voneinander getrennt vom Stadion weg zu leiten.

Zorc: Zu meiner Zeit wurden A-Jugendspiele oft dazu genutzt, um auf rivalisierende Fans zu treffen. Da gab es oft Verletzte, weil diese Spiele nicht so im Fokus standen und entsprechend weniger überwacht waren.

Welcher Erstligist aus dem Revier war der unangenehmste Gegner: Dortmund, Schalke, Bochum oder Uerdingen?

Zorc: Ich habe nie gerne in Bochum gespielt, weil die immer als Underdog galten. Die haben uns vom BVB das Leben ganz schön schwer gemacht. Oft haben wir da nicht gewonnen.

Wie sehen Sie das, Michael Lameck?

Lameck: Ich fand Schalke unschön, weil die so eine breite Laufbahn hatten. Ständig musste man den Ball holen, weil es damals noch nicht so viele Balljungen gab.

Matthias Herget, Sie haben auf Schalke, in Bochum und bei Bayer Uerdingen gekickt.

Herget: Ich muss sagen, dass vom Stadion auf Schalke immer eine unangenehme Atmosphäre ausging. Deswegen habe ich lieber in Dortmund oder in Bochum gespielt, weil dort alles kompakter war. Aber im »Parkstadion« – das war ätzend.

Wegen der großen Distanz zum Spielfeld.

Herget: Eben. Mit acht- bis neuntausend Leuten in der Schalker Schüssel war das der reinste Totentanz.

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