21.04.2010

Giovane Elber über Lyon und Bayern

»Wie ein Eigentor«

An Giovane Elber erinnern wir uns als Spaßvogel. Doch nicht alles in seiner Laufbahn war so locker wie sein Charakter. Hier spricht er über sein traurigstes Tor, Effes Launen und warum er bei Hitzfeld immer der Schuldige war.

Interview: Peter Wagner Bild: imago
Ein Ereignis, bei dem das sicher schwer fiel, war das Champions League-Finale 1999 gegen Manchester United. Wie haben Sie dieses Drama damals mitbekommen?

Ich war damals verletzt und zusammen mit Bixente Lizarazu auf der Tribüne. Der damalige UEFA-Präsident Lennart Johannson kam auf mich zu und forderte uns auf, zur Siegerehrung zu gehen. Also schaute ich zu Lizarazu rüber und sagte ihm: »Liza, wir sollen runter, weil wir haben das gewonnen.« (Pause) Tja, und dann verliert man so kurz vor Schluss noch so ein Spiel. Es war für jeden schwer, aber ich hatte noch viel mehr Mitleid mit den Spielern auf dem Platz, weil sie ihr Bestes gegeben haben. Leider hatte Manchester zum Schluss das Glück, so ein Spiel zu gewinnen. Aber zwei Jahre später hatten wir das Glück, dazu einen sehr guten Olli Kahn im Tor, und wurden selbst Champions League-Sieger.

Gab es durch dieses Drama eine »Jetzt gewinnen wir die Champions League erst recht«-Stimmung?

Es war nicht einfach für uns, wieder auf das Tagesgeschäft umzusteigen. Ottmar Hitzfeld meinte damals: »Jetzt hat keiner Bock auf Fußball, weil wir haben ein Spiel verloren, dass man normalerweise nicht verliert. Aber da muss man durch, das ist Fußball.« Und so ist es, man muss immer an sich glauben. Auch wenn ich persönlich nach 1999 dachte, man muss jetzt zehn Jahre warten, bis man wieder in das Endspiel kommt. Aber die Mannschaft hatte alles miterlebt, sie wurde Meister und verlor die Champions League, beides in den letzten Sekunden eines Spiels. Dadurch wurde sie stärker – und das war wohl auch ein Grund für den Erfolg gegen Valencia 2001.

Wie groß war der Anteil von Ottmar Hitzfeld an den großen Erfolgen?

Ich glaube, ein anderer Trainer hätte es nicht geschafft, wieder in ein Champions League-Finale zu kommen, geschweige denn, den Weltpokal zu gewinnen. Egal ob ein Capello oder ein Rijkaard. Hitzfeld war und ist ein Gentleman, der seine Spieler gut eingeschätzt hat und wusste, welchem Spieler er was mitgeben muss. Ich war zum Beispiel einer, der immer in der Kritik stand. Wenn wir schlecht gespielt haben, war immer ich schuld. Dann fragte ich ihn einmal: »Trainer, das gibt es doch nicht, wir sind 15 gute Spieler. Wenn wir gewinnen, werden alle gefeiert, wenn wir verlieren, bin ich schuld. Dann meinte er zu mir: »Giovane, soll ich zu einem Roque Santa Cruz so etwas sagen? Oder zu einem Claudio Pizarro? Die sind noch jung, wenn sie mit so einer Kritik konfrontiert werden, brauchen sie drei Monate, um zurück zu kommen. Bei dir weiß ich aber, du verkraftest das.« Auch wenn es für mich manchmal nicht einfach war, habe ich diese Kritik im Sinne der Mannschaft dann gerne angenommen.

Hitzfeld wurde mit den Bayern Herbstmeister und steht dennoch fortwährend zur Diskussion. Müsste man Hitzfeld heute mehr Vertrauen entgegen bringen?

Ich glaube, das Problem bei den Bayern diese Saison waren die Aussagen vor Meisterschaftsbeginn. Es hieß, die anderen werden die Bayern nur mehr durchs Fernglas sehen, und der FC Bayern hat die beste Mannschaft aller Zeiten. Als Spieler nimmst du das nicht so ernst, weil du weißt, die Spiele werden am Platz entschieden und nicht am Papier. Der Trainer verspürt aber natürlich einen großen Druck, weil er weiß, dass er eine außergewöhnliche Mannschaft zur Verfügung hat. Doch Hitzfeld ist klug genug und wird den Kritikern mit Siegen am Platz die Antwort geben. Die schwierige Phase, wie zum Ende der Hinrunde, hat jede Mannschaft in jeder Saison, das ist ganz normal.

Wurden manche Bayern-Spieler zu früh gelobt?


Vielleicht ja. Aber wenn man zum Beispiel einen Ribéry hernimmt, der muss jetzt eigentlich noch besser spielen als an den ersten Spieltagen. Die Gegner wissen jetzt, dass man ihn nicht frei stehen lassen kann und zu zweit decken muss, weil er ein Spiel allein entscheiden kann. Es ist so wie Olli Kahn gesagt hat, dass man sich beim FC Bayern nicht zu früh freuen darf, wenn man drei oder vier gute Spiele gemacht hat. Man muss eine gute Leistung über die gesamte Meisterschaft zeigen.

Glauben Sie, die Bayern können mit der heutigen Mannschaft ähnlich erfolgreich werden wie früher zu Ihrer Zeit?

Ich glaube schon. Leider spielen sie diese Saison nur Uefa Cup. Aber die Mannschaft ist gut genug, um in der Champions League dabei zu sein, vielleicht sogar um das Endspiel zu erreichen. Um das zu schaffen, muss man aber mehr als gut spielen, man braucht Glück und eine intakte Mannschaft. Und sie müssen für einander kämpfen, spielerisch sind sie ja stark, nicht umsonst ist fast jeder einzelne Nationalspieler.

Kahn wurde vor dem Hinrundenfinale gegen die Hertha suspendiert. Hat er in der heutigen Mannschaft einen anderen Stellenwert als früher?

Nein. Oliver Kahn wird immer Oliver Kahn sein. Er wird nicht immer auf dem Platz herumschreien, aber in der Kabine findet er sicher noch gewichtige Worte für seine Mitspieler. Auch wenn es nicht läuft, ist Kahn ein Siegertyp, und das wird immer so sein. Das ist sein Charakter, und er kann das nicht von heute auf morgen abstellen.

Sie hatten ein besonderes Erlebnis mit Oliver Kahn. Direkt nach ihrem Wechsel zu Lyon schossen Sie ein Tor gegen ihn in der Champions League im Olympiastadion. War das Genugtuung nach ihrem nicht ganz freiwilligen Abschied aus München?


Es war keine Genugtuung. Es war unbeschreiblich. Ich habe ausgerechnet gegen meine Ex-Mannschaft, mit der ich vor einem Monat noch spielte, das Siegtor geschossen. Nach dem Tor hatte ich kein Gefühl. Ich konnte nicht schreien, nicht weinen, nicht lachen. Es war so, als hätte ich ein Eigentor geschossen. Alle waren baff und sprachlos. Niemand, nicht ich und auch nicht meine ehemaligen Kameraden, hätten sich gedacht, dass gerade ich das Siegtor schieße. Die Zuschauer haben mir zugejubelt, haben Giovane Elber-Sprechchöre skandiert. Als ich in die Kabine ging, wollte ich zu jener der Bayern gehen, einfach intuitiv. Man ist zwar auf einmal Gegner, weiß aber alles über die anderen. Ich habe auch mit dem Trainer von Olympique Lyon gesprochen, habe ihm gesagt, wie Bayern spielt, wo man aufpassen muss. Es war alles so unglaublich. Am Ende fragte ich mich, was ich da gemacht habe.

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