Gibt es bald wieder Stehplätze in England?

»Das ist eine Win-win-Situation«

In England sind Stehplätze seit 1989 verboten. Fußballfan Jon Darch kämpft mit einer mobilen Stehplatz-Ausstellung für die Wiedereinführung. Ein Gespräch über seine Roadshow, VIPs im Stadion und astronomische Ticketpreise.

Jon Darch, seit Jahren monieren Fußballfans die schlechte Stimmung in englischen Stadien. Wie ist es denn wirklich? 
Jon Darch: Die Kritiker haben recht, die Stimmung ist mitunter erbärmlich. Die Eintrittspreise sind exorbitant hoch und es gibt keine Stehplätze mehr. Fans der alten Schule gucken die Spiele also vornehmlich in den Pubs. Roy Keane sagte einmal, die Leute auf den Rängen seien nur noch damit beschäftigt, ihre Scampis zu futtern und in ihren VIP-Logen gut auszusehen. Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben, aber komplett aus der Luft gegriffen ist es nicht.

Sie kämpfen seit längerer Zeit für die Wiedereinführung der Stehplätze in englischen Stadien. Wird sich dadurch die Stimmung bessern?
Jon Darch: Ich hoffe es. Wobei ich vielleicht gleich am Anfang klar stellen sollte, dass ich kein Gegner von Sitzplätzen bin. Doch ich glaube, dass jeder Fan im Stadion die Wahl haben sollte, wie er Fußball gucken möchte. Das Stehen sollte dabei ein Option sein. Nicht nur, weil ich mir dadurch eine bessere Stimmung erhoffe. 

Sondern? 
Jon Darch: Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Auswärtsfans stehen häufig das gesamte Spiel hindurch, 90 Minuten vor ihren Sitzen.... 

...was sie nicht dürfen.
Jon Darch: Eine Grauzone. Im entsprechenden Gesetz heißt es, dass man das Spiel im Sitzplatzbereich verfolgen muss. Was man dort tut, ob man sitzt oder steht, ist nicht beschrieben. Wenn also ein älterer Anhänger seinen Klub, sagen wir Manchester United, zum FC Arsenal begleiten will, bekommt er nur Karten für den Gästebereich. Dort wird er zwangsweise stehen, weil er sonst nichts sieht. Was passiert also? Fans, denen das Stehen schwerfällt, kaufen sich heutzutage keine Tickets für Auswärtsspiele.

Sie sind seit Mai 2011 mit der »Safe Standing Roadshow« in England unterwegs. Erklären Sie uns: Was ist das?
Jon Darch: Darf ich ein wenig ausholen? 

Bitte. 
Jon Darch: Lange Zeit waren englische Fußballanhänger ziemlich ignorant, was andere Fankulturen anging. Man hat nur auf sich geschaut. Zur WM 2006 hat sich das geändert, mit einem Mal rückte Deutschland in den Fokus. In den deutschen Stadien sahen die Engländer eine wirklich lebhafte Fankultur. Bunte Kurven, laute Supporter, Choregraphien, Gesänge. Und man sah Stehplatzbereiche, die überhaupt nichts mit dem gemein hatten, was man bis dahin in England darunter verstand. 

In England waren Stehplätze seit 1989 eng mit der Hillsborough-Stadionkatastrophe verknüpft. 
Jon Darch: Lord Taylor, der 1989 von der Regierung und FA mit der Aufarbeitung von Hillsborough beauftragt wurde, sprach damals zahlreiche Empfehlungen aus. Im Fokus stand dabei die Umstellung auf reine Sitzplatzstadien. Stehplätze waren fortanstigmatisiert, sie waren das Böse schlechthin. Da spielte es keine Rolle, dass es im Hillsborough-Stadion nicht wegen Stehplätzen sondern aufgrund der Überfüllung und des schlechten Stadionmanagements zur Katastrophe kam. Die Empfehlungen wurden damals also falsch interpretiert. Lord Taylor selbst hatte gesagt, dass Stehplätze müssen nicht per se gefährlich sein müssen.

Sie stützen Ihre These auf den Erfahrungen in Deutschland? 
Jon Darch: Richtig. In deutschen Stadien gibt es seit einigen Jahren ausklappbare Vario-Seats, etwa in Hoffenheim oder Stuttgart. Diese Plätze sind durchnummeriert und lassen sich je nach Wettbewerb als Sitz- oder Stehplätze benutzen. Im Gegensatz zu klassischen Stehterassen gibt es hier alle zwei Reihen eine Stange, eine Art Wellenbrecher. Ich habe im Mai 2011 von der Firma, die diese Vario-Seats für die neue Arena in Stuttgart produziert hat, ein Ausstellungsstück bekommen. 

Ein Ausstellungsstück? 
Jon Darch: Man gab mir fünf Stufen mitsamt vier Vario-Seats und einem kleinen Aufgang. In Einzelteile zerlegt passt das wunderbar in einen kleinen Transporter. Mit diesem fahre ich von Klub zu Klub. Vor Ort baue ich dieses Stück dann zusammen, so dass die Verantwortlichen und Fanklubs es testen können. So bekommen sie ein Gefühl für diese sichere Art des Stehens. Im Grunde ist es eine mobile Ausstellung zum Mitmachen. Eine Roadshow.

Die Klubs laden Sie ein?
Jon Darch: Die Initiative geht oft von den Fans der jeweiligen Vereine aus. Im Gegensatz zu früher ist es heute nicht mehr so, dass sie mit ihrem Anliegen bei den Verantwortlichen auf taube Ohren stoßen. Die Vereine wissen ja selbst, dass die Stimmung im Stadion schlecht ist. Haben Sie mal ein Arsenal-Spiel im Emirates Stadium geschaut? Dort kommt man sich ja vor wie in der Oper. 

Beim FC Arsenal soll es ein Komitee geben, dass sich mit dem Problem beschäftigt.
Jon Darch: Nicht ungewöhnlich. Viele Klubs diskutieren ausgiebig über mögliche Maßnahmen gegen die schlechte Stimmung. Allerdings passiert das zumeist hinter verschlossenen Türen, schließlich gilt immer noch die alte Formel: Stehplätze gleichevil.  

Immerhin prüft Aston-Villa-Geschäftsführer Paul Faulkner momentan, wie sich Stehplätze im Villa Park wiedereinführen lassen. 
Jon Darch: Das ist großartig für uns, denn dadurch bekommt die Initiative eine Öffentlichkeit. Erst wenn die Verantwortlichen in anderen Klubs, die Regierung und die FA für diese Idee sensibilisiert sind, kann über eine Gesetzesänderung diskutiert werden. 

Wie sind die Reaktionen der anderen Klubs? 
Jon Darch: Das muss ich leider vertraulich behandeln. Ich kann Ihnen nur sagen, dass sich 15 Klubs aus der Premier League und der Championship positiv zu den Ideen des Safe Standing geäußert haben. Und bei Celtic Glasgow haben sie im Herbst 2011 über die Optionen beraten. Es wird noch in diesem Jahr Vario-Seats geben.  

Ohne eine Gesetzesänderung? 
Jon Darch: Nein, in Schottland gab es das Sitzplatzgesetz nie. Es wurde aber nach Hillsborough auf der ganzen Insel praktiziert.  

Mal Hand aufs Herz: Wie hoch sind denn überhaupt die Erfolgsaussichten? Die Klubs müssen doch befürchten, dass ihnen bei einer Wiedereinführung der Stehplätze Unmengen an Eintrittsgeldern durch die Lappen gehen. 
Jon Darch: Im Gegenteil. Es ist eine Win-win-Situation. Zum einen wird ja nur ein kleiner Teil in Stehplätze umgewandelt. Wir denken da an 10 bis 15 Prozent des Stadions. Außerdem stehen auf dem Raum, den ein ausgeklappter Sitz einnimmt, immer zwei Personen. Nehmen wir mal an, ein gewöhnliches Sitzplatzticket kostete bisher 70 Euro, so kann der Klub sogar seine Einnahmen mit Stehplätzen erhöhen, wenn er eine Karte für 40 Euro anbietet. Ich weiß, das klingt für deutsche Verhältnisse astronomisch, aber diese Preisentwicklung ist leider schwer aufzuhalten. Wissen Sie eigentlich, wie hoch die Preisempfehlung von Lord Taylor heute wäre? Die Inflation eingerechnet.

Nein. 
Jon Darch: Sieben Pfund. Der FC Arsenal hat einfach eine Null drangehängt.  

Glauben Sie denn, dass die Wiedereinführung der Stehplätze einen Wandel der Fankultur mit sich bringen wird? 
Jon Darch: Die gute alte Zeit, als ein Stadionbesuch für Menschen aus allen sozialen Schichten möglich war, ist sicherlich vorbei. Daran wird, so traurig es ist, auch die Wiedereinführung der Stehplätze wenig ändern. Dennoch hoffe ich, dass einige Fans von früher den Weg zurück ins Stadien finden, wenn sie wissen, dass sie dort wie früher supporten können.

Sie sind Fan von Bristol City. Welche Erinnerungen haben Sie denn an frühe Besuche im Ashton Gate?
Jon Darch: Mein Vater nahm mich 1968 erstmals mit, wir saßen. Wenige Jahre später durfte ich erstmals mit Freunden zum Spiel, es war sofort klar, dass wir auf die Stehplatztribüne gehen. Es war eine Art Abnabelung von den Alten, zu den Eltern, den Autoritäten. Die Gesänge, der Geruch, die Menschen, alles war mit einem Mal anders. Der Stehplatzbereich war unser Raum, er war unser großes Abenteuer.

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