16.06.2014

Ghanas Kwesi Appiah über die WM, Boateng und Tanzabende

»Wir werden Weltmeister!«

Kwesi Appiah, 53, ist seit April 2012 ghanaischer Nationaltrainer. Der in seinem Heimatland äußerst populäre Coach war zuvor vier Jahre lang Assistenztrainer des Nationalteams. Der ehemalige Nationalverteidiger hat nie in Europa gespielt, sondern seine ganze Karriere beim Spitzenklub Asante Kotoko verbracht. 

Interview: Christoph Biermann Bild: Imago

Kwesi Appiah, schwarzafrikanische Mannschaften hatten nach dem phänomenalen Auftritt Kameruns bei der WM 1990 in Italien viele Hoffnungen geweckt. Etliche Experten haben im Laufe der Jahre immer wieder prognostiziert, dass der nächste Weltmeister aus Afrika kommt. Unter dem Strich gab es seither jedoch viele Enttäuschungen, oder würden Sie widersprechen?
Nein, das stimmt schon. Unserer Infrastruktur, also Trainingsplätze und auch die sonstigen Bedingungen, sind sehr schlecht, das hat die Entwicklung sicherlich gebremst.

Viele afrikanische Spieler haben sich in der Vergangenheit auch darüber beschwert, dass Reisen zu Länderspielen schlecht organisiert, Hotels und Trainingsbedingungen miserabel waren. Zu Unrecht?
Nein. Wir bemühen uns darum, mit der Entwicklung in Europa Schritt zu halten. Die meisten unserer Nationalspieler sind dort und schlagen Dinge vor, die sie von ihren Klubs kennen. Wir schauen uns das an und versuchen es dann umzusetzen. Unsere Vorbereitung auf die Turniere ist dadurch deutlich besser geworden.

Stimmt es, dass Sie etwa ihre Unterkunft in Brasilien in Absprache mit den Spielern gesucht haben?
Ja, das war eine Lehre aus der WM 2010, als wir in Südafrika an unserem Teamhotel ankamen, es den Spielern nicht gefiel und wir umziehen mussten. Diesmal haben wir den Schlüsselspielern Fotos der möglichen Unterkünfte geschickt, damit sie sich eine Meinung bilden konnten. Zu jedem Schritt, den wir machen, holen wir uns ihr Feedback ein.

Sie arbeiten als erster Nationaltrainer in Schwarzafrika mit einem Sportpsychologen zusammen, wollten Sie dem Gerede über Juju bzw. Voodoo bei afrikanischen Teams etwas entgegensetzen?
Nein, ich halte Sportpsychologen einfach für sehr wichtig. Unser Sportpsychologe ist in den USA ausgebildet worden, war früher selber Spieler, hat in Ghana Vereinsmannschaften trainiert und kennt unsere Mentalität. Außerdem habe ich einen Spielanalytiker, das gab es bei uns selbst bei der letzten WM noch nicht. Jetzt analysiert ein junger Ghanaer für uns, der bei Manchester City geschult worden ist. Wir bringen auch eigenen Koch mit, denn unsere Spieler mögen einheimisches Essen. Zugleich achtet aber ein Ernährungsexperte darauf, dass sie nicht zu viel davon essen. Außerdem haben wir unser medizinisches Team erweitert. Früher mussten die Spieler zur Massage anstehen, das ist vorbei. Sie sehen also, dass wir uns auf vielen Ebenen Mühe geben, den Spielern ein gutes Umfeld zu liefern.

Was ist mit den Prämienzahlungen an die Spieler, bei afrikanischen Teams ein Dauerkonflikt?
Wir hatten das schon früh weitgehend geklärt. Für viele Spieler geht es insgesamt zwar um weniger Geld als sie bei ihren Klubs in einer Woche verdienen. Aber auch hier wir wollen ihnen keinen Grund zur Beschwerde geben, weil Versprechen nicht eingehalten werden.

Sie sind der erste ghanaische Trainer, der sein Land zu einer WM-Endrunde geführt hat, und erst der vierte insgesamt in Schwarzafrika. Einer davon, der Nigerianer Amadou Shaibu, wurde sogar noch vor Beginn des Turniers durch einen Europäer ersetzt. Warum ist das Vertrauen in einheimische Trainer so gering?
Wir sind vier Mal Afrikameister geworden, und immer waren die Trainer Ghanaer. Aber nachdem unsere Spieler ab den neunziger Jahren in großer Zahl nach Europa gegangen sind, haben sie dort feststellen müssen, dass die Qualität der Trainingsarbeit daheim nicht so gut war. Unsere Trainer hatten es verpasst, sich weiterzubilden.

War es für Sie selber ein Problem, dass Sie nie in Europa gespielt oder als Trainer gearbeitet haben?
Manchmal schon, aber ich glaube zu wissen, was zu tun ist und wie ich mit den großen Spielern umgehen muss.

Sie haben einen ihrer Stars, Sulley Muntari von AC Mailand, für ein entscheidendes WM-Qualifikationsspiel nicht nominiert, nachdem er im Spiel zuvor auf eine Auswechselung abfällig reagiert hatte. War das auch ein Signal an die Mannschaft?
Wenn ich einen sehr guten Spieler habe, dessen Haltung auf die Mannschaft aber einen negativen Effekt hat, muss ich reagieren. Einige Spieler entwickeln in Europa die Einstellung, dass die Dinge daheim so sein müssen, wie sie es wollen. Daher war mein Hauptplan, als ich das Amt übernommen habe, möglichst viele junge Spieler ans Nationalteam heranzuführen, um den Wettbewerb zu verschärfen. Früher war es nämlich so, dass die ganze Nation den Kopf hat hängen lassen, wenn einer wie Asamoah Gyan angekündigt hat, erst einmal nicht für die Nationalmannschaft spielen zu wollen. Denn es gab niemanden, um ihn zu ersetzen. Wenn es aber keinen Wettbewerb gibt und einzelne Spieler das Gefühl haben, dass es ohne sie nicht geht, dann hat man keine Mannschaft. Bei der letzten Afrikameisterschaft bin ich also bewusst das Risiko eingegangen, viele junge Spieler mitzunehmen, und einige haben den Sprung geschafft.

Die Medien haben Sie den »silent killer« genannt. Gefällt Ihnen dieses Etikett?
Da muss ich Sie korrigieren: Das waren nicht die Medien, sondern die Spieler. Sie wissen, dass ich eher ruhig bin und es vorziehe, zuzuhören anstatt viel zu reden. Aber ich sorge auch dafür, dass es umgekehrt nicht anders ist.

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