Gerry Ehrmann über Angsthasen

»Erschossen wird keiner!«

Für das neue 11FREUNDE Bundesliga-Sonderheft traf unser Autor Johannes Ehrmann seinen Namensvetter Gerry aus Kaiserslautern. Nicht das erste Treffen zwischen den Ehrmanns – wir erinnern an ein legendäres Torwart-Interview... Gerry Ehrmann über Angsthasen
Heft#117 08/2011
Heft: #
117

Herr Ehrmann, finden Sie eigentlich noch genug Zeit, sich alle Spiele »Ihrer« Jungs anzuschauen?

Ja, das wird langsam eng, das stimmt. (lacht) Aber wir telefonieren regelmäßig. Ich fiebere immer noch mit den Jungs mit.

[ad]

Florian Fromlowitz bezeichnet Sie als »Mischung aus Vaterfigur und Freund«...

Das kann ich nur unterstreichen. Die meisten kenne ich ja wie den Flo seit der D-Jugend, so wie zum Beispiel auch Roman Weidenfeller, Tobi Sippel und Kevin Trapp. Das ist natürlich dann ein ganz besonderes Verhältnis. Wir haben immer hart gearbeitet, aber die Jungs wussten auch: Selbst wenn sie mich mitten in der Nacht anrufen, bin ich für sie da.

Kam das mal vor?

Nein. (lacht) Das sind alles anständige Jungs.

Bei der U-21-EM 2009 kamen mit Fromlowitz und Tobias Sippel zwei von drei DFB-Torhütern aus »Gerrys Flugschule«. Mit Kevin Trapp steht ein weiteres Riesentalent aus der Ehrmann-Schule in den Startlöchern. Macht Sie das auch persönlich stolz?

Es ist schon ein schönes Gefühl, den Jungs was für die Zukunft mitgegeben zu haben.

Auch charakterlich?

Fast noch wichtiger als das Training ist die Verhaltensweise auf dem Platz und die Frage: Wie verhalte ich mich in der jeweiligen Situation? Die fundamentalen Sachen wie Schnellkraft und Sprungkraft sind natürlich wichtig, aber die Wahrnehmung auf dem Platz ist viel wichtiger.

Was wollen Sie Ihren Keepern konkret vermitteln?

Das sind natürlich vor allem Erfahrungswerte. Ich habe ja fast dreißig Jahre lang selbst im Tor gestanden. Da gibt es nichts, was man nicht selbst schon erlebt hat. Wir sprechen oft über Fehler und Verhaltensweisen, auch von anderen Torhütern.

Kann man sich während des Spiels überhaupt an die besprochenen Szenen erinnern, wenn man statt auf dem Trainingsplatz vor 40.000 Zuschauern im Tor steht?

Wir besprechen die Dinge ja immer wieder, bis sie zum Automatismus werden. Man darf im Spiel nicht erst groß überlegen, das würde viel zu lange dauern. Wenn man aber immer wieder gewisse Dinge anspricht, ist das irgendwann programmiert und man ruft es automatisch ab. Dann ist man auch eine Idee schneller als der Gegner.

Wie wichtig ist genügend Selbstbewusstsein?

Selbstbewusstsein ist für einen Torhüter unerlässlich. Ein Grundsatz von mir lautet: »Sieger zweifeln nicht und Zweifler siegen nicht«. Ob 50.000 oder 10 Zuschauer ist dann völlig egal: Am Ende geht es in beiden Fällen einfach darum, Bälle zu halten.

Was trainieren Sie besonders?

Sprungkraft und Schnellkraft sind, wie gesagt, die Grundvoraussetzungen. Auch der Mut, lange stehen zu bleiben, sich nicht wegzudrehen, wenn ein Ball mal aus drei, vier Metern richtig hart ankommt. Wir trainieren praxisgemäß, also anhand von Situationen, die auch im Spiel vorkommen. Ich schieße im Training bestimmt 30-40 Mal aus fünf Metern in spitzem Winkel aufs Tor. Da müssen die Jungs dann stehen bleiben und reagieren. Im Training muss man sich die Sicherheit holen, das Gefühl, dass im Spiel nichts passieren kann.

Training als Probe für den Ernstfall...

Genau. Wir trainieren Spielsituationen. Ohne Wenn und Aber. Ich verlange von meinen Torhütern deswegen auch im Training absolute Konzentration und Entschlossenheit. Ich habe auch kein Problem damit, wenn sie mich mal wegputzen bei einem Nachschuss...

Wiese, Fromlowitz und Co. haben eine offensichtliche Gemeinsamkeit: Kompromisslosigkeit beim Herauslaufen. Impfen Sie das all Ihren Keepern ein?

Nur so geht es. Man muss Entscheidungen treffen und die dann durchziehen. Das fördere ich auch. Die Jungs können auch mal einen Fehler machen, daraus kann man ja nur lernen. Das Wichtigste ist aber, das richtige Gefühl für die entscheidenden Situationen zu bekommen. Dazu muss dann aber auch die nötige Entschlossenheit kommen. Man darf weder sich noch den Gegenspieler schonen – natürlich ohne blind jemanden umzuhauen!

Warum ist die Entschlossenheit für Torhüter so wichtig?

Die Ausstrahlung des Tormanns überträgt sich auf die Mannschaft und auch auf die Gegenspieler. Für einen Stürmer macht das schon einen Unterschied, ob er weiß, dass der Torwart bei einer gewissen Situation richtig dazwischen haut oder ob er das Gefühl hat, dass das ein Angsthase ist, der nie rauskommt.

Ein Ziel eines guten Torhüters ist es also, Angst beim Stürmer zu verursachen...

Richtig, aber natürlich nur in einem gewissen Rahmen. Für meine Keeper gilt auch: Fehler sind OK, aber nicht Fehler, die aus Überheblichkeit oder Angst passieren. Es ist ja noch keiner vom Ball erschossen worden... Wenn man einen Ball mal an den Kopf oder zwischen die Beine bekommt, geht es weiter!

Wie vermitteln Sie das Ihren Spielern konkret?

Die Jungs müssen lernen, wie schwer es für einen Stürmer ist, wenn man als Torhüter lange genug stehen bleibt. Da stelle ich mich auch schon mal selbst ins Tor, damit sie sehen, wie das aus der Sicht des Angreifers ist.

Wie wichtig ist optimale Fitness?

Sehr wichtig. Meine Jungs sind alle topfit, auch weil wir einmal die Woche bis an die Grenze gehen, bis zur Erschöpfung.

Wie darf man das verstehen?

Da kommen die Hürden zum Einsatz, auch mal die Bleiweste. Wir trainieren dann 90 Minuten vor allem Bewegungsabläufe in Verbindung mit Sprungkraft. Da geht es ans Eingemachte. Ein bisschen Willensschulung ist immer mit dabei... Dazu kommen dann noch drei bis vier andere Einheiten pro Woche, die dann allerdings nicht so hart sind und zwischen 30 und 45 Minuten dauern. Da geht es vorwiegend um Technik, Flanken, Verhaltensweisen.

Stimmt das Gerücht, dass »Tarzan« einmal pro Woche mit seinen Keepern in den Kraftraum geht?

Ach was, das ist totaler Quatsch. Wir führen alle Krafteinheiten in der Bewegung durch. Alle Einheiten sind spezifisch für die Torhüterposition. Wir machen vielleicht ab und zu mal ein bisschen Bauchmuskeltraining, Rückentraining oder Liegestütze – das ist alles.

Wie kommt es zu der Fülle an Torwarttalenten beim FCK?

Wichtig ist, dass wir lange mit den Nachwuchstorhütern zusammen arbeiten. Einmal pro Woche übernehme ich das Torwarttraining bei unserer B- und C-Jugend. In dem Alter, mit 13 oder 14, kann man bereits die Bewegungsabläufe prägen. Mit den Jungen bespreche ich auch nichts anderes als mit denen aus der 1. Mannschaft.

Gleiches Training für 14- und 25-Jährige?

Das Niveau ist natürlich ein anderes, aber die Verantwortung, die Entschlossenheit und das Gefühl fürs Mitspielen ist genau gleich. Auf dem Platz abgezockt zu sein, kann man nicht früh genug lernen. Um Hütchen rennen und über Hürden springen können sie dann später immer noch genug.

Was hat sich für das Spiel des Torhüters seit Ihrer aktiven Zeit grundlegend verändert?

Eigentlich nur der fußballerische Aspekt, durch die Änderung der Rückpassregel. Man ist eben ein bisschen mehr am Spiel beteiligt. Aber ansonsten ist es immer noch das gleiche.

Sie trainieren Ihre Jungs also auch noch so, wie sie selbst trainiert haben?

Heute muss man ein bisschen mehr Wert auf Krafttraining legen. Einiges hat sich schon getan: Als ich mit 18 Jahren nach Köln gekommen bin, hatte ich bis dahin überhaupt kein Torwarttraining gehabt!

Sie hatten zu Ihren Konkurrenten im Tor des FCK nicht das beste Verhältnis...

Ich wollte eben spielen, das war ein harter Konkurrenzkampf. Ich wollte auch im Training bei allen Übungen gewinnen. Das fordere ich heute auch noch. Selbst beim Sprinttraining mit den Feldspielern sollen meine Jungs versuchen zu gewinnen. Ich will ja Siegertypen und keine Verlierer!

Die aktuellen FCK-Torhüter kommen aber wohl besser miteinander aus als Sie und beispielsweise Claus Reitmaier damals...

Das ist auch in Ordnung. Konkurrenz muss zwar sein, aber das geht auch auf freundschaftliche Art. Die Leistung soll im Vordergrund stehen. Man hat ja bei unseren Jungs gesehen, dass es jeder dem anderen gegönnt hat, wenn er gespielt hat. Alle haben sich weiterhin gut verstanden. Alle drei trainieren sehr hart und sind auf einem guten Level. Wenn einer verletzt ist, spielt eben der andere.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!