30.09.2008

Gero Bisanz im Interview

»Ein Fundament geschaffen«

Rund um die WM 2011 in Deutschland wird der Frauen-Fußball zum medialen Großereignis. Das war mal anders. Wir sprachen mit dem ersten Nationaltrainer Gero Bisanz über 14 Jahre Aufbauarbeit und erste kleine Erfolge.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Gero Bisanz im Interview
Gero Bisanz, 1982 wurden Sie der erste Nationaltrainer einer Frauennationalmannschaft. Wie waren die Anfänge?

Als ich 1982 bemüht war, eine Nationalmannschaft zu gründen, war der Frauenfußball wirklich im Aufbruch. Es gab keine Bundesliga, es gab wenige Trainer, die eine Ausbildung hatten, und allgemein wurden wir belächelt. Erst im Laufe der Zeit, als die Nationalmannschaft Erfolge aufweisen konnte und wir zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal Europameister wurden, wurde das besser. Das hat unsere Arbeit bestätigt und war meiner Meinung nach auch Voraussetzung für den jetzigen Stellenwert des Frauenfußballs. Mittlerweile verfügt die Frauennationalmannschaft über ganz andere Möglichkeiten: Sie kann viel öfter als wir Trainingseinheiten ansetzen und das Training ist viel intensiver und vielfältiger geworden. Außerdem haben die Spielerinnen begriffen: Leistung kann nur erzielt werden, wenn man Fußball als Leistungssport betrachtet und nicht als Nebenbeschäftigung.



Vor welchen Problemen standen Sie am Beginn Ihrer Tätigkeit?

Vor allem die Suche nach Spielerinnen war damals das große Problem für mich. Das Traineramt in der Nationalmannschaft war nicht mein einziger Schwerpunkt. Ich habe in Köln hauptamtlich Trainer ausgebildet. Die Frauennationalmannschaft musste ich nebenbei aufbauen und deshalb konnte ich die Spielerinnen nicht alle einzeln besuchen. Zusammen mit dem damaligen DFB-Verantwortlichen für Frauenfußball, Horst Schmitt, habe ich mich bei den einzelnen Verbänden und Trainern umgehört. Wenn eine Spielerin dort auffallen konnte, wurde sie eingeladen. Obwohl wir viel auf Hörensagen angewiesen waren, sind dann doch viele Talente hängen geblieben. Außerdem konnten wir Spielerinnen in den Verbandsauswahlmannschaften sichten.

Ein erstes Highlight in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs war die EM 1989 im eigenen Land. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Turnier?

Sehr gute. Nach dem Halbfinale gegen Italien wurde die Öffentlichkeit auf uns aufmerksam, denn der Sieg nach Elfmeterschießen war Spannung pur. Dann ging es ins Endspiel und die Erwartungen waren unheimlich groß. Das Stadion konnte gar nicht alle Zuschauer fassen, die das Spiel sehen wollten. Wir haben auf der Autobahn schon gemerkt, dass uns Autos mit wehenden deutschen Flaggen überholt haben. Da habe ich zu den Mädels gesagt: »Das ist für euch. Für euer Spiel heute!« Entsprechend habe ich sie vorbereitet: Morgens um sechs barfüßig über den taunassen Rasen laufend begann unsere Vorbereitung. Das hat den Spielerinnen die Aufregung genommen. Das Spiel selbst hat dann alle begeistert, durch die Art und Weise wie die Spielerinnen aufgetreten sind und wie die Spielerinnen den Sieg herausgeschossen haben.

War die ungewohnte Aufmerksamkeit durch die Medien keine Belastung im Finale?


Eigentlich gar nicht so sehr. Der Halbfinalgegner Italien war zu der Zeit sehr stark und so konnte ich den Spielerinnen sagen, dass sie gegen einen sehr, sehr guten Gegner gewonnen haben. Das hat sie moralisch gefestigt. So sind wir selbstbewusst und ohne Angst gegen den damaligen Europameister Norwegen angetreten und haben ihn regelrecht nieder gespielt (Endstand 4:1, Anm. d. Red.).

1991 konnte die Nationalmannschaft ihren Europameistertitel verteidigen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Turnier?

Wir sind selbstbewusst in die EM gegangen, hatten es aber schwerer, weil sich die anderen Mannschaften auf uns als neuen Europameister eingestellt hatten. Trotzdem wollten wir unbedingt den Titel verteidigen, was schwer genug war. Wir haben den Titel dann auch nur mit viel Kampf geholt.

Im gleichen Jahr folgte bei der Weltmeisterschaft in China ein enttäuschender vierter Platz. Warum reicht es nicht zu mehr?

Wir hatten sehr viel Verletzungspech, ich musste Spielerinnen mitnehmen, die bisher selten in der Nationalmannschaft mitgespielt hatten. Silvia Neid war angeschlagen und musste nach 20 Minuten im ersten Spiel schon wieder ausgewechselt werden. Wir hatten in der Abwehr ein bisschen Probleme und wussten, dass uns die Amerikanerinnen auch physisch überlegen waren. Nach der Niederlage im Halbfinale gegen die Amerikanerinnen (2:5, Anm. d. Red.) haben wir dann auch ein bisschen die Segel gestrichen, sowohl moralisch als auch körperlich.

Im Jahr 1995 gelang es dann den Deutschen erneut, den EM-Titel zu gewinnen. Kurz danach erreichte man das Finale der Weltmeisterschaft und verlor gegen Norwegen mit 0:2. Wie lief dieses Endspiel ab?

Ich kann mich daran noch sehr gut daran erinnern: Wir sind voller Selbstbewusstsein vor dem Umziehen auf den Platz gegangen und haben den Rasen begutachtet. Da meinte ich noch: »Oh, der ist sehr stumpf, jetzt könnten wir etwas Regen gebrauchen.« Ganz einfach, weil wir sehr kombinationsstark waren und der Ball dafür gut rollen muss. Als wir in die Kabine gegangen sind und uns umgezogen haben, fing es dann auch tatsächlich an zu regnen. Aber leider war der Regen so stark, dass der Boden nach einer halben Stunde total aufgeweicht war und wir mit unseren Kombinationen nichts mehr ausrichten konnten. Die Norweger waren in dieser Situation mit ihrem Kraftfußball und ihren langen Bällen nach vorne im Vorteil und die erfolgreichere Mannschaft. Der Boden hat uns im Finale ziemlich zugesetzt, darauf waren wir nicht vorbereitet.

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