Gero Bisanz im Interview

»Ein Fundament geschaffen«

Rund um die WM 2011 in Deutschland wird der Frauen-Fußball zum medialen Großereignis. Das war mal anders. Wir sprachen mit dem ersten Nationaltrainer Gero Bisanz über 14 Jahre Aufbauarbeit und erste kleine Erfolge. Gero Bisanz im InterviewImago

Gero Bisanz, 1982 wurden Sie der erste Nationaltrainer einer Frauennationalmannschaft. Wie waren die Anfänge?

Als ich 1982 bemüht war, eine Nationalmannschaft zu gründen, war der Frauenfußball wirklich im Aufbruch. Es gab keine Bundesliga, es gab wenige Trainer, die eine Ausbildung hatten, und allgemein wurden wir belächelt. Erst im Laufe der Zeit, als die Nationalmannschaft Erfolge aufweisen konnte und wir zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal Europameister wurden, wurde das besser. Das hat unsere Arbeit bestätigt und war meiner Meinung nach auch Voraussetzung für den jetzigen Stellenwert des Frauenfußballs. Mittlerweile verfügt die Frauennationalmannschaft über ganz andere Möglichkeiten: Sie kann viel öfter als wir Trainingseinheiten ansetzen und das Training ist viel intensiver und vielfältiger geworden. Außerdem haben die Spielerinnen begriffen: Leistung kann nur erzielt werden, wenn man Fußball als Leistungssport betrachtet und nicht als Nebenbeschäftigung.

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Vor welchen Problemen standen Sie am Beginn Ihrer Tätigkeit?

Vor allem die Suche nach Spielerinnen war damals das große Problem für mich. Das Traineramt in der Nationalmannschaft war nicht mein einziger Schwerpunkt. Ich habe in Köln hauptamtlich Trainer ausgebildet. Die Frauennationalmannschaft musste ich nebenbei aufbauen und deshalb konnte ich die Spielerinnen nicht alle einzeln besuchen. Zusammen mit dem damaligen DFB-Verantwortlichen für Frauenfußball, Horst Schmitt, habe ich mich bei den einzelnen Verbänden und Trainern umgehört. Wenn eine Spielerin dort auffallen konnte, wurde sie eingeladen. Obwohl wir viel auf Hörensagen angewiesen waren, sind dann doch viele Talente hängen geblieben. Außerdem konnten wir Spielerinnen in den Verbandsauswahlmannschaften sichten.

Ein erstes Highlight in der Geschichte des deutschen Frauenfußballs war die EM 1989 im eigenen Land. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Turnier?

Sehr gute. Nach dem Halbfinale gegen Italien wurde die Öffentlichkeit auf uns aufmerksam, denn der Sieg nach Elfmeterschießen war Spannung pur. Dann ging es ins Endspiel und die Erwartungen waren unheimlich groß. Das Stadion konnte gar nicht alle Zuschauer fassen, die das Spiel sehen wollten. Wir haben auf der Autobahn schon gemerkt, dass uns Autos mit wehenden deutschen Flaggen überholt haben. Da habe ich zu den Mädels gesagt: »Das ist für euch. Für euer Spiel heute!« Entsprechend habe ich sie vorbereitet: Morgens um sechs barfüßig über den taunassen Rasen laufend begann unsere Vorbereitung. Das hat den Spielerinnen die Aufregung genommen. Das Spiel selbst hat dann alle begeistert, durch die Art und Weise wie die Spielerinnen aufgetreten sind und wie die Spielerinnen den Sieg herausgeschossen haben.

War die ungewohnte Aufmerksamkeit durch die Medien keine Belastung im Finale?


Eigentlich gar nicht so sehr. Der Halbfinalgegner Italien war zu der Zeit sehr stark und so konnte ich den Spielerinnen sagen, dass sie gegen einen sehr, sehr guten Gegner gewonnen haben. Das hat sie moralisch gefestigt. So sind wir selbstbewusst und ohne Angst gegen den damaligen Europameister Norwegen angetreten und haben ihn regelrecht nieder gespielt (Endstand 4:1, Anm. d. Red.).

1991 konnte die Nationalmannschaft ihren Europameistertitel verteidigen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Turnier?

Wir sind selbstbewusst in die EM gegangen, hatten es aber schwerer, weil sich die anderen Mannschaften auf uns als neuen Europameister eingestellt hatten. Trotzdem wollten wir unbedingt den Titel verteidigen, was schwer genug war. Wir haben den Titel dann auch nur mit viel Kampf geholt.

Im gleichen Jahr folgte bei der Weltmeisterschaft in China ein enttäuschender vierter Platz. Warum reicht es nicht zu mehr?

Wir hatten sehr viel Verletzungspech, ich musste Spielerinnen mitnehmen, die bisher selten in der Nationalmannschaft mitgespielt hatten. Silvia Neid war angeschlagen und musste nach 20 Minuten im ersten Spiel schon wieder ausgewechselt werden. Wir hatten in der Abwehr ein bisschen Probleme und wussten, dass uns die Amerikanerinnen auch physisch überlegen waren. Nach der Niederlage im Halbfinale gegen die Amerikanerinnen (2:5, Anm. d. Red.) haben wir dann auch ein bisschen die Segel gestrichen, sowohl moralisch als auch körperlich.

Im Jahr 1995 gelang es dann den Deutschen erneut, den EM-Titel zu gewinnen. Kurz danach erreichte man das Finale der Weltmeisterschaft und verlor gegen Norwegen mit 0:2. Wie lief dieses Endspiel ab?

Ich kann mich daran noch sehr gut daran erinnern: Wir sind voller Selbstbewusstsein vor dem Umziehen auf den Platz gegangen und haben den Rasen begutachtet. Da meinte ich noch: »Oh, der ist sehr stumpf, jetzt könnten wir etwas Regen gebrauchen.« Ganz einfach, weil wir sehr kombinationsstark waren und der Ball dafür gut rollen muss. Als wir in die Kabine gegangen sind und uns umgezogen haben, fing es dann auch tatsächlich an zu regnen. Aber leider war der Regen so stark, dass der Boden nach einer halben Stunde total aufgeweicht war und wir mit unseren Kombinationen nichts mehr ausrichten konnten. Die Norweger waren in dieser Situation mit ihrem Kraftfußball und ihren langen Bällen nach vorne im Vorteil und die erfolgreichere Mannschaft. Der Boden hat uns im Finale ziemlich zugesetzt, darauf waren wir nicht vorbereitet.

Im Jahr darauf dann ging es 1996 zu den Olympischen Spielen nach Atlanta.

Das war natürlich etwas ganz Besonderes. Es waren ja die ersten Olympischen Spiele, bei der Frauenfußball gespielt wurde. Wir hatten aber wie bei der WM in China Verletzungspech: Jutta Nardenbach hatte einen Kreuzbandriss, Patrizia Brocker Probleme mit den Sehnen. Vielleicht war letztlich aber das Problem, dass wir im letzten Spiel (gegen Brasilien, Anm. d. Red.) nur 1:1 gespielt haben, obwohl wir total überlegen waren. Wenn man ehrlich ist, hatten einige Spielerinnen damals allerdings auch ihren Zenit erreicht oder gar überschritten. Nur: Wenn man ein Jahr vorher Europameister wird und dann zur Olympiade soll, reißt man die Mannschaft ungern auseinander und nimmt auch die inzwischen älteren Spielerinnen mit. Letztlich hat uns das leider nur den fünften Platz beschert, insgesamt war es aber schon ein schönes Erlebnis für die Spielerinnen.

Die Olympischen Spiele waren Ihr letztes Turnier als Trainer. Nach 14 Jahren ihr Amt als Nationaltrainer, gleichzeitig beendeten wichtige Spielerinnen wie Heidi Mohr ihre Karriere. Trat die alte Garde ab um der jungen Platz zu machen?

Ja, das würde ich so sehen. Eigentlich hatte ich meine Aufbauarbeit auf fünf Jahre fixiert. Allerdings fing es erst nach sechs, sieben Jahren an interessant zu werden, weil ich dann auf junge Spielerinnen zurückgreifen konnte, die schon ein paar Jahre Training hatten. Nach dem ersten Erfolg 1989 wollte ich dann aufhören, aber Verantwortliche des DFB und auch Spielerinnen haben mich überredet, doch weiterzumachen. Das habe ich bisher nicht Kund getan. Ich habe dann doch weitergemacht, weil ich auch gemerkt habe, dass der Leistungsgedanke auch bei den Frauen Einzug gehalten hat und sie viel für ihren Erfolg geopfert haben. Da stimmte die Leistung, da stimmte die Einstellung und deshalb habe ich mich dann entschieden, noch ein paar Jahre dran zu hängen.

Mit der Teilnahme an den Olympschen Spielen in Atlanta war Ihre Mission dann aber erfüllt?

Ja. Nach der WM in China hatte ich die Olympiade als Schlusspunkt ins Auge gefasst, da ich die Arbeit für die Frauennationalmannschaft immer nur als einen Nebenberuf neben meiner eigentlichen Tätigkeit als Trainerausbilder verstanden habe. Nach 1996 war das Fundament geschaffen, die Aufbauarbeit meiner Meinung nach gut erledigt, und so konnte ich zufrieden einen Schlussstrich ziehen und sagen: Jetzt kann darauf aufgebaut werden.

War das kein schwerer Abschied nach der langen Zeit?


Eigentlich nicht, denn ich hatte 14 Jahre mit der Mannschaft gearbeitet – wer kann das schon vorweisen? Außerdem stand ein Umbruch bevor. Wir brauchten viele neue Spielerinnen für den Kader und diese Arbeit wollte ich nicht noch einmal machen. Das haben Tina Theune-Meyer und Silvia Neid, meine ehemalige Spielführerin, dann doch sehr gut bewältigt. Ich hatte sie für diese Aufgabe vorgeschlagen in dem Wissen, dass die Aufbauarbeit in meinem Sinne fortsetzen werden.

Inzwischen hat der Frauenfußball einen weit höheren Stellenwert erlangt. Hat die Frauennationalmannschaft mit ihren Erfolgen Anfang der Neunziger dafür das Fundament gelegt?

Ich denke ja. Ich habe mit dem Aufbau ein Fundament geschaffen, auf dem sich der deutsche Frauenfußball entwickeln konnte. Wenn ich sehe, dass bei der WM 2003 noch fünf Spielerinnen dabei waren, die ich ausgebildet und geschult habe und 2007 noch vier Spielerinnen, dann macht mich das schon stolz.

Die deutsche Mannschaft ist das erfolgreichste Team der letzten Jahre. Zweimal Weltmeister, bei den Olympischen Spielen immerhin Bronze. Die Frauenbundesliga dagegen findet kaum Beachtung. Warum?

In Ländern, in denen der Männerfußball so dominant ist wie in Deutschland, wird sich der Frauenfußball auf Vereinsebene nie anders entwickeln können. Meiner Ansicht nach wird sich daran auch langfristig nichts ändern, wenn nicht Bundesligamannschaften sich dem Frauenfußball annehmen und ihn so fördern wie den Männerfußball. Allerdings sehe ich dafür wenig Chancen.

Müsste nicht auch in der Frauenliga das Profitum eingeführt werden, um international konkurrenzfähig zu bleiben?

Nein, das würde ich nicht sagen, denn Profitum kann nur wachsen, wenn Vereinsarbeit anerkannt wird. Das ist in Deutschland aber nicht der Fall: Zu den Spielen kommen nur wenige hundert oder vielleicht einmal tausend Zuschauer. Ich glaube nicht, dass der Frauenfußball in Deutschland von den Zuschauerzahlen her einmal die gleiche Anerkennung wie der Männerfußball bekommt. Aber erst wenn mehr Zuschauer kommen und damit die Medien und vor allem das Fernsehen angelockt werden, kann es zu einer Verbesserung der Situation kommen. Dafür sehe ich allerdings derzeit noch keine Perspektive.

Die heutige Bundestrainerin Silvia Neid hat unter Ihnen und Tina Theune-Meyer ihre großen Erfolge gefeiert. War sie schon damals auf dem Platz eine Anführerin?


Natürlich. Ich habe sie im ersten Länderspiel 1982 als 18-Jährige eingewechselt und sie hat sich schon damals aufgrund ihrer spielerischen Fähigkeiten als Nachfolgerin der Spielführerin Anne Trabant-Haarbach gezeigt.

Wo geht die Entwicklung des deutschen Frauenfußballs hin? Was würden Sie sich wünschen?

Ich wünsche, dass weiterhin viele Mädels, schon in jungen Jahren gerne zu den Vereinen kommen und dass es viele gut ausgebildete Trainer gibt, die sich mit dem Mädchenfußball befassen, um damit die Grundlage für den Frauenfußball zu legen. Außerdem wäre es schön, wenn die Akzeptanz des Frauenfußballs weiter steigen würde.

Wie sehen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft auf eine erneute Titelverteidigung 2011 bei der WM im eigenen Land?

Es kommt darauf an, wie es Silvia Neid versteht, Nachfolgerinnen für die Spielerinnen zu finden, die ausscheiden. Sandra Minnert, Kerstin Stegemann, Birgit Prinz, Renate Lingor – tragende Säulen, die noch aus meiner Zeit kommen, werden über kurz oder lang aus dem Team ausscheiden. Wenn Silvia dafür guten Nachwuchs findet und entsprechende Spielerinnen auftreiben kann, dann sehe ich Chancen den Titel zu holen. Zumindest unter die letzten Vier sollte man kommen.

Wenn Sie den aktuellen Umbruch in der Nationalmannschaft mitverfolgen: Juckt es Sie nicht gelegentlich, sich noch einmal bei der Suche nach neuen Talenten zu engagieren?

(lacht) Hören Sie mal: Ich bin jetzt 73 Jahre alt. Was sollen die jungen Spielerinnen mit mir anfangen, die glauben mir doch nichts mehr. Da gibt es genügend andere junge Trainer, die das viel besser können.

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