25.02.2008

Gernot Rohr im Interview

„Ich wollte immer frei sein“

Einst eilte er als Spieler mit Girondins von Erfolg zu Erfolg, später wurde er Trainer in Bordeaux und Nizza. Wir sprachen mit Gernot Rohr über seinen französischen Pass, die korsische Herzlichkeit und den Citroën seines Großonkels Oskar.

Interview: Matthias Sander Bild: Imago
Nun war ja vor der Saison der Trainerposten in Bordeaux vakant. Kam ein Wechsel in Frage?

Nein, nein. Der aktuelle Präsident von Bordeaux, Triaud, ist nicht unbedingt mein Freund. Es gab ein kleines Problem mit meinem Sohn, der plötzlich nach dem Spiel Bordeaux gegen Nizza auf dem Spielfeld stand und ihm eine leichte Ohrfeige gab, dem Präsidenten (lacht).

Wie kam es denn dazu?

Es gab ein Gerangel unter den Spielern, der Präsident hat einen von meinen Spielern angegangen. Und dann habe ich zu ihm gesagt, lass meinen Spieler in Ruhe, und dann kam mein Sohn, damals noch 18 Jahre alt, stumpt ihn weg, und wischt ihm durchs Gesicht.

Wie kam es eigentlich 1977 zum Wechsel nach Bordeaux?
Sie spielten damals ja nur in der Zweiten Liga bei Kickers Offenbach.

Genau. Ich kam 1970 das erste Mal nach Cap Ferret zum Urlaub, mit meinem Bruder Volker, der Französisch-Student war. Cap Ferret ist an der Atlantik-Küste bei Bordeaux. Plötzlich suchte Girondins einen Abwehrspieler. Horst Blankenburg hatte bei Paris Saint-Germain und bei Bordeaux unterschrieben und wurde gesperrt. Die Franzosen haben sich dann das Main-Derby Eintracht gegen Offenbach angeschaut und mich danach verpflichtet, im Juli 1977. Ich habe mich bei meinem Freund Gérard, der mit meiner Schwester verlobt war, eingerichtet. Ich bin nicht ins Hotel, sondern habe sofort Anschluss gehabt.

Und dann wurde Karriere gemacht.

Ich hatte Glück gehabt, weil es für den Verein mit Claude Bez als Präsident nach oben ging, der spätere Nationaltrainer Aimé Jacquet war der Trainer von 1980 bis 1989. Wir sind drei Mal Meister geworden,zwei Mal Pokalsieger, waren im Europa-Pokal.

Ihr Großonkel Oskar Rohr spielte zwischen 1934 und 1939 bei Racing Straßburg und wurde zur Stürmerlegende. Wollten Sie Ihm mit dem Wechsel nach Frankreich nacheifern?


Der Ossi war wie ich das letzte von sechs Kindern. So hatte er für mich scheinbar immer eine besondere Vorbildwirkung. Er gab mir Informationen über Frankreich, es sei ein schönes Land. Er hatte damals schon ein Cabriolet von Citroen, den bekam er als Prämie zur Vertragsunterzeichnung. Diese Geschichten haben mich dann zum Wechsel motiviert. Ich war ja auch Französisch-Student.

Da passt ja wieder das Etikett Lebemann.

(empört) Lebemann, nein!

Aber Sie wechselten schon aus emotionalen Gründen und Neugier.

Ich will nicht zu sehr auf den Lebemann eingehen, wie Sie merken. Es war schon etwas dabei, da arbeiten zu können, wo es einem gefällt. Das ist ein Privileg. Und das habe ich ergriffen. Das Glück kam dazu, dass Girondins Bordeaux plötzlich nach oben gekommen ist, das Stadion umgebaut hat, das Trainingszentrum »Le Haillan« gebaut hat.

Wurden Sie in Frankreich nach dem WM-Halbfinale 1982 gegen Deutschland und dem brutalen Sprung Schumachers in den Franzosen Battiston ausgepfiffen?


Drei Monate lang, ja. Auswärts waren wir die hässlichen Deutschen.

Und in der eigenen Mannschaft? Sie spielten ja mit der halben französischen Nationalelf zusammen, auch Battiston war Ihr Kollege.

Gar nichts. Die wussten ja, wie wir waren, dass das nicht unsere Schuld war. Ich habe sogar gesehen, wie der Battiston das ein bisschen kultivierte, das Image des Märtyers. Die Entschuldigung von Schumacher hat er ja erst Jahre später angenommen.

War Sevilla 1982 die größte Störung der deutsch-französischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg, wie heute in Frankreich noch behauptet wird?

Ja, auf jeden Fall. Das war sehr krass. Aber gut, ich war ja als Deutscher integriert in Bordeaux. Ich war zuallererst Bordelaiser, dann erst vielleicht Deutscher oder auch Franzose. Bei Auswärtsspielen habe ich es ab und zu gemerkt, dieses Ressentiment gegen die Deutschen, das durch solche Dinge geweckt wurde, leider.

Sie haben sich für die deutsch-französische Verständigung eingesetzt. Das Benefizspiels für Daniel Nivel, der französische Gendarm, den deutsche Hooligans bei der WM 1998 ins Koma prügelte, haben Sie mitorganisiert.

Da durfte ich ein bisschen was für tun. Auch rund um die Spiele gegen deutsche Mannschaften im Europapokal. Dynamo Berlin, Lokomotive Leipzig, Carl Zeiss Jena, FC Magdeburg - wir kamen immer da rüber. Beim letzten Spiel gegen Magdeburg hat mich unser Präsident Bez gebeten zu übersetzen beim Empfang.

Die Mauer fiel gerade.

Bez setzte sich dafür ein, dass die DDR noch die Mannschaften in den UEFA-Cup reinbringen konnte, die nach der Wiedervereinigung nicht mehr im Europa-Cup spielen sollten. Ich habe auch zwei Trabants aus Leipzig eingeführt. Den einen habe ich dem Präsidenten geschenkt, der andere steht noch bei mir.

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