Gernot Rohr im Interview

„Ich wollte immer frei sein“

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Heft #75 02 / 2008
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75

Gernot Rohr, fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Franzose?

Als Europäer.

Sie haben über die Hälfte Ihres Lebens in Frankreich verbracht, haben die französische Staatsbürgerschaft angenommen...


Die Wurzeln sind deutsch, aber man wird doch im Laufe der Jahre zum Franzosen. Wie ich zu meinem französischen Pass kam? Ganz einfach: 1982 wollte unser Präsident die Mannschaft mit zwei Deutschen verstärken, Caspar Memering und Dieter Müller. Weil damals nur zwei Ausländer spielen durften, hat er mich gefragt, ob ich das akzeptieren würde. Schließlich konnte ich schon gut Französisch und hatte mich gut eingelebt.

Kein Wechsel aus Überzeugung?

Wenn man sich als Deutscher fühlt, braucht man dazu keinen Pass. Das ist keine Frage der Bürokratie. Das ist eine Frage des Empfindens.

Was ist für Sie Heimat?


Heimat ist Mannheim, meine Familie, Neckarau, ein Stadtteil von Mannheim, die Naumannstraße, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo meine Mutter noch lebt. Heimat ist auch die Erinnerung an alles, was in einer großen Familie in den 50er Jahren erlebt. Wir waren sechs Kinder, der Großvater hat bei uns gelebt, der Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. Das alles ist in mir drin, das sind die Wurzeln.

Heimat ist also, wo man sich wohlfühlt und wo die Familie ist. Für Ihren Wechsel im Herbst 2006 von Bern nach Frankreich gaben Sie familiäre Gründe an.

Genau. Ich habe in Bordeaux zwei Söhne, viele Bekannte, Freunde, mein kleines Hotel in Lège-Cap-Ferret. Und es ist ja auch so: In der Schweiz hat man in einem Jahr alles gesehen. Man spielt vier Mal gegen dieselben Gegner, manchmal sogar noch im Cup dazu. Irgendwie war auch das ganze System nicht so sportlich, wie ich mir das gewünscht hätte.

Das heißt?


Das ist unheimlich viel Kapitalismus in der Schweiz. Die Aktionäre der Klubs mussten auch Spieler erwerben und konnten dann mitbestimmen, welcher Spieler verkauft wurde. Die Besitzer des Klubs sind auch die Besitzer des Stadions. Zum Beispiel hätten wir im UEFA-Cup gegen Marseille normalerweise das Rückspiel bei uns gehabt. Das mussten wir umdrehen, weil das Stadion für zwei Konzerte von Robbie Williams gebraucht wurde.

Seit dieser Saison trainieren Sie den französischen Zweitligisten AC Ajaccio. Warum geht man zu einem Verein mit einem Schnitt von 2000 Zuschauern, wenn man schon mit Girondins Bordeaux im UEFA-Cup-Finale stand?


Ich hatte mit dem Präsidenten von Ajaccio schon öfters Kontakt, er wollte mich schon 2006 in der 1.Liga holen. Es ist ein sehr familiärer Klub, wir sind im Mittelfeld der Zweiten Liga, obwohl wir bei den Bufgest nur auf Platz 15 rangieren. Und ich wollte mal was anderes wieder sehen, Frankreich entdecken.

Und Korsika.

Auf Korsika war ich nie länger als zu einem Spiel. Es ist auch ein interessantes sportliches Projekt, das Stadion wird neu gemacht. Ein gut geführter Verein, nicht verschuldet. Keine Probleme mit Fans so wie in Bastia, die jetzt einen Punkt abgezogen bekommen haben, weil ein Schwarzer beleidigt wurde. Ajaccio ist zivilisiert, korrekt, herzlich, ambitioniert. Wir wollen im nächsten Jahr auch oben mitmischen.

Würden Sie das Etikett Lebemann annehmen?


Wie definieren Sie das?

Jemand, für den Arbeit auch Mittel zum Zweck ist, um etwas von der Welt zu sehen, um sich in Ihrem Fall Frankreich anzuschauen.


Ein bisschen davon schon. Aber wenn die Arbeit nicht stimmt? Dann hätte ich wenig Respekt meinem Verein gegenüber. Es ist auch nicht die Wahrheit. Denn wenn die Arbeit nicht funktioniert, kannst du in einer noch so schönen Gegend wohnen, dann fühlst du dich nicht wohl. Ich fühle mich auf Korsika wohler als zum Beispiel in Valenciennes.

Nun war ja vor der Saison der Trainerposten in Bordeaux vakant. Kam ein Wechsel in Frage?

Nein, nein. Der aktuelle Präsident von Bordeaux, Triaud, ist nicht unbedingt mein Freund. Es gab ein kleines Problem mit meinem Sohn, der plötzlich nach dem Spiel Bordeaux gegen Nizza auf dem Spielfeld stand und ihm eine leichte Ohrfeige gab, dem Präsidenten (lacht).

Wie kam es denn dazu?

Es gab ein Gerangel unter den Spielern, der Präsident hat einen von meinen Spielern angegangen. Und dann habe ich zu ihm gesagt, lass meinen Spieler in Ruhe, und dann kam mein Sohn, damals noch 18 Jahre alt, stumpt ihn weg, und wischt ihm durchs Gesicht.

Wie kam es eigentlich 1977 zum Wechsel nach Bordeaux?
Sie spielten damals ja nur in der Zweiten Liga bei Kickers Offenbach.

Genau. Ich kam 1970 das erste Mal nach Cap Ferret zum Urlaub, mit meinem Bruder Volker, der Französisch-Student war. Cap Ferret ist an der Atlantik-Küste bei Bordeaux. Plötzlich suchte Girondins einen Abwehrspieler. Horst Blankenburg hatte bei Paris Saint-Germain und bei Bordeaux unterschrieben und wurde gesperrt. Die Franzosen haben sich dann das Main-Derby Eintracht gegen Offenbach angeschaut und mich danach verpflichtet, im Juli 1977. Ich habe mich bei meinem Freund Gérard, der mit meiner Schwester verlobt war, eingerichtet. Ich bin nicht ins Hotel, sondern habe sofort Anschluss gehabt.

Und dann wurde Karriere gemacht.

Ich hatte Glück gehabt, weil es für den Verein mit Claude Bez als Präsident nach oben ging, der spätere Nationaltrainer Aimé Jacquet war der Trainer von 1980 bis 1989. Wir sind drei Mal Meister geworden,zwei Mal Pokalsieger, waren im Europa-Pokal.

Ihr Großonkel Oskar Rohr spielte zwischen 1934 und 1939 bei Racing Straßburg und wurde zur Stürmerlegende. Wollten Sie Ihm mit dem Wechsel nach Frankreich nacheifern?


Der Ossi war wie ich das letzte von sechs Kindern. So hatte er für mich scheinbar immer eine besondere Vorbildwirkung. Er gab mir Informationen über Frankreich, es sei ein schönes Land. Er hatte damals schon ein Cabriolet von Citroen, den bekam er als Prämie zur Vertragsunterzeichnung. Diese Geschichten haben mich dann zum Wechsel motiviert. Ich war ja auch Französisch-Student.

Da passt ja wieder das Etikett Lebemann.

(empört)
Lebemann, nein!

Aber Sie wechselten schon aus emotionalen Gründen und Neugier.

Ich will nicht zu sehr auf den Lebemann eingehen, wie Sie merken. Es war schon etwas dabei, da arbeiten zu können, wo es einem gefällt. Das ist ein Privileg. Und das habe ich ergriffen. Das Glück kam dazu, dass Girondins Bordeaux plötzlich nach oben gekommen ist, das Stadion umgebaut hat, das Trainingszentrum »Le Haillan« gebaut hat.

Wurden Sie in Frankreich nach dem WM-Halbfinale 1982 gegen Deutschland und dem brutalen Sprung Schumachers in den Franzosen Battiston ausgepfiffen?


Drei Monate lang, ja. Auswärts waren wir die hässlichen Deutschen.

Und in der eigenen Mannschaft? Sie spielten ja mit der halben französischen Nationalelf zusammen, auch Battiston war Ihr Kollege.

Gar nichts. Die wussten ja, wie wir waren, dass das nicht unsere Schuld war. Ich habe sogar gesehen, wie der Battiston das ein bisschen kultivierte, das Image des Märtyers. Die Entschuldigung von Schumacher hat er ja erst Jahre später angenommen.

War Sevilla 1982 die größte Störung der deutsch-französischen Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg, wie heute in Frankreich noch behauptet wird?

Ja, auf jeden Fall. Das war sehr krass. Aber gut, ich war ja als Deutscher integriert in Bordeaux. Ich war zuallererst Bordelaiser, dann erst vielleicht Deutscher oder auch Franzose. Bei Auswärtsspielen habe ich es ab und zu gemerkt, dieses Ressentiment gegen die Deutschen, das durch solche Dinge geweckt wurde, leider.

Sie haben sich für die deutsch-französische Verständigung eingesetzt. Das Benefizspiels für Daniel Nivel, der französische Gendarm, den deutsche Hooligans bei der WM 1998 ins Koma prügelte, haben Sie mitorganisiert.

Da durfte ich ein bisschen was für tun. Auch rund um die Spiele gegen deutsche Mannschaften im Europapokal. Dynamo Berlin, Lokomotive Leipzig, Carl Zeiss Jena, FC Magdeburg - wir kamen immer da rüber. Beim letzten Spiel gegen Magdeburg hat mich unser Präsident Bez gebeten zu übersetzen beim Empfang.

Die Mauer fiel gerade.

Bez setzte sich dafür ein, dass die DDR noch die Mannschaften in den UEFA-Cup reinbringen konnte, die nach der Wiedervereinigung nicht mehr im Europa-Cup spielen sollten. Ich habe auch zwei Trabants aus Leipzig eingeführt. Den einen habe ich dem Präsidenten geschenkt, der andere steht noch bei mir.

Warum hat es eigentlich nie mit der Nationalelf geklappt?

Ich war in Deutschland Schüler-, Jugend-, und Olympia-Auswahl-Nationalspieler. Ich bin dann Franzose geworden und konnte so weder für Frankreich noch für Deutschland spielen. Zunächst hatte ich ja nur die eine Staatsbürgerschaft, die doppelte gab‘s da nicht. Als Franzose konnte ich nicht für Frankreich spielen, weil ich schon für Deutschland gespielt hatte. Das Reglement war dagegen.

Man hat den Eindruck, Sie sind lieber im Hintergrund. Sie waren lange Zeit Jugendkoordinator und Technischer Direktor. Sind Sie eher zufällig Trainer geworden?


Zufällig kann man nicht sagen. Ich habe das Diplom schon als Spieler in Frankreich gemacht, wo das sehr langwierig ist. Es ist ein gutes Trainer-Diplom. Und mein Vater war ja auch Trainer. Ich habe gerne mit der Jugend gearbeitet und tue das auch heute noch. Ich versuche immer, die Mannschaft zu verjüngen, wenn es möglich ist. Aber mir ist es schon lieber, im Hintergrund zu stehen.

Wie erklären Sie sich die sehr unterschiedliche Wertschätzung Ihrer Person in Deutschland und in Frankreich?


In Deutschland erinnert man sich vor allem an Ihre unglückliche Zeit als Technischer Direktor bei Eintracht Frankfurt. Aber ich konnte mein Gesicht wahren. Ich bin so geblieben, wie ich auch war. Ich habe damals versucht, die Eintracht zu modernisieren. Der deutsche Fußball hatte taktisch und von der Struktur her bösen Nachholbedarf. 1998 spielten die noch mit Manndeckung, das war schrecklich. Und erst die Trainingsmethoden.

Aber Sie waren Technischer Direktor, nicht Trainer.


Ja, ich wollte dem sehr speziellen Ehrmanntraut den Platz nicht wegnehmen. Wir wollten etwas aufbauen, mit Basisarbeit, mit der Jugend. Mit einem Internat und modernerer Spielweise. Jetzt spielen die endlich auch mit der Viererkette in Deutschland. Aber Frankfurt ist ja auch ein heißes Pflaster. Trotzdem hat es Spaß gemacht.

In Frankreich genießen Sie einen exzellenten Ruf. In den letzten Jahren waren Sie in Marseille, Monaco, Guingamp und natürlich Bordeaux im Gespräch
.

Ja, ich war halt lange Jahre Spieler hier, 12 Jahre, habe mindestens 400 Spiele in einem großen Verein gemacht, hatte auch als Trainer ein bisschen Erfolg. Jetzt sind‘s 30 Jahre, die ich hier bin. Ich habe mehr Jahre in Frankreich als in Deutschland verbracht und konnte also mehr für meine Bilanz tun.

Würden Sie sagen, der Satz »Ein Prophet im eigenen Land gilt nichts« trifft auf Sie zu?

Vielleicht. Ich habe gemerkt, dass man im Ausland mehr Gehör findet, wenn man von weit weg kommt und andere Erfahrungen mitbringt.
Vor drei Jahren wären Sie beinahe wieder in Deutschland aufgetaucht.

Warum hat es nicht geklappt mit dem VfB Stuttgart oder Hertha BSC Berlin?


Weiß ich nicht. Es kam kein konkretes Angebot, warum auch immer. Auch Kaiserslautern war mal interessiert, aber es hat sich nie etwas getan. Ich habe auch keinen Vermittler. Es geht ja oft über solche Agenten, die dann jemanden reinbringen wollen, weil sie dann mitkassieren. Ich wollte immer frei sein. Und diese Freiheit brauche ich, die tut mir gut. Das kann aber ein Hemmschuh sein, wenn man unbedingt Karriere machen will.

Dieter Hoeneß haben Sie aber abgesagt.


Ja, habe ich. Das hat mich damals nicht interessiert. Ich war in Nizza glücklich, es lief hervorragend und da wollte ich das nicht aufs Spiel setzen und wieder nach Deutschland zurück. Ich hatte keine große Lust - und vielleicht hat man das auch gemerkt damals - wieder nach Deutschland zurückzukehren. Die viereinhalb Jahre in Nizza waren fantastisch.

Wie würden Sie den deutschen mit dem französischen Fußball vergleichen?

Der deutsche Fußball hat den taktischen Rückstand aufgeholt. In Frankreich hat man den Vorteil, dass man sehr früh »préformation«, also Nachwuchsarbeit in Leistungszentren, betreibt. Mit 12, 13 Jahren kommen die Talente in Internate, Schule und Fußball existieren nebeneinander. Mit 15 werden die Jugendlichen freigegeben und gehen in die Profiklubs. Hinzu kommt das Centre National de Football, das der Verband in Clairefontaine errichtet hat.

Aber ist nicht der deutsche Fußball mittlerweile viel attraktiver? Johan Micoud hat sich nach seiner Rückkehr nach Bordeaux über die viel defensivere Spielweise der französischen Vereine und die leeren Stadien beschwert.

Der deutsche Fußball ist attraktiver, weil er offensiver ist. Aber er ist nicht erfolgreicher, im Gegenteil. Andererseits ist der Fußball in Deutschland vom sozialen Status her wesentlich stärker als in Frankreich. In Frankreich hat Fußball zwar auch Tradition, war aber nie so klar die Nummer Eins wie in Deutschland. In manchen Regionen im Südwesten machen sich Rugby und Fußball diesen Platz streitig.

Nervt es Sie, wenn Sie in Frankreich immer noch als der Deutsche wahrgenommen werden?

Nein, überhaupt nicht. »Der französischste Deutsche und der deutscheste Franzose«, wie eine Zeitung mal geschrieben hat, das trifft es ganz gut.

Die sprichwörtliche »rigueur allemande“, die »deutsche Strenge« zeigen Sie aber schon?


Man muss ja auch irgendwie seinem Etikett ein bisschen entsprechen und nachgeben.

Während der Saison 2004/2005, Ihrem letzten Jahr in Nizza, haben einige Spieler den Verein im Streit verlassen.


Ja, ich habe ein paar ausgemustert. Musste ich. Einen von denen, die ich ausgesiebt habe, habe ich neulich im Pokal gesehen, denn wir spielten mit Ajaccio in Sète. Und der hat gesagt, »Ich muss sagen, das war gerecht«, denn er kam manchmal unentschuldigt nicht ins Training. Nein, ein bisschen Strenge muss man denen schon beibringen.

Wohin würden Sie eher zurückkehren, nach Bordeaux oder nach Deutschland?

Zum Leben? Mein Leben ist jetzt in Bordeaux. Aber immer wieder gerne zur Familie, um meine Mutter und meine Brüder zu besuchen in Mannheim.

Und zum Arbeiten?

Ich fühle mich hier wohl im Moment. Man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Könnten Sie sich vorstellen, Trainer in Deutschland zu sein?

Warum nicht? Kommt auch auf die Beziehungen an, die man mit einem Kollegen oder Präsidenten haben kann. Manchmal hat man den Eindruck, da könnte etwas wachsen, das könnte funktionieren, manchmal nicht. Da muss man eben Intuition dafür haben. Aber warum nicht, mir macht das Spaß.

So überzeugt klingt das aber nicht.

Ja, weil ich schon so lange weg bin jetzt. Weil das eine Jahr in Frankfurt eher ein Jahr war, wo es Missverständnisse gab. Und die Sache mit der Presse! Da muss ich sagen, die deutsche Boulevard-Presse ist manchmal äußerst schwach, äußerst grenzwertig.


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