25.02.2008

Gernot Rohr im Interview

„Ich wollte immer frei sein“

Einst eilte er als Spieler mit Girondins von Erfolg zu Erfolg, später wurde er Trainer in Bordeaux und Nizza. Wir sprachen mit Gernot Rohr über seinen französischen Pass, die korsische Herzlichkeit und den Citroën seines Großonkels Oskar.

Interview: Matthias Sander Bild: Imago
Gernot Rohr, fühlen Sie sich eher als Deutscher oder als Franzose?

Als Europäer.

Sie haben über die Hälfte Ihres Lebens in Frankreich verbracht, haben die französische Staatsbürgerschaft angenommen...


Die Wurzeln sind deutsch, aber man wird doch im Laufe der Jahre zum Franzosen. Wie ich zu meinem französischen Pass kam? Ganz einfach: 1982 wollte unser Präsident die Mannschaft mit zwei Deutschen verstärken, Caspar Memering und Dieter Müller. Weil damals nur zwei Ausländer spielen durften, hat er mich gefragt, ob ich das akzeptieren würde. Schließlich konnte ich schon gut Französisch und hatte mich gut eingelebt.

Kein Wechsel aus Überzeugung?

Wenn man sich als Deutscher fühlt, braucht man dazu keinen Pass. Das ist keine Frage der Bürokratie. Das ist eine Frage des Empfindens.

Was ist für Sie Heimat?


Heimat ist Mannheim, meine Familie, Neckarau, ein Stadtteil von Mannheim, die Naumannstraße, wo ich geboren und aufgewachsen bin, wo meine Mutter noch lebt. Heimat ist auch die Erinnerung an alles, was in einer großen Familie in den 50er Jahren erlebt. Wir waren sechs Kinder, der Großvater hat bei uns gelebt, der Vater war Lehrer, die Mutter Hausfrau. Das alles ist in mir drin, das sind die Wurzeln.

Heimat ist also, wo man sich wohlfühlt und wo die Familie ist. Für Ihren Wechsel im Herbst 2006 von Bern nach Frankreich gaben Sie familiäre Gründe an.

Genau. Ich habe in Bordeaux zwei Söhne, viele Bekannte, Freunde, mein kleines Hotel in Lège-Cap-Ferret. Und es ist ja auch so: In der Schweiz hat man in einem Jahr alles gesehen. Man spielt vier Mal gegen dieselben Gegner, manchmal sogar noch im Cup dazu. Irgendwie war auch das ganze System nicht so sportlich, wie ich mir das gewünscht hätte.

Das heißt?


Das ist unheimlich viel Kapitalismus in der Schweiz. Die Aktionäre der Klubs mussten auch Spieler erwerben und konnten dann mitbestimmen, welcher Spieler verkauft wurde. Die Besitzer des Klubs sind auch die Besitzer des Stadions. Zum Beispiel hätten wir im UEFA-Cup gegen Marseille normalerweise das Rückspiel bei uns gehabt. Das mussten wir umdrehen, weil das Stadion für zwei Konzerte von Robbie Williams gebraucht wurde.

Seit dieser Saison trainieren Sie den französischen Zweitligisten AC Ajaccio. Warum geht man zu einem Verein mit einem Schnitt von 2000 Zuschauern, wenn man schon mit Girondins Bordeaux im UEFA-Cup-Finale stand?


Ich hatte mit dem Präsidenten von Ajaccio schon öfters Kontakt, er wollte mich schon 2006 in der 1.Liga holen. Es ist ein sehr familiärer Klub, wir sind im Mittelfeld der Zweiten Liga, obwohl wir bei den Bufgest nur auf Platz 15 rangieren. Und ich wollte mal was anderes wieder sehen, Frankreich entdecken.

Und Korsika.

Auf Korsika war ich nie länger als zu einem Spiel. Es ist auch ein interessantes sportliches Projekt, das Stadion wird neu gemacht. Ein gut geführter Verein, nicht verschuldet. Keine Probleme mit Fans so wie in Bastia, die jetzt einen Punkt abgezogen bekommen haben, weil ein Schwarzer beleidigt wurde. Ajaccio ist zivilisiert, korrekt, herzlich, ambitioniert. Wir wollen im nächsten Jahr auch oben mitmischen.

Würden Sie das Etikett Lebemann annehmen?


Wie definieren Sie das?

Jemand, für den Arbeit auch Mittel zum Zweck ist, um etwas von der Welt zu sehen, um sich in Ihrem Fall Frankreich anzuschauen.


Ein bisschen davon schon. Aber wenn die Arbeit nicht stimmt? Dann hätte ich wenig Respekt meinem Verein gegenüber. Es ist auch nicht die Wahrheit. Denn wenn die Arbeit nicht funktioniert, kannst du in einer noch so schönen Gegend wohnen, dann fühlst du dich nicht wohl. Ich fühle mich auf Korsika wohler als zum Beispiel in Valenciennes.

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