22.05.2014

Gerhard Polt über Hoeneß, Pep und Lederhosen

»PFUI!«

In Kürze geht Uli Hoeneß ins Gefängnis. Aber ist er ein Verbrecher? Oder bloß „a Hund“, wie man in Bayern sagt? Wie bitter war diese Niederlage? Und wer san mia? Der bayrische Kabarettist Gerhard Polt beantwortet die drängendsten Fragen der Zeit.

Interview: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago
Schon um das Jahr 800 hat ein bayrischer Mönch auf eine Pergamentrolle gekritzelt: „Stulti sunt Romani, sapientes sunt Paioari.“ Die Römer sind dumm, die Baiern gescheit. Ist das „Mia san mia“ darin schon angelegt?
Das Leben in Altbayern war unter den Wittelsbachern relativ befriedet. Die Bauernkriege fanden hier nicht statt, anders als etwa in Österreich oder in Schwaben, auch keine größeren Eroberungszüge. Natürlich waren die bayrischen Bauern auch arme Hunde, aber immer noch bessergestellt als ihre Kollegen woanders, und das wussten sie auch. Sie ließen sich also von ihrer Mentalität her schwerer hysterisieren und waren mit ihrem Katholizismus ganz zufrieden.

Könnte diese Gelassenheit auch dem Steuerhinterzieher Uli Hoeneß zugutekommen? Heißt es am Ende einfach: „A Hund isser scho“?
Nein, das ist auf Franz Joseph Strauß gemünzt, dem sie manche Dinge eben nicht nachweisen konnten. Auch das geht übrigens auf die alten Griechen zurück, bei denen List und Tücke, sogar dezenter Betrug, durchaus angesehen waren, solange man damit durchkam. Nicht erwischt zu werden, war eine Tugend an sich.

Früher wäre ein sündiger Bayer einfach zum Dorfpfarrer gegangen und hätte gebeichtet.
So ist es. Beim Ablasshandel konnte man sogar einen noch zu begehenden Mord bezahlen, das war ein Abwasch. Man konnte auch seine Enkel prophylaktisch freikaufen, wenn man in seiner Familie eine gewisse Neigung zur Gewalttätigkeit hatte.

Das heutige Rechtssystem ist da schon komplizierter.
Vor allem das Steuersystem! Selbst der einfache Bauer, der auf dem Markt seinen Kohlrabi verkauft, braucht einen Steuerberater. Denn wenn er aus Unkenntnis zu viel Steuern zahlt, ist der Staat nicht ehrlich genug, es ihm zurückzugeben.

Viele sehen deshalb Steuerhinterziehung als eine Art Selbstverteidigung gegen den raffgierigen Fiskus. Uli Hoeneß war es, der mehr Steuerehrlichkeit von den Deutschen verlangte. Die „Bild“-Zeitung forderte daraufhin „mehr Hoeneß in der Politik“.
Auf den Slogan wäre ich im Leben nicht kommen! Den kann man auch nur bringen, wenn die Vorstellung von Politik nur bis zum eigenen Gartenzaun reicht. Glauben Sie wirklich, dass sich die Ukrainer nach einem Hoeneß sehnen würden, selbst wenn er eine weiße Weste hätte?

Ärgert es Sie, dass der Fall Hoeneß in der öffentlichen Wahrnehmung die Geschehnisse in der Ukraine an den Rand gedrängt hat?
Ich bin immer wieder erstaunt, mit welchen Themen die Menschen sich emotionalisieren lassen. So wie ich mich auch schon immer gefragt habe, welche Melodie der Rattenfänger von Hameln wohl gespielt haben mag, dass ihm alle hinterhergelaufen sind. Dass Nordkorea und der Iran gemeinsam eine Atombombe bauen, kümmert niemanden, das findet man in den vermischten Meldungen. Dass ein gewisser Uli Hoeneß gezockt hat, darüber gab es hingegen stündlich Eilmeldungen.

Hat sie das Ausmaß der Berichterstattung überrascht?
Selbst ein seriöses und mir sonst sehr angenehmes Blatt wie die „Süddeutsche Zeitung“ hatte nach dem Urteil den Fall Hoeneß an vier aufeinanderfolgenden Tagen als Schlagzeile, obwohl es in den Weltnachrichten wesentlich Bedeutenderes gegeben hätte. Das halte ich für symptomatisch dafür, was heute passiert: eine zunehmende Boulevardisierung der Themen. Wir befinden uns in einem Circus Maximus, wo man ständig Menschen damit lockt, den Daumen nach oben oder nach unten zu senken.

Müssten wir alle wesentlich beunruhigter sein?
Ablenkung ist Trost, das gilt für den Humor ebenso wie für den Sport. Vielleicht würden die Menschen das Leben sonst gar nicht ertragen. Wir können nicht existieren wie das Kaninchen vor der Schlange.

Schon der römische Dichter Juvenal kritisierte die entpolitisierte Gesellschaft. Alles was sie wünsche, seien „Brot und Spiele“.
Auch Seneca schrieb in einem Brief, er habe einen Freund nach einem Gladiatorenkampf vor der Arena getroffen und ihn gefragt, warum er sich so etwas Schreckliches antue – das Geschrei, den Blutgestank. Der Freund habe versprochen, er werde nicht noch mal hingehen. Aber ein paar Wochen später habe er ihn erneut dort getroffen und gerufen: „Du bist ja schon wieder hingegangen!“ Darauf der Freund: „Ja, tut mir leid. Ich kann einfach nicht anders!“ Da war er nicht anders als ein HSV-Fan heutzutage. Die Menschen brauchen ihre Zufluchtsorte. Orte, an denen vorgegeben ist, wie sie sich zu verhalten haben.

Werden unsere Nachfahren mit ähnlichem Befremden auf den Fußball schauen wie wir auf die Gladiatorenkämpfe?
2000 Jahre sind eine lange Zeit. Ich weiß nicht, was dann sein wird. Ich glaube aber, dass es den homo ludens, den spielenden Menschen, auch dann noch geben wird.
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