28.03.2008

Gerd Dembowski im Interview

»Fans sind Masochisten«

Im neuen Heft erzählen wir von Männern, Frauen und Tieren, die den Fußball verändert haben. Und wie sieht er in 20 Jahren aus? Mit Fanaktivist Gerd Dembowski sprachen wir über Kommerzialisierung, Leo Kirch und die Kurve der Zukunft.

Interview: Fabian Jonas Bild: Imago
Aber für den Grossteil der Fans in der Kurve wird die Utopie ja unerfüllt bleiben.

Das ist richtig, und deswegen sind Fans im Stadion auch die größten Masochisten. Sie werden oft behandelt wie der letzte Dreck, fahren in Zügen, in denen nach 30 Minuten die Toilette verstopft ist und wenn es dumm läuft, verlieren sie in der 90. Minute. Es ist Masochismus, wie sie es sich immer wieder schön reden und immer wieder hingehen. Eigentlich ein überkommenes Ideal, so will sich der salonfähige Fußball ja derzeit nicht präsentieren.

Der salonfähige Fußball?


Ich meine damit das ganze Drumherum, das sich vor allem im Internet entwickelt - zum einen entpolitisiert und positivistisch unreflektiert, auf der anderen Seite hat das und Kommerzialisierung ja auch zahlreiche fortschrittliche Side-Effects. Das Stadion, zumindest in den ersten beiden Ligen, ist zugänglicher geworden, beispielsweise für Frauen, Homosexuelle und in Zukunft hoffentlich noch mehr für Migranten, denn deren Anteil ist immer noch sehr gering.

Wenn die Rede von kritischen Fußballfans ist, hat man oft den Eindruck, diese wollten irgendwohin zurück zu irgendetwas. Da stellt sich natürlich die Frage: Wohin? Zurück in die 70er, 80er oder 90er, in denen ja sicherlich auch nicht alles toll war?

Ganz im Gegenteil. Ich, und ich denke, ich spreche da auch für viele meiner Freunde des »Bündnisses Aktiver Fußballfans« (BAFF, Gerd Dembowski war von 1996 bis 2001 deren Sprecher, Anm. d. Red.), wir wollen nirgendwohin zurück. Weder zu den schnarchigen Zeiten der 80er Jahre-Sportschau, noch in die miesen Stadien. Die moderne Realität z. B., dass Stehplätze in Deutschland unumstößlich sind, hat vor allem BAFF durchgesetzt. Viel wichtiger ist aber der Blick nach vorne und die Frage: Wie kann man alternative Angebote machen, mit dem Wissen der jahrzehntelangen Entwicklung?

Geht es dabei darum, den Fußball als Ereignis des eigenen Lebens zu erhalten oder um seiner selbst willen?


Das Spiel und dessen wirtschaftlicher und sportlicher Erhalt sind die Grundlage für eine eigene Fan-Identität. Auf der anderen Seite geht es vielen in der Fankurve um mehr als nur das Spiel, vor allem, wenn sie in Gruppen organisiert sind. Sicherlich steht der Fußball im Mittelpunkt, aber das Erlebnis im Stadion, die Gemeinschaft, ist genauso wichtig. Eben weil Fußball eine Projektionsfläche ist, in dem die eigene Identität anders funktioniert als im Alltag.

Gibt es denn überhaupt noch Möglichkeiten, dem Zangengriff von Kommerzialisierung und Sicherheit zu entfliehen? Handelt es sich denn nicht eher um einen Kampf gegen Windmühlen?

Immerhin gibt es heute eine Vielzahl von Gruppen, die sich für Verbesserungen einsetzt. Als das »Bündnis Aktiver Fußballfans« 1994 angefangen hat, waren wir die einzigen. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass Kommerzialisierung ansteigt und es immer mehr Menschen gibt, die das Bedürfnis haben, etwas daran zu ändern. Und das sind gute Zeichen, finde ich.

Aber handelt es sich bei den erzielten Erfolgen, z.B. bei den Stehplätzen, nicht auch um Alibi-Zugeständnisse? Denn Stehplatzkurven gibt es zwar noch, aber meist sind sie so hoch eingezäunt, dass man sich vorkommt wie im Zoo, und rings umher geht es einfach weiter mit allem Pomp und Kommerz.

Guter Einwand (zögert). Vielleicht kann man es so sagen: es ist erfreulich, dass es inzwischen viele Gruppen gibt, die in vielen unterschiedlichen Bereichen arbeiten, teilweise mit am Tisch sitzen und auch einiges erreichen. Ein wichtiges Beispiel ist dabei die Reform der Stadionverbotsregelungen, aufgrund von Faneinbringung. Klar, alles bleibt Kosmetik. Die Entfremdung in der Gesellschaft und damit auch im Fußball, ist viel zu weit fortgeschritten. Mehr als kosmetische Änderungen sind dabei nicht möglich.

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