28.03.2008

Gerd Dembowski im Interview

»Fans sind Masochisten«

Im neuen Heft erzählen wir von Männern, Frauen und Tieren, die den Fußball verändert haben. Und wie sieht er in 20 Jahren aus? Mit Fanaktivist Gerd Dembowski sprachen wir über Kommerzialisierung, Leo Kirch und die Kurve der Zukunft.

Interview: Fabian Jonas Bild: Imago
Herr Dembowski, braucht der Fußball Veränderungen?

Die Frage ist nicht, ob der Fußball Veränderungen braucht. Es ist Fakt, dass er sich stets verändert. Und gerade angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre und all der Auswüchse, die sich daraus ergeben haben, insbesondere für die Fans, die ins Stadion gehen, braucht er immer wieder Reaktionen auf Veränderungen. Vor allem in Form von Selbstmaßregelung.



In Bezug auf die Kommerzialisierung also?

Ja, aber auch in Bezug auf andere Dinge wie Repression, diverse Polizei- und Sicherheitsaufgebote, die indirekt damit zusammenhängen. Es wäre wichtig, dass Institutionen wie DFB, DFL und Vereine den begonnenen Dialog mit den Fans noch vertiefen.

Wieso sollten Fans denn ein Interesse daran haben, etwas am Fußball zu ändern?

Weil man für sein Eintrittsgeld oder die TV-Gebühr ja was bekommen will, das einem gefällt. Auch der Identität des Fußballs oder der Identität, die er einmal geliefert hat, würden einige Ideen gut tun. Manche Ultras versuchen hier z. B. in positivem Sinne Vereinsgeschichte stark zu machen oder kämpfen um ihre Freiräume, um vergessene Bindungen zu stärken. Eine Arbeit, die eigentlich die an Profil verlierenden Vereine im Eigeninteresse machen sollten.

Wieso ist Fußball dann immer noch so beliebt?

Jede Gesellschaft, in der es Entfremdung gibt – und das sind alle herrschaftlichen Gesellschaftsformen – braucht ein Ventil. Das war bei den Römern so, das ist heute so. Und der Fußball ist das größte Ventil weit und breit. Die Leute werden sich ihn in ihren Köpfen immer so hinbiegen, dass sie noch hingehen und hinschauen können. Fußball ist ein Allesfresser: es geht immer irgendwie weiter. Das macht ihn so attraktiv. Trotz der Gefahr, dass das Geld ihn überdreht.

Geht es dabei aber nicht nur um eine Minderheit, wohingegen der Großteil der Zuschauer den Fußball längst als Frontalunterhaltung betrachtet?

Das meine ich auch mit Ventil. Ich meine nicht nur die Leute, die im Stadion stehen, so romantisierend bin ich nicht. Die »Stadionfans« merken nur besonders, wenn es sich überdreht. Das sieht man auch am Phänomen der Ultras - sie könnten quasi ein letzter Aufschrei einer Art Protestkultur sein, der letzte Versuch, das Territorium des Stadions zu behaupten. Auf der anderen Seite ist es ebenso ein Alltagsventil, wenn Leute im Wohnzimmer oder in der Kneipe sitzen und das als feste Einrichtung ansehen. Sicherlich ist das lockerer, als sich im Stadion zu engagieren, aber dennoch ist es ein Katalysator für andere Dinge, eine latent fließende Kompensation. Auch wenn es nur darum geht, gemeinsam vom Alltag runter zu kommen: Fußball ist der Anlass.

Ist es das, was Sie meinten, als Sie schrieben, Fußball sei eine Art Ersatzfreiheit?

Ja. Man kann auf den Fußball sehr viel projizieren, was man selber im Leben vielleicht nicht erreicht, weil im Fußball sehr schnell sehr viel möglich ist. Das ist die große Faszination dieses Spiels. Im Alltag gibt es immer Entfremdung, sei es, weil man arbeitslos ist oder der Chef einen unter Druck setzt. Wenn ich mir im Alltag Freiheit erarbeiten will, dann ist das zeitaufwendig und anstrengend, ich ecke womöglich an. Da reicht es nicht, dass ich mich mit ein paar Leuten vor den Fernseher setze und über das rede, was auf dem Bildschirm passiert.

Sie sagten auch, im Fußball gebe es Momente, die einem eine Idee geben, was eine Utopie sein könnte. Wie könnte eine Utopie Fußball denn aussehen?

Da muss man unterscheiden. Utopie bedeutet Hoffnung - und die spiegelt sich für mich im Fußball immer in der Idee, dass einem noch so schlechten Spieler an einem guten Tag der perfekte Schuss in den Winkel gelingen kann. Ansonsten sind Utopien im gesellschaftsbestätigenden System Fußball Quatsch. Etwas Pragmatisches könnte sein, dass sportliche Vereinsetats vereinheitlicht werden und Klubs, die sich in der unteren Tabellenhälfte platzieren, im Folgejahr zuerst auf dem Transfermarkt zugreifen können. Was die Spieler angeht: Gerade für so genannte Randgruppen, wie etwa Migranten, gibt es hier die Möglichkeit des schnellen gesellschaftlichen Aufstiegs. Diese Projektionsfläche bietet Fußball einerseits für die Aktiven, andererseits auf symbolischer Ebene auch für die Fans. Sie können ihre Träume da hineinschicken und die Träume werden relativ schnell enttäuscht oder belohnt.

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