Gerald Asamoah über seine Kindheit in Ghana und die Flüchtlingsthematik

»Deutschland kannte ich nur aus dem Otto-Katalog«

Mit zwölf Jahren folgte Gerald Asamoah seinem geflohenen Vater nach Deutschland und musste sich mit Handzeichen verständigen. Im Interview verrät er, was wir in der Flüchtlingsdebatte von Schulkindern lernen können.

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Gerald Asamoah, Sie sind im ghanaischen Mampong geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?
Die Zeit ist natürlich nicht mit der zu vergleichen, in der meine Kinder heute aufwachsen. Wir hatten keine drei Mahlzeiten am Tag, sondern waren froh, wenn wir überhaupt etwas zu essen hatten. Wir haben in einem Dorf bei meiner Oma gelebt, es gab nicht so viele Möglichkeiten. Deswegen haben wir nach der Schule den ganzen Nachmittag Fußball gespielt. Meistens barfuß auf einem Hartplatz, auf dem auch Scherben lagen.

Und als Sie nach Hause gekommen sind, haben keine Eltern auf Sie gewartet.
Mein Vater ist nach Deutschland gegangen, als ich zwei Jahre alt war, weil er als kritischer Journalist politisch verfolgt wurde. Seine Arbeit missfiel der Regierung. Als er sich in Deutschland zurechtgefunden hatte, holte er zwei Jahre später meine Mama dazu. Meine Oma war für mich Mama und Papa zusammen. Sie war mein Ein und Alles. Von meinen Eltern habe ich kaum noch etwas gehört.

Es gab keinen Kontakt?
Sie haben einmal im Monat angerufen. Wir besaßen zu Hause zwar kein Telefon, aber es gab im Dorf ein Center, in dem Anrufe ankamen. Dort hat meine Mama immer angerufen und gesagt: »Können Sie den Asamoahs bitte Bescheid geben, dass ich um 20 Uhr anrufe?«. Ein Bote hat uns das übermittelt. Dann sind wir dorthin gegangen und haben gewartet, bis sie anrief. Dann haben wir bloß ein paar Minuten geredet, viel hatten wir uns damals nicht zu sagen.

Sie hatten keinen persönlichen Kontakt?
Doch. Meine Mama ist öfters zu mir gereist. Mein Vater hat mich während der zehn Jahre, in denen ich ohne meine Eltern in Ghana gelebt habe, nur einmal besuchen können. Da hatte ich mir Fußballschuhe von ihm gewünscht. Als er sie mir mitgebracht hat, habe ich sie verschenkt, weil die meisten in meinem Dorf barfuß gespielt haben. Da konnte ich nicht plötzlich als Einziger mit Fußballschuhen herumlaufen. Deswegen habe ich sie einem älteren Freund geschenkt, der höherklassig in einem Verein spielte und Schuhe brauchte.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit mit Deutschland auseinandergesetzt?
Wir hatten natürlich auch keinen Fernseher, ich hatte anfangs also gar kein Bild von Deutschland. Ich wusste nur, dass meine Eltern im damaligen Westdeutschland lebten. Als meine Mutter zu Besuch kam, hat sie mir den Otto-Katalog vorbeigebracht. Den habe ich dann durchgeblättert und gesehen, was es alles in Deutschland gibt. Ich kannte das Land nur aus dem Katalog. So hatte ich zumindest eine ungefähre Vorstellung von Deutschland.

Wie sah diese Vorstellung aus?
Wenn du in Afrika lebst, denkst du, dass es dir in Europa sehr, sehr gut geht. Und als Kind träumst du sowieso sehr viel. Ich habe herumgesponnen und mir vorgestellt, dass es in Deutschland alles umsonst gibt. Zum Beispiel die Klamotten, die ich in diesem Otto-Katalog gesehen habe.

Haben Sie nie mit Ihrer Mutter über Deutschland geredet, als sie Sie besucht hat?
Nein. Wir haben nie darüber geredet, wie es tatsächlich dort ist. Ich dachte einfach, dass in Deutschland alles besser sei.

Deswegen sind Sie mit zwölf Jahren nachgekommen. Wie lief der Tag ab, als Sie nach Deutschland gereist sind?
Wir hatten uns schon von den Freunden verabschiedet, sind am 10. November 1990 geflogen und am 11. November in Deutschland angekommen. Die Vorfreude war riesig – auch weil ich zum ersten Mal geflogen bin. Meine Mama hatte mir gesagt: »Bei uns ist es kalt. Nimm deine Jacke mit.« Weil ich so aufgeregt war, habe ich meine Jacke aber in den Koffer gepackt. Als unser Vater mich und meine beiden Geschwister in Frankfurt am Flughafen abgeholt hat, habe ich erstmal gemerkt, wie kalt es wirklich sein kann.

Ein Schock für Sie?
Natürlich. Es war Winter und ich kam im T-Shirt. (Lacht.) Ich war so überwältigt von den neuen Eindrücken, dass ich in diesem Moment gar nicht daran gedacht habe, die Jacke aus dem Koffer zu holen. Wir haben alles schnell im Auto verladen. Als wir auf der Fahrt von Frankfurt nach Hannover an einer Raststätte für eine Toilettenpause gehalten haben, bin ich gar nicht aus dem Auto gestiegen, weil mir zu kalt war. Ich habe durchgehalten bis Hannover.

Wie verliefen die ersten Tage?
Sie waren nicht leicht. Du kommst in ein Land, sprichst kein Wort Deutsch und lebst bei deinen Eltern, die du gar nicht kennst, weil du nie mit ihnen zusammengelebt hast. Dann kommst du zum ersten Mal in die Wohnung und triffst plötzlich auf deinen Bruder. Er wurde in Deutschland geboren, als ich noch in Ghana war. Ich kannte ihn nur von Bildern, da mussten wir plötzlich miteinander zurechtkommen.

Wie hat das funktioniert?
Er konnte kein Wort Twi (Amtssprache Ghanas, d.Red.) oder Englisch. Wir haben über Handzeichen kommuniziert.

Klingt nach einer schweren Anfangszeit.
Sicher. Vieles war zwar schön. Ich wusste: Wenn ich den Kühlschrank aufmache, ist auch etwas drin. Da konnte ich einfach hingehen und mir einen Joghurt nehmen. In Ghana hatten wir nicht mal einen Kühlschrank. Wenn du aber die Sprache nicht beherrschst, weißt du gar nicht, was die Leute auf der Straße von dir wollen. Und es war normal, dass man als schwarzes Kind angestarrt wurde.

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