Gerald Asamoah im Interview

»Die Lüdenscheider verdienen Respekt«

Einst galt die SpVgg Greuther Fürth als »unaufsteigbar«. Bis Gerald Asamoah kam und dem ewigen Zweitligisten neues Selbstvertrauen einimpfte. Sagt jedenfalls Gerald Asamoah. Ein Interview über neue Chancen und die Fußballidylle von Fürth.

Gerald Asamoah, Sie haben schon so viele Saisonvorbereitungen mitgemacht. Fällt es schwer, sich als 33-Jähriger für die Schinderei zu motivieren?
Natürlich tut es weh. Aber wenn man so alt ist wie ich, dann kann das ja auch alles bald vorbei sein. Ich habe im vergangenen Jahr sieben Monate pausiert und keine Saisonvorbereitung erlebt, kein Trainingslager im Sommer...

...nach dem Abschied vom FC St. Pauli waren Sie zunächst ohne Verein.
Das war schon komisch. Wenn du einen Vertrag bei einem Verein hast, dann bist du ja dazu verpflichtet, zum Training zu gehen. Aber auf einmal war ich mein eigener Chef. Ich habe einen Personal Trainer engagiert und zudem als Gast beim VfB Hüls von Olaf Thon mittrainiert. Aber ich musste ja nicht hingehen, nicht zum Training bei Hüls und nicht zu meinem persönlichen Trainer, der war ja bezahlt und hätte sein Geld bekommen, auch wenn ich das Training geschwänzt hätte.

Und, haben Sie geschwänzt?
Nein, das ist ja das Eigenartige. Wenn du dein eigener Chef bist, dann machst du noch mehr als sonst. Fußballer neigen ja dazu, es sich ein bisschen bequem machen zu wollen. Aber das ist anders, wenn du alleine dastehst. Von daher freue ich mich auch, dass ich überhaupt wieder eine richtige Saisonvorbereitung mitmachen kann. Und die anderen Jungs und ich, wir wissen ja auch, wofür wir diese Arbeit machen. Es war unser großes Ziel, dass wir Woche für Woche gegen die besten Teams in Deutschland spielen können und das haben wir erreicht. Jetzt wollen wir fit sein für den ersten Spieltag gegen die Bayern und die vielleicht sogar schlagen.

Gibt es Dinge, die Sie an einem Sommertrainingslager hassen?
Laufen. Laufen ohne Ball fällt mir einfach sehr schwer. Aber Laufen gehört nun mal zum Fußball dazu. Es war diesmal immerhin nicht so schlimm, dass wir schon um sieben Uhr zum Waldlauf raus mussten. Unsere Werte sind sehr gut, wir haben alle in der Sommerpause ordentlich gearbeitet. Das macht vieles leichter in der Saisonvorbereitung.

Sie sind in der Winterpause der Saison 2011/12 zur SpVgg Greuther Fürth gewechselt. Warum gerade zu den »Unaufsteigbaren« in die 2. Bundesliga?
Trainer Mike Büskens hat mich sicherlich sehr motiviert, nach Fürth zu kommen. Aber es war auch dieses »unaufsteigbar«, das mich gereizt hat. So viele Spieler haben schon versucht, mit Fürth aufzusteigen und sind daran gescheitert. Aber mit Asamoah hat es Fürth wirklich geschafft. (lacht)

Was war Ihr Beitrag  – einmal abgesehen von den fünf Toren, die Sie für die Kleeblätter geschossen haben – zur gelungenen Mission?
Als ich kam, habe ich eine Mannschaft vorgefunden, die sehr intakt war. Aber was noch gefehlt hat, war der absolute Glaube daran, das große Ziel auch wirklich erreichen zu können. Es fehlte der Typ, der nach vorne schaut. Ich habe versucht, die Jungs stark zu machen, habe viel mit ihnen gesprochen, um ihnen den Glauben an die eigene Stärke zu vermitteln. 

Dabei sind Sie selbst doch so viele Male daran gescheitert, den deutschen Meistertitel nach Gelsenkirchen zu holen.
(lacht) Aber ich bin jedes Jahr wieder mit Schalke in dem festen Glauben angetreten, dass wir es diesmal schaffen. So sind die Menschen aus dem Ruhrpott eben. Ich musste schnell feststellen, dass der Franke dagegen leicht negativ gestrickt ist – um es mal vorsichtig auszudrücken. Das ist schon eine Umstellung, wenn du aus dem Ruhrpott kommst, wo nach zwei gewonnen Spielen nur noch vom Meistertitel gesprochen wird. Bei den Franken ist das genau anders herum. Es ging darum, gegen diesen Pessimismus etwas zu tun. Und irgendwann hat man ja tatsächlich auch bei den Zuschauern in Fürth gemerkt, dass sie an den Aufstieg glauben. Ich habe ganz einfach versucht, als erfahrener Spieler diesen Glauben vorzuleben. Geholfen hat mir dabei sicherlich auch diese Herzgeschichte…

…wegen der Sie als 19-Jähriger beinahe Ihre Karriere hätten beenden müssen. Schließlich konnte Ihnen ein amerikanischer Herzspezialist weiterhelfen.
Das war damals sehr schwierig. Du redest mit so vielen Ärzten, die dir sagen, dass dir etwas passieren kann. Aber ich habe nicht aufgehört, daran zu glauben, dass ich weiterspielen kann. Und tatsächlich ging es weiter und ich habe es bis zum Nationalspieler gebracht, trotz dieser Sache. Das hat mich später in meiner Laufbahn immer wieder angetrieben und mir Kraft und Zuversicht gegeben.



Die Schalker Jahre waren glücklich, Ihr einjähriges Gastspiel auf St. Pauli entpuppte sich dagegen ein großes Missverständnis.
Am Anfang passte es ja. Da war ich der Held. Und als es dann nicht mehr lief, hat man einen Sündenbock gesucht und in meiner Person einen gefunden. Ich fühlte mich sehr, sehr ungerecht behandelt. Dass ich nicht im Schanzenviertel, sondern im Marco-Polo-Tower (ein Luxuswohnturm in der Nähe des Jungfernstiegs, d. Red.) wohnte, war anfangs kein Problem und dann war es auf einmal eins.

Was ist das Besondere an Ihrem neuen Klub, der SpVgg Greuther Fürth?
Das ist wirklich wie eine Familie hier. Man kennt einfach jeden. Es  erinnert mich an den FC Schalke zu jener Zeit, als ich dort anfing. Da war dort auch noch alles überschaubar. In Fürth kannst du immer noch in Ruhe arbeiten. Zum Training kommen ein paar Rentner und keine 5000 Leute. Für die jungen Spieler ist das gut, weil sie dann keine Angst davor haben, im Training Fehler zu machen.

Hätten es Sie auch noch ein weiteres Jahr in dieser Fußballidylle gehalten, wenn Fürth nicht aufgestiegen wäre?
Ich habe einen Vertrag über eineinhalb Jahre unterschrieben, unabhängig von der Ligazugehörigkeit. Aber es war alles auf den Aufstieg ausgerichtet, ich bin hier her gekommen, um mit Fürth aufzusteigen. Über alles andere habe ich mir keine Gedanken gemacht.

Womöglich werden Sie in der kommenden Spielzeit nicht Stammspieler sein.
Natürlich will jeder Fußballer spielen, aber ich weiß, dass ich in der kommenden Saison nicht alle 34 Partien machen werde. Das sehe ich locker. Mit 33 Jahren bin ich nun mal nicht mehr der Jüngste. Und meine Art, Fußball zu spielen, kostet ja auch viel Kraft. Ich werde einfach versuchen, der Mannschaft zu helfen, so gut es geht und wo auch immer ich gebraucht werde.

Zum Bundesligastart spielen sie zunächst beim FC Bayern München und empfangen dann Ihren alten Klub Schalke zum Heimspiel. Wie groß ist die Vorfreude?
Der Trainer und ich, wir beide freuen uns abgöttisch auf dieses Spiel. Man weiß ja, dass wir richtige Schalker Jungs sind. Aber in diesem Spiel bin ich zuallererst Angestellter von Greuther Fürth und werde deshalb alles dafür geben, dass die drei Punkte in Fürth bleiben.

Wir kennen Sie von der WM 2006 als DJ der Nationalmannschaft. Die meisten Ihrer aktuellen Teamkollegen sind Anfang 20. Gibt es eigentlich Überschneidungen im Musikgeschmack mit dem »Oldie« Gerald Asamoah?
Oh, die Jungs haben schon einen anderen Geschmack. Gelegentlich versuche ich es mal mit meinen CDs oder mit Musik auf meinem MP3-Player. Aber ich tue mich da schwer. In der Kabine vor dem Spiel laufen immer zwei Lieder. Eines davon gefällt mir wirklich gut. Mann, wie heißt das noch mal… Das gibt es doch nicht, mir fällt gerade echt nicht ein, wie es heißt. Ist mir jetzt wirklich peinlich.

Kein Problem. Andere Frage: Ihre jüngeren Teamkollegen gehören der Twitter- und Facebook-Generation an. Wie kommen Sie damit zurecht?
Ich bin bei Facebook, aber twittern tue ich nicht. Es gab mal Zeiten, da war es verboten, im Mannschaftsbus sein Handy einzuschalten. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Jeder muss gleich auf sein I-Phone oder sein Laptop schauen. Aber es macht ja auch keinen Sinn, immer nur von altmodischen Dingen zu schwärmen und zu sagen, früher war alles besser.

Das breite Grinsen ist Ihr Markenzeichen. Wann ist bei Gerald Asamoah der Spaß vorbei?
Wenn ich verliere. Ich hasse es zu verlieren, auch im Training.

Beim Bundesligaauftakt gegen den FC Bayern ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass es eine Niederlage setzt…
Keine Frage, Bayern ist die beste Mannschaft der Liga…

Und was ist mit dem amtierenden Meister, dem BVB?
Was die Lüdenscheider in der vergangenen beiden Spielzeiten gezeigt haben, verdient Respekt. Aber der FC Bayern München hat über Jahre hinweg wirklich Großes geleistet. Das ist doch noch etwas anderes. Zieht man den Einzelvergleich zwischen den Spielern vom FC Bayern und denen von Greuther Fürth heran, dann steht es 18:0 für Bayern. Aber wenn wir es schaffen, an diesem Tag alles abzurufen, dann können wir auch den FC Bayern schlagen. Man muss auch daran glauben.

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