Geoffrey Schweitzer über Schiedsrichter

»Entscheidungen sind faszinierend«

Am Samstag gab es wieder kritische Schiedsrichterentscheidungen. Kann man das überhaupt verhindern? Wir sprachen mit Geoffrey Schweitzer, Mitentwickler eines Trainingsprogramms für Referees, über die Kunst des Entscheidens. Geoffrey Schweitzer über Schiedsrichter

Geoffrey Schweizer, am Wochenende wurde wieder mal ein Spiel vom Schiedsrichter entschieden.

Das mag sein, aber eines vorweg: Mich ärgert, dass Schiedsrichter häufig als unglaublich fehleranfällig dargestellt werden! Natürlich machen die Fehler. Aber im Durchschnitt sind sie verdammt gut!

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Woher kam dann Ihre Motivation, Schiedsrichter zu trainieren?  

Wir wollten den Schiris helfen noch besser zu werden. Außerdem ist es total faszinierend, wie Schiedsrichter Entscheidungen treffen – innerhalb von einer Sekunde, unter Stress. Das funktioniert intuitiv.  

Sie haben als Sportpsychologe ein Trainingsprogramm entwickelt.  

In der Sportpsychologie gibt es viele Untersuchungen über Schiedsrichter, allerdings lag der Fokus bislang auf den Fehlern: Größere Spieler sehen eher Gelb als kleinere, in lauter Atmosphäre werden mehr Karten gezeigt, und Teams in schwarzen Trikots werden am häufigsten bestraft. Wir verstehen die Entscheidungen von Schiedsrichtern also mittlerweile recht gut – dieses Wissen haben wir genutzt, um ein Trainingsprogramm zu entwickeln.  

Haben Schiedsrichter bislang zu wenig trainiert?  

Ganz im Gegenteil, die machen sogar eine ganze Menge: Regelfortbildungen und Videoschulungen, außerdem hat jeder Schiedsrichter einen Betreuer. Was allerdings fehlte, war ein Training des Entscheidungsprozesses an sich.  

Wie muss man sich das vorstellen? 

Wir haben online trainieren lassen, anhand von über 100 Szenen. Die Schiedsrichter sehen eine kurze Sequenz und müssen dann entschieden: Foul oder kein Foul. Wenn sie ein Foulspiel erkannt haben, müssen sie im nächsten Schritt auf Freistoß, gelbe oder rote Karte entscheiden. Darauf folgt sofort das Feedback. Die Entscheidungszeit ist begrenzt, es muss also ohne großes Nachdenken entschieden werden.  

Das klingt ein wenig trivial…  

Ist es auf den zweiten Blick aber nicht! Wir verzichten auf eine detaillierte Erklärung, bei uns geht es lediglich um das Entscheiden. Das ist die Erkenntnis aus der psychologischen Grundlagenforschung: Wichtig zum Trainieren von intuitiven Entscheidungen ist ein unmittelbares Feedback, der Rest ist egal.  

Erzählen Sie das mal dem DFB.  

Verstehen Sie mich nicht falsch! Dieses Training soll auf keinen Fall die Arbeit des DFB ersetzen. Diskutieren, Regel- und Videoschulungen – das ist unersetzbar. Aber unser Trainingsprogramm kann ein zusätzlicher Baustein sein. Das sieht auch der Verband so, der das Programm übrigens finanziert hat.  



Was ist neu an Ihrem Trainingsprogramm?  

Bisher lief es so: Man schaut sich Videos an und diskutiert über die richtige Entscheidung. Das ist ungefähr so, als würde eine Fußballmannschaft nach einer Videoanalyse über das Spiel reden, ohne zu trainieren.  

Die Schiedsrichter trainieren am Computer. Gepfiffen wird aber auf dem Platz.  

Haben Sie schon mal davon gehört, dass sich zwei Fußballmannschaften treffen, damit ein Schiedsrichter trainieren kann?  

Ehrlich gesagt: nein.  

Eben, das passiert eher selten. Eine Lücke zwischen Training und Ernstfall gibt es immer, hier ist sie aber relativ schwer zu schließen. Wir bräuchten beispielsweise besseres Videomaterial, Bilder von einer Kopfkamera des Schiedsrichters wären super. Optimal lebensnah ist das Programm nicht.  

Welchen Wert hat das Training dann?  

Die Teilnehmer mussten einen Vortest absolvieren, dann drei Wochen trainieren und anschließend einen Nachtest machen. Wir konnten nachweisen, dass sie tatsächlich besser entscheiden – das ist ein wichtiger erster Schritt!  

Wie kam das Training bei den Schiedsrichtern an?  

In der Regel sind die Schiedsrichter keine Profis, für die ist jeder Lehrgang ein zeitlicher Aufwand. Allein schon die flexiblen Trainingsmöglichkeiten fanden großen Anklang. Davon abgesehen haben wir viel Feedback bekommen, auch das ist eine positive Resonanz.  

Welche Schiedsrichter haben Sie trainiert?  

Im Fußball haben wir mit jungen Schiedsrichtern aus den Förderkadern gearbeitet, denen man also eine »Karriere« zutraut. Wir haben dieses Training aber auch im Basketball eingeführt, dort ist es mittlerweile Standard für alle Schiedsrichter der ersten und zweiten Bundesliga.  

Hinkt der DFB hinterher?  

Nein, der Verband war sehr interessiert und hat auf Grundlage unserer Ergebnisse ein eigenes Programm entwickelt.  

Geoffrey Schweitzer, was macht einen guten Schiedsrichter aus?  

Zu einem guten Schiedsrichter gehört weit mehr, als nur gute Entscheidungen zu treffen. Er braucht Führungs- und Kommunikationsqualitäten. Und wenn zehn Spieler auf ihn einreden, während im Hintergrund 30.000 Fans ausrasten, muss er Ruhe bewahren können. Stress, Angst, Druck – das können wir mit unserem Programm nicht trainieren. Wir können nur die Entscheidungsfähigkeiten verbessern.

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