Gabor Kiraly über England und 1860

»Der Rasen ist meine Droge«

Gabor Kiraly bestritt knapp 200 Bundesligaspiele für Hertha BSC. Nach fünf Jahren in England ist er nun zurück in Deutschland. Wir sprachen mit dem 1860-Keeper über die ungarische Nationalmannschaft, Lattenabwürfe und die ewige Schlabberhose. Gabor Kiraly über England und 1860

Herr Kiraly, wie gefällt es Ihnen in München?

Wir fühlen uns hier sehr wohl.

Hatten Sie schon Zeit für Sightseeing?

Wir haben uns einige Dinge angeschaut, aber ich konzentriere mich auf meine Aufgabe und meine Familie. Ich bin Fußballspieler, kein Urlauber.

[ad]

Was wollen Sie mit 1860 in diesem Jahr erreichen?

Ich denke, unsere Qualität ist gut, wir müssen sie nur abrufen, dann können wir im oberen Tabellendrittel mitspielen. Wir müssen konstante Leistung zeigen, das Pokalspiel gegen Paderborn, auch das erste Heimspiel haben wir gut gespielt, dann haben wir zwei Mal schlecht gespielt. Die Konstanz muss da sein, Disziplin und Wille sind entscheidend.

Nach dem dritten Gegentor gegen Karlsruhe sah man Sie, wie Sie lautstark mit den Abwehrspielern geschimpft haben. Was hat Sie so geärgert?

Ich schimpfe nicht. Die Mitspieler hören mich manchmal nicht wegen der lauten Stimmung, deswegen bin ich laut. Ich ärgere mich nur über Situationen, die vorher besprochen wurden. Wenn ein Tor fällt, obwohl wir vorher die gleiche Situation besprochen haben, ärgert mich das.

Sie werden wahrscheinlich in jedem Interview auf ihre graue Schlabberhose angesprochen. Ist das eigentlich noch die gleiche wie damals zu Hertha-Zeiten?

Nein, nein, ich benutze jedes Jahr zwischen 15 und 20 Stück, der Ausrüster muss auch je nach Verein ein anderer sein.

Wie viele graue Hosen haben Sie denn im Schrank? Sammeln Sie die?

Einige sammele ich. Die erste ist sozusagen die „Legende“. Natürlich ist der Stoff noch sehr gut, aber das Gummi ist mittlerweile kaputt. Die Hose habe ich bei Hertha die ersten zwei Jahre getragen. Wir spielten Champions League, außerdem habe ich 70 Länderspiele mit dieser Hose gemacht.

Das heißt, Sie haben alle ihre Länderspiele in der gleichen Hose bestritten?

Ja, das stimmt. Momentan liegt sie noch bei mir zu Hause, aber für mein Sportzentrum in Ungarn sammele ich Trikots von bekannten Spielern und dort kommt dann auch diese Hose hin, die Besucher können sie sich dann anschauen.

Seit wann tragen Sie nur noch graue Hosen?

Seit 1996. Das war Zufall, damals spielte ich in Ungarn, die Hose hat mir Glück gebracht und ich habe sie behalten. Als ich in der Hose spielte, waren wir acht oder neun Spiele unschlagbar und haben den Klassenerhalt geschafft in der 1. Liga. Nach dem Wechsel nach Berlin wollte ich vom Verein auch eine graue Hose haben, es gab aber keine vom Ausrüster, nach zwei Monaten kam sie dann. Mit Hertha hatten wir auch viel Erfolg, haben den Klassenerhalt geschafft, in der Champions League die zweite Runde erreicht. Es ist einfach zu gut gelaufen mit dieser Hose. Und dann war ich auch noch acht Jahre lang bei der Nationalmannschaft. Deswegen spiele ich bis zum Ende meiner Karriere in dieser Hose.

Ist es nur die Hose oder sind Sie generell abergläubisch?

Nein, ich bin mit allen Dingen abergläubisch, nicht nur mit der Hose. Eine Zeitlang hat man mir gesagt, es zählt nur die Leistung und ich solle diese ganzen kleinen Dinge lassen. Aber dann hatte ich keinen Erfolg und bin immer wieder zurückgekehrt zu den Sachen. Ich bin so eingestellt.

Von Berlin sind Sie nach England, haben dort insgesamt bei vier Vereinen gespielt. Was haben Sie auf der Insel gelernt?

Sehr viel. Man denkt dort anders über den Fußball, es ist eine andere Welt, für mich war es eine andere Situation. Ein Beispiel: Am Ende meines ersten Jahres gab es eine Mannschaftsfeier, auf der sich die Crystal-Palace-Fans speziell bei mir bedankt haben, dass ich für ihren Verein im Tor gestanden habe. Ich habe ihnen gesagt, dass es eine Teamarbeit war, aber sie meinten, nein, nein, das ist unser Verein, für uns bleibt ewig Crystal Palace, deswegen seien sie auch dem Torwart sehr dankbar. Sie haben sich bei jedem Spieler persönlich bedankt.

Was genau ist in England anders?

In England zählt die Tradition, nicht die Personen. Ein Verein bleibt ewig da, ein Zuschauer bleibt sozusagen auch ewig, die Spieler aber wechseln. Die Art mit dem Fußball umzugehen ist in England ganz anders. Darüber könnte ich ein Buch schreiben. Auch privat, auf der Straße, die Leute sind ganz ruhig, bewegen sich gar nicht aggressiv oder schnell. Die Engländer sind sehr offen und ich habe dort viele Freunde gefunden. Die fünf Jahre waren überragend, obwohl ich vorher ein bisschen Angst hatte vor dem Schritt, nach England zu gehen.

In der WM-Qualifikation steht Ungarn sensationell vor Portugal und Schweden, derzeit auf Rang 2. Wollten Sie auch mit Blick auf die WM in Südafrika wieder Stammkeeper bei einem namhaften Klub werden?

Ich habe meine Karriere immer bewusst geplant, das muss man so machen, gerade als Torhüter. Die letzten drei Jahre habe ich nicht mehr für die Nationalmannschaft gespielt, die ersten beiden Jahre war ich die Nummer 1 im Verein, habe trotzdem keine Einladung bekommen. Ich bin ein großer Fan der ungarischen Nationalmannschaft, es war ein Wunder, dass ich acht Jahre dort die Nummer 1 geblieben bin. Das ist unglaublich und sehr selten. Ich habe 16 Jahre ohne Pause gespielt, musste dann aber im letzten Jahr eine Pause machen, mir neue Kraft und Motivation holen. Deswegen bin ich nach Leverkusen, dort war ich sicher die Nummer 2, konnte mich in Ruhe wieder auf den deutschen Fußball umstellen. Ich wusste, ich würde zurückkommen. Leider dauert unsere Karriere nur 20 Jahre, nicht 40 oder 50, deshalb müssen wir wirklich bewusst leben.

Warum haben Sie sich für 1860 entschieden?


Gegen 1860 habe ich damals mit Hertha gespielt, das war eine Supermannschaft, Superfans. In England habe ich auch den deutschen Fußball verfolgt, mir alle Vereine angeschaut. Das ist nun eine neue Herausforderung und auch eine Möglichkeit für die Nationalmannschaft. Unser Nationaltrainer Erwin Koeman war in München. Er hat mir gesagt, dass ich 70 Spiele für Ungarn gemacht habe und hat mich gefragt, warum ich der Nationalmannschaft keine Absage erteile. Ich habe ihm gesagt, dass ich niemals zurücktrete, ich fahre auch als Zeugwart oder als dritter Torwart mit zur WM. Die Nationalmannschaft ist die Spitze der Pyramide für mich.

Als ich nicht die Nummer 1 war, habe ich bei jedem Spiel vor dem Fernseher gesessen. Ich war ein richtiger Fan. Als junger Spieler hatte ich viele Erfolge, deswegen hatte ich mit 30 keinen Druck mehr. Ich will mich auch bei der Nationalmannschaft bedanken und etwas zurückgeben von dem, was ich bekommen habe. Mein Hobby ist mein Leben geworden. Ich habe alles mit Freude und Spaß getan, werde niemals beleidigt sein. In Burnley hatte ich Superjahre, wurde immer respektiert und gut behandelt. Egal ob erste oder zweite Liga: Wir sind Fußballspieler und müssen uns der Situation anpassen.

Wollten Sie eigentlich schon immer Torhüter werden oder haben Sie in der Jugend auch im Feld gespielt? Gab es ein Vorbild?

Mein Vater war 19 Jahre lang Profi, seit ich drei Jahre alt war, war ich mit meiner Mutti bei jedem Training, nach dem Training haben wir auf dem Platz gespielt. Da war man natürlich sofort begeistert. Der damalige Torwart, Peter Hegedüs, hat den Lattenwurf und auch sonst viele Faxen gemacht.

Sie haben den Abwurf an die eigene Latte angesprochen – haben Sie schon mit Ewald Lienen gesprochen, ob sie den mal im Spiel bringen dürfen?

Ach, den habe ich lange nicht mehr gemacht. Ich konzentriere mich jetzt auf meine Aufgabe. Wenn man jung ist, denkt man immer an Risiko und noch mehr Risiko. Ich habe den Lattenwurf so oft geübt. Das haben damals aber die Medien hochgebauscht, ich wollte das eigentlich nie im Spiel machen. Ich habe nur erzählt, dass Hegedüs das damals bei meinem ersten Verein Haladás gemacht hat, als ich klein war. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass ich den Ball an die eigene Latte werfen will. Dann habe ich es gelassen. Man kann das sowieso nicht vorbereiten, wenn ich will, mache ich es sowieso.

Ihr Vater war aber kein Torwart?

Nein, der war Stürmer und hat seine Karriere als Libero beendet. Er war sehr gut, weil er wusste, wie die Stürmer denken.

Letzte Frage: Sie sind 33 - wie lange wollen Sie noch aktiv im Tor stehen?

Mit 21 habe ich gesagt, dass ich mit 30 zurück nach Ungarn gehen will. Aber jetzt plane ich noch fünf Jahre im Ausland und dann natürlich noch eine Zeit in Ungarn. Alles ist möglich. Seit ich fünf bin, spiele ich Fußball und trainiere regelmäßig. Ich habe den Fußball im Blut, deswegen habe ich auch schon mein Sportzentrum in meinem Geburtsort Szombathely aufgebaut. Seit sechs Jahren gibt es das nun schon. Der Geruch des Rasens ist wie eine Droge für mich, eine positive Droge. Deswegen will ich auch nach der Karriere in der Nähe des Rasens sein... Es gibt ein langes Leben nach der Karriere, ich will nicht mit 42 im Rollstuhl sitzen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!