Fußballlegende Sócrates über das schöne Spiel

»Müller ist ein Brasilianer!«

Sein Name steht für all die Schönheit, all die Eleganz des brasilianischen Fußballs: Sócrates! Mit ihm sprachen wir einst über den Glanz des FC Barcelona, die Qual der WM 1994 und einen Brasilianer namens Thomas Müller. Best of 2011: Fußballlegende Sócrates über das schöne Spiel

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Vieira de Oliveira, geboren am 19. Februar 1954 in Belém, begann seine Karriere für Botafogo, seine größte Zeit hatte er allerdings bei den Corinthians aus Sao Paulo (297 Spiele, 172 Tore). Der 1,92 Meter große Mittelfeldspieler galt als begnadeter Techniker, legendär sind seine mit der Hacke gespielten Pässe. Von einem ehemaligen deutschen Nationalspieler stamm das Zitat, Sócrates könne besser mit seiner Hacke spielen, als die Deutschen mit dem Vorderfuß. 1984 versuchte sich Sócrates beim AC Florenz, kehrte allerdings nach nur einem Jahr zurück und beendete seine Karriere bei Flamengo Rio de Janeiro und dem FC Santos. Sócrates, wegen seines Doktors in Medizin gerne auch Dr. Sócrates genannt, demonstrierte bereits als aktiver Spieler gegen die brasilianische Militärdiktatur. Er starb am 4. Dezember 2011. Dieses Interview ist eines seiner letzten gewesen. Wir führten es im August 2011.

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Sócrates, Ihr Heimatland Brasilien stand ebenfalls viele Jahre lang für den schönen Fußball. Seit der Weltmeisterschaft 2006 befindet sich die Mannschaft in einer Krise. Wie konnte es dazu kommen?

Sócrates: Brasilien ist doch schon seit langem keine Macht mehr. Die Spielfreude, das Besondere, das, was uns immer außergewöhnlich gemacht hat, ist seit den neunziger Jahren einfach verschwunden.

Sie denken an die Weltmeisterschaft 1994, als Brasilien mit recht einfallslosen Fußball Weltmeister wurde.

Sócrates: Ganz richtig. Die WM 1994 war doch eine echte Qual, finden Sie nicht auch? Mit taten die Augen weh, wenn ich mir die Spiele meines Landes anschaute. Grausam.

Trotzdem gewann Brasilien den Titel!

Sócrates: Was bedeuten schon Titel? Gar nichts. Gewinnen ist nicht alles. Ich werde ja immer wieder gefragt, ob ich traurig bin, dass wir 1982 nicht Weltmeister wurden (Brasilien schied in der 2. Finalrunde aus, d. Red.).

Und, sind Sie traurig?

Sócrates: Im Gegenteil! Mit unserer Art Fußball zu spielen, konnten wir die Menschen auf der ganzen Welt begeistern. Fragen Sie doch einmal nach, woran sich die Menschen erinnern, wenn Sie an die WM 1982 denken. Sie werden sagen: Brasilien! Kein Mensch spricht doch heute noch von dem Finale zwischen Italien und Deutschland.

Brasiliens Fußball der achtziger Jahre wird bis heute verehrt – was ist so falsch gelaufen, dass sich niemand mehr für Brasiliens Fußball der Gegenwart erwärmen kann?

Sócrates: Viele Spieler, die im Brasilianischen Campeonato (der brasilianischen Liga, d. Red.) aktiv sind, spielen nur noch in der Seleção um sich für Vereine in Europa zu empfehlen. Da fehlt manchen vielleicht das Herzblut. Wo ist die Leidenschaft in den Farben seines Landes die Welt zu begeistern?

Bei der WM 2010 schied Brasilien bereits im Viertelfinale durch eine 1:2-Niederlage gegen Holland aus.

Sócrates: Es war ein Fehler von Nationaltrainer Carlos Dunga, auf Ronaldinho zu verzichten. Das Wohl oder Übel der Mannschaft hing nur von Kaká ab, dabei hatte Ronaldinho mit dem AC Mailand eine gute Saison gespielt. Ronaldinho ist noch immer in der Lage, in einem normalen Fußballspiel für das Besondere zu sorgen.

Wie zufrieden sind Sie mit der Arbeit des aktuellen brasilianischen Nationaltrainers  Mano Menezes?

Sócrates: Menezes gibt zumindest den jungen talentierten Spielern eine Chance. Spieler wie Paulo Herinque Ganso und auch Neymar. Ein Spieler wie Ganso gibt es kein zweites Mal, er bringt die Mannschaft zum Spielen. Auf seine Entwicklung in den kommenden Jahren bin ich sehr gespannt.


In Europa reden viele von Neymar. Was trauen sie ihm zu?

Sócrates: Er ist ein Typ wie Robinho, ein ballverliebter Dibbler. Aber um in Europa zu bestehen, muss er sein Spiel verändern. So wie Robinho, der es endlich begriffen hat, sein Talent auch beim AC Mailand richtig umzusetzen.

Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika hat auch die deutsche Mannschaft viele Bewunderer gewonnen. Gehören Sie dazu?

Sócrates: Definitiv. 2010 in Südafrika – das war das erste Mal, dass ich einer deutschen Nationalmannschaft gerne beim Fußballspielen zugesehen habe. Früher habt ihr Deutschen doch immer nur gespielt, um zu gewinnen. Alles hatte einen Plan: Pass, Flanke, Tor. Unglaublich einfallslos, aber erfolgreich. Wie heißt noch mal dieser große Blonde mit der breiten Stirn?

Meinen Sie Horst Hrubesch?

Sócrates: Genau den. Hrubesch war für mich immer das Paradebeispiel für deutschen Fußball. Alles sah nach harter Arbeit aus, aber nie nach Freude am Spiel. Spanien ist derzeit das beste Beispiel für schönen Fußball, kein Wunder, dass Sie Weltmeister geworden sind. Da ist der Ball immer in Bewegung, immer unterwegs und zwischendurch kommt der große Überraschungsmoment. Aber Deutschland ist auf einem sehr guten Weg. Ich hätte nie gedacht, das einmal zu sagen.

Welcher deutsche Spieler hat sie besonders begeistert?

Sócrates: Mesut Özil ist fantastisch, ein überragender Fußball. Aber am meisten hat mich Thomas Müller beeindruckt. Dieser Bursche hat sehr viel Dynamik und eine großartige Technik. Gebt es zu, den habt ihr uns geklaut: Thomas Müller ist doch eigentlich ein Brasilianer!

Senhor Sócrates, es ist ziemlich laut bei Ihnen. Wo erwischen wir Sie eigentlich gerade?

Sócrates: (brüllt) Ich bin auf der Autobahn in Richtung Flughafen! Ich fliege später nach Rio de Janeiro, wo ich von einem TV Sender als Experte befragt werde.

Auch zum Champions-League-Finale zwischen Barcelona und Manchester United?

Sócrates: Ja. Aber da steht der Sieger für mich ohnehin schon fest.

Verraten Sie es uns.

Sócrates: Für mich ist der FC Barcelona die beste Mannschaft der Welt. Diese Mannschaft ist das Nonplusultra! Ihr Spiel hat etwas von einem schönen Kunstwerk. So wie der Ball in diesem hohen Tempo ohne Unterbrechungen zirkuliert, ist das eine wahre Freude für mich als Zuschauer.

Viele Mannschaften in Europa versuchen Barcelona nachzueifern. Kann der Barca-Stil Schule machen?

Sócrates: So eine Spielweise kann man nicht so einfach von heute auf morgen nachahmen! Oder glauben Sie, dass plötzlich der FC Chelsea so spielen kann, wie es der FC Barcelona tut? (lacht) Das dauert Jahre, bis das ins Blut übergeht!

Wer ist in Barcelona für diesen Stil verantwortlich?

Sócrates: Johan Cruyff. Dem haben sie alles zu verdanken. Cruyff ist einer der Allergrößten. Er war nicht nur als Spieler erfolgreich, sondern auch als Trainer. Als Trainer hat er seine Spielphilosophie sehr früh dem FC Barcelona eingeimpft und das von der Jugend bis hoch zu den Profis. Deshalb können sich die Jugendspieler auch problemlos in die erste Mannschaft einfügen, weil sie die Spielweise und das System von bereits perfekt beherrschen. Ohne Johan Cruyff, wäre der FC Barcelona nicht die Mannschaft, die sie jetzt ist.

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