Fußball, mein Leben und ich: Karlheinz Förster

»Ich hatte Zweifel«

Fußball, mein Leben und ich: Karlheinz FörsterImago
Heft#110 01/2011
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Karlheinz Förster, bei großen Stürmern erinnert man sich an Tore, bei Torhütern an spektakuläre Paraden. An welche Sternstunden erinnern sich weltberühmte Abwehrspieler?

Es gibt viele Situationen, in denen ich im letzten Moment einen fast aussichtslosen Ball kläre. Aber diese lassen sich kaum noch bestimmten Spielen zuordnen.

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Welche fallen Ihnen noch ein?

Von einigen gibt es Fotos: Bei der WM 1986 in Mexiko spielten wir in der Vorrunde gegen Schottland. Eine Szene etwa sechs Meter vor dem Tor: Ich blocke Gordon Strachan, aus dem Hintergrund kommt ein zweiter Schotte, aber ich kann mit der linken Fußspitze den Ball gerade noch wegspitzeln. Oder als im Finale Maradona fast durch ist. Toni Schumacher kommt raus, ich grätsche, spiele den Ball weg, und Maradona hebt ab wie ein Vogel. Die tragische Folge: Ich rutsche direkt in Toni rein und reiße ihm mit den Stollen den Unterarm auf.

Sie galten zur aktiven Zeit als eisenharter Manndecker. Die Presse nannte Sie den »Treter mit dem Engelsgesicht«.

Das hat irgendwann einer geschrieben und mich damit eine Schublade gepackt.

Das fanden Sie nicht so doll.

Weil es einfach nicht stimmte. Gut, ich habe hart gespielt, damals konnte man sich auch noch etwas mehr erlauben, aber ich habe nie absichtlich Foul gespielt. Ich habe in 81 Länderspielen nur zwei oder drei Gelbe Karten gesehen.

Laut Statistik vier. Und im Januar 1982 im Bundesligaspiel gegen Fortuna Düsseldorf Ihre einzige Rote Karte als Profi.


Peter Löhr hieß ein Spieler von der Fortuna, der sehr körperbetont spielte. Er hatte sich den Ball zu weit vorgelegt. Also habe ich kurz den Schlappen drübergehalten, und er flog gleich fünf Meter weit. Jörg Berger war damals Fortuna-Trainer, der stand sofort wild gestikulierend auf dem Platz. Da hat sich der Schiedsrichter beeinflussen lassen.

Von Verletzungen blieben Sie lange verschont. In 15 Jahren als Profi haben Sie nie großartig ausgesetzt.

Ganz am Anfang der Karriere zog ich mir im Training mal einen Bänderriss zu, später hatte ich auch noch mal einen im Knie. 1980 bekam ich durch eine Spritze eine Infektion und musste operiert werden. Aber im Prinzip war ich gewohnt, über Schmerzen hinwegzusehen und schnell wieder einsatzbereit zu sein. Der Trainer brauchte mich, der Arzt war verantwortlich, dass ich spielen konnte, wenn nötig auch mit der Hilfe von Schmerzmitteln. Es gab damals im Prinzip keine Reha. Aus heutiger Sicht war vieles falsch, was wir damals gemacht haben.

Haben Sie irgendwann die Grenze überschritten?

Über so etwas habe ich nie nachgedacht. Nur einmal habe ich mich gefragt, ob es gut ist, was ich mache. Es war im September 1982: Im Freundschaftsspiel gegen England traf mich mein Gegenspieler Ray Wilkens nach fünf Minuten an der Wade. Ich spielte damals noch ohne Schienbeinschoner. Als ich wieder aufstehen wollte, sah ich, dass die Wade quasi auseinanderklappte. Die Wunde wurde mit 16 Stichen genäht, ich bekam Antibiotika. Und zwei Wochen später lief ich wieder für den VfB auf.

Warum denn?

Unser Coach Helmut Benthaus fragte, wann ich wieder spielen könne. Er meinte, auch ein durchschnittlicher Förster hilft der Mannschaft. Aber natürlich wollte ich selbst so schnell wie möglich wieder auflaufen.

Viele Spieler Ihrer Generation haben über Jahre unter dem Einfluss von Schmerzmitteln gespielt.

Als ich 1986 nach Marseille wechselte, hatte ich von der WM in Mexiko irgendwelche Bakterien mitgebracht. Die lösten im Körper eine Form von Rheuma aus, so dass ich permanent Voltaren schlucken musste, um spielen zu können. Ich bekam dann später einen Mittelfußbruch, als ich den rechten Fuß zu stark belastete – völlig ohne gegnerische Einwirkung! Wahrscheinlich eine Reaktion des Körpers.

Infolge des Mittelfußbruchs wurden Sie mit 31 Jahren Sportinvalide. Haben Sie Ihrem Körper zu viel zugemutet?

Ich habe nie daran gedacht, dass ich aufgrund einer Verletzung meine Karriere beenden müsste. Als es dann soweit war, ging es eben nicht mehr. Ich habe ein halbes Jahr noch alles probiert, habe sogar in der zweiten Mannschaft gespielt. Operationen, Schrauben rein, Schrauben raus. Es war eine Leidenszeit und anfänglich schwer zu akzeptieren.

Sie haben weder sich selbst noch den Gegner geschont. Eine Tugend, die Ihnen zu Hause beigebracht wurde?

Bestimmt. Mein Vater war Maurer, er arbeitete Tag und Nacht. Für den gab es kein Wochenende. Sonntags hat er gekickt – bis er 45 war in der ersten Mannschaft von Badenia Schwarzach und noch bis 63 bei den Alten Herren. Und wenn mal wieder das Klubhaus umgebaut werden musste, hat er das auch gemacht.

Sie wohnen bis heute in Schwarzach. Die Orte Ihrer fußballerischen Initiation liegen also in unmittelbarer Umgebung.

Den Bolzplatz gibt es immer noch unten im Dorf. Als Kind habe ich hier Zeitungen und Medikamente ausgetragen, habe beim Tierpark an der Kasse gesessen. Und wenn mein Vater sonntags ein Spiel hatte, sind mein Bruder Bernd und ich in der Halbzeit in unseren Sonntagsklamotten auf den Platz des Vereins und haben gekickt.

Sie waren als Junge so ein Überflieger, dass Sie mit acht Jahren schon in der C-Jugend gespielt haben.

Es soll nicht unbescheiden klingen, aber hier im Dorf war die Klasse nun mal nicht so groß.

Welche Position spielten Sie damals?

Eigentlich war ich zu dieser Zeit überall auf dem Platz. Manchmal habe ich mir hinten den Ball genommen und bin nach vorne durchgegangen. Als C-Jugendlicher habe ich dann am Wochenende oft an einem Tag zwei Spiele gemacht: mittags mit meiner Mannschaft und nachmittags bei der A-Jugend als Mittelstürmer oder Torhüter.

Sie waren Keeper?

Ich hatte eine gute Sprungkraft, das Auge und ein solides Stellungsspiel.


Wann reifte in Ihnen der Gedanke, mit Fußball Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

Lange Zeit war es eine Spaßsache. Ich wollte nur gut spielen. Erst als ich nach Stuttgart ging, fing ich an, mir Gedanken zu machen, dass ich Profi werden könnte. Und auch da hatte ich anfänglich Zweifel.

Warum? Sie waren doch sehr erfolgreich.


Weil es nicht so einfach war. Ich war gerade 17 geworden. Mit dem Wechsel nach Stuttgart verließ ich das Elternhaus. Das war damals noch eine große Sache.

Wie lief der Wechsel ab?

Ein VfB-Scout hatte mich mit den Nationalmannschaftsjunioren in Monaco gesehen. Eines Tages kamen ein Präsidiumsmitglied und der damalige Trainer Hermann Eppenhoff nach Schwarzach. Ich wollte nicht so recht weg. Mein Vater hat das gemerkt, er war ganz ruhig, aber irgendwann stand meine Mutter auf und sagte: »Auf jetzt, Karlheinz, alla« – wie man es bei uns in Ableitung vom französischen »Allez« sagt. Mayer-Vorfelder (VfB-Präsident, d. Red.) sprach später deshalb immer von »Mutter Alla«.

Und in Stuttgart hatten Sie Heimweh?

Natürlich. Das war mir am Anfang nicht geheuer. Nach drei Monaten habe ich zu Hause angerufen und gesagt, dass ich zurück will.

Sie hatten sportlich aber doch keine Anschlussprobleme.

Aber ich hatte mich verletzt. Bänderriss. In Stuttgart bekam ich einen Gips, der sechs Wochen draufblieb, dann stellten sie fest, dass es ein Riss und kein Bruch war. Frustrierend. Bei den Profis ließ mich Trainer Istvan Sztani anfangs links liegen. Ich begrüßte ihn, und er sprach mit den Leuten weiter. Er sagte nur: »Junn-ggge, hol mal die Bälle.«

Lehrjahre sind keine Herrenjahre.

Ich wohnte bei einer Gastfamilie in Hedelfingen. Zum Glück durfte ich mit Sondergenehmigung meinen Führerschein mit siebzehneinhalb machen. Vom Verein bekam ich einen alten Käfer, der nur Winterreifen hatte, was aber nicht schlimm war, weil er ohnehin nur 115 km/h fuhr. Und dann bin ich ständig von Stuttgart nach Schwarzach gefahren.

1977 stiegen Sie unter Coach Jürgen Sundermann mit dem VfB zurück in die Bundesliga auf. Er galt damals »Wundermann«.

Es war die Begeisterung, die er entfachte. Dabei achtete er extrem auf Disziplin. Er sorgte dafür, dass wir überall einheitlich gekleidet aufliefen. Er war der Erste, der anordnete, dass wir nur stilles Wasser
trinken durften. Einmal haben wir auf der Fahrt zum Freundschaftsspiel in Freiburg an der Raststätte Achern angehalten. Kaffee und Kuchen. Markus Elmer, ein Außenverteidiger, lud sich ein Stück Schwarzwälder auf. Da hat der Sundermann ihn zur Sau gemacht. Aber diese Schule hat uns junge Spieler geprägt. Im Training war immer gute Stimmung. Beim Spiel Fünf gegen Zwei hat Sundermann mitgemacht und ständig Beinschüsse probiert.

Nach seinem Weggang in die Schweiz kam Sundermann 1980 noch einmal zum VfB.

Das klappte aber nicht mehr. Wir hatten uns weiterentwickelt, er war der Alte geblieben. Einmal hat er uns verboten, aufs Volksfest zu gehen, obwohl das nächste Spiel erst zehn Tage später war. Fast aus Protest sind wir mit acht Leuten dahin und haben Bier getrunken. Nur Erwin Hadewicz blieb bei Fanta. Sundermann kriegte es mit, am nächsten Tag war Mannschaftssitzung, und wir wurden zu 400 Mark Strafe verdonnert. Da habe ich zum Erwin gesagt: »Hättst wengstens Bier gtrunke, dei Fanta war teuer.«

Legendär ist ein VfB-Trainingslager im schweizerischen Lauchingen unter Coach Lothar Buchmann im Jahr 1979.

Das kam auf Mayer-Vorfelders Initiative zustande. Der kannte den Lauchinger Bürgermeister und hatte verabredet, dass wir ins Trainingslager dahin kämen. Leider stellten wir nach Ankunft fest, dass es völlig in der Einöde lag. Wir wohnten in einem Landgasthof namens »Krone«, nebendran war ein Bauernhof mit Misthaufen vor der Tür. Als wir nachts das Fenster aufmachten, kamen Tausende von Schnaken ins Zimmer. Die ganze Mannschaft ist noch auf Mückenjagd gegangen, aber am nächsten Morgen waren wir alle komplett zerstochen.

Wie haben Sie die Zeit herum bekommen?

Abends saßen wir am Stammtisch in der »Krone« und hörten Schorsch Volkert zu, wie er uns auf dem Klavier vorspielte. Manchmal haben wir mitgesungen.

War Ihre Spielergeneration genügsamer als die heutige?

Wir haben uns mehr mit dem Klub identifiziert und deshalb auch mehr Verantwortung übernommen. Ich bin auch mal zu Mayer-Vorfelder und habe Namen von Spielern genannt, die wir verpflichten sollten. Etwa Klaus Fischer, als er nach Bochum wechselte, oder Cha Bum. (...)

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