12.04.2011

Fußball in Libyen: Antoine Hey im Interview

»Die Spieler mussten ihre Familien zurücklassen«

Der Deutsche Antoine Hey ist derzeit Technischer Direktor des libyschen Fußballverbands. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit während des Bürgerkriegs und ein geplantes Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Imago
Antoine Hey war einst Bundesliga-Spieler bei Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 und ist heute amtierender Technischer Direktor des libyschen Fußballverbands. Wir sprachen mit dem 40-Jährigen über seine Arbeit während des Bürgerkriegs, ein geplantes Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft und Busfahrten durch den afrikanischen Dschungel.


Antoine Hey, Sie haben Libyen kurz nach Ausbruch der Kämpfe verlassen. Wie geht es Ihnen heute?



Antoine Hey: Ich bin froh, dass ich den Unruhen entkommen konnte. Gleichzeitig bin ich besorgt um die Menschen, die ich zurückgelassen habe. In meiner relativ kurzen Zeit in Libyen sind enge Freundschaften entstanden. Ich bin sehr besorgt darüber, was in Zukunft sein wird.



Sie organisieren von Deutschland aus weiterhin die Spiele der National- und Olympiamannschaft. Wie hat man sich das vorzustellen?

Antoine Hey:  Ich sitze in meinem Büro in Hilden bei Düsseldorf und bin telefonisch mit Spielern und Trainern in Kontakt, jedenfalls, soweit das möglich ist. Der Fußballverband ist erreichbar; die Mobilfunknetze rund um Tripolis funktionieren noch. Im Ostteil des Landes sind sie abgeschaltet worden. 

Wie haben Sie sich von der Nationalmannschaft verabschiedet?

Antoine Hey:  Es war nicht mehr möglich, die Situation eskalierte. Das Auswärtige Amt sagte: Wenn Sie das Land jetzt nicht verlassen, können wir für nichts mehr garantieren. Ich bin dann mit einer Sondermaschine ausgeflogen worden, zusammen mit den Mitarbeitern der Deutschen Schule.

Was waren bislang Ihre schwierigsten Jobs im home office?

Antoine Hey:  Die U23 musste auswärts in Südafrika antreten, die A-Nationalmannschaft hatte ein Heimspiel und ist nach Mali ausgewichen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Mannschaften in diese Länder zu bekommen. Ich habe von Deutschland aus alles organisiert: die Visa, die Flüge, den Transport und die Unterkunft. 

Wie organisiert man eine solche Tour durch Afrika?

Antoine Hey:  Die Nationalmannschaft ist über Tunesien nach Mali geflogen. Ohne meine Kontakte auf dem afrikanischen Kontinent wäre das nicht möglich gewesen. Eine zusätzliche Schwierigkeit war: Unser brasilianisches Trainerteam musste aus Brasilien anreisen. Die wichtigste Frage war aber, ob wir überhaupt spielen sollten.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Mannschaften antreten zu lassen?

Antoine Hey:  Wir wissen nicht, wann sich die Situation beruhigt – morgen oder erst in ein paar Monaten. Die U23 hatte sich mit ihrem serbischen Trainerteam sehr lange auf die Olympia-Qualifikation vorbereitet. Wir wollten der Mannschaft wenigstens die Möglichkeit bieten, weiter zu spielen, damit nicht alles umsonst war, was wir investiert haben.

Wie lange war die U23-Nationalmannschaft nach Südafrika unterwegs?

Antoine Hey:  Knapp 60 Stunden. Nach Tunis ging es mit dem Bus, von dort mit dem Flugzeug nach Johannesburg. Es war eine extreme Strapaze, sie haben darunter gelitten und das Spiel mit 4:2 verloren. 

Wie sind die Spieler mit der Entscheidung umgegangen, die Partie auszutragen?

Antoine Hey:  Es war natürlich sehr schwierig, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Spieler und Betreuer mussten ihre Familien zurücklassen, blicken in eine ungewisse Zukunft. Die Jungs waren auf dem Platz mit ihren Gedanken sicher ganz woanders. 

Wäre es in der jetzigen Situation überhaupt denkbar gewesen, dass Libyen an den Olympischen Spielen in London teilnimmt?

Antoine Hey: Wir gehen davon aus, dass die Unruhen nicht bis 2012 andauern, dass es irgendwann eine Lösung geben wird. Und dann wird es auch im Fußball weitergehen. 2013 richten wir schließlich den Afrika-Cup aus. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Stadien werden bereits gebaut. 

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