Fußball in Libyen: Antoine Hey im Interview

»Die Spieler mussten ihre Familien zurücklassen«

Der Deutsche Antoine Hey ist derzeit Technischer Direktor des libyschen Fußballverbands. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit während des Bürgerkriegs und ein geplantes Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft. Fußball in Libyen: Antoine Hey im Interview

Antoine Hey war einst Bundesliga-Spieler bei Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 und ist heute amtierender Technischer Direktor des libyschen Fußballverbands. Wir sprachen mit dem 40-Jährigen über seine Arbeit während des Bürgerkriegs, ein geplantes Freundschaftsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft und Busfahrten durch den afrikanischen Dschungel.


Antoine Hey, Sie haben Libyen kurz nach Ausbruch der Kämpfe verlassen. Wie geht es Ihnen heute?



Antoine Hey: Ich bin froh, dass ich den Unruhen entkommen konnte. Gleichzeitig bin ich besorgt um die Menschen, die ich zurückgelassen habe. In meiner relativ kurzen Zeit in Libyen sind enge Freundschaften entstanden. Ich bin sehr besorgt darüber, was in Zukunft sein wird.

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Sie organisieren von Deutschland aus weiterhin die Spiele der National- und Olympiamannschaft. Wie hat man sich das vorzustellen?

Antoine Hey:  Ich sitze in meinem Büro in Hilden bei Düsseldorf und bin telefonisch mit Spielern und Trainern in Kontakt, jedenfalls, soweit das möglich ist. Der Fußballverband ist erreichbar; die Mobilfunknetze rund um Tripolis funktionieren noch. Im Ostteil des Landes sind sie abgeschaltet worden. 

Wie haben Sie sich von der Nationalmannschaft verabschiedet?

Antoine Hey:  Es war nicht mehr möglich, die Situation eskalierte. Das Auswärtige Amt sagte: Wenn Sie das Land jetzt nicht verlassen, können wir für nichts mehr garantieren. Ich bin dann mit einer Sondermaschine ausgeflogen worden, zusammen mit den Mitarbeitern der Deutschen Schule.

Was waren bislang Ihre schwierigsten Jobs im home office?

Antoine Hey:  Die U23 musste auswärts in Südafrika antreten, die A-Nationalmannschaft hatte ein Heimspiel und ist nach Mali ausgewichen. Die Schwierigkeit bestand darin, die Mannschaften in diese Länder zu bekommen. Ich habe von Deutschland aus alles organisiert: die Visa, die Flüge, den Transport und die Unterkunft. 

Wie organisiert man eine solche Tour durch Afrika?

Antoine Hey:  Die Nationalmannschaft ist über Tunesien nach Mali geflogen. Ohne meine Kontakte auf dem afrikanischen Kontinent wäre das nicht möglich gewesen. Eine zusätzliche Schwierigkeit war: Unser brasilianisches Trainerteam musste aus Brasilien anreisen. Die wichtigste Frage war aber, ob wir überhaupt spielen sollten.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Mannschaften antreten zu lassen?

Antoine Hey:  Wir wissen nicht, wann sich die Situation beruhigt – morgen oder erst in ein paar Monaten. Die U23 hatte sich mit ihrem serbischen Trainerteam sehr lange auf die Olympia-Qualifikation vorbereitet. Wir wollten der Mannschaft wenigstens die Möglichkeit bieten, weiter zu spielen, damit nicht alles umsonst war, was wir investiert haben.

Wie lange war die U23-Nationalmannschaft nach Südafrika unterwegs?

Antoine Hey:  Knapp 60 Stunden. Nach Tunis ging es mit dem Bus, von dort mit dem Flugzeug nach Johannesburg. Es war eine extreme Strapaze, sie haben darunter gelitten und das Spiel mit 4:2 verloren. 

Wie sind die Spieler mit der Entscheidung umgegangen, die Partie auszutragen?

Antoine Hey:  Es war natürlich sehr schwierig, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Spieler und Betreuer mussten ihre Familien zurücklassen, blicken in eine ungewisse Zukunft. Die Jungs waren auf dem Platz mit ihren Gedanken sicher ganz woanders. 

Wäre es in der jetzigen Situation überhaupt denkbar gewesen, dass Libyen an den Olympischen Spielen in London teilnimmt?

Antoine Hey: Wir gehen davon aus, dass die Unruhen nicht bis 2012 andauern, dass es irgendwann eine Lösung geben wird. Und dann wird es auch im Fußball weitergehen. 2013 richten wir schließlich den Afrika-Cup aus. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Stadien werden bereits gebaut. 


Wie werden die Bauarbeiten durch den Bürgerkrieg beeinträchtigt?

Antoine Hey:  In Tripolis entsteht ein neues Nationalstadion mit 60000 Sitzplätzen, für 200 Millionen Euro. Die Bauarbeiten ruhen im Moment. Eigentlich sollte es im November 2012 fertig werden. Wir hatten gerade beschlossen, dass wir die deutsche Nationalmannschaft zum Eröffnungsspiel einladen. Als wir die offizielle Anfrage rausschicken wollten, kamen die Unruhen dazwischen.

Eine realistische Einladung?

Antoine Hey: Das Freundschaftsspiel wäre mit Sicherheit nicht an den finanziellen Forderungen des DFB gescheitert. Es hätte das erste Spiel der deutschen Mannschaft auf libyschem Boden werden können. Deutschland erfährt in Libyen allgemein sehr große Wertschätzung. Der deutsche Fußball ist durch die Leistungen bei der WM noch einmal enorm aufgewertet worden. 

Woran ist das abzulesen?

Antoine Hey: Bei meiner Einstellung bin ich ausdrücklich gebeten worden, deutsche Trainer zu holen, für die U17 und U19. Ihnen traut man am ehesten das Know-How und die nötige Ernsthaftigkeit zu. In Libyen hat man mitbekommen, dass der DFB nach der verkorksten EM 2000 sein Nachwuchskonzept überdacht hat und dass sich das zehn Jahre später auszahlt. 

Wie war der Stand Ihrer Bemühungen, als der Krieg hereinbrach?

Antoine Hey:  Wir waren mit vier deutschen Trainern einig, wollten mit der U17 und U19 Mitte Mai ins Training einsteigen, wenn in Libyen regulär Schulferien sind. Mit einem reduzierten Kader von jeweils etwa 24 Spielern wären wir im Juni in die Sportschule Wedau in Duisburg gezogen, für vier Wochen. Das Ziel waren die Nordafrika-Meisterschaften Ende des Jahres.

Welche deutschen Trainer hatten Sie eingestellt?

Antoine Hey:  Marc-Oliver Stricker, der Nachwuchskoordinator von Arminia Bielefeld war, sollte die U17 übernehmen. Kemal Halat, mein ehemaliger Co-Trainer in Liberia und Kenia, war für die U19 vorgesehen. Der Fitnesstrainer wäre von der Universität in Leipzig gekommen. Einen Torwarttrainer haben wir noch gesucht. Der ganze Stab sollte für drei Jahre unterschreiben.

Wie überzeugt man Trainer aus Deutschland, nach Libyen zu wechseln?

Antoine Hey:  Es gibt unglaublich viele Trainer, die gerne an dem Projekt mitarbeiten würden; ich werde häufiger angerufen, auch jetzt noch. Der Markt in Deutschland ist sehr eng. In der ersten und zweiten Bundesliga gibt es nur 36 Klubs. Wenn ich als Juniorentrainer die Möglichkeit habe, in drei Jahren sehr viel Geld zu verdienen, ist die Nachfrage sehr groß.

Wie viel Zeit haben Sie bislang in Libyen verbracht?

Antoine Hey:  Ich war seit Mai 2010 fast ununterbrochen vor Ort; eigentlich war ich nur zu Weihnachten länger zu Hause.

Was ist Ihr genaues Jobprofil als Technischer Direktor?

Antoine Hey:  Flüge buchen gehört eigentlich nicht dazu. Wir wollten mit Blick auf den Afrika-Cup 2013 und die WM 2014 ein Nachwuchsprogramm aufstellen. Ich wurde gebeten, den gesamten libyschen Fußball auf den Kopf zu stellen. Das Ziel war, dass der Generationswechsel in der Nationalmannschaft vollzogen wird. Wir wollten das Jahr nutzen bis zum Afrika-Cup, für den wir uns als Veranstalter nicht zu qualifizieren brauchen.

Was hatten Sie vorher für ein Bild vom libyschen Fußball?

Antoine Hey:  Als wir mit Liberia dort gespielt haben, habe ich gesehen, dass es dort ein riesiges Potential gab. Der Fußball der gespielt wurde, erinnerte allerdings an Schottland in den achtziger Jahren. Der Ball war selten am Boden, meistens in der Luft. Ich habe gesagt: Ihr seid doch von der Mentalität her Fußballer wie in Ägypten, Tunesien oder Algerien. Warum spielt Ihr nicht genauso?

Wie war die sportliche Situation, die Sie in der nationalen Liga vorfanden?

Antoine Hey:  Es werden in Libyen viele Millionen in den Fußball investiert, aber dann kommt eine Mannschaft aus dem Kongo und gewinnt die afrikanische Champions League. Die finanziellen Verhältnisse spiegeln sich in den Resultaten nicht wider. Dass die libyschen Mannschaften keine Titel gewinnen, wurmt die Menschen am meisten.

Wie groß ist der Einfluss von Al-Ittihad, des Spitzenklubs aus Tripolis?

Antoine Hey:  Erheblich. Neun Mann vom Meister stehen in der Nationalmannschaft in der Startelf. Trotzdem gewinnen sie nichts. Sie haben gute, hoch bezahlte Ausländer, aber wenn es in die entscheidenden Spiele geht, versagen auch die. Die Verbandsspitze hat gesagt: Wir brauchen eine neue Generation von Spielern, eine Generation, die erfolgshungrig ist. 

2001 bis 2003 war Saadi Gaddafi, Sohn des Diktators, Fußballer des Jahres in Libyen, später Vizepräsident des libyschen Fußballverbands. Haben sich Ihre Wege schon gekreuzt?

Antoine Hey: Saadi ist heute ist nicht mehr in den Fußball involviert. Ich habe ihn kein einziges Mal gesehen. Nur der älteste Sohn, Doktor Muhammad Gaddafi, war bei den Spielen dabei. Er ist der Chef des Olympischen Komitees, letztendlich so etwas wie der Sportminister. Ein sehr freundlicher, zurückhaltender Mann, der sich aus politischen Dingen komplett heraus hält. 

Halten Sie sich auch heraus? Geht das überhaupt?

Antoine Hey: Ich frage schon öfter mal nach, weil ich immer wissen will, in welcher Situation sich meine Mitarbeiter befinden. Bei meinen Reisen in den Osten des Landes ist mir aufgefallen, dass die Infrastruktur dort sehr zu wünschen übrig lässt. Der Osten ist in den letzten Jahrzehnten hinter dem Westen zurückgeblieben und offensichtlich, wie man so hört, war das auch beabsichtigt.

Haben Sie in der aktuellen Situation noch Hoffnung?

Antoine Hey: Es ist leider eine Situation entstanden, in der alle nur noch verlieren können. Wo es nicht mehr darum geht, was die richtige Entscheidung für die Bevölkerung ist. Ich bin angesichts der Entwicklung in den letzten Tagen nicht sehr optimistisch. Man kann nicht behaupten: Wenn Muammar Gaddafi weg ist, wird alles besser. Wenn ich sage: Das Regime muss weg, muss ich auch einen Plan B haben. Das ist genauso, als wenn ich einen Trainer entlasse und habe keinen neuen.

Was wäre für Sie eine gute Lösung des Konflikts?

Antoine Hey:  Eine gute Lösung wäre es, wenn es keine Gewalt mehr geben würde. Ich habe mit 14-, 15-jährigen zu tun gehabt, die jetzt unter ständigem Beschuss stehen. Ich glaube, dass die Militäraktion eine Kluft in das Land treibt, die über Generationen nicht mehr zu schließen ist. Die Unruhen haben am 17. Februar begonnen, am 17. März warfen die Alliierten die ersten Bomben. Was ich nicht verstehe: Warum ist es im 21. Jahrhundert nicht möglich, in vier Wochen eine politische Lösung zu finden? 


Lest am Donnerstag im zweiten Teil: Antoine Hey über seine Erlebnisse während seiner Arbeit als Nationaltrainer von Lesotho, Gambia, Liberia und Kenia.

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