»Fußball ist doch schizophren«

Wird Leverkusen Meister, Jens Nowotny?

Jens Nowotny hat die Jahre von Vizekusen miterlebt: Er wurde Vize-Meister in der Bundesliga, Zweiter in der Champions League und im DFB-Pokal. Vor dem Rückrundenstart fragten wir ihn: Kann Bayer diese Saison Meister werden? »Fußball ist doch schizophren«Imago

Jens Nowotny, wo erwischen wir Sie gerade?

Jens Nowotny: In Biesfeld, im Bergischen Land. Ich habe eine Spielerberatungsagentur gegründet, mit der ich junge Spieler begleite, damit die in ein paar Jahren den Markt aufmischen. Und momentan ergibt es sich, dass ich viel von zuhause arbeite.

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Sie haben Ihre Karriere im Januar vor vier Jahren aufgrund anhaltender Verletzungsprobleme beenden müssen. Ohne Titel und mit nur einem WM-Spiel. Stand Ihr Körper Ihnen zu oft im Weg?


Jens Nowotny: Dieser Schluss liegt natürlich nahe, aber es lag eher an meiner Einstellung. Ich war immer der Auffassung, dass zuerst der Verein kommt und dann erst ich. Es gab eben viele Moment in denen ich meine Gesundheit zum Wohle des Vereins geopfert habe. Das hat mich aber eben auch so weit gebracht. Im Nachhinein würde ich das auch immer wieder so machen.

2002 wurden Sie in allen Wettbewerben weinender Zweiter und verpassten dazu die WM in Japan und Südkorea. War es nun die beste oder die schlimmste Saison Ihrer Karriere?

Jens Nowotny: Das begegnet sich auf einer Ebene. Es war fußballerisch das Beste, was wir als Mannschaft geboten haben. Und für mich eine Saison auf einem Top-Level. Aber ich habe mich eben auch im Halbfinale verletzt und ab da gab es für mich nur die Verletzung. Und selbst wenn die Mannschaft Champions-League-Sieger geworden wäre, hätte ich nur nebenbei gestanden. Als gutes Beispiel dafür gab es nach dem Endspiel vom Verein eine Collage mit den Momenten dieser Saison. Auf der habe ich gefehlt.

Also war es emotional eher kein gutes Jahr?

Jens Nowotny: Nein, es war auch emotional eigentlich eine richtig geile Saison. Nur haben wir eben zehn Monate lang gefeiert und dann einen einzigen Tag getrauert. Das ist ja das Schizophrene am Fußball. Du spielst in Leverkusen eine richtig geile Saison, verlierst das letzte Spiel, wirst am Ende nur Zweiter und alle sind traurig. Unten spielt der 1. FC Köln eine Saison lang scheiße, springt am letzten Tag noch von der Klippe und alles ist rosarot.

231 Spiel für Leverkusen und doch kein Titel, haben Sie nie darüber nachgedacht, zu einem anderen Verein zu gehen, um doch einmal ganz oben zu stehen?

Jens Nowotny: Natürlich gab es diese Gedankenspiele, diese Momente, in denen ich gedacht habe, wenn ich nach München gegangen wäre, hätte ich schon drei Titel geholt. Aber es war nie meine Intention, Leverkusen deshalb zu verlassen. Da waren andere Dinge viel wichtiger.

Wenn es nicht um Titel ging, worum dann?

Jens Nowotny: Ich glaube im Nachhinein erinnern sich viele Leute eher an Vizekusen und an den tollen Fußball, den wir in diesem Jahr gespielt haben, als an eine weitere Meisterschaft der Bayern.

Das klingt, als hätten Sie sich mit dem Stigma des ewigen Zweiten und einer Karriere ohne Meisterschaft abgefunden. Wie passt das in ein Geschäft, in dem der individuelle Erfolg in erster Linie an Titeln gemessen wird?

Jens Nowotny: Ich habe es immer so gehalten wie kaum einer dieser Motivationstypen. Denn auch wenn wir keinen Titel geholt haben, standen wir 2002 im Endspiel der Champions League, in einem Spiel, das sich Millionen Menschen angeschaut haben. Und das mit einer tollen Mannschaft. Andere sind vielleicht mal Deutscher Meister geworden, okay, Hut ab, alles toll und schön, aber im Finale der Champions League zu stehen, das ist noch mal eine andere Hausnummer. Jedes Jahr wird ein Team Deutscher Meister, aber es standen außer uns mit Dortmund und Bayern nur noch zwei weitere deutsche Mannschaften in einem solchen Spiel. Das sagt doch alles.

Heute trifft Bayer Leverkusen als zum auf Spitzenreiter Borussia Dortmund. 2002 startete die Rückrunde unter entgegen gesetzten Vorzeichen. Am 24. Spieltag konnte Bayer daheim sogar mit 4:0 gegen den BVB gewinnen,  wurde aber noch abgefangen. War dieser Sieg rückblickend eher Gift für den Endspurt?

Jens Nowotny: Im Gegenteil. Unterm Strich war unser Charakter Gift. Wir waren alle Schwiegermamas Lieblinge, hätten aber viel eher offensiv nach außen gehen sollen. Wir hätten sagen müssen: »Wisst ihr was, wir werden Meister, weil wir klar die beste Mannschaft sind.« So hätten wir damit umgehen können. Denn selbst wenn es nicht so gekommen wäre, hätte es doch keinen mehr interessiert, was wir da gesagt haben. Das war der Fehler, den wir gemacht haben.

Jens Nowotny, trotz zehn Punkten Rückstand: Trauen Sie der aktuellen Mannschaft die Revanche für 2002 noch zu?

Jens Nowotny: Ich denke Dortmund ist noch nicht durch. Aber sollte Leverkusen noch mal so nah rankommen, dass sie noch Meister werden könnten, werden es die Bayern. 

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