Fußball-Clown Rémi Gaillard im Interview

»Alle denken, ich sei auf Drogen«

Mal rast er als Super-Mario durch den Straßenverkehr von Montpellier, mal schmuggelt er sich während des französischen Pokal-Endspiels auf den Rasen – Rémi Gaillard ist der bekannteste Fußball-Clown der Welt. Ein Gespräch über Jacques Chirac und die belebende Wirkung von Fruchtsaft.

Rémi Gaillard, Sie gelten als Komödiant der Fußballszene. In Ihren Videos sieht man Sie durch Paris laufen und auf Mülleimer schießen, als vermeintlicher Fußballer mit den Profis feiern und gegen Brasiliens Superstar Ronaldo kicken. Was war Ihre bisher spektakulärste Aktion?
Als ich 2002 nach dem französischen Pokalfinale zwischen dem FC Lorient und SC Bastia die Hand des damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac schütteln durfte. Ich habe mich als einen der Spieler von Lorient ausgegeben, war auf dem Fußballfeld, habe mit ihnen gefeiert und den Pokal berührt. Dieses Video ist eines meiner schönsten Erinnerungsstücke!
 
Wie war der Händedruck von Chirac?
Ganz fantastisch. Ich war zu dem Zeitpunkt voller Adrenalin. Er ist auf mich zugekommen, um mir zu gratulieren, weil er dachte, ich sei einer der Fußballer. Das war eine sehr gefährliche Aktion, schließlich war ich umgeben von den Sicherheitsleuten des Präsidenten. Aber niemand hat mich erkannt. Als mir Chirac lächelnd die Hand drückte, wusste ich: Der Streich hat funktioniert.
 
Und wenn Sie aufgeflogen wären?
Hätte ich die Rolle sofort abgelegt und keine Gegenwehr geleistet. Ich greife niemanden an. Es soll letzten Endes immer ein Spaß bleiben.
 
Wie finden Sie eigentlich bei solchen Aktionen die jeweiligen Sicherheitslücken?
Heute geht das leider nicht mehr so einfach, dafür bin ich zu bekannt. Aber damals habe ich mich einfach genauso verhalten, wie die anderen Spieler. Man verbirgt sich am besten, wenn man genau das macht, was die anderen tun. Also rannte ich jubelnd über das Feld, schrie in die Kameras und plauderte ganz lässig mit den Offiziellen. Und die Spieler von Lorient waren nach dem Sieg derart in Ekstase, dass keiner bemerkt hat, dass ich nicht dazu gehöre. Dabei trug ich nur das offizielle Shirt der Vor-Saison. Ohne Sponsor, ohne Name, ohne Nummer.
 
Was dachten Sie, als Sie den Pokal in die Höhe stemmten? Etwa ein schlechtes Gewissen gehabt?
Ach was! Es fühlte sich an, als ob ich gerade das Pokalfinale gewonnen hätte!
 
Wie bereiten Sie sich auf so einen Auftritt vor? Müssen Sie sich Mut antrinken?
Alle denken, ich sei auf Drogen. Aber meist trinke ich einfach einen Fruchtsaft. Erdbeersaft, Orangensaft, was auch immer. Ich nehme kein Koks und auch keinen Alkohol, der Saft reicht mir vollkommen.
 
Erdbeersaft als Mutmacher?
Der Mut für die Aktionen kommt aus meinem Herzen!
 
Wie reagieren die Beteiligten eigentlich, wenn Sie merken, dass Sie von Ihnen auf den Arm genommen worden sind?
2008 fuhr ich als Super-Mario verkleidet im Kart durch die Straßen von Montpellier. Die Polizei hielt mich natürlich an, stellte mich zur Rede und zwang mich, den falschen Schnurrbart abzunehmen. Ich dachte: Jetzt gibt es richtig Ärger. Aber die Jungs wollten sich nur mit dem Typen fotografieren, der gerade »Mario-Kart« nachgespielt hatte!
 
Gibt es einen Verein, den Sie gerne mal veralbern würden?
Paris Saint-Germain. Fußball muss für mich ein Spiel bleiben und die kaufen sich den Sieg mit dem Geld aus Katar. So ein Klub hat jeden Streich der Welt verdient.
 
Kann man als Straßenclown in Vollzeit eigentlich überleben?
Seit die Videos so erfolgreich sind, finanziere ich mich mit den Einnahmen aus den Portalen und meinem Youtube-Kanal. Vor vielen Jahren sah ich ähnliche Sketche im französischen Fernsehen, aber die waren nicht wirklich der Hit. Also hab ich mir gesagt: »Das kann ich besser.« So sind ich und meine Freunde losgezogen und haben angefangen kleine Filme in den Straßen von Montpellier zu drehen.
 
Haben Sie eigentlich selbst mal im Verein gespielt?
Ich war 20 Jahre lang für Le Crès, den Verein eines kleinen Dorfes in der Nähe von Montpellier, aktiv. Der Klub ist heute leider verschwunden, aber ich habe ein Video gemacht, das an ihn erinnern soll. Eine Hommage an die Amateurliga. Inzwischen bin ich 37 Jahre alt, meine aktive Karriere auf dem Platz ist definitiv vorbei.
 
Im Internet kursiert ein Video, in dem Sie und der dreifache Weltfußballer Ronaldo einander beim Zielschießen auszustechen versuchen. Wie kam das zustande?
Eine Telefongesellschaft kam auf die Idee, das Duell als Marketinggag zu veranstalten. Also wurde ich eines Tages von Ronaldo kontaktiert, wir organisierten einen Videoaustausch. Es war fantastisch.
 
Den letzten Trickschuss im Video zeigen Sie – per Hacke gegen einen fahrende Straßenbahn, von dort gegen eine Dose. Heißt das, Sie haben das Duell gewonnen?
Ich glaube ja. Ich fühle mich als psychologischer Sieger.
 
Ronaldo scheint nicht Ihr einziger Fußballer-Kumpel zu sein. Montpelliers ehemaliger Stürmer Olivier Giroud, zog einst beim Torjubel sein Trikot hoch und präsentierte ein T-Shirt mit Ihrem Motto »C'est en faisant n'importe quoi qu'on devient n'importe qui« (auf Deutsch etwa: Indem man etwas tut, wird man zu jemandem). Wie kam es dazu?
Olivier ist ein guter Freund von mir. Vor dem Spiel waren wir zusammen in Paris, spielten eine Runde Poker. Er verlor, die T-Shirt-Aktion war sein Wetteinsatz.
 
Am 4. Dezember 2012 empfängt Ihr Klub, der HSC Montpellier, Schalke 04 zum letzten Gruppenspiel in der Champions League. Haben Sie schon eine Aktion geplant?
Ich werde zwar im Stadion sein, aber nur als ganz normaler Fan. Wenn ich da irgendeine Aktion bringe, fliege ich aus dem Stadion und kann meinen geliebten Klub nicht siegen sehen! Das will ich mir nicht antun.

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