Fußball in Afrika: Antoine Hey im Interview (Teil 2)

»Ich habe unvorstellbare Wunderheilungen gesehen«

Der Deutsche Antoine Hey ist derzeit Technischer Direktor des libyschen Fußballverbandes. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht er über seine Arbeit als Nationaltrainer von Lesotho, Gambia, Liberia und Kenia. Fußball in Afrika: Antoine Hey im Interview (Teil 2)Imago

Antoine Hey war einst Bundesliga-Spieler bei Fortuna Düsseldorf und Schalke 04 und ist heute amtierender Technischer Direktor des libyschen Fußballverbandes. Im zweiten Teil unseres Interviews sprachen wir mit dem 40-Jährigen über seine Arbeit als Nationaltrainer von Lesotho, Gambia, Liberia und Kenia, das Stigma des Weltenbummlers und Übernachtungen vor geschlossenen Grenzübergängen.


Antoine Hey, Sie haben vor Ihrem Engagement in Libyen in Lesotho, Gambia, Liberia und Kenia gearbeitet. Welche Qualitäten muss man als deutscher Trainer in afrikanischen Ländern besitzen?

Antoine Hey: Man muss mit Menschen umgehen können, respektvoll sein, offen für Neues. Man darf sich selbst nicht so ernst nehmen. Und die Menschen mitnehmen, bei den Sachen, die man macht. Die wichtigsten Eigenschaften sind: Einfühlungsvermögen und Überzeugungskraft.

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Worauf mussten Sie zum Beispiel in Gambia achten?


Antoine Hey: In dem Land gibt es einen weit verbreiteten Naturglauben. Wenn Spieler sich bei Verletzungen heilsame Steine auf die Wunden legen, kann man das als Trainer nicht in Frage stellen. Ich habe die Spieler eher noch bestärkt, weil ich davon überzeugt bin, dass sich im Fußball unheimlich viel im Kopf abspielt. Und ich habe kaum vorstellbare Wunderheilungen gesehen.

Wie war es in anderen Ländern?


Antoine Hey: In Kenia sagte ein Torwarttrainer einmal zu mir, dass er dringend nach Mombasa müsste. Er wäre am nächsten Nachmittag wieder zurück. Die Strecke Nairobi-Mombasa, das sind mit dem Bus acht Stunden. Es stellte sich heraus, dass er der Meinung war, dass unsere Stürmer mit einem bösen Fluch belegt waren. In Mombasa wollte er sich mit seinem Hexenmeister besprechen. Ich habe ihn fahren lassen. Hätte ich es ihm verboten und hätten die Stürmer wieder nicht getroffen, wäre ich nachher Schuld gewesen.

Hat sich die Fahrt wenigstens gelohnt?


Antoine Hey: Wir haben das Spiel 2:1 gewonnen; vielleicht hätten wir sonst verloren. Man kann in solchen Situationen nicht auftreten wie ein deutscher Feldherr und sagen: Jetzt marschieren wir alle links herum. Mit sportwissenschaftlichen Herangehensweisen kommt man in manchen Momenten nicht sehr weit.

Ihr bislang größter Job war der als Nationaltrainer von Kenia.


Antoine Hey: Kenia hat 40 Millionen Einwohner, jedes Training der Nationalmannschaft wird live im Fernsehen übertragen. Es ist etwas chaotisch: Die Fernsehanstalten kommen während des Trainings auf den Platz, weil sie möglichst nah dabei sein wollen, wenn der Star-Spieler aus Europa einen Ball annimmt.

Hier geht es zum ersten Teil: Antoine Hey über Fußball in Libyen >>>


Was war das denkwürdigste Erlebnis?

Antoine Hey: Wir spielten mit Gambia in Liberia, fuhren mit dem Mannschaftsbus vom Quartier los. Es gab nur eine Straße, die zum Stadion führte, und die war voller Menschen. Es war wie beim New-York-Marathon. Das Stadion war Stunden vor dem Spiel ausverkauft, hoffnungslos überfüllt. Wir mussten durch diese Menge; es war eine unglaubliche Freude. Wir sind mit dem Bus ins Stadion gefahren und eine Ehrenrunde über die Tartanbahn. Es war ein ohrenbetäubendes Getöse, wie man es in Europa nie erleben wird.

Was haben Sie in diesem Moment empfunden?


Antoine Hey: Ich habe gedacht: Irgendwann musst Du hier auch wieder raus. Was ist, wenn wir das Spiel verlieren? Es herrscht einerseits eine riesige Begeisterung, andererseits kann das auch schnell kippen. Unser Co-Trainer Kemal Halat ist in seinem Sitz zusammengesunken, der hatte richtig Angst. Uns erkennt man ja auch besonders einfach in dieser riesigen Menschenmenge.

Sie haben den Trainerlehrgang zusammen mit Thorsten Fink und Thomas Häßler absolviert. Wie sind Sie 2005 in Lesotho gelandet?


Antoine Hey: Es war nie geplant. Ich hatte meine Karriere allerdings extra früh beendet, wollte lieber ein junger Trainer sein als ein alter Spieler. Eingestiegen bin ich mit 33 Jahren in der dritten Liga in Neumünster, als Spielertrainer. Der Klub hat sich zum ersten Mal für den DFB-Pokal qualifiziert. Ich konnte mich als Trainer ausprobieren. Dann kam die Anfrage aus Lesotho, von einem englischen Spielervermittler, den ich noch aus meiner aktiven Zeit in England kannte.

Wie haben Sie reagiert?


Antoine Hey: Ich habe gesagt: Ich weiß gar nicht, wo das Land ist, aber ich fahre hin und gucke es mir an. Ich bin hingefahren und sah sehr gute Trainingsbedingungen, ein wunderbares Land. Ich habe gesagt: Warum solltest Du Dir als junger Trainer nicht ein breites Bild machen, einen weiten Horizont entdecken? Für mich ist es eine Herausforderung, sich in immer neuen Kulturkreisen zurechtzufinden und sich selbst immer wieder zu hinterfragen.

In Deutschland kommt das oftmals anders an. Trainer, die in exotischeren Ländern gearbeitet haben, gelten nicht unbedingt als Kandidaten für die Bundesliga.


Antoine Hey: Das nehme ich gerne in Kauf. Ich habe in Kenia mit Spielern wie McDonald Mariga zusammengearbeitet, der mit Inter Mailand die Champions League gewonnen hat. Solche Spieler gibt es bei Wacker Burghausen nicht. Etwas überspitzt gesagt: Ich muss gleichzeitig mit Spielern zusammenarbeiten, die einen Marktwert von 15 Millionen Euro haben, und solchen, die 15 Euro wert sind. Ich muss beide Spieler von mir überzeugen. Das ist die Herausforderung, wenn man afrikanische Nationalmannschaften trainiert.  
Was haben Sie Otto Pfister zu verdanken, der ja bereits Ghana oder Kamerun trainiert hat?

Antoine Hey: Er ist damals von kenianischem Staatspräsidenten Raila Odinga gefragt worden, ob er mich verpflichten soll. Odinga spricht Deutsch, hat in Magdeburg studiert und ist ein sehr großer Fußballfan. Pfister rief mich nach dem Gespräch an. Zwei Tage später war ich Nationaltrainer von Kenia. Wir waren mit der Mannschaft zu Spielen im Iran, in Malaysia, im Oman, in Bahrain und in Ägypten. Mit Odinga bin ich bis heute in Kontakt, wir telefonieren noch häufiger. Ich habe seine private Handynummer.

Ihre beste Geschichte über das Reisen in Afrika?

Antoine Hey: Wir waren eingeladen zum Staatsfeiertag in Mosambik, mit der Nationalmannschaft von Lesotho. Vorher habe ich gefragt: Wie kommen wir dahin? Ich erhielt die Antwort: Mit dem Bus. Fahrtzeit: 16 Stunden. Unser Delegationsleiter bestand darauf, dass wir über Swaziland fahren. Er sagte: Das machen wir schon seit Jahren, das ist eine Super-Abkürzung.

Wie lange haben Sie gebraucht?

Antoine Hey: Wir kamen abends gegen 22 Uhr am Grenzposten an, draußen war schwarze Nacht. Eine lange Straße, mitten im Dschungel, und ein Schlagbaum. Der Delegationsleiter stieg aus, kam nach zehn Minuten wieder, völlig niedergeschlagen. Die Grenze war bereits geschlossen, machte erst morgens um sechs wieder auf. Wir standen also mit unserem Bus mitten im Busch, kein Licht, kein Essen, kein gar nichts. Und am nächsten Tag war unser Spiel.

Was haben Sie gemacht?


Antoine Hey: Wir mussten an der Grenze im Bus übernachten und kamen erst kurz vor dem Spiel an. Und danach sind wir gleich wieder 16 Stunden zurückgefahren. Die Fahrt war, nun ja, nicht sehr vorausschauend geplant. Es kann auch mal passieren, dass das Benzin ausgeht und die nächste Tankstelle liegt zehn Kilometer hinter einem.

Gibt es Länder, in denen Sie nicht arbeiten würden?


Antoine Hey: Ich bin kein Politiker, sondern Sportler. Man muss von Fall zu Fall unterscheiden. In Liberia habe ich nach 13 Jahren Bürgerkrieg gearbeitet, da stand kein Stein mehr auf dem anderen. Wir haben damit angefangen, erstmal eine Basis zu legen für eine Nationalmannschaft. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, gibt es kein Land, in dem ich nicht arbeiten würde. Ich bin nicht Botschafter oder Außenminister, sondern habe einzig und allein die Aufgabe, dem Fußball zu helfen.

Die Karrieren von Rudi Gutendorf oder Otto Pfister sind bekannt. Was glauben Sie, wo Sie in zehn Jahren arbeiten werden?


Antoine Hey: Es kann sein, dass ich weiter in der Welt herumreise und Nationalmannschaften betreue. Ich will mich jeden Tag als Trainer weiterentwickeln. Es wäre schon ein Traum, einmal eine Vereinsmannschaft in Europa auf höherem Niveau zu übernehmen. Mein Seelenheil hängt davon aber nicht ab.

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