FSE-Sprecherin Daniela Wurbs über den europäischen Fankongress

»Es geht immer um Repression und Gewalt«

Daniela Wurbs koordiniert für Football Supporters Europe von Hamburg aus internationale Fanarbeit. Sie spricht über Krawalle in der Türkei, radikale Klubs in Frankreich und trotzige Aktivisten aus Kroatien. Und sagt vor dem an diesem Wochenende stattfindenden Fankongress in Istanbul, welche Fans es am besten haben.

Mali Lazell
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Daniela Wurbs, wie viele Vielfliegerkarten haben Sie?
Im Moment sind es drei, weil ich fast jede Woche zwei oder drei Tage im Ausland unterwegs bin. Eigentlich müsste von Turkish Airlines noch eine vierte dazukommen, weil ich so oft nach Istanbul geflogen bin.

Dort findet vom 13. bis 15. Juli der fünfte europäische Fankongress statt. Wie abenteuerlich war die Vorbereitung?
In der Türkei gibt es keine übergreifenden Strukturen von oder für Fans. Deshalb haben wir uns an eins unserer Mitglieder gewandt, eine Fangruppe die »ÜNIFEB« heißt und Fenerbahce-Fans an Universitäten organisiert. Sie hat dann Kontakt zu Uni-Gruppen von Besiktas und Galatasaray aufgenommen, obwohl sich in Istanbul die Fans der Lokalrivalen natürlich zunächst auf keinen Fall an einen Tisch setzen wollten. Aber das war in Hamburg oder Kopenhagen anfangs auch nicht anders.

Allerdings sind in Istanbul bei den Lokalderbys derzeit keine Gästefans zugelassen, und die letzte Saison endete mit Krawallen. Beunruhigt Sie das für den Kongress?
Ich war im Stadion, als Galatasaray bei Fenerbahce den Titel gewonnen hat, und bin mit hunderten Fans durch die Gänge des Stadions geflüchtet, nachdem die Polizei die Tribüne flächendeckend mit Tränengas beschossen hatte. Das war dramatisch, es wurden auch Elektro-Teaser eingesetzt und außerhalb des Stadions sogar Schusswaffen. Dabei war im Stadion zunächst nichts passiert, außer dass die Fans auf ihre Mannschaft wütend waren, weil Galatasaray gewonnen hatte. Sie haben nach ihren Spielern verlangt, um mit ihnen den Saisonabschluss zu begehen. Zuvor wurden vereinzelt Bengalos gezündelt, was in der Türkei jedoch relativ normal ist. Die Stimmung war angespannt, aber soweit friedlich, bis Polizei und Ordner eingriffen.

Das klingt so, als ob die Situation von Fans trotz globalisiertem Fußball international sehr unterschiedlich wäre.
Nein, es sind nur jeweils andere Dimensionen der Themen, die fast alle Fans bewegen. Es geht immer wieder um Repression, Gewalt, Diskriminierung, die Möglichkeit der Mitbestimmung und um das Ticketing, also wie Eintrittskarten zu welchen Preisen angeboten werden. Aber Fußballfans vernetzen sich auch zunehmend, ob über internationale Kontakte von einzelnen Fangruppen oder Organisationen wie unsere. Mit unseren Mitgliedern vertreten wir über drei Millionen Fans in über 40 europäischen Ländern.

Football Supporters Europe ist offizieller Ansprechpartner der UEFA für Fanfragen, wie hat sich aus Ihrer Sicht die Situation von Fußballanhängern in den letzten Jahren verändert?
In puncto Dialog gibt es sicherlich Verbesserungen. Dass nun europaweit die in Deutschland schon lange bekannten Fanbeauftragten bei Klubs eingeführt werden, ist sogar fast schon revolutionär. Andererseits werden die Freiräume sicher kleiner, und in Sachen Repression und Sicherheitshysterie kann mich fast nichts mehr schocken.



Wo haben sie zuletzt trotzdem den Kopf geschüttelt?
Als Paris Saint-Germain angesichts sicherlich massiver Gewaltprobleme einfach mal 16 000 Dauerkarteninhabern gekündigt hat, nachdem es jahrelang weder Dialog noch Prävention gegeben hat. In der Türkei gibt es lebenslange Stadionverbote mit Meldepflicht, die für alle Sportarten gelten. Weil aber Klubs wie Fenerbahce sehr viele Sportarten betreiben, muss man fast täglich zur Polizeiwache und kann kaum noch arbeiten. Und in Dänemark hat Bröndby versucht, Tickets nur an jene zu verkaufen, die Fingerabdrücke registrieren ließen.

Bringen Sie manchmal auch Fans aus der Fassung?
Ich bin extrem schockiert, wie offen Rassismus bei einigen osteuropäischen Klubs zur Schau getragen wird. In einer Kurve habe ich ein gezeichnetes Transparent gesehen, das den Ku-Klux-Klan auf Jagd nach Schwarzen zeigt. Darunter stand: »Nur für weiße Fans«. Dazu fällt einem nichts mehr ein. Trotzdem ist das entgegen aller Berichterstattung auch in Osteuropa nicht Ausdruck der Mehrheitsmeinung.

Gibt es auch eine Fangruppe, die Ihnen besonderen Respekt abnötigt?
Ganz toll finde ich die  »Bijeli andeli« von NK Zagreb. Die Gruppe setzt sich als einzige in Kroatien gegen Diskriminierung und Gewalt ein, obwohl sie massive Widerstände von anderen Fans, dem eigenen Verein und sogar der Polizei erfährt.

In welchem Land haben es die Fans am besten?
Vermutlich in Norwegen. Dort muss die nationale Fanvereinigung vom Fußballverband zu allen wesentlichen Entscheidungen gefragt werden. Stehplätze werden ausgebaut, Pyrotechnik ist legal und es gibt so gut wie keine Probleme mit Gewalt. Von den großen Fußballländern ist Deutschland in einer Luxusposition, die vielen Fans nicht bewusst ist, weil sie über Vereinsmitgliedschaften wesentlich mehr mitbestimmen können als anderswo. Ohne die bestehenden Probleme kleinreden zu wollen, glaube ich, dass die Situation hierzulande relativ gut ist. Die derzeitige Medienhysterie und politische Sicherheitsdebatte um Fußballfans und Gewalt finde ich auch deshalb gefährlich, weil sie die Realitäten zu verzerren droht und das Risiko birgt, dass die radikalen Strömungen auf allen Seiten gestärkt werden.

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