28.02.2008

Friedrich und Wieschemann im Interview

„Atze, du wurdest zerstört“

Der FCK droht ins Bodenlose zu fallen. Nicht wenige geben den ehemaligen Vereinsbossen Jürgen „Atze“ Friedrich und Dr. Robert Wieschemann die Schuld. Wir sprachen mit ihnen über Größenwahn, Rufmord und das schmutzige Fußballgeschäft.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Apitius Bild: imago
Aber es ist gerichtlich verfügt, dass Zahlungen dem Finanzamt vorenthalten wurden. Ganz konkret: Welche Fehler haben Sie begangen?

Friedrich: Wir waren immer der Meinung, nach »unserem« rechtlichen und kaufmännischen Empfinden das Richtige gemacht zu haben - und das war ein Irrglauben. Vielleicht muss man sich wirklich bei solchen Verträgen immer direkt beim Finanzamt absichern. Franz Beckenbauer hat in den siebziger Jahren dem Robert Schwan seine Persönlichkeitsrechte in der Schweiz übertragen. Das ist also nichts Außergewöhnliches. Sind wir doch froh, dass wir Persönlichkeitsrechte haben. Wenn Sie jetzt ein Buch schreiben und da kommt einer und sagt, das bekommen Sie von mir, ich möchte gerne Ihre Persönlichkeitsrechte haben, weil ich das und das damit machen möchte. Sie sagen entweder ja oder nein, und dann haben Sie ein Geschäft gemacht, und mit den von Ihnen übertragenen Rechten macht er sein Geschäft.

Und dennoch kann man nie ausschließen, dass die Gelder für die Persönlichkeitsrechte an die Person selbst zurückgeführt werden.

Friedrich: Man hat zu mir gesagt: »Mensch, Atze, das hättet ihr doch prüfen lassen müssen«. Aber die Spieler haben das doch unterschrieben! Ich kann doch nicht jedem Hansel einen Detektiv ins Ausland hinterherschicken.

Dr. Wieschemann: Sonst kann ich nicht mehr handeln.

Friedrich: Am letzten Prozesstag sagte der Richter zu mir: »Herr Friedrich, was machen Sie sich denn jetzt noch Gedanken? Das ist doch ein Freispruch zweiter Klasse. Sie haben Steuern für Dritte hinterzogen«. Das ist doch toll, oder? (lacht) Ich dachte nur: »Moment mal, wir sind hier hingestellt worden wie Verbrecher, die Unterschlagungen betrieben haben.«

Sie fühlten sich verschaukelt?

Friedrich: Hätte ich etwas gemacht, dann hätte ich es auch eingesehen. Ich bin wirklich der Meinung, ich hätte nichts Böses gemacht. Und dann sitzt dir der Staatsanwalt gegenüber, hält sein Plädoyer und beantragt plötzlich drei Jahre und neun Monate. Das müssen Sie sich einmal vorstellen! Das hat doch mit Rechtsempfinden nichts mehr zu tun! Der hat sie doch nicht alle. Ich lese auch Zeitung. Wenn Sie heute angezeigt werden, dass Sie einem jungen Mädchen auf den Po gehauen hätten, mein lieber Mann, dann müssen Sie aufpassen, dass Sie gut über die Runden kommen. Dann können Sie dreimal sagen: »Na, hören Sie mal. Ich bin verheiratet, habe drei Kinder«. Das nützt nichts! Wenn Sie mal so in der Mühle drin sind, dann müssen Sie ganz gewaltig aufpassen.

Sie spielen auf die Selbstanzeige Ihres Nachfolgers René C. Jäggi an, der den Prozess gegen Sie anschob?

Friedrich: Ich gehe eigentlich davon aus, dass die meisten Menschen niemandem etwas Böses wollen. Aber wenn der Chefjustiziar von der DFL (Deutschen Fußball Liga, d. Red.) vor Gericht aussagt, er wäre nur aufgrund der Selbstanzeige des 1.FC Kaiserslautern tätig geworden, dann kann etwas nicht stimmen. Hätte sich der FCK nicht angezeigt, wäre rein gar nichts passiert! Deswegen habe ich dieses profane Beispiel mit dem jungen Mädchen gebracht. Liegt eine Anzeige erst einmal vor, kommt es auch zu einer Verhandlung. Nicht, dass wir darauf gesetzt hätten, aber das Finanzamt hätte sich vielleicht wegen nur Unklarheiten gemeldet und es schließlich bei einem Versagen der Betriebsausgaben belassen.

Jäggi wurde sich mit dem Finanzamt Kaiserslautern in einer »Tatsächlichen Verständigung« über die Begleichung der Steuerschuld in Höhe von rund 9 Millionen Euro einig.

Friedrich: Gerhard Mayer-Vorfelder kam damals auf mich zu und sagte: »Was, Atze? Der Jäggi hat 8,9 Millionen freiwillig gezahlt? Da wäre ich als Finanzminister vor Freude auf den Tisch gesprungen«. Hier sind Dinge passiert, die hat es vorher noch nicht gegeben. Und jetzt ist der Verein zu feige, die 8 Millionen zurückzufordern...

Dr. Wieschemann: ...obwohl das Finanzgericht Rheinland-Pfalz inzwischen festgestellt hat, dass etwa die Steuerforderungen gegen die Eheleute Djorkaeff nicht berechtigt war.

Jemand wollte Ihnen also doch etwas Böses?

Friedrich: Ich weiß, dass der Herr Jäggi von der vielen Arbeit erschrocken war, die hier herrschte. Er wurde angesprochen: »Herr Jäggi, der Friedrich hört auf, wäre das nicht etwas für Sie? Das ist gar kein Problem. Wir tauschen den Trainer aus, und dann sind wir wieder unter den ersten Fünf«. Und dann kommt der dahin und sieht, dass er Tag und Nacht arbeiten muss. Er musste sich irgendetwas einfallen lassen: Wie könnte ich das jetzt eventuell machen? Es ist in der Wirtschaft Regel, möglichst den Erfolg nach unten zu treten.

Wie geht man mit diesem Schicksal um?


Friedrich: Da vergeht Ihnen das Lachen, kann ich nur sagen! Da bist du schön am pfeifen. Ich muss mich jeden Tag vor meiner Familie rechtfertigen. Überlegen Sie mal, mein Sohn ist daraufhin ausgewandert, lebt seit vier Jahren in Brasilien. Du musst sofort abschließen mit der ganzen Scheiße.

Aber Sie leben immer noch hier in Kaiserslautern.

Friedrich: Ich gehe ins Kino, auf den Markt, ich gehe in Gaststätten. Ab und zu gibt es immer ein paar Blödmänner, aber das passiert Ihnen auch, wenn Sie jetzt einen Artikel verhauen. Wenn Sie so etwas erlebt haben, müssen Sie einen Cut machen.

Sie arbeiten weiterhin in der Fußball-Branche. Ist der 1.FC Kaiserslautern für Sie zu einem Bundesliga-Klub wie jeder andere geworden?

Friedrich: Ich arbeite jeden Tag im Fußball. Mich interessiert Fußball. Aus diesen Gründen interessiert mich natürlich die Zukunft des FCK, aber ich bin nicht mehr mit soviel Herzblut wie damals bei der Sache. Alles andere wäre ja auch hirnverbrannt. Hier gibt es einfach keinen Respekt vor Traditionen. Und das ist eigentlich das, was ja gerade schön ist. Deswegen liebe ich die Engländer so. Wenn Sie mal Nick Hornby lesen: Da kann einer noch so viel Scheiß gemacht haben, er ist unser Mann gewesen. Diese brutale Respektlosigkeit finde ich hierzulande schon ein wenig eigenartig. Ich will keine Anerkennung oder so etwas, das ist mir egal.

Aber es fehlt Ihnen an Respekt seitens des Vereins für Ihre Person?


Friedrich: Das sage ich unumwunden: Ich habe zwanzig Jahre lang für den Verein gearbeitet. Ich war hier fünf Jahre lang Spieler und fünfzehn Jahre lang in verantwortungsvollster Position. Das kann nicht sein.

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