Friedhelm Funkel im Interview

»Es wird immer härter«

Seit vier Jahren ist Friedhelm Funkel Trainer in Frankfurt – so lange wie seit Erich Ribbeck in den 70er Jahren niemand mehr. Wir sprachen mit ihm über Vertrauen, 10-Millionen-Transfers und übergewichtige Profis. Friedhelm Funkel im InterviewImago
Heft #83 10/2008
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Friedhelm Funkel, wie schafft es Eintracht Frankfurt – früher bekannt als launische Diva – nicht mehr abzuheben?

(lacht) Ganz einfach: mit solider Arbeit. Die Verantwortlichen hier haben von Anfang an die Situation realistisch eingeschätzt. Es gibt Vereine, wo man sich von Marktschreiern verrückt machen lässt. Hier werden keine Luftschlösser mehr gebaut. 

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Was unterscheidet die heutige Eintracht von ihren früheren Stationen?


Als ich hier anfing, war die Situation noch nicht so anders als bei anderen Vereinen. Es hat sich entwickelt. Der Vorstand hat sich daran gehalten, nicht mehr zu wollen, als er sich vorgenommen hat. Ziele wurden immer wieder ausgesprochen. Das hat mir sehr imponiert. Auch, dass wir nach dem Abstieg in der Saison 2003/04 nicht gleich wieder aufsteigen mussten. So hatten wir Möglichkeiten, junge Spieler zu verpflichten und in die Mannschaft einzubauen. Der Vorstand hat Wort gehalten, auch wenn es mal nicht so gut lief.

Zwischenzeitlich lagen Sie in der Zweitliga-Saison 2004/05 auf Platz 14 der Tabelle. Heribert Bruchhagen hat sich damals vor Sie gestellt.


Auf Dinge, die Verantwortliche nach außen sagen, und was in den Zeitungen steht, höre ich grundsätzlich nicht. Aber ich habe in anderen Vereinen erlebt, wie in solchen Situationen der morgendliche Gruß wegfiel oder ich als Trainer nicht mehr angeschaut wurde, wenn man mir die Hand gab. Das hat Bruchhagen nie gemacht. Wir sitzen bis heute fast jeden Morgen zusammen. Er weiß, was mit dem Team los ist und er weiß, wie wir trainieren.

Was müsste passieren, damit dieses Vertrauensverhältnis kaputt geht?

Im Streit wird es hier nicht enden, da bin ich sicher. Ich glaube, wenn es hier nicht mehr läuft und etwas personell passieren muss, merken wir das beide. Wir haben schließlich schon einige emotionale Momente miteinander erlebt. Aufstieg, Klassenerhalt, Pokalfinale, sowas verbindet.

Ein Klischee im Zusammenhang mit Ihrem Namen lautet, dass sie kein großer Trainer seien, der eine Spitzenmannschaft führen kann. Nervt so was?

Überhaupt nicht. Ich lasse Fakten sprechen. Jeder kann sehen, wie lange ich schon in der Bundesliga als Trainer tätig bin. Es gibt nicht so viele Trainer, die mehr als 400 Spiele in der 1. Liga auf dem Buckel haben.

Die Eintracht ist Ihr fünfter Bundesligist. Könnten Sie sich vorstellen, so was wie Otto Rehhagel von Frankfurt zu werden?


Ich hätte nichts dagegen, aber das wird schwer. 16 Jahre hier zu trainieren – das kann ich mir nur schwer vorstellen. Und Otto hat mit Werder auch fast immer oben mitgespielt. Ich vergleiche mich eher mit Volker Finke. Der ist mit Freiburg dreimal abgestiegen. Allerdings, ob ich drei Abstiege bei der Eintracht überlebe, kann ich mir auch nur schwer vorstellen. (lacht)

Wie steht das Umfeld Ihrer Person gegenüber?

Das hängt davon ab, wie es gerade läuft. Wenn wir zwischen Platz acht und zwölf mit genügend Abstand nach unten stehen, ist es ruhig. Aber wenn wir mal ein Heimspiel verlieren, ist die Unzufriedenheit auch schnell wieder da.

Es gibt wohl kaum einen Bundesligisten, wo Fans und Verantwortliche so bescheiden in Ihren Ansprüchen sind. Woran liegt das?


Wenn ich Fans treffe, merke ich, dass die Stimmung einhellig positiv ist. Sie scheinen den sachlichen Weg zu akzeptieren, den wir gehen. Und auch die Banken- und Geschäftswelt steht dem Klub offen gegenüber.

Müssen Sie dem Publikum nicht langsam mehr Reize bieten, als einen erneuten Platz im Mittelfeld?

Wir versuchen, mit jungen, neuen Spielern, mit denen wir in der Liga einen Schritt nach oben machen, neue Anreize zu schaffen. Das ist aber sehr schwer. Die Plätze oben sind ja eigentlich vergeben. Und um mehr Geld in die Hand zu bekommen, müssten wir in die europäischen Wettbewerbe. Das wird aber immer härter. Auch weil der UI-Cup wegfällt.

Wie sehr nimmt es Sie unter diesen Voraussetzungen mit, wenn Sie mal vier Millionen in die Hand nehmen und einen Spieler wie Caio verpflichten, der dann aus dem Sommerurlaub mit sechs Kilo Übergewicht zurückkehrt?

Natürlich bin ich dann enttäuscht. Dass jemand so schlecht vorbereitet zurück kommt, habe ich noch nie erlebt. Wenn man im Urlaub zurückgeschaltet und zwei Kilo zunimmt – kein Problem. Aber sechs Kilo –  das kann eigentlich nicht passieren, wenn man sich an die Trainingspläne hält.

Hat der Verein unterschätzt, welche Betreuung ein Brasilianer wie Caio nach dem Wechsel nach Deutschland braucht?

Glaube ich nicht. Wir haben schließlich mit Galindo auch einen Mexikaner geholt, der es viel schwerer hatte. Aber er hatte eine andere Einstellung. Caio ist mit seiner Frau hier, besitzt ein riesiges Beraterteam. Außerdem hat er mit Chris einen Landsmann im Team, der wie ein großer Bruder für ihn ist. Eine bessere Betreuung kann er gar nicht haben.

Wie hat Caio auf Ihre Kritik reagiert?


Er hat eingesehen, dass das er einen Fehler gemacht hat. Brasilianer sind vielleicht etwas lockerer als wir hier in Deutschland. Jetzt muss zeigen, dass er will. Er hat das Talent, ein großer Spieler zu werden, doch Talent allein reicht in den seltensten Fällen. 

Träumen Sie insgeheim davon, irgendwann einen gestandenen Spitzenspieler nach Frankfurt zu holen?


Wenn einer käme, würde ich das super finden. Angst vor so einer Verpflichtung hätte ich jedenfalls nicht. Aber, damit wir hier einen Spieler für 10 Millionen Euro holen, muss ich hier wohl noch zehn Jahre Trainer sein – und mindestens einmal Deutscher Meister werden. (lacht)

Reden Sie doch mal mit Bruchhagen.

So ein Spieler würde unser Gehaltsgefüge sprengen. Unsere Kicker bekommen schon sehr viel mehr als vorher. Aber ein Top-Star kriegt etwa drei Millionen Euro Gehalt – und das ist bei uns nicht drin. Dabei könnten wir einem Starspieler optimale Voraussetzungen bieten. Wir haben schließlich eine geile Stimmung im Stadion.

Der Stamm der Mannschaft konnte im Vergleich zu letzten Saison jedenfalls gehalten werden.


Das können wir jetzt besser als noch vor zwei Jahren. Wir konnten Chris und Amanatidis halten, aber Jermaine Jones leider nicht. Und den hätte ich nie abgegeben. Wenn es uns irgendwann gelingt, auch Spieler wie Jones zu halten und dann noch zwei oder drei gute Spieler dazu holen, sind wir auf dem richtigen Weg.

Viele Fans sagen, bei Eintracht Frankfurt vollzieht sich derzeit eine »Entpersonalisierung«. Mit anderen Worten: Sie kommen nicht mehr wegen einzelner Spieler ins Stadion, sondern wegen des Teams. Gehört auch diese Entwicklung ein Teil Ihres Konzeptes?

Darauf haben wir nicht hingearbeitet, aber ich bin froh, dass es so ist. Und wir haben auf jeden Fall auch Spieler, mit denen sich die Fans identifizieren. Amanatidis ist vielleicht kein Publikumsliebling, weil er sich mit den Fans auch mal anlegt, aber er ist einer, der sich zu 100 Prozent zu Eintracht Frankfurt bekennt. Er und Chris hatten Angebote von anderen Klubs, aber sie fühlen sich so wohl hier, dass sie hier geblieben sind. Solche Spieler sind mit dafür verantwortlich, wie erfolgreich wir in den nächsten Jahren sein werden.

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