20.08.2008

Friedhelm Funkel im Interview

»Ich habe nie etwas bereut«

Vier Jahre im Traineramt bedeuten eine in Frankfurt lange nicht gekannte Kontinuität. Die Fans honorieren das und jubeln Friedhelm Funkel endlich zu. Ein Gespräch über »Understatement«, harte Arbeit und Problemkinder.

Interview: Jörg Heinisch Bild: Imago
Friedhelm Funkel im Interview
Da beobachten Sie und Bernd Hölzenbein über Wochen einen interessanten Spieler und hoffen, dass vor einer Vertragunterschrift nichts darüber bekannt wird, um die Verpflichtung nicht zu gefährden, und dann werden Sie plötzlich von einer Zeitung auf den Spieler angesprochen – wie jetzt bei Ümit Korkmaz. Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Daran bin ich gewöhnt. Heutzutage ist es schwer, einen sich anbahnenden Transfer geheim zu halten. Es gibt zu viele Menschen, die davon erfahren und es ist normal, dass da immer ein wenig durchsickert. Gefährlich daran ist, dass andere Klubs auf einen Spieler aufmerksam werden und bessere Angebote machen. Dann muss man nachlegen oder man gibt auf. Wenn wir plötzlich Konkurrenz bekommen und ein Klub wie beispielsweise Hannover anfängt mit zu bieten, haben wir im Moment keine Chance mehr.

Während der Verhandlungen haben Sie behauptet, noch nie von
Korkmaz gehört zu haben. Wie ernst darf man solche Aussagen von Ihnen zukünftig nehmen?

Ich bin fast immer ehrlich, aber für mich gibt es in solchen Dingen wie Transfers auch eine Schweigepflicht. Jeder bei der Eintracht, der in Transfers involviert ist, muss vermeiden, sich dazu zu äußern, denn sonst laufen wir Gefahr, das Tauziehen um neue Spieler zu verlieren. Heribert Bruchhagen, Bernd Hölzenbein und ich sind lange genug im Geschäft und wir wissen, wie das alles läuft.

Als Trainer stellt man sich meistens vor die eigene Mannschaft. Sie tun das zu genüge. Oft wird dieses »In-Schutz-nehmen« aber als »Schönrederei« interpretiert. Gehört es zu  einem Trainerjob, auch solche Stempel verkraften zu müssen?

Ich bin der Letzte, der öffentlich alles schönreden würde. Aber wenn meine Mannschaft in 95 Prozent all ihrer Spiele gut arbeitet und in fünf Prozent nicht, dann nehme ich diese fünf Prozent nicht zum Anlass, öffentlich über die Jungs herzufallen. Kritik wird bei uns fast ausschließlich in der Kabine oder beim Vier-Augen-Gespräch geäußert. Aber in der Öffentlichkeit stelle ich mich vor unsere Spieler. Ihr Vorgesetzter wird das hoffentlich auch machen und sie nicht vor all Ihren Kollegen kritisieren. Wenn man täglich mit Menschen zu tun hat und diese führen muss, dann sollte man auch das nötige Fingerspitzengefühl für solch eine Aufgabe haben.

Sie haben in Ihrer Trainerkarriere sicherlich schonmal aufgeatmet, wenn Spieler, die Sie als »problematisch« eingestuft haben, Ihren Klub verlassen haben. Haben Sie sich im Nachhinein aber auch mal geärgert, weil Sie einen solchen Spieler vielleicht doch wieder hätten gebrauchen können?

Solche Spieler hat es sicher schon gegeben. Aber es bringt nichts, wenn die ganze Mannschaft an einem Strang zieht, aber einer immer aus der Reihe tanzt. Solche Beispiele gibt es in jedem Klub und in jeder Saison. Und glauben Sie mir, ich bin bestimmt nicht der einzige Trainer, der manche Abgänge fußballerisch mit einem weinenden Auge sieht. Aber zu ändern ist dies in manchen Fällen nicht – und dann entscheidet man sich am Ende lieber für das intakte Mannschaftsgefüge.

Über welche »Eigenarten« junger Profis schütteln Sie heute den Kopf?

Über gar keine, denn die junge Generation kann man mit uns damals nicht mehr so leicht vergleichen. Ich habe das Glück, mit jungen Menschen zu arbeiten und merke, dass sie mehr hinterfragen, dass sie mehr Entscheidungen erklärt haben möchten. Die Gesellschaft hat sich verändert und als Trainer muss man sich mit diesen Veränderungen auseinandersetzen. Wir waren als Jungprofis mit Sicherheit etwas anders, was wohl in erster Linie an unserer Erziehung gelegen hat. Heute haben Eltern viel weniger Zeit für ihre Kinder als in den 1960er oder 1970er Jahren, denn oft müssen Vater und Mutter ganztags arbeiten, um den Lebensstandard zu finanzieren. Deshalb werden Kinder viel früher selbstständig, müssen sich alleine ums Essen oder ähnliches kümmern.

Sie haben im April in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ein kalkuliertes Vorgehen zugegeben: Sie erklärten, die Eintracht hätte im Heimspiel gegen Schalke nur eine Chance gehabt, wenn sie die Rückkehr von Jermaine Jones an seine alte Wirkungsstätte nutzen würde. Das heißt im Klartext: Die Mannschaft sollte aggressiv spielen, das Publikum müsste voll hinter der Mannschaft stehen. Nach dem Spiel haben Sie aber vor der Presse den Fanbeauftragten Andreas Hornung scharf angegriffen und ihm vorgeworfen, Hass geschürt zu haben. Dabei hätten Sie ihm ja eigentlich dankbar sein müssen.

Was mit und um Jermaine Jones gelaufen ist, war nicht in Ordnung. Hier wird ein Mensch abgestempelt, ohne ihn richtig zu kennen. Jermaine hat – auch wenn er oft verletzt war – viel für die Mannschaft und den Verein geleistet. Klar, sein Wechsel zu Schalke ist vielleicht etwas unglücklich gelaufen, aber ich kann ihm nicht verdenken, dass er diese Chance genutzt hat und wünsche ihm für seine Zukunft alles Gute. Man sollte sich in der Öffentlichkeit vor einer solch brisanten Partie mit Aussagen, wie sie damals zu lesen waren, aber zurückhalten. Wir alle wissen, was im Überschwang der Gefühle und Emotionen bei solchen Spielen passieren kann. Wir wollen, dass unsere Heim- und auch Auswärtsspiele friedliche Feste sind. Hass hat auf und um den Platz nichts verloren.

Dabei hatte Andreas Hornung lediglich auf die Frage eines Journalisten seine zutreffende Einschätzung darüber gegeben, wie die Fans Jermaine Jones empfangen würden. Er hat doch nicht zum Hass aufgerufen.

Ich mache es ihm ja auch nicht alleine zum Vorwurf, dass er sich zu Dingen geäußert hat, die ihm vielleicht nicht im Detail bekannt gewesen sind. Aber ein Einzelner kann und darf nicht für alle Zuschauer sprechen, die unsere Heimspiele besuchen. Denn die Krakeeler sind meist in der Minderheit und werden durch solche Äußerungen unnötig angestachelt. Die Medien, die auch eine große Verantwortung tragen, suchen natürlich nach solchen Geschichten und brauchen Schlagzeilen. Wenn man keine Erfahrung hat im Umgang mit Medien, dann sollte man sich im Sinne seines Vereins nicht zu allen Dingen äußern. Ich äußere mich auch nicht zu allen Dingen. Ich kenne mich beispielsweise in Sachen Finanzen viel zu wenig aus, um mitreden zu können. Aber ich weiß, wie Medien auf manchen Aussagen reagieren und was sie daraus machen. Es ist auch nicht förderlich, wenn man einen Gegner oder seine Fans im Vorfeld eines Spiels lächerlich macht oder ihm Geringschätzung entgegenbringt. So was kann wie ein Bumerang auf dich zurückkommen.

Hat die Eintracht heute andere Mittel als im letzten Jahr, um gegen Schalke zu bestehen?

Was das Finanzielle angeht: Nein! Sportlich gesehen haben wir heute mit unserer Mannschaft gegen jeden Gegner eine Chance. Nicht über eine ganze Saison gesehen, aber in einem oder zwei Spielen während der Saison auf jeden Fall. Vor vier, fünf Jahren wäre ein 0:0 beim FC Bayern ein Fußballwunder gewesen, in der letzten Saison war es eine faustdicke Überraschung. Wir arbeiten daran, dass es irgendwann ein verdienter Punktgewinn sein wird.

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