Friedhelm Funkel im Interview

»Ich habe nie etwas bereut«

Vier Jahre im Traineramt bedeuten eine in Frankfurt lange nicht gekannte Kontinuität. Die Fans honorieren das und jubeln Friedhelm Funkel endlich zu. Ein Gespräch über »Understatement«, harte Arbeit und Problemkinder. Friedhelm Funkel im InterviewImago

2006 und 2007 wäre die Eintracht mit Siegen am letzten Spieltag auf den Plätzen 10 bzw. 11 gelandet. Und in diesem Jahr war nach der guten Punktausbeute vor dem letzten Saisonviertel noch viel mehr möglich. Warum scheint zum Saisonende, wenn es darum geht, die Fans gut gelaunt in die Sommerpause zu schicken und der Eintracht mehr TV-Gelder zu bescheren, die Luft auszugehen?

Uns geht nicht die Luft aus. Sie müssen schlichtweg den Bundesliga-Spielplan berücksichtigen: Wir haben am Schluss gegen Stuttgart, Wolfsburg, Schalke und den FC Bayern gespielt – alles Spitzenklubs der Liga. Außerdem haben wir am letzten Spieltag gegen den MSV Duisburg die Saison erfolgreich abgeschlossen und mit einem tollen 9. Platz die beste Platzierung seit 13 Jahren erreicht. Darauf können wir stolz sein.

Das Spiel in Stuttgart charakterisierte ein TV-Kommentator als »lächerlich«, es sei kaum zu unterscheiden von einem in »Hinterhugelhapfing« mit dem »Tempo einer Fronleichnamprozedur«. Da kann man nicht mehr von Pech und Fehlern reden. Hier geht es doch um eine Einstellung zum Spiel.

Warum fragen Sie nicht nach positiven Dingen, wie zum Beispiel nach den tollen Heimspielen gegen den HSV, gegen Leverkusen, Schalke oder Bremen? Es gibt nun mal im Laufe einer langen Saison Tage, wie beispielsweise den in Stuttgart, wo der Gegner – immerhin der Meister aus der Vorsaison – einfach in allen Belangen besser ist. Das hat nichts mit Einstellung zu tun!

De facto hat die Eintracht zum Ende der Saison nur einen Punkt von 21 möglichen geholt. Man kann Erklärungen finden, warum es im einen oder anderen Spiel nicht lief, und manchmal fehlt sicherlich auch nur das Glück. Aber ich konfrontiere Sie einmal mit einer Aussage von Ihnen: »Es geht nur ums nackte Ergebnis«. Demnach würden Erklärungen nichts entschuldigen.

Ihre Feststellung könnte ja auch anders lauten – Sie hängen es aber leider nur an den letzten Spielen auf, aus denen wir gerne mehr Punkte geholt hätten. Vorher hat die Punkteausbeute gestimmt und wir hatten unser Ziel, 45 Punkte plus X, schon sehr früh in der Saison so gut wie erreicht. Andere Klubs hatten solch eine Serie, die wir am Ende hatten, auch – nur zu einem anderen Zeitpunkt.

Am meisten hat Sie letzte Saison wohl das Thema Caio genervt. Wir kommen auch nicht ganz dran vorbei. Nach dem Ausfall von Chris ist für Caio der Übersetzer weggefallen. Es ist für einige Beobachter der Eindruck entstanden, dass sich Caio danach ziemlich verloren vorgekommen ist. Niemand konnte für ihn übersetzen, und angeblich soll es lange Zeit auch nur ein einziges Gespräch mit Ihnen als Trainer gegeben haben. Ist es bei neuen Spielern, die sich eingewöhnen müssen, nicht besonders wichtig, dass sie nicht abseits stehen, sondern auch durch Gespräche integriert werden?

Grundsätzlich ist Chris immer ansprechbar für Caio, auch wenn er verletzt ist. Aber wir müssen von den Spielern, die hier gutes Geld verdienen, auch verlangen können, dass sie sich selbst bemühen, und versuchen, die Sprache zu lernen. Caio bemüht sich, aber er muss noch mehr Engagement und vor allem noch mehr Willen zeigen. Wir tun wirklich alles für ihn, weil wir natürlich daran interessiert sind, dass er sich wohlfühlt. Die Fans haben dies auch getan, indem sie seinen Namen rufen. Nun aber ist alleine Caio am Zug. Er muss den Fans zeigen, wie wichtig ihm die Eintracht ist, wie wichtig ihm seine Zukunft hier ist. Nach den ganzen Schlagzeilen in der Vorbereitung muss er zunächst mal seine körperlichen Defizite aufarbeiten. Anschließend wird er daran arbeiten müssen, in taktischer Hinsicht dazuzulernen. Fußballerisch bringt er alles mit, aber wir müssen Geduld mit ihm haben. Aber wir haben hier noch 25 weitere Profis im Kader, die auch spielen möchten. Da geht es einzig und alleine darum, wer der Mannschaft weiterhilft und wer nicht. Das Leistungsprinzip zählt. Es werden hier immer nur diejenigen spielen, die in guter Verfassung sind.

Sollte nicht auch die Möglichkeit gegeben sein, dass Caio trotz seiner fehlenden Deutschkenntnisse alles verstehen kann? Erst recht vor dem Hintergrund des für Eintracht-Verhältnisse erheblichen Betrags, den man in ihn investiert hat. Ist das nicht ein Risiko?

Caio erhält Deutschunterricht. Dazu hat er Chris an der Seite und Dr. Thomas Pröckl spricht auch portugiesisch. Mehr geht nicht. Fragen Sie mal Chris, unter welchen Umständen er beim FC St. Pauli Fuß gefasst hat, als er nach Deutschland kam. Ihm hat niemand geholfen, er musste sich alles hart erarbeiten. Fußball ist Arbeit. Nur wer hart arbeitet, wird Erfolg haben.

Da beobachten Sie und Bernd Hölzenbein über Wochen einen interessanten Spieler und hoffen, dass vor einer Vertragunterschrift nichts darüber bekannt wird, um die Verpflichtung nicht zu gefährden, und dann werden Sie plötzlich von einer Zeitung auf den Spieler angesprochen – wie jetzt bei Ümit Korkmaz. Was haben Sie in dem Moment gedacht?

Daran bin ich gewöhnt. Heutzutage ist es schwer, einen sich anbahnenden Transfer geheim zu halten. Es gibt zu viele Menschen, die davon erfahren und es ist normal, dass da immer ein wenig durchsickert. Gefährlich daran ist, dass andere Klubs auf einen Spieler aufmerksam werden und bessere Angebote machen. Dann muss man nachlegen oder man gibt auf. Wenn wir plötzlich Konkurrenz bekommen und ein Klub wie beispielsweise Hannover anfängt mit zu bieten, haben wir im Moment keine Chance mehr.

Während der Verhandlungen haben Sie behauptet, noch nie von
Korkmaz gehört zu haben. Wie ernst darf man solche Aussagen von Ihnen zukünftig nehmen?

Ich bin fast immer ehrlich, aber für mich gibt es in solchen Dingen wie Transfers auch eine Schweigepflicht. Jeder bei der Eintracht, der in Transfers involviert ist, muss vermeiden, sich dazu zu äußern, denn sonst laufen wir Gefahr, das Tauziehen um neue Spieler zu verlieren. Heribert Bruchhagen, Bernd Hölzenbein und ich sind lange genug im Geschäft und wir wissen, wie das alles läuft.

Als Trainer stellt man sich meistens vor die eigene Mannschaft. Sie tun das zu genüge. Oft wird dieses »In-Schutz-nehmen« aber als »Schönrederei« interpretiert. Gehört es zu  einem Trainerjob, auch solche Stempel verkraften zu müssen?

Ich bin der Letzte, der öffentlich alles schönreden würde. Aber wenn meine Mannschaft in 95 Prozent all ihrer Spiele gut arbeitet und in fünf Prozent nicht, dann nehme ich diese fünf Prozent nicht zum Anlass, öffentlich über die Jungs herzufallen. Kritik wird bei uns fast ausschließlich in der Kabine oder beim Vier-Augen-Gespräch geäußert. Aber in der Öffentlichkeit stelle ich mich vor unsere Spieler. Ihr Vorgesetzter wird das hoffentlich auch machen und sie nicht vor all Ihren Kollegen kritisieren. Wenn man täglich mit Menschen zu tun hat und diese führen muss, dann sollte man auch das nötige Fingerspitzengefühl für solch eine Aufgabe haben.

Sie haben in Ihrer Trainerkarriere sicherlich schonmal aufgeatmet, wenn Spieler, die Sie als »problematisch« eingestuft haben, Ihren Klub verlassen haben. Haben Sie sich im Nachhinein aber auch mal geärgert, weil Sie einen solchen Spieler vielleicht doch wieder hätten gebrauchen können?

Solche Spieler hat es sicher schon gegeben. Aber es bringt nichts, wenn die ganze Mannschaft an einem Strang zieht, aber einer immer aus der Reihe tanzt. Solche Beispiele gibt es in jedem Klub und in jeder Saison. Und glauben Sie mir, ich bin bestimmt nicht der einzige Trainer, der manche Abgänge fußballerisch mit einem weinenden Auge sieht. Aber zu ändern ist dies in manchen Fällen nicht – und dann entscheidet man sich am Ende lieber für das intakte Mannschaftsgefüge.

Über welche »Eigenarten« junger Profis schütteln Sie heute den Kopf?

Über gar keine, denn die junge Generation kann man mit uns damals nicht mehr so leicht vergleichen. Ich habe das Glück, mit jungen Menschen zu arbeiten und merke, dass sie mehr hinterfragen, dass sie mehr Entscheidungen erklärt haben möchten. Die Gesellschaft hat sich verändert und als Trainer muss man sich mit diesen Veränderungen auseinandersetzen. Wir waren als Jungprofis mit Sicherheit etwas anders, was wohl in erster Linie an unserer Erziehung gelegen hat. Heute haben Eltern viel weniger Zeit für ihre Kinder als in den 1960er oder 1970er Jahren, denn oft müssen Vater und Mutter ganztags arbeiten, um den Lebensstandard zu finanzieren. Deshalb werden Kinder viel früher selbstständig, müssen sich alleine ums Essen oder ähnliches kümmern.

Sie haben im April in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ein kalkuliertes Vorgehen zugegeben: Sie erklärten, die Eintracht hätte im Heimspiel gegen Schalke nur eine Chance gehabt, wenn sie die Rückkehr von Jermaine Jones an seine alte Wirkungsstätte nutzen würde. Das heißt im Klartext: Die Mannschaft sollte aggressiv spielen, das Publikum müsste voll hinter der Mannschaft stehen. Nach dem Spiel haben Sie aber vor der Presse den Fanbeauftragten Andreas Hornung scharf angegriffen und ihm vorgeworfen, Hass geschürt zu haben. Dabei hätten Sie ihm ja eigentlich dankbar sein müssen.

Was mit und um Jermaine Jones gelaufen ist, war nicht in Ordnung. Hier wird ein Mensch abgestempelt, ohne ihn richtig zu kennen. Jermaine hat – auch wenn er oft verletzt war – viel für die Mannschaft und den Verein geleistet. Klar, sein Wechsel zu Schalke ist vielleicht etwas unglücklich gelaufen, aber ich kann ihm nicht verdenken, dass er diese Chance genutzt hat und wünsche ihm für seine Zukunft alles Gute. Man sollte sich in der Öffentlichkeit vor einer solch brisanten Partie mit Aussagen, wie sie damals zu lesen waren, aber zurückhalten. Wir alle wissen, was im Überschwang der Gefühle und Emotionen bei solchen Spielen passieren kann. Wir wollen, dass unsere Heim- und auch Auswärtsspiele friedliche Feste sind. Hass hat auf und um den Platz nichts verloren.

Dabei hatte Andreas Hornung lediglich auf die Frage eines Journalisten seine zutreffende Einschätzung darüber gegeben, wie die Fans Jermaine Jones empfangen würden. Er hat doch nicht zum Hass aufgerufen.

Ich mache es ihm ja auch nicht alleine zum Vorwurf, dass er sich zu Dingen geäußert hat, die ihm vielleicht nicht im Detail bekannt gewesen sind. Aber ein Einzelner kann und darf nicht für alle Zuschauer sprechen, die unsere Heimspiele besuchen. Denn die Krakeeler sind meist in der Minderheit und werden durch solche Äußerungen unnötig angestachelt. Die Medien, die auch eine große Verantwortung tragen, suchen natürlich nach solchen Geschichten und brauchen Schlagzeilen. Wenn man keine Erfahrung hat im Umgang mit Medien, dann sollte man sich im Sinne seines Vereins nicht zu allen Dingen äußern. Ich äußere mich auch nicht zu allen Dingen. Ich kenne mich beispielsweise in Sachen Finanzen viel zu wenig aus, um mitreden zu können. Aber ich weiß, wie Medien auf manchen Aussagen reagieren und was sie daraus machen. Es ist auch nicht förderlich, wenn man einen Gegner oder seine Fans im Vorfeld eines Spiels lächerlich macht oder ihm Geringschätzung entgegenbringt. So was kann wie ein Bumerang auf dich zurückkommen.

Hat die Eintracht heute andere Mittel als im letzten Jahr, um gegen Schalke zu bestehen?

Was das Finanzielle angeht: Nein! Sportlich gesehen haben wir heute mit unserer Mannschaft gegen jeden Gegner eine Chance. Nicht über eine ganze Saison gesehen, aber in einem oder zwei Spielen während der Saison auf jeden Fall. Vor vier, fünf Jahren wäre ein 0:0 beim FC Bayern ein Fußballwunder gewesen, in der letzten Saison war es eine faustdicke Überraschung. Wir arbeiten daran, dass es irgendwann ein verdienter Punktgewinn sein wird.

Es ist nun schon vier Jahre her, dass wir Sie das erste Mal interviewt haben. Sie kratzen an den Rekordzeiten von Erich Ribbeck (ununterbrochen fünf Jahre, Anm. d. Red.) und Dietrich Weises (insgesamt sechs Jahre, Anm. d. Red.), was die Länge als Bundesligacoach der Eintracht angeht. Angesichts der vergleichsweise kurzen Zeiträume Ihrer direkten Vorgänger ist das nur um so höher zu bewerten. Welchen Stellenwert hat die Eintracht inzwischen in Ihrer Karriere?

Einen sehr großen. Frankfurt ist nach Uerdingen meine zweitlängste Trainerstation und es macht mir überaus viel Spaß, hier zu arbeiten und fast täglich zu sehen, wie sich die Eintracht weiterentwickelt. Die vielen Facetten des Vereins, die vielen Menschen hier in der Region, die Anteil an unseren Erfolgen nehmen, faszinieren mich. Rekorde oder Ähnliches interessieren mich weniger. Aber die Eintracht zeigt, dass man mit kontinuierlicher Arbeit vielleicht am Ende doch weiter kommt, als wenn man nach jeder Saison das Personal austauscht.

Was haben Sie in Ihrer Karriere bereut? Was würden Sie anders machen?

Ich würde nichts anders machen, denn ich habe nie etwas bereut. Natürlich trifft man als Trainer auch Entscheidungen, die einem Bauchschmerzen bereiten, aber im Nachhinein habe ich fast immer richtig gelegen. Dass man mal falsch auswechselt, weiß man meist erst hinterher. Das macht den Fußball ja gerade aus.

Was war Ihre größte Enttäuschung?

Abstiege sind immer eine große Enttäuschung. Das wünsche ich niemandem. Aber auch dies gehört zum Fußball dazu und man muss stets versuchen, daraus zu lernen.

Welche spezielle Entwicklung im Fußball haben Sie mit größter Spannung verfolgt oder verfolgen Sie noch?

Dass das Spiel immer schneller wird. Heute hat man kaum noch Zeit, den Ball anzunehmen und weiter zu spielen. Alles geht in Sekundenbruchteilen, man muss geistig stets wach sein und braucht ein überaus hohes Maß an Spielintelligenz und Intuition.

Mit wem würden Sie gerne mal die Rolle tauschen?

Mit niemandem. Ich bin Friedhelm Funkel und lebe mein Leben sehr gerne. Nein, ich möchte mit niemandem tauschen.

Sie könnten den Verein, bei dem Sie arbeiten würden, sich selbst aussuchen, alle großen inklusive? Welche könnten es derzeit sein, die Eintracht ausgeschlossen?

Die Eintracht ist ein großer Klub, deshalb würde ich vielleicht gerne noch einmal den VfR Neuss, meinen Heimatverein, trainieren. Und dann würde ich dort vielleicht eine Juniorenmannschaft übernehmen und den Jugendlichen versuchen beizubringen, dass es sich lohnt, hart zu arbeiten. Es gibt nichts Schöneres als Fußball spielen zu können.

Was haben Sie aus der letzten Saison mitgenommen, also gelernt?

Dass wir auf dem besten Wege dahin sind, uns in der Bundesliga zu etablieren und nach nur drei Jahren in der Lage sind, einen guten Mittelfeldplatz zu erreichen. Wir wollen nicht mehr nach unten schauen.

Vor einem Jahr hieß es in der Presse: »...der Trainer bekräftigte, in den Heimspielen das Heil eher in Sturm und Drang suchen zu wollen als in vorsichtigem Abwarten. Funkel möchte überdies die Stärken seiner Elf mehr in den Vordergrund rücken. Auch will er, um Dissonanzen mit den Stars zu vermeiden, früher auf die Spieler zugehen und ihnen Gehör schenken.« Was ist diesbezüglich Ihr Resümee?

Dass es bei uns in der Mannschaft stimmt und wir alle an einem Strang ziehen. Unser hoher Zuschauerschnitt zeigt überdies, dass die Menschen wegen der Eintracht und der Atmosphäre kommen und uns gerne spielen sehen. Wir müssen stets die Balance halten zwischen Offensive und Defensive. Hurrafußball bringt am Ende in der Regel keine Punkte.

Mentaltrainer Jörg Löhr hat im letzten Jahr Ihre interne Zielvorgabe von »45 Punkten plus x« ausgeplaudert. Wie leidig ist Ihnen das Vorgeben eines Ziels, an dessen Erreichen man dann später gemessen wird?

Im Fußball kann man keine Ziele ausgeben – außer man heißt FC Bayern. Ich finde es unseriös, den Fans vor einer Saison zu versprechen: »Wir kommen in den UEFA-Cup!«. Man kann das gar nicht versprechen, denn man weiß nicht, wie eine Saison laufen wird. Hat man viele Verletzte? Bekommt man zu viele Platzverweise? Hat der beste Stürmer Ladehemmung? Es gibt so viele Faktoren, die ein Spiel und eine Saison beeinflussen. Vorhersehbar und planbar ist nichts. Nicht im Fußball.

Ioannis Amanatidis hat verkündet: »Wir wollen an der 50-Punkte-Marke kratzen.« Bei den vielen Punkten, die im letzten Saisonviertel liegen gelassen wurden, sollte das doch nicht so unrealistisch sein, oder?

Und wie viele Punkte haben wir glücklich geholt? Was die Saison 2008/09 anbetrifft, ist die Liga durch die drei wirtschaftlich starken Aufsteiger noch schwerer und besser geworden. Das Mittelfeld wird breiter und entsprechend kann man schwer vorhersagen, welche Punktemarke gut oder schlecht ist am Ende. Sehen Sie, 2005/06 wären wir mit unseren 46 Punkten auf Platz sieben gelandet. In der Saison davor nur auf Rang neun. Dieselbe Punkteausbeute, aber zwei Plätze Unterschied. Deshalb machen wir unser Ziel nicht so gerne an Punkten oder Plätzen fest. Wir möchten unsere Leistung aus der letzten Saison bestätigen und wieder nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Eintracht Frankfurt ist noch nicht in der Lage, öffentlich das Erreichen der internationalen Plätze auszugeben. Bayern, Bremen, Schalke, HSV, Stuttgart, Leverkusen, Wolfsburg, Dortmund – dies sind acht Vereine, die über ein Vielfaches des Budgets verfügen, welches uns zur Verfügung steht.

»Der Spiegel« hat über Sie und Heribert Bruchhagen geschrieben, Sie seien beide »Großmeister des Understatements, wahre Virtuosen im Kleinreden der eigenen Möglichkeiten.« Es ist fraglos schwierig, das Umfeld in Frankfurt »auf dem Teppich halten zu können«, bei der Sehnsucht, die es hier nach »Höherem« gibt. Würden Sie nicht auch mal gerne frei weg sagen, was Sie sich erhoffen oder was Sie meinen, statt in Ruhe zu überlegen, was über Ihre Lippen kommen darf?


Mir ist es völlig egal, was andere Leute sagen! Wir wünschen uns, eine gute Saison zu spielen und uns nach Möglichkeit erneut zu verbessern. Mehr können wir nicht sagen und auch nicht versprechen, denn alle anderen Klubs haben ebenfalls solche oder ähnliche Ziele. Durch lautes Formulieren von Zielen hat noch niemand eine erfolgreiche Saison gespielt. Durch harte und konzentrierte Arbeit hingegen schon. Wir werden uns an Letzterem orientieren.

Haben Sie nicht Angst, dass das »Tiefstapeln« das Umfeld und viele Anhänger mal gegen Sie als Trainer mehr aufbringt, als es Ihnen noch recht sein kann? Denn ein wenig scheint immer zu brodeln.

Schade, dass Sie in diesem Interview immer nur das Negative aufgreifen. Ich weiß, dass es immer Leute geben wird – in jedem Klub – die gegen oder für einen Trainer sind. Ich bin lange genug im Geschäft, um diese Dinge beurteilen zu können. Angst habe ich vor gar nichts, denn ich habe einen herrlichen Beruf und freue mich jeden Tag darauf, zur Arbeit zu gehen. Ich sehe hier in Frankfurt, dass wir den Klub in den letzten vier Jahren stetig nach vorne gebracht haben. Davor schien die Eintracht dazu verurteilt gewesen zu sein, ganz von der deutschen Fußballlandkarte zu verschwinden. Dies haben wir hier gemeinsam umgekehrt und ich spüre, dass der überwiegende Großteil unserer Anhänger und der Menschen hier sehr froh darüber ist. Geduld bringt dich im Fußball in den meisten Fällen weiter als Hektik.

Ich bitte um Ihr Verständnis. Natürlich muss ich mir auch ein Bild darüber machen, wie die Fans zum Trainer stehen. Vielen Fans fehlt aber ein Forum, die Möglichkeit, Fragen oder Kritik zu äußern. Daher spreche ich auch die Dinge an und gebe Ihnen damit die Möglichkeit, sich zu äußern. Zum Abschluss aber noch eine ganz andere Frage: Welche Erlebnisse hatten Sie denn bisher bei der Eintracht, die später einmal als klassische Anekdoten bei Treffen der alten Gefährten herhalten können?

Genauso viele wie bei meinen anderen Stationen als Spieler und Trainer. Das mit dem Buch ist vielleicht eine gute Idee – für die Zeit als Rentner. (lacht)

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Jörg Heinisch ist Herausgeber von »Fan geht vor«, der »1. Frankfurter Allgemeinen Fanzeitung«. Zudem betreibt er die Webseite www.fan-geht-vor.de, dreht Filme (»Abenteuer Groudndhopping«), schreibt Bücher (»Eintracht Intim«) und liebt Fußball. Das Interview ist erschienen in »Fan geht vor« Nr. 166 (August 2008).

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