20.08.2008

Friedhelm Funkel im Interview

»Ich habe nie etwas bereut«

Vier Jahre im Traineramt bedeuten eine in Frankfurt lange nicht gekannte Kontinuität. Die Fans honorieren das und jubeln Friedhelm Funkel endlich zu. Ein Gespräch über »Understatement«, harte Arbeit und Problemkinder.

Interview: Jörg Heinisch Bild: Imago
Friedhelm Funkel im Interview
2006 und 2007 wäre die Eintracht mit Siegen am letzten Spieltag auf den Plätzen 10 bzw. 11 gelandet. Und in diesem Jahr war nach der guten Punktausbeute vor dem letzten Saisonviertel noch viel mehr möglich. Warum scheint zum Saisonende, wenn es darum geht, die Fans gut gelaunt in die Sommerpause zu schicken und der Eintracht mehr TV-Gelder zu bescheren, die Luft auszugehen?

Uns geht nicht die Luft aus. Sie müssen schlichtweg den Bundesliga-Spielplan berücksichtigen: Wir haben am Schluss gegen Stuttgart, Wolfsburg, Schalke und den FC Bayern gespielt – alles Spitzenklubs der Liga. Außerdem haben wir am letzten Spieltag gegen den MSV Duisburg die Saison erfolgreich abgeschlossen und mit einem tollen 9. Platz die beste Platzierung seit 13 Jahren erreicht. Darauf können wir stolz sein.

Das Spiel in Stuttgart charakterisierte ein TV-Kommentator als »lächerlich«, es sei kaum zu unterscheiden von einem in »Hinterhugelhapfing« mit dem »Tempo einer Fronleichnamprozedur«. Da kann man nicht mehr von Pech und Fehlern reden. Hier geht es doch um eine Einstellung zum Spiel.

Warum fragen Sie nicht nach positiven Dingen, wie zum Beispiel nach den tollen Heimspielen gegen den HSV, gegen Leverkusen, Schalke oder Bremen? Es gibt nun mal im Laufe einer langen Saison Tage, wie beispielsweise den in Stuttgart, wo der Gegner – immerhin der Meister aus der Vorsaison – einfach in allen Belangen besser ist. Das hat nichts mit Einstellung zu tun!

De facto hat die Eintracht zum Ende der Saison nur einen Punkt von 21 möglichen geholt. Man kann Erklärungen finden, warum es im einen oder anderen Spiel nicht lief, und manchmal fehlt sicherlich auch nur das Glück. Aber ich konfrontiere Sie einmal mit einer Aussage von Ihnen: »Es geht nur ums nackte Ergebnis«. Demnach würden Erklärungen nichts entschuldigen.

Ihre Feststellung könnte ja auch anders lauten – Sie hängen es aber leider nur an den letzten Spielen auf, aus denen wir gerne mehr Punkte geholt hätten. Vorher hat die Punkteausbeute gestimmt und wir hatten unser Ziel, 45 Punkte plus X, schon sehr früh in der Saison so gut wie erreicht. Andere Klubs hatten solch eine Serie, die wir am Ende hatten, auch – nur zu einem anderen Zeitpunkt.

Am meisten hat Sie letzte Saison wohl das Thema Caio genervt. Wir kommen auch nicht ganz dran vorbei. Nach dem Ausfall von Chris ist für Caio der Übersetzer weggefallen. Es ist für einige Beobachter der Eindruck entstanden, dass sich Caio danach ziemlich verloren vorgekommen ist. Niemand konnte für ihn übersetzen, und angeblich soll es lange Zeit auch nur ein einziges Gespräch mit Ihnen als Trainer gegeben haben. Ist es bei neuen Spielern, die sich eingewöhnen müssen, nicht besonders wichtig, dass sie nicht abseits stehen, sondern auch durch Gespräche integriert werden?

Grundsätzlich ist Chris immer ansprechbar für Caio, auch wenn er verletzt ist. Aber wir müssen von den Spielern, die hier gutes Geld verdienen, auch verlangen können, dass sie sich selbst bemühen, und versuchen, die Sprache zu lernen. Caio bemüht sich, aber er muss noch mehr Engagement und vor allem noch mehr Willen zeigen. Wir tun wirklich alles für ihn, weil wir natürlich daran interessiert sind, dass er sich wohlfühlt. Die Fans haben dies auch getan, indem sie seinen Namen rufen. Nun aber ist alleine Caio am Zug. Er muss den Fans zeigen, wie wichtig ihm die Eintracht ist, wie wichtig ihm seine Zukunft hier ist. Nach den ganzen Schlagzeilen in der Vorbereitung muss er zunächst mal seine körperlichen Defizite aufarbeiten. Anschließend wird er daran arbeiten müssen, in taktischer Hinsicht dazuzulernen. Fußballerisch bringt er alles mit, aber wir müssen Geduld mit ihm haben. Aber wir haben hier noch 25 weitere Profis im Kader, die auch spielen möchten. Da geht es einzig und alleine darum, wer der Mannschaft weiterhilft und wer nicht. Das Leistungsprinzip zählt. Es werden hier immer nur diejenigen spielen, die in guter Verfassung sind.

Sollte nicht auch die Möglichkeit gegeben sein, dass Caio trotz seiner fehlenden Deutschkenntnisse alles verstehen kann? Erst recht vor dem Hintergrund des für Eintracht-Verhältnisse erheblichen Betrags, den man in ihn investiert hat. Ist das nicht ein Risiko?

Caio erhält Deutschunterricht. Dazu hat er Chris an der Seite und Dr. Thomas Pröckl spricht auch portugiesisch. Mehr geht nicht. Fragen Sie mal Chris, unter welchen Umständen er beim FC St. Pauli Fuß gefasst hat, als er nach Deutschland kam. Ihm hat niemand geholfen, er musste sich alles hart erarbeiten. Fußball ist Arbeit. Nur wer hart arbeitet, wird Erfolg haben.

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