Friedhelm Funkel im Interview

„...dann gehe ich zum VfR Neuss“

Es gibt Meistertrainer, es gibt Feuerwehrmänner – und es gibt Friedhelm Funkel. Seit nunmehr fünf Jahren hält er Eintracht Frankfurt ohne viel Tamm Tamm im Mittelfeld der Tabelle. Macht Durchschnittlichkeit Spaß, Herr Funkel? Imago

Herr Funkel, Ihr Vertragsgespräch mit Heribert Bruchhagen hat angeblich weniger als 30 Sekunden gedauert. Wer von Ihnen beiden hatte es denn so eilig?

Das war in unserem Trainingslager in Portugal, und wir hatten beide unsere Ruhe. keiner hatte es eilig. Es gab einfach nichts weiter zu bereden. Wir wissen, was wir an einander haben. Da muss man nicht stundenlang diskutieren und feilschen.

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Dennoch wurde Ihr Vertrag nur um ein weiteres Jahr verlängert. Warum?


Ich brauche keine Langzeitverträge, die in der Regel sowieso nicht eingehalten werden. Ich werde 2008/09 in meine fünfte Saison mit Frankfurt gehen, und wir werden es im nächsten Jahr exakt wieder so machen, dass wir uns irgendwann zusammensetzen, Bilanz ziehen und gemeinsam überlegen, ob wir weiter zusammenarbeiten möchten.

Hatten Sie auch andere Arbeitsplätze in der Bundesliga in Erwägung gezogen?

Ich habe mir gar keine Gedanken über einen Arbeitsplatzwechsel gemacht, sondern mich ausschließlich mit der Vorbereitung der Mannschaft auf die Rückrunde beschäftigt. Wenn es mit der Eintracht keine Einigung gegeben hätte, dann hätte ich mir Gedanken über andere Anfragen gemacht.

Vor Ihnen gab es, laut Bruchhagen, 14 Entlassungen in zwölf Jahren. Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange bei der Eintracht bleiben würden?

Nein. Das denkt in diesem Geschäft kaum ein Trainer. Im Fußball lassen sich keine derartigen Vorhersagen treffen. Wir haben eine stets ansteigende Entwicklung genommen in den vergangenen Jahren, seit ich mit meinem Assistenten Armin Reutershahn hier angefangen habe. Das kann man zwar planen oder vorhaben, aber ob man es auch umsetzen kann steht auf einem anderen Blatt. Sicherlich hat es mir die Vereinsführung um Heribert Bruchhagen einfacher gemacht, denn unser Vorstand kennt die Bundesliga und deren Gesetzmäßigkeiten.

Was war damals Ihre Motivation, auf solch einem Trainer-Schleudersitz Platz zu nehmen?

Da brauchte ich mich nicht großartig zu motivieren, denn Eintracht Frankfurt war gerade erneut in die Zweite Liga abgestiegen. Dieser Klub hatte trotzdem nichts von seiner Faszination eingebüßt, und es hat mich gereizt, hier zu versuchen, etwas aufzubauen.

Zwar wurde dieses Jahr das Saisonziel »Nicht-Abstieg« in einen »einstelligen Tabellenplatz« umformuliert. Aber streben Sie nicht als Trainer auch einmal nach Höherem? Wäre für Sie ein Vereinswechsel zu einem Top-Klub denkbar?

Auch darüber denke ich nicht nach, denn ich arbeite hier in Frankfurt und fühle mich sehr wohl. Es reizt mich vielmehr, dass wir unsere ausgegebenen Ziele Saison für Saison erreichen und vielleicht eines Tages in der Tabelle auch wieder in höhere Regionen schauen dürfen. Doch dies versuchen wir Step by Step umzusetzen. Und wir geben hier in Frankfurt nur Ziele aus, die realistisch sind. Alles andere wäre unfair – gegenüber den Fans und gegenüber den Spielern.


Sie meinten einmal, »ob bei Real Madrid, in Uerdingen oder beim VfR Neuss«, es sei ihnen egal, wo sie Trainer seien, »Hauptsache Fußball«. Was macht das Arbeiten bei kleineren Vereinen aus?

Der Spaß und die Freude am Fußball. Bei kleinen Vereinen geht es mit Sicherheit geselliger zu, und es gibt keinen Druck. Aber ich hätte auch kein Problem damit, irgendwann zu sagen: Jetzt höre ich auf und trainiere wieder den VfR Neuss. Wenn ich das tun würde, dann hätte ich dabei auch Spaß.

Obwohl Ihr Trainer-Kollege Felix Magath schon Meisterschaft und Pokal-Triumphe feiern durfte, empfindet er den Nicht-Abstieg mit Eintracht Frankfurt als seine größte Leistung als Trainer. Denken Sie auch, dass solche Erfolge einen Trainer mehr prägen als Titel?


Das kommt immer darauf an, mit was für einer Mannschaft und mit welchen Möglichkeiten man in eine Saison geht. Petrik Sander hat in der letzten Saison mit Energie Cottbus den Klassenerhalt in der Bundesliga geschafft. Das war eine ganz starke Leistung, wenn man sich den Kader und die finanziellen Möglichkeiten dort vor Augen hält.

Sie sind ein Trainer, der viel Wert auf Fleiß und Team-Work legt und weniger auf Hacke, Spitze eins, zwei, drei. Trotz alledem müssen Sie doch Albert Streit, der für seine kreativen Momente berüchtigt war und nun auf Schalke tricksen darf, zumindest ein paar Tränen nachgeweint haben.


Wir haben in Alexander Meier, Benjamin Köhler, Markus Weissenberger und Mehdi Mahdavikia in gestandene Bundesligaspieler, die unserem Offensivspiel ihren Stempel aufdrücken können. Unsere jungen – Faton Toski, Martin Fenin und Caio – sind überaus talentiert und erhöhen unsere taktische Flexibilität in diesem Bereich. Ihnen geben wir alle Zeit, die sie brauchen, um sich in Ruhe zu entwicklen.

Trotz eines erheblichen Verletzungspechs liegt ihre Truppe im Soll und trotzt allen Kritikern. Nur vier Niederlagen mussten sie bis jetzt hinnehmen. Verraten sie uns ihr Erfolgskonzept?

Der Erfolg kommt aufgrund des sehr guten Teamspirit. Bei uns kämpft jeder für jeden – die Mannschaft ist eine Einheit, gibt sich nie auf und weiß genau, dass sie in jedem Spiel und gegen jeden Gegner gewinnen kann. Zudem ist die Mannschaft gewachsen, gefestigt und hat durch die Teilnahme am UEFA-Cup vor eineinhalb Jahren enorm an Erfahrung gewonnen.

Befürchten sie, dass es durch die hohe Fluktuation im Kader unruhig werden könnte und sich die Mannschaft nicht schnell genug findet?

Unruhig wird es bei uns nicht, aber in der Tat müssen wir diese Abgänge erstmal kompensieren. So kann man nicht davon sprechen, dass wir uns verstärkt haben. Aber wir haben zwei hochtalentierte junge Spieler hinzubekommen, die uns in der Zukunft sehr viel Freude machen können. Doch zunächst müssen wir deren Entwicklung abwarten.

In vielen Bundesländern werden seit Neustem wieder Kopfnoten verteilt. Welche menschlichen Eigenschaften sollten Fußballer ihrer Meinung nach mitbringen, um für die Eintracht auf dem Platz stehen zu dürfen? Wie schaffen sie es, schwierige Typen, wie z.B. Albert Streit, zu bändigen?

Albert Streit war und ist kein schwieriger Typ. Er ist ein guter Fußballer, der seine ganz eigenen Ansichten über manche Dinge hat. Ich unterteile nicht nach schwierig oder pflegeleicht, sondern nach guten und weniger guten Fußballern.

Naohiro Takahara hat kürzlich verlauten lassen, dass sie und ihre taktischen Vorstellungen der Hauptgrund für seinen Abschied aus Frankfurt gewesen sind. Was haben sie ihm bloß getan?

Naohiro Takahare hat uns dargelegt, warum er uns verlassen möchte. Das hatte nichts mit mir zu tun. Er hat in der vergangenen Saison sehr viele Tore erzielt und seine beste Saison in Deutschland gespielt. Wir hätten ihn gerne behalten, und ich hätte sehr gerne mit ihm weiter gearbeitet.

Werden sie weiterhin den Weg mit talentierten, jungen Spielern verfolgen, oder soll bald auch mal in einen erfahrenen Star investiert werden?

Wenn ein erfahrener Star finanzierbar ist, nach Frankfurt kommen möchte und uns weiterhelfen könnte, dann würden wir unter Umständen auch einen erfahrenen Star holen. Aber glauben Sie, dass ein Michael Ballack heute von Chelsea nach Frankfurt gehen und dabei noch auf einen Großteil seines Gehaltes verzichten würde?

In einem Interview meinten sie, dass ihre Mannschaft »noch nicht am Ende ihrer Entwicklung« sei. Wo sehen sie denn die Eintracht in den nächsten Jahren?


Zunächst möchten wir in dieser Saison unsere Ziele erreichen – also den Klassenerhalt früher sicherstellen als in der vergangenen und die 45 Punkte Marke erreichen. Danach setzen wir uns ein neues Ziel und werden versuchen, uns erneut zu verbessern. Grob gesagt, sollt sich die Eintracht in den kommenden Jahren so entwickeln, dass sie nicht mehr nach unten schauen muss, sondern in der Tabelle einen auf Dauer einstelligen Tabellenplatz belegt. Realistisch betrachtet sind die Chancen dabei jedoch eher gering, in nächster Zeit an den Topklubs Bayern, Schalke, Bremen, Hamburg, Leverkusen und Stuttgart vorbeizuziehen.

Wann können wir mit der Eintracht im internationalen Geschäft rechnen?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, denn in der Bundesliga kann man rein gar nichts voraussagen.

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