Friedhelm Funkel im Interview

„Ich bin Friedhelm Funkel“

Friedhelm Funkel ist der Sisyphos der Bundesliga: Kaum ging es in seiner Trainerkarriere mal bergauf, ging es gleich wieder bergab – so wie derzeit in Frankfurt. Und doch sagt er: „Ich will mit niemandem tauschen.“ Imago

Herr Funkel, Ioannis Amanatidis hat in einem Interview mit 11freunde.de vor einigen Wochen gesagt, die Eintracht sei ein schlafender Riese. Hat dieser Riese nach der Winterpause vergessen, aufzustehen?

Wir sind weder ein Riese, noch schlafen wir. Wir sind hellwach, was die Partien in Wolfsburg und Leverkusen sowie in Offenbach und gegen Hannover bewiesen haben. Selbst bei unseren Niederlagen gegen Schalke und in Hamburg sowie beim 0:0 gegen Mainz haben wir eine gute Leistung gezeigt. Uns hat einfach das Quäntchen Glück gefehlt. Dazu kam, dass wir unsere klaren Tormöglichkeiten, die wir uns erspielt hatten, nicht genutzt haben. Unser Ziel war es, im berühmt berüchtigten zweiten Bundesligajahr den Klassenerhalt zu schaffen. Und das werden wir auch schaffen.

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Wie erklären Sie sich den Einbruch nach der ersten Halbserie?


Wir sind nicht eingebrochen! Wir haben von den ersten sieben Rückrundenspielen eins gewonnen, drei Mal Unentschieden gespielt und haben drei Spiele verloren. Also sind wir im Umkehrschluss in vier von sieben Begegnungen unbesiegt geblieben. Die Liga ist eng, und die Abstiegszone geht bis zu Platz neun. Dass wir im Kreise derer dabei sein könnten, die um den Klassenerhalt kämpfen, haben wir gewusst. Wir werden die Klasse halten, davon sind wir hier alle überzeugt.

Zuletzt gab es gegen schwächelnde Hannoveraner immerhin mal wieder einen Sieg, davor acht sieglose Bundesliga-Partien in Folge.

Wir haben jetzt inklusive des Pokalspiels zweimal in Folge zu Null gewonnen. Das gibt der Mannschaft Selbstvertrauen. Ich bin davon überzeugt, dass man dies in den nächsten Wochen auch am Tabellenplatz ablesen wird.

Mit welchen Mitteln kann der Abstieg vermieden werden?

Indem wir ruhig, sachlich und konzentriert, aber mit der nötigen Konsequenz weiterarbeiten und uns nicht verrückt machen lassen. Wir haben die Qualität, um am Ende den Klassenerhalt zu schaffen. Und dieses Ziel werden wir auch erreichen.

Sie galten als Destruktivtrainer, haben sich mit Ihren Mannschaften oft dem Defensivfußball verpflichtet. Bereuen Sie nach den letzten Spielen, mit der Eintracht zu einer Art Hurra-Fußball gewechselt zu sein?

Wir haben keinen Hurra-Fußball gespielt und spielen jetzt auch nicht defensiv. Wir haben in den letzten beiden Spielen 5:0 Tore erzielt. Da kann man doch nicht von Defensivfußball sprechen.

Sind Sie es manchmal leid, als Trainer bei Mannschaften zu arbeiten, die stets an der Schwelle zwischen der ersten und zweiten Bundesliga stehen?

Ich habe mit Eintracht Frankfurt in dieser Saison im UEFA-Cup gespielt, letzte Saison das Pokalfinale erreicht und stehe jetzt mit der Eintracht erneut im Pokal-Halbfinale. Wir haben einen Schnitt von über 46.000 Zuschauern pro Heimspiel, eine riesige Fangemeinde und eines der schönsten Stadien Europas. Dieser Klub ist letztes Jahr aufgestiegen und ist einer der bekanntesten Vereine in Europa. Ich arbeite sehr gerne hier und weiß, dass hier noch mehr bewegt werden kann. Aber dazu braucht es etwas Zeit.

Was reizt Sie an der Arbeit bei mittelklassigen Teams?

Eintracht Frankfurt ist weder mittel- noch hochklassig. Die Eintracht ist ein Klub, der ungeheures Potenzial hat. Aber man kann nicht einfach auf einen Knopf drücken – und schon geht die Post ab in Richtung Europapokalplätze. Hinter Erfolgen steht harte und konzentrierte Arbeit. Als ich hier angefangen habe, waren wir in der Zweiten Liga. Jetzt versuchen wir, uns in der Bundesliga zu etablieren. Wir sind einer von 18 Bundesliga-Klubs und diese Liga ist eine der stärksten Ligen Europas. Da kann man nicht von Mittelklasse sprechen – vielmehr ist das Niveau sehr hoch.



Uerdingen, Duisburg, Rostock – das ist nicht gerade das Who Is Who der Bundesliga. Haben Sie Angst, dass aufgrund ihres Lebenslaufs die großen Vereine gar nicht auf Sie aufmerksam werden könnten?

Wissen Sie, mir macht die Arbeit Spaß. Ich bin Fußballer durch und durch und habe mein Hobby zum Beruf machen können. Mir geht es gut. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es mir egal ist, wo ich arbeite – ob bei Real Madrid, in Uerdingen oder beim VfR Neuss – ich habe, hatte und hätte überall Spaß. Hauptsache Fußball.

Welche Voraussetzungen eines Vereins sind für Sie wichtig, damit Sie sich für eine Arbeit dort begeistern zu können?

Da gibt es keine bestimmten Voraussetzungen. Außer vielleicht, dass der Klub eine Fußballabteilung haben muss (lacht). Ich kann mich grundsätzlich für alles begeistern, was mit Fußball zu tun hat.

Würden Sie manchmal gerne mit Thomas Schaaf oder einem anderen Trainer einer Spitzenmannschaft tauschen?

Ich bin Friedhelm Funkel und möchte mit niemandem tauschen. Ich bin hier in Frankfurt zufrieden, denn hier kann ich etwas bewegen.

Sie sind schon mehrfach in die erste Bundesliga aufgestiegen. Immer war dies ein großer Erfolg. Jedoch zählen heutzutage nur noch Titel als Erfolge.

Es gibt nicht sehr viele Trainer, die Titel holen. Außer vielleicht, wenn sie beim FC Bayern oder bei einem der europäischen Topklubs arbeiten. Wenn es im Fußball nur darum ginge, müssten ja fast alle Trainer der Klubs, die keine Titel holen, erfolglos und unzufrieden sein. Erfolg ist, wenn man die Ziele, die man sich setzt erreicht und vielleicht sogar übertrifft. .

Sie waren als Spieler ein unermüdlicher Arbeiter. Waren Sie damals auch ein Trainingsfanatiker?

Es gab Tage, da habe ich gerne trainiert und Tage, da habe ich ungern trainiert. Ich denke, ich habe mich da nicht sehr unterschieden von den Profis heutzutage. Grundsätzlich ist der Beruf Profifußballer heute wieder ein anderer als damals, denn das Medieninteresse ist wesentlich höher als früher. Zwar verdienen Fußballer heute mehr, dafür aber ist der Druck auch höher.

Welche Ansprüche stellen Sie an Ihre Spieler?

Dass sie für den Fußball leben und die Interessen der Mannschaft klar über ihre eigenen Interessen stellen. Nur als Team kann man Ziele, die man sich setzt, erreichen. Fußball ist nun mal kein Einzelsport wie Tennis. Da ist Egoismus fehl am Platz und absolut kontraproduktiv.

Wenn Sie an Ihre aktive Zeit zurück denken, in der die Medien noch nicht ansatzweise eine so große Rolle spielten, schauen Sie dann mit Wehmut zurück?

Nein. Aber in der Tat ist es so, dass die Medienlandschaft von heute eine andere ist als früher. Es gab kein Internet, kein Pay-TV und kein Privatfernsehen. Folglich war die Zahl der Journalisten, mit denen man zusammengearbeitet hat, geringer. Aber der Stellenwert des Fußballs hat sich heute um ein Vielfaches erhöht. Unser Sport ist ein gesellschaftliches Ereignis geworden. Das ist auch ein Verdienst der Medien.

Ein Trainer muss heute auch Medienmann sein. Fällt Ihnen das schwer?

Ich habe mich daran gewöhnt. Es gibt leider nur Schwarz und Weiß, und es ist egal, was hinter der Arbeit steckt, die man macht. Wichtig sind nur Ergebnisse. Wenn du gewinnst, ist alles gut, wenn du verlierst, ist alles schlecht. Dazwischen ist nichts. Doch das war früher genauso.



Wagen wir einen Ausblick. Was fehlt der Eintracht zu einer Bundesliga-Spitzenmannschaft?


Die Anzahl an Jahren, die wir ununterbrochen in der Bundesliga spielen. Durch das Auf und Ab in den vergangenen Jahren war es logischerweise hier nicht möglich, vorausschauend und zielorientiert zu arbeiten und ein solides finanzielles Fundament zu errichten. Diese wesentliche Basis ist hier in Frankfurt gerade in Arbeit und wir sind auf dem richtigen Weg. Aber eine Spitzenmannschaft aufzubauen, dazu braucht man Zeit. Das geht nicht innerhalb von zwei Jahren.

Naohiro Takahara spielt eine blendende Saison. Lange Zeit galt er als Chancentod, jetzt trifft er.

Wir wussten was Naohiro kann und haben ihn deswegen aus Hamburg geholt. Wir geben ihm hier Nestwärme und zeigen ihm, dass wir ihn brauchen. Er hat unser Vertrauen und die Zuschauer haben ihn ins Herz geschlossen. Das macht ihn selbstbewusst und lässt ihn sein komplettes Potenzial abrufen.

In diesem Jahr können theoretisch noch neun Vereine absteigen. Ist die Bundesliga in Ihren Augen stärker oder schwächer geworden?

Die Bundesliga ist ausgeglichener geworden, aber auf einem hohen Niveau. Alle Vereine arbeiten auf einem sehr hohen Level und bis auf vier, fünf Spitzenklubs ist die Bundesliga sehr eng beieinander. Das macht die Sache für die Fans spannend, was sich auch auf die Zuschauerzahlen auswirkt.

Wenn Sie es sich aussuchen dürften: Klassenerhalt oder DFB-Pokalsieg?

Ganz klar den Klassenerhalt. Wenn wir den geschafft haben, hätte ich aber auch nichts gegen den Pokalsieg einzuwenden (lacht).

Was ist wahrscheinlicher?

Möglich ist beides. Wir haben es selbst in der Hand und wir haben die Qualität, beides zu schaffen. Wir sind auch im Pokal-Halbfinale in Nürnberg in der Lage, zu gewinnen.

Warum steigt Frankfurt dieses Jahr nicht in die Zweite Liga ab?

Weil wir hier gut arbeiten, eine zusammengewachsene Mannschaft haben. Dazu kommen unsere tollen Zuschauer und das umsichtige Umfeld. Hier wird hart gearbeitet und man bewahrt die Ruhe und Unaufgeregtheit, die nötig ist, um im Abstiegskampf zu bestehen.

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Das Interview mit Ioannis Amanatidis findet Ihr hier www.11freunde.de/bundesligen/100149 .

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