16.09.2012

Freiburgs Trainer Christian Streich im großen Interview

»Spielerberater sind wie Ameisen«

Man fragt sich, wieso der SC Freiburg nicht schon früher auf die Idee kam, Christian Streich zum Cheftrainer zu machen. Ein Gespräch über Volker Finkes Erbe, goldene Schüsseln für junge Spieler und Wurstbrät.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Martin Mischkulnig

Essen Sie Fleisch?
Ja, aber nicht sehr viel.

Weil Sie früher so viel essen mussten?
Überhaupt nicht. Meine Mutter hat bestimmt dreimal in der Woche kein Fleisch gemacht. Mein Vater wollte kein Fleisch mehr, wenn er den ganzen Tag gewurstet hat. Als Metzger musst du ständig Brät probieren. Wenn meine Mutter abends noch Bratwurst serviert hätte, wäre mein Vater weggelaufen.

Nachdem Sie Ihre aktive Karriere beim Freiburger FC und den Stuttgarter Kickers begonnen hatten, kamen Sie 1987 als Spieler zum SC Freiburg. Das war aber noch ein anderer Verein als der SC, den wir heute kennen, oder?
Es war unvorstellbar. Präsident Stocker hat damals seine Kaffeemaschine von zu Hause zum Spiel mitgebracht und für die zwei Leute, die darüber geschrieben haben, Kaffee gekocht. Danach hat er drei Stunden die Straße gekehrt und die Maschine wieder mitgenommen.

Sie haben nur ein Jahr beim SC Freiburg gespielt. Warum hat es Sie später wieder zu dem Klub zurückgezogen?
Ich habe meine Karriere beim Freiburger FC ausklingen lassen und parallel mein Abitur nachgemacht. Irgendwann hab ich den Herrn Stocker getroffen und gefragt: »Sagen Sie mal, Herr Stocker, haben Sie vielleicht was als Jugendtrainer für mich?« Ein paar Tage später hat er angerufen und gesagt: »Wenn du willst, kannst du die C-Jugend trainieren.«

Hatten Sie bereits die Idee, das zum Beruf zu machen?
Nein. Ich habe Geschichte, Deutsch und Sport auf Lehramt studiert, wobei mein Hauptinteresse auf Geschichte lag. Doch wenn ich an die Lehrpläne dachte und daran, dass ich den Schülern zwölf Mal etwas über die Französische Revolution erzählen sollte, wurde mir mulmig. Journalist zu werden, konnte ich mir auch nicht recht vorstellen. Also wusste ich nicht, was ich machen sollte.

Haben Sie die Lehrerausbildung abgeschlossen?
Ich habe zwei Monate Referendariat gemacht, aber Geschichte und Deutsch sind brutale, leseintensive Fächer. Mittlerweile war ich A-Jugendtrainer beim SC und musste mich entscheiden: Setze ich das Referendariat fort oder mache ich den Fußballlehrer?

Sie wurden Fußballlehrer und haben die Freiburger Fußballschule mit aufgebaut. Der große Zampano im Klub war zu jener Zeit Volker Finke: ein Visionär, aber auch kein einfacher Charakter. Wie haben Sie sich mit ihm verstanden?
Ich fand ihn spannend, er war ja damals noch relativ jung. Wenn er zu seinem Büro lief, kam er jedes Mal an unserer Umkleide vorbei, das waren zehn Meter. Wir haben jeden Tag miteinander zu tun gehabt.

Sie sind beide Lehrer ...
Ja, aber er ist ein richtiger Lehrer, der den Beruf viele Jahre ausgeübt hat.

Hat er Sie geprägt?
Was mir sehr entgegen kam, waren seine freie Auffassung von Fußball und die Idee, Überzahl in Ballnähe zu schaffen. Eigentlich hat er kicken lassen wie bei der D-Jugend, wo immer alle zum Ball rennen. Nur wurde es bei ihm ein bisschen mehr gesteuert.

War er ein Kontrollfreak?
Was die Arbeit im Jugendbereich angeht, hat er uns vertraut.


Hat es nie zwischen Ihnen gekracht?
Die ersten Jahre nicht. Später kam Andreas Rettig als Manager, der SC Freiburg wurde allmählich anders und Finke hatte starke Auseinandersetzungen mit Stocker. Das hatte dann auch Auswirkungen auf meinen Bereich. Wenn man lange so intensiv zusammenarbeitet, gibt es immer Reibungen.

Haben Sie nie überlegt, zu gehen?
Ich konn
te nicht. Ich habe zwei-, dreimal mit Stocker darüber geredet, aber er hat das immer abgebogen, und was willst du machen, wenn der eigene Präsident vorm Stadion steht und die Straße kehrt? Willst du dann sagen, »Ich habe ein lukratives Angebot und gehe weg«?

Wer war der talentierteste Spieler, den Sie je trainiert haben?
Das kann ich nicht sagen, es ist aber auch nicht so wichtig. Talent macht höchstens 15 Prozent des Gesamten aus. Hinzu kommen genetische und physische Voraussetzungen, aber auch andere Sachen wie Fleiß und Empathie. Spieler wie Ömer Toprak und Tobias Willi haben sich dadurch ausgezeichnet, dass sie auch für die Reservisten der A2-Jugend noch Interesse aufgebracht haben. Das sind in der Regel die Jungs, die es bei uns weit bringen.

Wie sehr konnten Sie sich um Ersatzspieler der A2 kümmern?
Für mich war völlig egal, ob einer später Bundesliga spielen würde oder vierte Liga.

Aber der Verein betreibt die Fußballschu
le doch, um Bundesligaprofis hervorzubringen.
Schon klar, aber so dürfen wir nicht denken. Wir müssen die gleichen Rahmenbedingungen für alle schaffen, und das hilft gerade den exponierten Spielern, Verantwortung zu übernehmen. Viel mehr, als wenn man mit 17 zu irgendwelchen Turnieren nach Abu Dhabi ins 28-Sterne-Hotel geflogen wird und aus goldenen Schüsseln frisst, wie es manchmal passiert. Dann ist es gut, wenn sie danach wieder zu uns kommen und neben einem Burschen sitzen, der am Wochenende geheult hat, weil er in der A2 nicht zum Einsatz kam.
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