16.09.2012

Freiburgs Trainer Christian Streich im großen Interview

»Spielerberater sind wie Ameisen«

Man fragt sich, wieso der SC Freiburg nicht schon früher auf die Idee kam, Christian Streich zum Cheftrainer zu machen. Ein Gespräch über Volker Finkes Erbe, goldene Schüsseln für junge Spieler und Wurstbrät.

Interview: Jens Kirschneck und Tim Jürgens Bild: Martin Mischkulnig

Aus dem Freiburger Mannschaftshotel hängt ein Fan-Transparent, auf dem steht: »Es gibt nur einen Christian Streich!« Dem Geehrten gefällt das nicht.

Was stört Sie daran? Dass das Transparent Sie zu sehr in den Vordergrund rückt?
Ich bin jetzt eine öffentliche Person. Das wollte ich nie sein, und deshalb wollte ich diesen Job ursprünglich nicht machen. Doch ich bin nicht naiv, und es ist, wie es ist. Ich werde dafür bezahlt und fertig.

Steht man als Trainer nicht immer unter Be
obachtung? Egal, wo man trainiert?
Natürlich. Trotzdem gibt es Unterschiede. Wo ich jetzt auch hingehe, ich werde immer wieder erkannt. Egal, ob in Berlin im Museum oder in einer Kneipe.

Wurden Sie von den Dimensionen der Popu
larität überrascht?
Es ist eher so: Wenn du nicht darin lebst, weißt du nicht, wie es sich anfühlt. Es gibt eine Ahnung davon, doch die und die Realität sind zwei paar Schuhe.

Für das, was Ihnen gerade widerfährt, gibt es zwei Gründe: zum einen die sehr erfolgreiche Rückrunde des SC Freiburg, zum anderen die Tatsache, dass alle Welt auf Sie als Typ abfährt. Ist es das, was eigentlich nervt?
Nö, das ist das Angenehme. Aber man hat oft das Gefühl, nur eine Reproduktionsfläche zu sein, eine Hülle. Nehmen wir zum Beispiel Gespräche mit Journalisten. Ich habe keine Lust, irgendwelchen Kram zu reden, also erzähle ich echte Geschichten. Als das erste Mal eine Seite Drei über mich erschien, war ich wahnsinnig geschmeichelt, doch mittlerweile weiß ich manchmal nicht, was ich noch erzählen soll. Ich erlebe ja außerhalb des Fußballs nichts mehr.

Irgendwann sind die Medien mit Ihnen durch, dann wird sich das wieder legen.
Stimmt, dann warten sie auf eine Negativserie und meinen Absturz.

Richten Sie Ihr Freizeitverhalten danach aus? Früher sollen Sie Stammgast eines Freiburger Musikclubs gewesen sein.
Es stand ja bereits in der Zeitung, dass ich dort hingehe. Darauf habe ich zum Besitzer gesagt: »Du findest das wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Aber vielleicht ziehst du da
mit eine Klientel an, die dir nicht so gut gefällt. Und ich komme jetzt leider nicht mehr.«

Warum nicht?
Weil ich den ganzen Tag über
 Fußball rede. Das muss nicht auch noch sein, wenn ich in der Kneipe bei einem Bier sitze. Es ließe sich in der jetzigen Situation aber kaum vermeiden. Dabei bin ich noch der gleiche Mensch und Fußballtrainer wie vorher. Ich arbeite ja jetzt nicht anders.

Kann man eine Profimannschaft genauso trainieren wie ein Jugendteam?
Nicht, was die Übungen angeht. Aber was die Intensität und die Fußballidee betrifft, ganz bestimmt. Es wäre Wahnsinn, wenn ich jetzt viel mehr arbeiten würde. Dann hätte ich als Jugendtrainer etwas falsch gemacht.

Gibt es denn keine Unterschiede, etwa bei der allumfassenden Durchleuchtung des Spiels?
Das schon, wobei man da vorsichtig sein muss. Irgendwann ist es auch mal gut mit der Durchleuchtung. Es bringt nichts, wenn man sich die ganze Zeit nur Videos anschaut.
Der Nationalelf wurde vor jedem EM-Spiel
ein 500-Seiten-Ordner mit Material über den kommenden Gegner übergeben. So was Ähnliches bekomme ich auch. Darin steht, dass der Oliver Sorg im letzten Spiel neun Zweikämpfe verloren und vier gewonnen hat. Also, ich lese das nicht! Mein Co-Trainer hat sich mal die Mühe gemacht, den genannten Fall zu analysieren. Es war in unserer Auswertung genau umgekehrt mit den Zweikämpfen.

Gibt es denn Daten, die Sie zwingend benötigen?
Nein. Zumindest können sie für mich nicht die Arbeit mit Menschen ersetzen. Eine Fußballmannschaft ist ein heterogenes System, die Spieler kommen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Kulturen. Ich finde es wichtig, wenn sie merken, dass ich mich für sie interessiere und nicht nur für ihre Ballannahme.

Ein ungewöhnlicher Ansatz.
Es gibt sicher tausend Wege, die Sache anzugehen. Aber ich habe mich schon immer für zwischenmenschliche Zusammenhänge interessiert, und das ist einer der Gründe dafür, dass ich Trainer geworden bin. Würde ich mich mehr für technische Abläufe begeistern, wäre ich vielleicht Automechaniker oder Computerspezialist geworden.

Haben Sie sich schon als Spieler für das Zwischenmenschliche interessiert?
Als ich 1988 zum FC Homburg kam, hatte der Trainer Slobodan Cendic gerade 21 neue Spieler geholt, darunter welche aus Polen und Argentinien. Ich bin auf die zugegangen und habe sie gefragt, wie es bei ihnen zu Hause ist. Auch mit Cendic habe ich viel gesprochen, er hat mir zum Beispiel von seiner Zeit als Medizinstudent erzählt.

Jimmy Hartwig, der gegen Ende seiner Karriere auch beim FC Homburg aktiv war, hat Cendic als »ahnungslosen Choleriker« beschrieben.
Choleriker kommt hin, ahnungslos überhaupt nicht. Das war ein sehr interessanter Mensch, ein großer, schlanker Asket. Eines Tages hat er zu mir gesagt: »Geh nach Hause, studieren!« Ich hab geantwortet: »Ich kann nicht studieren, ich hab kein Abitur.« »Kannst du aber auch nicht Bundesliga spielen«, hat er gemeint. »Bist du zu langsam und hast dünne Beine. Geh nach Hause und mach 
anständigen Beruf!«

Das war brutal.
Das war offen.

Andere Spieler würden sagen: »Der Mann hat meine Karriere zerstört.«
Wenn ich zu langsam bin, kann er ja nichts dafür. Er hat einfach nur die Wahrheit gesagt.

Keine reflexartige Wut von Ihrer Seite?
Keine Wut, nur Enttäuschung. Er hat es halt auf den Punkt gebracht. Und er hat mich ja trotzdem kicken lassen. Einmal habe ich in Essen ein Tor geschossen, was nicht oft vorkam, da hat er gesagt: »Ist nicht normal, jetzt schießt Streich schon ein Tor! Müssen wir aufpassen, dass wir nicht aufsteigen.« Das war durchaus anerkennend gemeint. Trotzdem muss man als Spieler solch eine Ehrlichkeit verkraften können. Vielleicht hat er gewusst, dass ich das verkraften kann.

Haben Sie damals schon daran gedacht, Trainer zu werden?
Nein. Ich wollte das Abi nachmachen, studieren und vielleicht Lehrer werden. Als Kind war ich nur auf der Hauptschule, weil ich immer kicken war und meine Noten nicht gut genug waren. Aber ich habe mir damals schon manches Mal gedacht, dass die vom Gymnasium auch nicht unbedingt intelligenter sind.

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