Franz Beckenbauer über schwule Fußballer und die WM 2014

»Beeeeckenbauer ist homosexuell«

Zum Beginn der Bundesliga-Rückrunde eine Audienz beim Kaiser. Am Rande der Verleihung der Mira-Awards in Berlin sprachen wir mit Franz Beckenbauer über die Hitze in Katar, die Zukunft von Mario Mandzukic beim FC Bayern und Homophobie im Fußball in den Sechzigern.

Franz Beckenbauer, der FC Bayern hat gerade ein Testspiel gegen RB Salzburg mit 0:3 verloren. Wie ist die Niederlage zu bewerten?


Ich war überrascht über die passive Spielweise der Bayern und das aggressive Spiel der Salzburger. Das hätte auch 5:0 oder 6:0 ausgehen können, Bayern hatte keine Chance. Aber so werden sie sich in der Bundesliga nicht präsentieren. Es war ein Warnschuss zu rechten Zeit.
 


Das wäre allerdings schlecht für die Spannung in der Liga.
Ich weiß nicht, was schlecht für die Liga ist. Aber wir freuen uns doch alle, wenn die Bayern gut spielen, oder? (lacht)


Glauben Sie, dass die Bayern nun auf Jahre auf den  Meistertitel abonniert sein werden?
Es wird zweifellos schwer, sie zu schlagen, wenn sie sich weiter so kontinuierlich verstärken. Und das werden sie. Pep Guardiola ist der ideale Trainer, Matthias Sammer weckt sie immer wieder auf, wenn Schlendrian einzukehren droht. Im Kader ist genug Konkurrenzkampf, damit man in allen Wettbewerben bestehen kann. Ich sehe tatsächlich keinen Grund, warum sich etwas in den nächsten Jahren ändern sollte. Im Gegenteil.


Über Uli Hoeneß heißt es, er ist erst zufrieden, wenn der FC Bayern in zehn Jahren zehn Mal Meister wird, Karl Heinz Rummenigge relativiert, bei fünf Mal wäre er auch zufrieden. Wie sehen Sie das?
Ich mache das nicht an Meisterschaften fest, mir reicht es, wenn sie einen schönen, engagierten, spielfreudigen Fußball spielen. Und wenn sie das tun, haben sie automatisch auch Erfolg.
 
Aber funktioniert die Bundesliga mittelfristig auch ohne die Spannung im Kampf um die Meisterschaft?
Es gibt doch noch andere interessante Wettbewerbe: den Kampf um die Champions-League-Plätze, den Abstieg. In Spanien ist es viel eklatanter als bei uns, da spielt die Musik nur zwischen Barcelona und Madrid. In Italien aber hat sich das Blatt ein bisschen gewendet, da spielt nun auch mal der AS Rom oder der SSC Neapel vorne mit. Will sagen: Es ist immer Bewegung drin. Warten Sie es ab, demnächst ist vielleicht auch der VfL Wolfsburg finanziell in der Lage einen Wechsel an der Spitze zu forcieren.
 
War es eigentlich notwendig, dass der FC Bayern Robert Lewandowski aus Dortmund holt? Nach dem Transferhickhack wird es nach seiner Ankunft in München bald auch im Kader Ärger geben.
Wird es nicht, dafür ist Guardiola als Person zu stark und genießt genug Respekt. Ich glaube, dass er allen Spielern die Möglichkeit geben wird, zu Einsätzen zu kommen. Denn der FC Bayern hat so viele Spiele, dass Rotation zwangsläufig notwendig sein wird.


Aber, mal ehrlich, Mario Mandzukic kann doch nach der Verpflichtung Lewandowskis seine Koffer packen.
Eigentlich schon. Ich kann mir vorstellen, dass Lewandowski einschlägt. Von seiner Spielweise passt er besser zu Guardiolas Vorstellungen als ein reiner Mittelstürmer wie Mandzukic. Zumal Pep Guardiola auch noch auf Thomas Müller und Mario Götze zurückgreifen kann.
 
Karl Heinz Rummenigge sagt, dass die Meisterschaft der wichtigste Titel sei. In Wahrheit aber muss es dem FC Bayern doch in der Rückrunde vor allem darum gehen, als erste Mannschaft den Titel in der Champions League zu verteidigen, oder?
Die Meisterschaft kann man planen. Vor allem jetzt, wo schon ein gewisses Polster vorhanden ist, kann man den ein oder anderen Aussetzer verkraften. In der Champions League beginnt die K.O.-Runde. Wenn es an einem Tag nicht stimmt, bist du schnell draußen. Deswegen ist dieser Wettbewerb so verteufelt schwierig.  





Im Achtelfinale muss der FC Bayern gegen den FC Arsenal ran. In der vergangenen Saison wären die Bayern gegen die Londoner beinahe ausgeschieden. Nach einem 3:1-Auswärtssieg, verlor das Team daheim mit 0:2. 


Das waren diese Konzentrationsschwächen, die sich immer wieder mal einschleichen. 


Aber der FC Arsenal im Achtelfinale ist schon das schwerste Los?
In dem Topf war das sicher ein sehr schweres Los, Arsenal ist in England Tabellenführer, der Klub hat sich erholt. Aber wenn man die Champions League holen will, dann trifft man früher oder später immer auf Mannschaften wie Arsenal, Barcelona oder Chelsea. 


Stimmen Sie mit Ihren Kollegen beim FC Bayern überein, dass Franck Ribery bei der Wahl zum Weltfußballer Opfer der Fifa-Politik geworden ist?

Damit hat die Fifa nichts zu tun, die führt die Wahl nur durch. Die Fifa befragt Trainer und Mannschaftskapitäne aus 209 Ländern und dazu noch Journalisten. Es ist nun mal so, dass Ribery in Europa die Nase vorn hatte, Ronaldo und Messi aber im Rest der Welt bekannter sind. Schade für ihn, denn er war der beste Spieler im Jahr 2013. 


Der ehemalige Bayern-Trainer, Andries Jonker, hat gesagt, Ribery habe nicht die herausragende Stellung in seinem Team wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo, außerdem habe er nach wie vor zu viele Ballverluste, um Weltfußballer zu werden. 

Ribery war der dominierende Spieler beim FC Bayern, aber natürlich hat er Ballverluste. Das liegt daran, dass er ständig in die Zweikämpfe geht. Er betreibt einen ungeheuren Aufwand. Messi ist eher einer, der die anderen laufen lässt. Und Ronaldo ist zweifellos ein herausragender Individualist, aber auch er braucht die Zuspiele seiner Mitspieler, um so viele Tore zu machen.

Würden Messi und Ronaldo in einer homogenen Mannschaft wie dem FC Bayern funktionieren?

Die würden überall funktionieren. Wenn sie kämen, müsste man eben umstellen. Ich habe immer am meisten Spaß gehabt, wenn ich in einer Auswahl gespielt habe. Wenn ich mit Bobby Charlton, Rivera oder Pelé in der Weltauswahl spielte, dann war es wie in einem Orchester. Es war harmonisch. Wir hatten vorher nie zusammengespielt, aber wir haben uns blind verstanden.


Könnte sich der FC Bayern inzwischen einen der beiden Weltfußballer leisten?
Weiß ich nicht, ich habe da keinen Überblick mehr.
 
Würden Sie von den Bossen an der Säbener Straße gefragt, wenn so ein Transfer geplant wäre?
Nein, die haben Sammer, Guardiola, da brauchen sie mich nun wirklich nicht. 


Wann greifen Sie beim FC Bayern noch ein?


Gar nicht mehr, höchstens wenn ich mal wieder eine Kolumne schreibe, was nur noch höchstselten passiert. (lacht) Ich habe lange genug eingegriffen, es passt schon.

Kommen wir zur bevorstehenden Weltmeisterschaft. Ist es für die deutschen Spieler in Brasilien zu heiß, um den Titel zu gewinnen?
Im Süden Brasiliens ist im Juni doch Winter, da herrschen ganz angenehme Temperaturen. Sie sollen halt rechtzeitig hinfliegen und sich akklimatisieren. Ich weiß noch, wie wir 1976 den Weltpokal mit Bayern gewonnen haben. Das erste Spiel in München fand Ende November bei minus 20 Grad statt. Die Rasenheizung hat nicht mehr richtig funktioniert, da war eine Eiskruste auf dem Rasen. Und bald darauf mussten wir nach Belo Horizonte zum Rückspiel. Aus München konnten wir wegen Nebels erst verspätet abfliegen, nachmittags kamen wir bei 40 Grad plus im Urwald an und abends spielten wir 0:0 und waren Weltpokalsieger. Also: Mit etwas Energie kann man alles schaffen.


Anders gefragt: Ist Deutschland titelreif?


Doch, doch. Ich wüsste jetzt keine Mannschaft, die besser ist.




Bräche es Ihnen das Herz, wenn Philipp Lahm durch seinen Erfolg auf der neuen Position Bastian Schweinsteiger bei der WM zum Bankdrücker macht? 


(lacht) Die Fähigkeiten hat er. Es kommt eben darauf an, in welcher Verfassung Bastian dann sein wird. Wenn er wieder zu alter Stärke zurückfindet, wird sich der Philipp auch wieder mit der rechten Außenverteidigerrolle zufriedengeben. Aber es ist doch schön, wenn man Spieler hat, die so flexibel sind.
 
Stichwort: WM in Katar. Sie haben schon früh dafür plädiert, die WM 2022 im Winter zu spielen.
Ich habe es empfohlen, weil es die einfachste Lösung wäre. Wir haben noch acht Jahre bis dahin, also genug Zeit, um die Welt darauf vorzubereiten. Aber der Emir hat auch vorgeschlagen, das ganze Land runterzukühlen, wenn es nicht anders geht. Die machen das, Geld spielt keine Rolle, die machen alles. Aber es wäre ein unglaublicher Aufwand.


Kennen Sie den Emir persönlich?
Ja, klar.



Und was verspricht sich der Emir von der WM?
Die Leute dort sind voller Begeisterung, weil es für das Land ein enormer Imagegewinn ist. Das Einzige, was sie nicht beeinflussen können, ist das Wetter. 


Haben Sie am Ende dem Emir den Floh ins Ohr gesetzt, eine Weltmeisterschaft auszurichten?
Nein, so weit geht es nicht. (lacht) Aber die Kataris waren bei ihrer Bewerbung sehr schlau. Sie bauen 12 komplett neue Stadien, mit einem Fassungsvermögen von 40.000 Zuschauern aufwärts, obwohl ein Land wie Katar höchstens ein Stadion in dieser Größe bräuchte. Aber sie haben in ihrer Bewerbung zugesagt, dass sie jedes Stadion nach der WM abbauen und in verkleinerter Version mit jeweils rund 10.000 Zuschauern in Entwicklungsländern wieder aufbauen werden. Auf diese Weise entstehen fast 50 neue Stadien in armen Ländern. Die haben sich was einfallen lassen.
 
Franz Beckenbauer, wie haben Sie das Coming-out von Thomas Hitzlsperger wahrgenommen?
Ich war überrascht über das Echo. Ich dachte, in unserem Land müssten wir eigentlich so weit sein, damit umgehen zu können. Allein, dass ein Mensch sich outen muss, ist doch an sich schon diskriminierend. Eigentlich müsste es selbstverständlich sein. Mich interessiert der Mensch, nicht seine sexuelle Orientierung. Ich habe viele Schwule in meinem Bekanntenkreis, es sind oft die nettesten.


Zu Ihrer New Yorker Zeit Ende der Siebziger waren Sie im Studio 54 umgeben von schwulen Künstlern, Rudolf Nurejew war ihr Nachbar. Warum ist Homosexualität im Fußball immer noch ein Tabu?
Vielleicht haben die Spieler Bedenken, weil sie die Reaktionen im Stadion nicht absehen können. Das Fußballpublikum ist kein Opernpublikum, es nicht ganz so feinfühlig.

Wie war es in den Sechzigern und Siebzigern, dem Zeitalter der sexuellen Befreiung? Wie wurde damals über schwule Fußballer diskutiert?
In den Sechzigern war das Publikum noch rustikaler als heute, denn damals waren nur Männer in den Stadien. Wenn einer pinkeln musste, hieß es nur »Geh mal auf die Seiten«, und dann pinkelte der da hin, auch weil es keine Toiletten gab. Und wenn wir mit Bayern in Oberhausen oder in Essen spielten, schallte es von den Rängen: »Beeecken-bauer ist homosexuell… homosexuell… homosexuell«. Da haben wir im Mannschaftskreis gelacht, denn meine Kameraden sagten: »Man kann viel über dich sagen, Franz, aber das, das stimmt net«.

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