13.04.2012

Frankfurt-Legende Lothar Sippel über die Fast-Meisterschaft 1992

»Jeder muss sich an die eigene Nase fassen«

Kurz vorm Ziel gescheitert: In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE berichtet Tim Jürgens in seiner Reportage »Ein dreckiger Haufen« über die verpasste Meisterschaft von Eintracht Frankfurt in der Saison 1991/92. Und sprach dafür auch mit Lothar Sippel.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Lothar Sippel, die Sturmreihe von Eintracht Frankfurt in der Saison 1991/92 liest sich wie ein Kabinett aus echten Typen: Toni Yeboah, Axel Kruse, Edgar Schmitt, Jörn Andersen und dazu Sie. Wie spielte es sich an der Seite von Yeboah?
Lothar Sippel: Er war ein ganz anderer Spieler als ich. Auch von der Statur her, riesige Oberschenkel und sehr kopfballstark. Nicht nur so gesehen haben wir uns sehr gut ergänzt.

Was machte dieses Team so viel stärker als alle anderen Bundesligisten zu dieser Zeit?
Lothar Sippel: Unser variables Spiel. Mit Möller und Bein hatten wir zwei geniale Spieler im Mittelfeld. Ich habe nicht nur im Angriff gespielt, sondern manchmal  auch im Mittelfeld hinter den Spitzen. Auf diese Weise waren wir sehr schwer auszurechnen. Dazu kam, dass wir in allen Mannschaftsteilen Typen mit Ecken und Kanten hatten. Aber auf dem Platz entfalteten wir eine enorme Dynamik.

Sie wurden noch von Jörg Berger nach Frankfurt gelotst.
Lothar Sippel: Ich kannte ihn als Trainer bei Hessen Kassel. Dort wurde ich 1989 mit 26 Toren Torschützenkönig und bekam mehrere Erstliga-Angebote. Als Berger aus Frankfurt anrief, war mir klar, dass ich dorthin gehen möchte.

Aber nach gut zwei Jahren folgte auf Berger Dragoslav Stepanovic.
Lothar Sippel: Was für ein Slang, was für eine Art, was für ein Typ. Auch wenn ich eigentlich ganz gut mit ihm auskam, traf er so manche Entscheidung, die nicht ganz nachvollziehbar war.

Nämlich?

Lothar Sippel: Ich schoß in der Hinrunde neun Tore und war Stammspieler. Doch vor dem Bochum-Spiel im Februar 1992 saß ich bei »Stepi« auf dem Hotelzimmer und er wollte, dass ich meinen Vertrag vorzeitig verlängere – ohne Gehaltsanpassung. Da sagte er nur: »Überleg’s dir. Sonst spielst du morgen nochmal und dann nicht mehr«.

Das klingt fast wie eine Erpressung.
Lothar Sippel: Naja, so kam das Joker-Image zustande. In der Rückrunde wechselte er mich nur noch ein und ich machte trotzdem die Tore. Lustig war das Spiel gegen die Stuttgarter Kickers. »Stepi« brachte mich beim Stande von 1:0 in der 90. Minute und ich machte sofort das 2:0. Nach dem Spiel sagte er: »Ich wollte dich gar nicht bringen.« Ich entgegnete: »Und ich wollte gar kein Tor schießen.«

Wie sah das Sportchef Bernd Hölzenbein?
Lothar Sippel: Der wollte auch, dass ich verlängere. Da gab es einen Auftritt im »Sport-Studio«, wo offen über meinen Vertrag gesprochen wurde. Hölzenbein sagte: »Der Lothar glaubt, dass ich ihn nicht mag. Aber meine ganze Familie ist Sippel-Fan, meine Frau ist sauer, wenn ich ihn nicht halte« Da meinte der Moderator: „Aber dann verlängern Sie doch den Vertrag mit ihm.« Darauf Hölzenbein: »Wenn ich vor 20 Jahren an Lothars Stelle gewesen wäre, hätte ich unser Angebot unterschrieben.« Ich sagte nur: »Daran sieht man wie hoch das Angebot ist«.

Wie gingen die Vertragsgespräche zuende?
Lothar Sippel: Ich hatte Angebote aus Duisburg, Mönchengladbach, Dortmund, München und hab mich dann für Dortmund entschieden.

War Ihnen bewusst, was für außergewöhnlichen Fußball die Eintracht damals spielte?
Lothar Sippel: Ich wusste, dass ich davon profitieren kann, mit Leuten wie Uli Stein, Uwe Bein, Andi Möller und Anthony Yeboah zusammenzuspielen und hoffte, Teil von etwas Großem zu werden. Aber leider ist nichts draus geworden.

Jedes Detail, jeder Konflikt aus dem Mannschaftskreis wurde in dieser Saison in die Medien getragen.
Lothar Sippel: Das Problem war, dass wir diese Grüppchen hatten, aber innerhalb dieser Gruppen war die Stimmung wiederum prächtig. Wir sind auch ab und zu unterwegs gewesen, wenn wir verloren hatten. Uli Stein, Heinz Gründel, Jörn Andersen, Axel Kruse – wir hatten keine Angst, uns zu zeigen. Wenn man gewinnt, kann jeder weggehen. Aber wir haben uns auch nach Niederlagen den Leute gestellt – und uns auch mal beschimpfen lassen.

Wo gingen Sie damals hin?
Lothar Sippel: Nach dem Spiel aßen wir bei Rocco, einem Italiener in Sachsenhausen. Dann kurz nach Hause, um das »Sportstudio« zu schauen und hinterher nach Mühlheim in eine Disko namens »Lemon«.

Die beste Party in der Saison 1991/92?
Lothar Sippel: Kann ich gar nicht genau benennnen, es bestand einfach ein guter Zusammenhalt zwischen uns, auch weil wir so erfolgreich waren. In unserer Gruppe haben wir sehr viel Zeit miteinander verbracht. Das war auch wichtig. Wenn einer im Training mal schlecht war und hinterher erzählte er dir, dass er zu Hause Stress hat, war die Leitsung viel besser einzuschätzen, denn sowas kriegt man im täglichen Trainingsbetrieb sonst gar nicht mit. Auch deshalb ist es traurig, dass wir nicht Meister geworden sind. Wenn wir das geschafft hätten, wäre ich vielleicht nicht weggegangen, und es hätte sich über Jahre etwas entwickeln können.

Wie offen wurden die Konflikte zwischen Andreas Möller und Uli Stein ausgetragen?
Lothar Sippel: Natürlich bekamen wir mit, dass es da gekribbelt hat. Aber Uli war auch so, dass er es irgendwann gut sein lassen konnte und zu Andi sagte: »Komm, jetzt gewinnen wir zusammen«. Er konnte stinksauer werden, aber er hat uns auch etliche Spiele gerettet. Bei Andi war es ähnlich.

Ein Zankapfel in dieser Saison war, dass Andreas Möller ständig damit kokkettierte, dass er zum Ende der Serie nach Italien wechselt.
Lothar Sippel: Natürlich hat uns das belastet, denn es stand praktisch jeden Tag etwas anderes in den Zeitungen. Andererseits lasen wir sowieso ständig irgendwelchen Unsinn. In meiner ersten Saison in Frankfurt bespielsweise hieß es, Josef Hickersberger wolle mich nach Österreich holen, denn ich solle die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen, um dort in der Nationalelf zu spielen. Insofern habe ich die Sache mit Andi auch nicht so ernst genommen.

Welchen Einfluss hatte Jörg Berger, welchen Dragoslav Stepanovic auf das Spiel des Teams?
Lothar Sippel: Beide haben ihren Teil dazu beigetragen. Aber ich glaube der größte Vorteil war, dass wir viele individuelle Typen hatten: Uwe Bein, der den tödlichen Pass spielen konnte. Andi Möller mit seiner Schnelligkeit, Tony Yeboah vorne im Zentrum – mit mir dahinter. Es war ein geniales Team, dessen Spieler sich ideal ergänzten.

Konnte Stepanovic sich in diesem Konstrukt aus Individualisten durchsetzen?
Lothar Sippel: Ja. »Stepi« konnte schon autoritär sein. Aber er profitierte auch von Führungsspielern wie Uli Stein, an denen sich junge Leute wie ich hochziehen konnten, um Höchstleistungen zu bringen. Wenn Uli was gesagt hat, hörten die Anderen zu. Und bei uns war es noch üblich, dass die Jungen die Tore trugen und sich eingliedern mussten.

Hat sich Stepanovic, der vor seinem Engagement bei Eintracht nur Erfahrung als Amateurcoach hatte, im Laufe der Saison 1991/92 verändert?
Lothar Sippel: Jeder verändert sich im Laufe der Zeit und lernt täglich dazu.

Wie erinnern Sie sich an den Schlusspfiff in Rostock? Wurde Ihnen gleich bewusst, dass die Meisterschaft dahin ist?

Lothar Sippel: Ja, klar. Ich weiß noch, dass ich auf dem Platz saß und die Fotografen mich umringten. Am nächsten Tag standen wir auf dem »Römer« und sahen diese großartigen Fans, die uns feierten. Ich warf Sakko, Hemd, Krawatte über den Balkon. Als die Leute dann anfingen, meinen Namen zu rufen, musste ich einfach zu Ihnen runter.

Lothar Sippel, gab es Leute, die in dieser Saison nachweislich die Bodenhaftung verloren haben?
Lothar Sippel: Nein, wir haben es am Ende nur leider nicht geschafft. Und dafür muss sich jeder an die eigene Nase fassen.

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