Frank Wormuth im Interview

„Marschieren wie Weltmeister“

Schon als Zweitligatrainer und als Jogi Löws Assistent bei Fenerbahce machte sich Frank Wormuth einen Namen. Nun ist er Leiter der Fußballlehrer-Ausbildung des DFB. Wir sprachen mit ihm über seine Idee vom Fußball der Zukunft. Imago

Herr Wormuth, haben Sie Arsène Wenger schon angerufen?

Warum das denn?

Matthias Sammer, Sportdirektor und Ihr Vorgesetzter, hat kürzlich davon gesprochen, unter anderem Wenger für die Trainerausbildung des DFB gewinnen zu wollen.

Langsam, langsam. Ich denke, das sollte nur ein Symbol dafür sein, dass wir versuchen wollen, die besten Leute zu bekommen, damit diese bei uns mitarbeiten. Arsène Wenger würde sicher nicht bei uns als Dozent arbeiten.

[ad]

Das käme bei den deutschen Trainern wohl auch nicht gut an. Die könnten sich übergangen fühlen. Die Empfindlichkeiten sind bekanntlich groß.


Das mit Wenger war doch nur ein Ablenkungsmanöver (lacht). Die wahren Kandidaten halten wir geheim. Das sind vermutlich nur deutsche Trainer.


Wenger hin oder her. Wie weit sind Sie mit den Planungen? Wie soll die Fußballlehrer-Ausbildung künftig aussehen?

Wir sprechen schon über Inhalte. Auch der Rahmenterminplan für den ersten neuen Lehrgang steht bereits. Im Mai oder Juni 2008 geht es los. Die angehenden Fußballlehrer sollen bereits das EM-Turnier vor Ort beobachten.

Was ist weiter vorgesehen? Welche strukturellen Änderungen wird es geben?

Eins ist klar: Der Lehrgang wird verlängert. Bislang dauerte er sechs Monate. Nun sprechen wir von einem Jahr, meinen aber eine Saison. Die Trainer sollen künftig parallel zu einer Bundesliga-Spielzeit ausgebildet werden. Die eine Hälfte werden die Kandidaten im Hörsaal oder auf den Ausbildungsplätzen zubringen, die andere Hälfte bei Praktika in Vereinen und Verbänden sowie beim Selbststudium. Es wird also Zeiten geben, in denen die Teilnehmer den Stoff verinnerlichen können. Die Praktika sollen zudem nicht nur wie bislang während der Saisonvorbereitung stattfinden, sondern in unterschiedlichen Phasen der Saison.

Wird es inhaltlich irgendwas nicht mehr geben? Oder etwas Neues?

Im medizinischen Bereich wird sicherlich einiges weggelassen oder nur am Rande erwähnt. Ich denke da zum Beispiel an Orthopädie. Ein Fach wie Ernährungslehre liegt mir dagegen sehr am Herzen. Ich selbst habe festgestellt, dass du trainieren kannst so viel du willst: Wenn die Ernährung nicht stimmt, kannst du nie 100 Prozent herausholen. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Außendarstellung der Trainer sein: Umgang mit Medien, Rhetorik, Kommunikation. Aber der Fußball steht über allem.

Der deutsche Fußball soll letztlich auch qualitativ verbessert werden. Welches Idealbild streben Sie an?


Das, was wir alle sehen wollen: attraktiven und erfolgreichen Fußball. Ein Mittel hierzu ist die Hennes-Weisweiler-Akademie in Köln, in welcher wir ausbilden. Die Akademie soll eine Art Hochburg des Wissens werden. Das bedeutet, dass dort nicht nur ausgebildet wird, sondern dass sich alle Trainer — auch die aktiven — immer an uns wenden können, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. So ist eine stetige Weiterentwicklung möglich.

Da wären wir wieder beim Zwist zwischen DFB und Liga. Glauben Sie wirklich, dass sich die Bundesliga-Trainer von Ihnen belehren lassen?

Ich denke nicht, dass die Vorbehalte so groß sind wie sie zuletzt dargestellt wurden. Ich war erst kürzlich bei einem Treffen der Profitrainer. Die wollen doch nur klarmachen: Hallo, wir sind nicht hinterm Mond, sondern arbeiten auch schon wissenschaftlich. Wir wollen das Wissen nur erweitern. Beidseitig. Vielleicht kommt eines Tages Werder Bremen mit einer neuen Erkenntnis. Dann nehmen wir diese natürlich auf und stellen sie allen anderen zur Verfügung. Und wir werden nach neuen Erkenntnissen forschen und diese überprüfen.

Ist da leise Kritik an Ihrem Vorgänger Erich Rutemöller zu hören?

Im Gegenteil. Alles, was vorher war, war nicht schlecht. Wir versuchen nur zu verbessern und zu optimieren. Wir erfinden den Fußball nicht neu. Wir werden aber schauen, was machen andere, auch in anderen Sportarten. Außerdem wird Erich Rutemöller seine Erfahrung als Berater bei uns einbringen.

Schauen, was die anderen machen. Klingt gut. Aber was machen die Deutschen momentan richtig oder falsch?

Natürlich machen wir vieles richtig. Die aktuelle Diskussion dreht sich in erster Linie um Taktik. Kondition ist kein Thema. Wir marschieren ja wie die Weltmeister.

Und wie sieht es mit der Taktik aus?

Fast alle Trainer kennen sich in Sachen Taktik aus. Es geht oft nur darum, die elementaren Dinge im Taktik-Training zu beachten. Viele Spieler sagen: Oh Mann, was ist das denn? Jetzt muss ich schon wieder an der Hand über den Platz geführt werden. Doch dann wundern sie sich, dass sie in der 80. Minute diesen Weg plötzlich vergessen und im Profibereich daraus dann ein Gegentor entsteht. Deswegen müssen wir den zukünftigen Trainern sagen: Achtet mehr auf die elementaren Dinge. Überzeugt eure Spieler, dass sie den Ball auch mal jonglieren müssen. Dass sie die Laufwege tagtäglich üben müssen.

Einen Schritt zurück also, um nach vorne zu kommen?

Genau. Man muss einen Schritt zurück machen, um zwei nach vorne zu kommen.

Sie wollen also auch einem gestandenen Ex-Profi oder gar Nationalspieler vermitteln, dass er mit seinen Jungs erstmal jonglieren soll. Früher herrschte ja beim DFB die Meinung vor, dass solche früheren Stars die idealen Trainer sind, weil sie Idolwirkung haben. Es gab sogar mal diesen sechswöchigen Sonderlehrgang, aus dem Matthias Sammer und Jürgen Klinsmann hervorgegangen sind. Sammer wurde Deutscher Meister, Klinsmann WM-Dritter. Und nun soll eine vielfach längere Ausbildung besser sein.

Wir wollen angehenden Trainer helfen. Und wir helfen ihnen sicher nicht durch einen sechswöchigen Crashkurs. Matthias Sammer war der Erste, der das gesagt hat. Langfristig können auch Ex-Profis nur durch fundiertes Wissen überzeugen.

Der Klinsmann-Hype war da aber kontraproduktiv. Da sagen viele: Schaut her, sechs Wochen Lehrgang genügen, um den deutschen Fußball zu revolutionieren.

Klinsmann war ja nicht allein. Da agierte ein Team, angefangen bei Joachim Löw bis hin zu den Fitnesstrainern. Klinsmann war einfach klug genug, ein gutes Team um sich herum zu bauen.

Spielt dieser Gedanke für die künftige Ausbildung eine Rolle?

Natürlich. Das Team ums Team ist unheimlich wichtig. Der Cheftrainer ist nicht mehr im eigentlichen Sinn der Chef, der alles macht. Vielmehr soll er sich von seinen Spezialisten die Informationen holen und danach handeln. Er muss entscheiden, zunächst aber auch beurteilen können, was ein Fitnesstrainer, was ein Mediziner ihm sagt.

Joachim Löw ist diesbezüglich ein gutes Vorbild. Welchen Einfluss hat der Bundestrainer auf Ihre Arbeit — zumal Sie ja auch persönlich befreundet sind?

Jürgen Klinsmann und er haben etwas mit Signalwirkung gemacht. Doch diese Arbeit in der Nationalmannschaft muss sich nun in unserer Arbeit fortsetzen. Es bringt nichts, wenn nur die Elite-Auswahl ihre Philosophie so verändert, dass sie erfolgreich ist, und wir weiterhin ein 3-5-2-System schulen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Nationalmannschaft und Akademie muss bestehen. Dass ich Joachim Löw sehr gut kenne, ist dabei sicher von Vorteil. Dass die Philosophie der Nationalmannschaft in die Ausbildung aufgenommen wird, ist doch naheliegend.

Dann soll irgendwann — ähnlich wie in den Niederlanden — im ganzen Land das gleiche System gespielt werden?

Nein! Das ist nicht unsere Aufgabe. Wenn die Nationalmannschaft und Jugend-Nationalmannschaften ein System spielen, dann ist das okay. Das Ganze ist ja auch eine Art Verein. Die Vereinstrainer haben aber häufig nicht die Spieler, um ihre Vorstellungen umsetzen zu können. Die Leitlinie der Nationalmannschaft wird dennoch hervorgehoben. Sie ist für uns der rote Faden.

Also doch 4-4-2 für alle.

Nein. Der rote Faden ist Ball- und Raumorientiertheit in der Defensive — mit den entsprechenden Spitzfindigkeiten. Beispielsweise gibt es im Strafraum keine Raum-, sondern nur Manndeckung. Das wird oft vergessen. Zudem ist One-Touch-Fußball angesagt, manchmal muss man aber auch das Tempo rausnehmen. Wie gesagt: Fußball wird nicht neu erfunden.

Gibt es denn Vorbilder im Ausland?

Was die Ausbildung angeht, kann ich das noch nicht sagen. In der laufenden Ist-Analyse werde ich auch ins Ausland fahren, um zu schauen, wie dort gearbeitet wird. Arsenal London hat ja das Prädikat des guten, modernen Fußballs.

Also doch Arsène Wenger.


Ich werde mich genauso in Leverkusen bei Michael Skibbe erkundigen. Es ist nicht so, dass im Ausland alles besser gemacht wird. Im Gegenteil. Aber man soll über den Tellerrand schauen.

------------------

Dieses Interview erschien mit freundlicher Genehmigung der Badischen Zeitung www.badische-zeitung.de .

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!