03.10.2011

Frank Willmann über Wendeverlierer

»Der Osten hat keine Chance«

Das Thema »Ost-Fußball« beschäftigt Frank Willmann, seine Stimme überschlägt sich fast bei den ersten Antworten. Ein Interview über versnobbte West-Vereine, die Dekadenz des DFB und 500 asiatische Motorräder in Ost-Berlin.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Frank Willmann flüchte 1984 im zarten Alter von 20 Jahren aus der Zone, »weil mir das Land zu eng war, weil mir die politischen Verhältnisse nicht gepasst haben und weil ich Abenteuer gesucht habe.« Die ehemalige DDR war für den eingefleischten Jena-Fan »ein kleinbürgerliches Scheiß-Land, in dem ich nicht mehr leben wollte.« Das aktive Mitglied der ehrenwerten Autoren-Fußballnationalmannschaft veröffentlichte unter anderem die empfehlenswerten Bücher »Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR«, »Fußballland DDR – Anstoß, Abpfiff, Aus« und gemeinsam mit Harald Hauswald »Ultras, Kutten, Hooligans«. Sein neuestes Werk heißt »Zonenfußball« und ist hier zu bestellen >>> LINK.

Frank Willmann, aktuell spielt nicht ein Verein aus der ehemaligen DDR-Oberliga im gesamtdeutschen Oberhaus Bundesliga. Was sind die Ursachen?

Die Gründe für die aktuelle Situation liegen im Versagen des DFB und der westdeutschen Vereine. Die Klubs hat das Schicksal der Ost-Mannschaften nicht interessiert, die wollten so schnell wie möglich an billige Fußballer. Die haben sich verhalten, wie Heuschrecken. Der DFB hat die ersten Jahre damit verbracht persönliche Animositäten mit dem ehemaligen DDR-Verband auszufechten und dafür zu sorgen, dass die Ost-Funktionäre in der Versenkung verschwinden.  

Können Sie das konkretisieren?

Dazu muss man noch daran erinnern, dass die DFB-Spitze von lauter Flachpfeifen besetzt war, wie den unsäglichen Meyer-Vorfelder, oder davor Egidius Braun und Hermann Neuberger. Das waren Menschen, die überhaupt nicht strategisch denken konnten. Die der Auffassung waren, dass alles, was aus dem Unrechtsstaat DDR kam, auch nur Unrecht sein konnte. Sprich, die Funktionäre und Verantwortlichen. Diese wurden – teilweise zu Recht – fallen gelassen, wie heiße Kartoffeln. Man hat einfach nicht versucht gemeinsam an einem Strang zu ziehen.  

Aus welchen Gründen?

Aus Ignoranz, Arroganz, Desinteresse und Überheblichkeit. Man hat sich wie ein Sieger verhalten, nicht wie ein gleichberechtigter Partner. Ich will nicht behaupten, dass sich die Ost-Funktionäre anders verhalten hätten. Ganz sicher nicht.  

Was hätte man besser machen können, besser machen müssen?

Man hätte sich einfach ernster nehmen sollen. Die Bundesligavereine hätten in den ehemaligen Oberliga-Klubs nicht nur Frischfleischlieferanten sehen dürfen, sondern versuchen müssen gemeinsam etwas aufzubauen. Die Ostvereine waren und sind schon immer als Bittsteller behandelt worden – diesen Bittstellern hätte man nicht nur ein paar Brotkrumen vom gedeckten Tisch vor die Füße werfen dürfen.  

Und der DFB?

Der hätte erkennen müssen, welche Zustände in den Vereinen herrschten. In den Klubs wurden kurz vor dem Ende der DDR noch schnell die alten Zöpfe abgeschnitten, heißt: die Vereinsbosse aus dem Amt entfernt. Es gab keinen Klub in der ehemaligen DDR, der nicht von der Regierung gesteuert war, die Vereine waren quasi gleichgeschaltet, da gab es kein freies Denken und Handeln. Diese Schwäche hätte der DFB erkennen müssen. Stattdessen hat man zugeschaut, wie die Klubs reihenweise in die Hände von Baulöwen fielen.  

Baulöwen?


Nach nicht mal einem Jahr saßen in fast jedem Ost-Klub Bauunternehmer in der Führungsspitze. Warum haben die das gemacht? Natürlich um Geschäfte zu machen. Die haben die Fußball-Klubs benutzt um an die entsprechende Klientel in den Städten ranzukommen und entsprechend Aufträge zu bekommen. Negativbeispiel ist unter anderem Rolf-Jürgen Otto, der später auch verurteilt wurde. Bei Union Berlin gab es zu Beginn in kürzester Zeit gleich drei solcher Unternehmer, die über den Verein versucht haben riesengroße Flächen zu pachten. Das alles hat den DFB nicht interessiert. Der hat die Ost-Vereine an der ausgestreckten Hand verhungern lassen.    

Nun wieder die Frage: was hätte man diesbezüglich unternehmen müssen? Willi Lemke hat seinen Kollegen aus dem Osten mal Nachhilfeunterricht in Sachen Marketing und freie Marktwirtschaft gegeben. Das war doch nicht mehr, als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Sicherlich. Es hätte langfristige Konzepte geben müssen. Die Ost-Vereine haben ja durchaus auch internationale Erfolge aufweisen können, aber als es zum Zusammenschluss zwischen dem DFV und DFB kam, wurden lediglich zwei Teams aus der ehemaligen DDR-Oberliga in die 1. Bundesliga aufgenommen. Sechs Teams durften in die 2. Liga. Die übrigen sechs Mannschaften sind also gleich komplett in der Versenkung verschwunden! Inklusive aller DDR-Zweiligaklubs. Das hat die etablierten Bundesligaklubs überhaupt nicht gejuckt. Kurzfristig wurden aus 18 eben 20 Mannschaften, das war´s. Der Ost-Fußball ist also von Beginn an nicht gleichberechtigt behandelt worden. Meiner Meinung nach ein absolut unfaires Verhalten. Wenn man einen starken Ost-Fußball hätte aufbauen wollen, hätte man sich ganz anders verhalten müssen, wesentlich solidarischer. Man hätte den Teams unter die Arme greifen und erklären müssen, wie konkurrenzfähiger Fußball funktioniert.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden