Frank Rost über DRUCK
»Gruppensitzungen sind Mist«
Im neuen 11FREUNDE-Heft analysieren wir, welcher Druck auf einem modernen Profi lastet – und wie er damit umgeht. Seinen ganz eigenen Weg hat Frank Rost gefunden: Hier spricht er übers Müllrausbringen und sein Idol Schumi.
Herr Rost, Sie sind seit 17 Jahren im Geschäft. Hat sich Ihr Gefühl für Drucksituationen im Laufe der Zeit verändert?
Heute ist mir nur noch eines wichtig: Dass ich morgens in den Spiegel gucken kann. Was berichtet wird, interessiert mich wenig. Für einen jüngeren Menschen ist es sicherlich nicht leicht, die Erfahrungen, die er im Fußballgeschäft sammelt, richtig einzuordnen – vor allem die Schulterklopfer, die dich, wenn es mal schlecht läuft, als Allererste fallen lassen. Ich hatte das Glück, bei einem relativ unaufgeregten Verein wie Werder Bremen meine Karriere zu beginnen, an der Seite des erfahrenen Trainers Otto Rehhagel. Und anders als heute ging es damals noch nicht um dermaßen viel Geld. Auch die Medienaufmerksamkeit war noch nicht so hoch.
Die Medien neigen zu Dramatisierung. Entspricht das Bild, das ein Fan von Drucksituationen hat, der Realität?
Die Journalisten müssen keine Spiele gewinnen, sie müssen Zeitungen verkaufen. Insofern spielt jeder sein eigenes Spiel.
Wie schirmen Sie sich heute vom Rummel ab?
Ich trenne mein Privat- strikt von meinem Berufsleben. Das ist mein Heiligtum, meine Trutzburg. My home is my castle, wie es so schön heißt. Ich habe da viel von Michael Schumacher gelernt. Homestorys, Gala-Auftritte oder dergleichen sind mit mir nicht zu machen. Zu Hause bin ich nur Frank Rost, der Privatmensch, egal ob es im Beruf gerade gut oder schlecht läuft.
Wie holt Ihre Familie Sie zurück auf den Teppich, wenn Sie gerade den entscheidenden Elfmeter gehalten haben?
Es hilft schon, wenn meine Frau sagt: »Bring mal den Müll raus, Frank!« Das bringt mir eine Besinnung auf die Normalität, jenseits der Scheinwelt des Fußballs.
Heutzutage werden Jugendspieler früh aus ihrem Umfeld gerissen.
Eine fatale Entwicklung! Das geschieht oft, wenn die Eltern durchdrehen, weil die Klubs mit den Scheinen wedeln. Man sollte ein Kind niemals als Ware sehen. Aber so funktioniert der Markt. Ich werde das nicht ändern können, genauso wenig die Gutmenschen, die das kritisieren. Die Vereine sind gefordert: Sie können nicht einfach nur einen Haufen Geld hinblättern – sie müssen sich auch um die nachhaltige Sozialisation der Jugendspieler kümmern.
Sind solche entwurzelten Jungs besonders anfällig für Druck?
Sie haben oft nur noch den Fußball, der sie glauben macht, sie seien die Allergrößten. Dabei sind sie noch mitten in der Menschwerdung. Wichtig ist, dass sie wenigstens über Jahre hinweg dieselbe Bezugsperson haben, eine Art Ersatzvater.
Was kann sie außerdem vor dem Fall ins Bodenlose bewahren?
Eine anständige Schulbildung. Nichts ist schlimmer, als wenn man außerhalb des Fußballs nichts hat. Das macht den Einzelnen auch resistenter gegen den Druck, der im Geschäft herrscht. Auch wenn es mal nicht so gut läuft, weiß er immer noch: Ich bin jemand. Dafür müssen die Jungs aber auch begreifen, dass sie nicht immer nur nehmen können. Sie müssen auch verzichten.
Nach dem Tod von Robert Enke wurde darüber diskutiert, wie man den Druck, der auf den Spielern lastet, verringern könnte.
Wenn das so einfach wäre! Wir sind doch Leistungssportler. Boris Becker hat mal gesagt: »Wenn alle dem Druck standhalten würde, gäbe es 1000 Wimbledon-Sieger.« Das kann ich nur bestätigen: Nicht alle haben die Nerven, im Spiel auch das zu zeigen, was sie im Training leisten. Dazu braucht man Nerven. Deshalb setzen sich viele Spieler durch, die vielleicht weniger Talent haben, dafür aber die nötige mentale Stabilität.



