16.04.2007

Frank Rost im Interview

„Ich habe Schalke abgehakt“

Eben noch auf dem Schalker Abstellgleis, ist Frank Rost nun dabei, sich und den HSV aus dem Abstiegssumpf zu befreien. Turbulente Zeiten, aber der ruhige Typ war Rost ja noch nie. Wir sprachen mit dem streitbaren Keeper.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago
Man sagt immer, Torhüter und Linksaußen hätten ’ne Macke.

Den klassischen Linksaußen gibt's ja nicht mehr.

Das heißt, alle die eine Macke haben, müssen jetzt Torwart werden?


(lacht) So ungefähr. Das Problem als Torwart ist: Du trainierst wie ein Bekloppter, hast aber meist nicht viele Aktionen im Spiel, und wenn dir ein Fehler unterläuft, anschließend zu viel Zeit, darüber nachzudenken.



Neulich haben Sie mit dem HSV 2:0 in Bremen gewonnen und konnten sich dabei kaum einmal auszeichnen. Sind das die Spiele, die einen Keeper verrückt machen?

Es ist nachgewiesen, dass du auch in so einem Spiel zwei, drei Kilo verlierst. Weil du angespannt bist, deine Abwehr coachen, den einen oder anderen aufwecken oder bei Spannung halten musst.

Müssen Torhüter heute ein anderes Aufgabenfeld abdecken als vor 20 Jahren?

Im Grunde ist es dasselbe. Außer, dass es 15 Kameraeinstellungen mehr gibt als früher und man über alles diskutieren kann.

Die mediale Präsenz erhöht die Anforderungen?


In erster Linie willst du als Torwart das Spiel gewinnen und nicht über Sachen reden, die Beiwerk sind. Man muss sich da eine gewisse Indifferenz aneignen. Heute prallt so etwas an mir ab, früher ist mir das schwerer gefallen.

Was zeichnet einen guten Torwart aus?

Es gibt viele Leute, die Talent haben. Um aber zehn, 15 Jahre auf hohem Niveau zu spielen, brauchst du noch andere Eigenschaften. Am Anfang Geduld, später Ausdauer, außerdem die richtige Mischung aus Biss und Gelassenheit.

Fehlt es jüngeren Profis an Willensstärke?

Was man oft beobachten kann, ist, dass es steil bergauf und dann relativ schnell wieder bergab geht. Es ist aber nicht die Schuld der jungen Leute, wenn sie schon nach drei guten Spielen mit der Nationalmannschaft in Verbindung gebracht werden. Das hat oft mit wirtschaftlichen Interessen zu tun, von Seiten der Medien, die etwas Neues berichten wollen, oder der Vereine und Berater, die sich eine Wertsteigerung ihrer Spieler erhoffen. In diesem System fallen dann viele hinten runter. Der Fußball ist kälter geworden. Wo gibt es das noch, dass eine Mannschaft über fünf oder sechs Jahre zusammenspielt?

Daran sind die Spieler, denen das Bosman-Urteil neue Möglichkeiten eröffnet hat, nicht ganz unschuldig.


Wenn einer unbedingt zum FC Bayern will, kann ihn natürlich keiner daran hindern. Aber in den meisten Fällen haben die Vereine durchaus Möglichkeiten, ihre Leute zu halten. Werder Bremen macht es doch seit Jahren vor.

Warum sind Sie selbst nicht in Bremen geblieben?

Ob Sie es mir glauben oder nicht: Schalke war ein Verein, bei dem ich schon immer mal spielen wollte.

Aber das Angebot der Schalker wird auch finanziell nicht das Schlechteste gewesen sein…

Es war ein sehr gutes Angebot, aber nicht der Grund für den Wechsel. Über Schalke wird ja immer erzählt, dass Fußball dort Religion sei. Das ist schon etwas anderes als in Bremen. Ich glaube, es ist nicht verwerflich, einmal im Leben den Verein zu wechseln. Eigentlich sollte es dabei bleiben, aber nun hat das Leben noch etwas anderes mit mir vorgehabt.

Meinen Sie Schalke, wenn Sie davon reden, dass das Geschäft kälter geworden sei?

Es ist müßig, darüber zu reden. Zu vielen Schalker Fans und Spielern habe ich noch engen Kontakt. Was ich meine, ist eine grundsätzliche Entwicklung bei den Vereinen: aus den Augen, aus dem Sinn. Ist einfach so. Natürlich gibt es immer noch Ausnahmen. Wenn ich in dem Zusammenhang etwa Otto Rehhagel nennen darf, der seit 15 Jahren immer mal wieder anruft.

Er ruft Sie an? Auch heute noch?

Gerade jetzt wieder, als es für mich nicht so gut lief, war er einer der ersten, der sich gemeldet hat. Und das macht er ja nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Spielern.

Sie sagten, Sie wollten ihre Laufbahn auf Schalke beenden.

Es ist halt anders gekommen. Und die Mannschaft hier in Hamburg ist spielerisch und charakterlich in Ordnung.

Wobei man ihr gerade letzteres in der Hinrunde oft abgesprochen hat.

Das sehe ich anders. Es haben zwar viele zu mir gesagt: »Mach das nicht, du bist blöd.« Aber mir war klar, dass die Spieler auch vorher alles gegeben haben. Nur vielleicht jeder für sich und nicht alle zusammen.

Was hat die Wende zum Besseren gebracht?

Viele kleine Sachen. Der Trainer hat seinen Anteil, hinzu kommt die eine oder andere personelle Veränderung. Außerdem musste sich die Mannschaft erst an den Abstiegskampf gewöhnen. Bei uns spielen drei Leute von niederländischen Spitzenteams, woher sollen die so etwas kennen? In Holland abzusteigen ist ja fast unmöglich.

Sie haben die Arbeit von Huub Stevens gelobt. Hat der Verein zu lange an Thomas Doll festgehalten?


Der Klub hat dadurch viele Sympathien gewonnen, das muss man auch mal sagen.

Finden Sie es schade, dass diese Treue nicht belohnt worden ist?

Der Thomas wird wieder Erfolg haben, da bin ich mir sicher. Und er wird seine Lehren aus dieser Zeit ziehen. Es macht doch den Menschen aus, dass er nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen erlebt.

Sie möchten also nicht mit Franz Beckenbauer tauschen?

Nein, möchte ich nicht. Sind mir auch zu viele Frauen, die er gehabt hat (lacht).

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