Frank Pagelsdorf im Interview

»Ich will mal die Schale halten«

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Herr Pagelsdorf, Hansa Rostock hat ein kleines Punktepolster zu den Abstiegsplätzen. Sie könnten gut gelaunt in das Spiel gegen Hertha BSC gehen und wirken doch sehr unglücklich. Was ist passiert?

Das können Sie sich doch denken. Die Verletzung von Stefan Beinlich hat mich schwer getroffen. Das ist ja nicht irgendein Spieler, sondern unser vielleicht wichtigster. Und einer, dessen Karriere ich von Anfang an verfolgt habe.

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Stefan Beinlich hat 1995 sein erstes Bundesligaspiel gemacht. Schon damals in Rostock, schon damals unter dem Trainer Frank Pagelsdorf…

… und das vor einer Woche in Duisburg soll sein letztes gewesen sein? Nein, damit finde ich mich noch nicht ab.

Sie sind 1995 gemeinsam mit Hansa in die erste Liga aufgestiegen, hatten Rostock beide zwischenzeitlich verlassen und haben gemeinsam im vergangenen Jahr noch einmal den Aufstieg geschafft.

Das verbindet. Aber es ist ja nicht nur eine emotionale Sache, wir reden hier auch über einen hervorragenden Fußballspieler. Stefan hatte großen Anteil am Aufstieg. Er hat die Mannschaft geführt.

Beinlich hat einen Meniskus- und Knorpelschaden im Knie. Das ist eine schwere Verletzung, dazu ist er schon 36 Jahre alt. Trotzdem nehmen Sie das Wort Karriereende nicht in den Mund.

Ich weiß, dass Stefan eigentlich nach dieser Saison aufhören wollte. Und ich weiß, dass ich einiges an Überzeugungskraft aufbringen muss, wenn ich ihn von dieser Entscheidung abbringen will. Aber ich werde nichts unversucht lassen.

Als Beinlich vor knapp zwei Jahren aus Hamburg nach Rostock zurückkehrte, war die Situation genau andersherum. Damals musste er Sie überreden.

Das war schon eine kuriose Sache. Stefan ist uns damals angeboten worden, aber intern hatten wir uns eigentlich tendenziell gegen ihn entschieden. Wir dachten, wir wären wirtschaftlich gar nicht in der Lage, diesen Transfer zu stemmen.

Dann hat er Sie angerufen…

.. und um ein Gespräch gebeten. Er hat gesagt: Trainer, am Finanziellen wird es nicht scheitern. Dabei hatte der HSV ihm ein neues Angebot gemacht, er hätte dort nach seiner Karriere im Nachwuchsbereich arbeiten können. Ich wusste in etwa, was er in Hamburg verdient hatte. Aber er wollte unbedingt nach Rostock, um mit Hansa noch einmal aufzusteigen. Das hat mich beeindruckt.

Wie oft winkt Hansa schon von vornherein bei Spielern ab, die zwar ins Konzept passen, aber unfinanzierbar erscheinen?

Das erleben wir beinahe täglich. Aber manchmal bekommen wir über die persönliche Schiene Sachen hin, die sonst nie klappen würde.

Zum Beispiel im Falle des Brasilianers Gledson, den Sie jetzt zum zweiten Mal nach Rostock geholt haben.

Gledson kannte ich aus Osnabrück. Als ich ihn im Sommer 2005 anrief, war er gerade im Auto unterwegs nach Polen, wo er einen guten Vertrag unterschreiben wollte. Er ist sofort umgedreht und nach Rostock gefahren. Gledson wollte unbedingt in die Bundesliga. Das war unser Vorteil.

Wie viel Kuriosität benötigen Sie, um Spieler für den FC Hansa zu begeistern?

Beinlich und Gledson sind extreme Beispiele. Wir haben nicht das große Geld. Unser Faustpfand sind die Bedingungen, die wir mittlerweile bieten können.

Was bietet Hansa außer frischer Luft und Ostseestrand?

Schauen Sie sich um: die Geschäftsstelle, das Internat, das Stadion, die Trainingsbedingungen und die Atmosphäre hier. Und, die Spieler, ob noch nicht entdeckte oder zu Ende entwickelte stehen nicht unter dem Druck, den sie in einer Großstadt wie in München, Hamburg oder Berlin hätten. Wenn einer zwei Eigentore schießt, wird ihm nicht der Kopf abgerissen. Und wir versuchen, methodisch neue Wege zu gehen.

Indem Sie die Spieler zu Pflichtbesuchen bei Zahnarzt und Fußpflege schicken?

Pardon, aber daran finde ich gar nichts komisch. Was glauben Sie, wie viele Muskelverletzungen ihren Ursprung in vereiterten Zähnen haben? Ich habe das in meiner aktiven Karriere am eigenen Leib gespürt, mir haben vorn die Schneidezähne ziehen müssen, sozusagen den kompletten Innensturm. Und was die Füße betrifft: Das sind die wichtigsten Instrumente eines Fußballprofis. Ein Konzertpianist setzt sich auch nicht mit geschwollenen Händen ans Klavier.

Den obligatorischen Mentaltrainer…

… haben wir natürlich auch im Programm. Außerdem arbeiten wir mit Leichtathletiktrainern und Osteopathen zusammen. Und wir haben für die Spieler einen kompletten Arbeitstag eingerichtet. Die bleiben von morgens bis abends und bekommen mittags ein Essen, das sie zur Hälfte selbst bezahlen. Der nächste Schritt wird irgendwann ein eigener Koch sein, aber das ist noch nicht bezahlbar. Wir arbeiten mit unseren bescheidenen Mitteln täglich dran, das Gesamtgebilde zu optimieren. Das wird honoriert. Schon jetzt fragen viele Qualitätsspieler über ihre Berater bei uns an.

Sie wollen Deutschlands bester Ausbildungsverein werden.

Das ist unsere Nische. Wir können nicht auf einen warten, der eine Ölpipeline hat und uns das Geld bringt. Und wenn man das als Konzeption begreift, dann akzeptiert man auch, dass Spieler irgendwann auch weggehen, so wie es im vergangenen Sommer bei Gledson war oder wie es im kommenden Sommer bei Marc Stein der Fall sein wird, der zu Hertha geht.

Verfolgen Sie die Entwicklung in Berlin? Hertha BSC war recht erfolgreich bei der Heranbildung talentierter Spieler, aber die besten sind längst weg.


Tut mir leid, aber das interessiert mich nicht. Wir haben unsere eigenen Erfahrungen und die müssen wir auch machen. Schauen Sie sich Toni Kroos an, der ja vor einem Jahr zum FC Bayern ging. Und Sie wissen ja, dass dort ein starkes Interesse an seinem Bruder Felix besteht. Felix hat bei uns einen Vertrag bis 2011. Und er hat uns gesagt, dass er diesen auch erfüllen wird.

Hatten Sie nicht auch gehofft, Toni Kroos behalten zu können?

Bei einem Spieler seiner Qualität haben wir keine Chance gehabt. Wenn Toni gesund bleibt, wird das ein Nationalspieler.

Felix Kroos soll angeblich noch besser sein. Miroslav Klose hat gesagt, er solle lieber heute als morgen nach München kommen.

Man kann beide nicht miteinander vergleichen. Toni ist ein Spielmachertyp. Bei ihm hatten wir das Gefühl, dass die Bayern ihn nicht nur holen, weil er ein Talent ist, sondern weil der das Zeug hat, sich ganz oben durchzusetzen. Felix ist eher ein Torjäger, und da gibt es eine andere Konkurrenzsituation, vor allem bei den Bayern. Die werden einen wie Felix Kroos nicht holen, damit er Luca Toni ersetzt oder der Miroslav Klose. Der müsste erst einmal drei oder vier Jahre in der Regionalliga spielen.

Hansa und Bayern haben ein geradezu atypisch gutes Nord-Süd-Verhältnis. Vielleicht geben Ihnen die Münchner auch mal einen guten Mann, der sich bei ihnen entwickeln kann.

Darüber haben wir schon oft gesprochen. Es muss die Situation hergeben, dass wir mal einen Spieler ausleihen, der bei uns zum Einsatz kommt und dann wieder nach München wechselt. Der Uli Hoeneß hat schon immer ein Herz für die Ostvereine gehabt und sie unterstützt.

Wie sehr brauchen Sie für Ihr Ausbildungsprojekt einen Platz in der ersten Liga?


Wenn es ganz schlecht laufen sollte, müssen wir vorbereitet sein. Deswegen holen wir nur Spieler, die bereit sind, Verträge zu unterschreiben, die auch für die Zweite Liga gelten.

Das akzeptiert auch ein Mann wie Gledson, den Sie nach einem halben Jahr beim Meister in Stuttgart zurück gelotst haben?


Selbstverständlich gilt auch sein Vertrag für die zweite Liga.

Sie haben den HSV in die Champions League geführt. Haben Sie sich von diesem Anspruch verabschiedet?

Da kann ich mich kurz fassen: mein Ziel ist es nach wie vor, irgendwann mal die Schale in der Hand zu halten. Ich weiß aber auch, dass die Wahrscheinlichkeit, das mit Hansa zu schaffen, minimal ist.

Hertha BSC verfolgt in dieser Saison ein neues Projekt, das Ihrem durchaus ähnlich ist, aber ein, zwei Stufen höher angesiedelt ist. So etwas müsste Sie doch interessieren.

Natürlich.

Herthas Trainer Lucien Favre hat den Kader in dieser Saison rigoros verändert. Genauso, wie Sie das vor ein paar Jahren in Hamburg gemacht haben.

Uwe Seeler hat damals gesagt, der HSV habe mich vor allem deswegen geholt, weil er einen kompletten Umbruch wollte mit dem Ziel, in drei Jahren international dabei zu sein. Das ist gelungen.

Als Sie Hansa damals verlassen haben…

… war das ein ganz anderer Verein als heute. In den Neunziger Jahren hatten wir hier eine schlechte Infrastruktur, schlechte Trainingsbedingungen und noch kein neues Fußballstadion. Es war ja eigentlich der Grund für meinen Weggang. Großes Ehrenwort: Unter den heutigen Voraussetzungen hätte ich Rostock trotz der internationalen Perspektive beim HSV nicht verlassen.

Mittlerweile wird der FC Hansa sogar von Günter Netzer vermarktet.

Günter Netzer ist Geschäftsführender Gesellschafter unseres Vermarktungspartners Infront. Wir treffen uns gelegentlich. Aber für mich ist das trotzdem eine große Sache. Günter Netzer war früher mein Idol. Mein Zimmer war voll von Bildern mit ihm. Ich habe immer geguckt, wie er sich den Ball zum Freistoß zurechtlegt. Dann habe ich mir den Ball unter den Arm geklemmt und bin raus in den Garten und habe das auch so gemacht.


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